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Dienstag, 21. Januar 2014

Annie Get Your Gun
Landesbühnen Sachsen, Radebeul

Mit Western hat man in der Karl-May-Stadt Radebeul viel Erfahrung, aber zu Winnetou gibt es leider keine Musik und reines Sprechtheater mit Westernthemen sind heute nicht mehr attraktiv. Karl May ist leider genauso aus der Mode wie Jules Verne. Was lag näher als ein Western-Musical wie „Annie getYour Gun“ auf die Bühne zu bringen. Am 18.01.2014 war Premiere.


Die Landesbühnen Sachsen spielen zwar meistens unplugged, haben sich für diese Inszenierung zu Gunsten eines satteren Tones aber für fast unsichtbare Micropods (kleine Klebemicrofone) entschieden, die dafür sorgen, das der Gesang auch bei vollem Big-Band-Sound noch gut zu hören, und zu verstehen ist.

Michael König und Susanne Engelhardt, beides ausgebildete Opernsänger mit Musicalerfahrung überzeugen und zeigen zugleich einen deutlichen Unterschied zu Abgängern moderner Musicalschulen, die meist über viel weniger Varianz und Spielraum in der Stimme verfügen. Michael König sieht mit Haaren gleich 10 Jahre jünger aus und wäre sicherlich auch ohne Microfon in der letzten Reihe zu hören, Susanne Engelhardt tut das Microfon eher gut. Ob der Wechsel vom zierlichen deutschen Stimmchen am Anfang zum kraftvollen Englischen Song an Ende, am Wechsel der Sprache liegt oder gewollt die Entwicklung der schüchternen 17-jährigen zur gereiften 25-jährigen darstellen soll, bleibt offen. Die ein wenig überartikulierte und übergestikulierte Darstellung mag man den Dramaturgen verzeihen. Bei jedem lang gehaltenen Ton die Arme auszubreiten, und sich beim Singen des Wortes Herz sich an selbiges zu fassen kennt man eher von Helene Fischer, aber will man dem Theater Theatralik vorwerfen?

Der Dirigent Christian Voß scheint Spass an Swing zu haben. Anderes Musiktheater dirigiert der Chef der Elbphilharmonie eher selten, im November hatte er bereits ein „Swinging Philharmonics“ Programm und bei der Premiere erschien er statt im sonst üblichen Frack legér im schwarzen Hemd. Die Percussionist dürfte bei keinem Stück ohne Jazzbesen ausgekommen sein, wenn doch, nur um kurzfristig den indianischen Trommler zu geben.

Die Landesbühnen haben ein Ballett, und um die Existenz einer Ballett-Compagnie zu rechtfertigen werden in wirklich jede Inszenierung in denen noch nie jemand ein Ballet gesehen hat, Tanzszenen eingebaut. Im Falle von Annie Get Your Gun sehr gelungen. Indianische Kampfszenen gehen, wenn man sich das Irokesen-Outfit und die Knochenumhänge wegdenkt als Ausdruckstanz alá Pina Bausch – in Dresden wohl eher Gret Palucca – durch oder vielleicht auch als die fliegenden Ninjas in fernöstlichen Kampftänzen. Hebefiguren sind zwar indianeruntypisch, kann man aber als Anspielung auf Zirkusartistik so stehen lassen. Indianer in Seidenstrümpfen sind dagegen unpassend. In der einzigen Situation in der etwas nackte Haut wirklich passend wäre, verzichtet man darauf. Gekonnte artistischte Einlagen am Vertikaltuch würde man eher bei André Sarassani vermuten.

Die sehr farbenfrohe Version von Judy Garland wird fast noch übertroffen:

Das Bühnenbild wirkt zwar sparsam, wird aber mit transparenten und semitransparenten Projektionswänden optimal ausgenutzt. Der Hintergrund wird mal zum Zirkuszelt, mal zum blauen Himmel von Minnesota, zum Schiffsdeck, Schiffsunterdeck, Eisebahnwagen von innen, Eisenbahnwagen von außen, Ballsaal oder einem Ausblick auf die Skyline von New York. Es gibt zwar nur 2 Akte, aber so viele Szenen und wechselnde Orte wie in kaum einem anderen Stück.

Bemerkenswert ist der Umgang mit der englische Originalfassung Von vielen Songs gibt es bekannte und gute deutsche Texte. In den letzten 20 Jahren hat sich jedoch überwiegend durchgesetzt Songs im Original zu singen und die Zwischentexte auf Deutsch zu sprechen. Die Landesbühnen Sachsen wagen jedoch ein gelungenes Durcheinander, in dem die Sprache auch innerhalb der Songs ständig gewechselt wird, teils in der Wiederholung, teils von Strophe zu Strophe, teils mitten im Dialog „Alles was Du singst das singe ich schöner – I can sing everything sweeter than you.“. 
Das Stück geht mit Pause ca. 3 Stunden.

Musical-Kultur ist Pop-Kultur
Irving Berlin dürfte nur Insidern bekannt sein, er gehört aber mit Cole Porter, Jerome Kern und natürlich George Gershwin zu den führenden Komponisten der Swing-Ära,  den 40er Jahren, die in Deutschland wegen den Nazis „ausgefallen“ und nie wieder richtig aufgeholt wurden.
Von Berlin stammen so bekannte Hits wie „Puttin on the Ritz“ oder „White Christmas“ für das er einen Oscar gewann. Später erhielt er einen Grammy für sein Lebenswerk. Die Theater setzen aber traditionell auf Understatement und prahlen nicht mit Bannern wie „von Oscar-Preisträger und Grammy-Award-Winner Irving Berlin“, wie man das in der Filmindustrie machen würde.
Das Repetoire aus Annie Get Your Gun fristet in Deutschland ein Nieschendasein, in den USA gehört es zur Alltagskultur und ist keineswegs angestaubt.Neil Patrick Harris und Hugh Jackmann haben mit „Everything You can do I can do better „ die Tony-Awards 2011 eröffnet, 

ab 1:15min

auch in diversen Folgen der Simpsons hieß es mindestens „There’s no buisness like show buisness“ und es lag wohl auch nur an der US-Sopranisting Reneé Flemming, das es ein Song aus Annie Get Your Gun bis in das ZDF-Silvesterkonzert 2013 geschafft hat. Irving Berlin gehört zur US-Kultur.

Auch Spider-Man blieb nicht verschont, hier ein Ausschnitt mit Kirsten Dunst

„Annie Get You Gun“ war ursprünglich gar kein Musical, wahrscheinlich weil das Genre noch gar nicht erfunden wurde. Es war eine Broadway-Revue, eine die Nummern verbindende Handlung war gern gesehen aber nicht zwingend notwendig. Das merkt man vor allem dem zweiten Teil der Annie noch an.

Die ständig wechselnden deutschen Titel des Musicals trugen ebenfalls nicht zu seiner Bekanntheit bei,
Die Verfilmung kam unter dem Titel "Duell in der Manage" in den 50ern in die Kinos,
und die Aufführungen am Theater liefern teilweise unter dem Titel "Annie schiess Los"
http://www.amazon.co.uk/SCHIESS-ORIGINALAUFF%C3%9CHRUNG-THEATER-WESTENS-SCHMIDT/dp/B00BG49MYE
Die deutsche Erstaufführung war eine Produktion mit Heidi Brühl und dem 11jährigen Ilja Richter.

Die Story
Worum geht’s überhaupt ? Um Show ! Um Business. Um einen Zirkus, genauer gesagt die Wild-West-Show von Buffalo Bill, den man manchmal sogar den Erfinder des Show-Business nennt. Annie Oakley ist eine Kunstschützin und wird als erster Superstar der Pop-Kultur bezeichnet. Die ganze Geschichte beruht mehr oder weniger frei auf realen Personen und wahren Begebenheiten.
Annie wird irgendwo auf der Tournee im Wilden westen aufgegabelt und engagiert. Der Zirkus kämpft gegen Konkurrenten, um die attraktivsten Künstler, Sitting Bull investiert sein Geld aus einer Ölquelle geht Pleite und versucht eine Fusion mit dem Konkurrenten.
Eine Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen, hält sich aber dezent zurück, fängt mit dem wunderbar melancholischen „Man sagt, verliebt sein, das wäre wunderbar“ an, und endet mit einem Rosenkrieg in „Alles was Du kannst, das kann ich viel besser.“
Die Indianerschau von Buffallo Bill hat am 1.6.1890, mitsamt der echten Anne Oakley in Dresden gastiert. Hier noch das Originalplakat der Show.
Originalposter der Dresdener Vorstellung 1890

Ein paar Originalaufnahmen von Bill und Annie, die teilweise auch in der Vorstellung verwendet werden.
Es wird auch spekuliert ob Karl-May die Show besucht hat. Winnetou stammt von ca. 1878, das Thema Wilder Westen, die Neugier auf fremde Welten, Abenteuer- und Reiselust waren in der Zeit vor der Erfindung des Kinos noch groß.


Die Zukunft des Musicals

Die Operette  wird wohl mit der aktuellen Seniorengeneration aussterben, das Musical ist noch zu retten und wie die kommerziellen Produktionen von Stage-Entertainment in Hamburg und Stuttgart zeigen, auch gerne besucht.  Man muss aber etwas dafür tun, auch über 60 Jahre alte Stücke zu erhalten oder wiederzuentdecken . Die Prüfung bei Eventim ergibt, das aktuell oder in naher Zukunft kein anderes deutsches Theater „Annie Get You Gun“ aufführt. Anscheinend hat man Angst vor zu geringer Akzeptanz beim Publikum. Umso mutiger ist es von den Landesbühnen Sachsen, so ein Stück ins Programm zu nehmen, würde aber auch bei Eventim.de, Reservix.de oder Konzertkasse.de nicht gefunden werden, weil es nicht mit großen Anbietern zusammenarbeit. 

Die Begeisterung für Theater auf die Generation der unter 40 jährigen, vielleicht auch fast der unter 60jährigen zu übertragen gehört sicherlich zum Bildungsauftrag von kommunalen Theatern. Leider hat man dabei noch nicht erkannt, dass man diese Begeisterung nicht erst auf der Bühne wecken muss, dort gilt es „nur“ die Erwartungen zu erfüllen. Der Zuschauer muss vor dem Kartenkauf so begeistert werden, dass er eine Karte kauft und das erreicht man nicht mit einem einzeiligen Eintrag im Spielplan und der Angabe der Handlung auf der Web-Site. Den Rest der Werbung überläßt man leider der Presse.

Bezeichnet man die Songs als beschwingte Schlager erreicht man eine ganz andere, viel kleinere Zielgruppe, als wenn man die Songs als „Swinging Hits“ bezeichnen würde. Buchstäblich der gleiche Inhalt, aber in Deutschland mit sehr verschiedener Bedeutung belegt.

Provinztheater – aber kein provinzielles Theater. Es ist wie immer schade daß es von so aufwändig ausgearbeiteten Vorstellungen nur 5 Vorstellungen in dieser Spielzeit gibt. Mund zu Mund Propaganda wird so leider ausgebremst. Falls ich hier jemandem Lust auf das Stück mache, muss er sich erstmal 2 Monate gedulden, und wenn er dann gerade nicht kann, wieder 2 Monate.
Wenn Stage-Entertainment 150 Vorstellungen von Tarzan in Hamburg absolviert hat, ziehen sie für weitere 150 Vorstellungen nach Stuttgart. Landesbühnen bauen auf, bauen ab, spielen in verschiedenen Orten und können damit unmöglich Gewinn machen. Sie haben sich an diese Situation schon so gewöhnt, daß sie es nichteinmal mehr versuchen. Erfolg wird an Besucherzahlen gemessen, nicht am Umsatz.

Der Wohl passendste Spieltag ist der Freitag nach Himmelfahrt. Dann ist in Radebeul Karl-May-Fest und halb Radebeul sieht dann, mit vielen Western-Fans gefüllt,  gewöhnlich so aus, wie das was man im Theater auf der Bühne darzustellen versucht.

Immerhin hat der Intendant Manuel Schöbel, der gleichzeitig auch die Regie geführt hat und dem Annie anscheinend am Herzen liegt, bei Erfolg der ersten 5 Vorstellungen in Aussicht gestellt, Annie Get Your Gun 2015 eventuell auf die Felsenbühne Rathen zu bringen. Wohin würde ein Wildwest-Stück besser passen, als in die freie Natur. Die Zirkusartistik muß man wahrscheinlich mit einer Pferdeshow ersetzen, aber etwas wie Swing und Schlager zieht sicherlich mehr Publikum an, als „Schauspiele“ wie „Old Surehand“. Western ist Out, Swing ist In. In diesem Sommer können wir uns in Rathen erstmal auf „Fame“ freuen. Die Freude der Landesbühnen hält sich aber 5 Monate vor der Premiere soweit in Grenzen, das Sie sich auf Ihrer WebSite auf die Angabe der Spieltage begrenzt. Wenn man keinen Texter hat der das Werk ein wenig anpreist, wäre doch wenigstens ein Link zu Wikipedia ein kleiner Anfang.

Appetithäppchen

Aus rechtlichen Gründen gibt es keine Videos von den Landesbühnen, wer sich trotzdem ein Bild von der Musik machen will, kann sich ein paar Ausschnitte aus anderen Quellen anschauen:

Can't get a man with a gun - Männer stehen nicht auf schiessende Frauen


Judy Garland in Doin' what comes Natur'lly - Weil es ganz von selber geht

Betty Hutton "Got the sun in the morning",

Keine gute, aber eine einmalige Aufnahme mit den Muppets



und selbst ein Heeresmusikcorps kann das ganz gut:




Und wer noch nicht genug hat, es gibt auch eine Gesamtaufnahme
Akt 1
Akt 2




Freitag, 20. September 2013

Die Folgen von 75% Einkommenssteuersatz

Sowohl von den deutschen, als auch den französischen Linken hört man immer wieder die Forderung nach 75% oder 100% Steuersatz, ab einem gewissen Mindesteinkommen.

Als Momentaufnahme mag das sinnvoll erscheinen, jemand hat etwas, das man ihm wegnehmen kann. Es wird jedoch selten beachtet dass ein so besteuerter Mensch sein Verhalten ändert.

Der Vorsatz Gewinne zu machen, ist nicht naturgegeben oder unerschütterlich für einen Unternehmer. Gewinne macht man nur, wenn man sie auch behalten und für selbstbestimmte Zwecke verwenden darf. Das ist die Haupttriebkraft ist, um überhaupt wirtschaftlich tätig zu sein. Um „arbeiten zu gehen“. Je höher der Steuersatz, desto weniger „Lust“ hat man überhaupt etwas zu leisten, überhaupt Einkommen erzielen zu wollen.

Warum sollte sich jemand auf unternehmerisches Risiko einlassen, wenn er nicht mehr verdienen darf als ein besserer Angestellter? Als Angestellter hat man mehr Sicherheit, Sicherheit, dass das Einkommen nicht so stark fällt, auch Sicherheit, dass das Einkommen nicht so sehr steigt. Für einen Unternehmer ist die Welt in beide Richtungen offen, solange er das Risiko des Totalverlustes trägt, muss er auch die Möglichkeit beliebig hoher Gewinne haben.

Spass mit Betriebsausgaben
Wer Gewinne verhindern will, zieht möglichst viel Nutzen, wie z.Bsp. Prestige, aus seinen betrieblichen Ausgaben.
  • ein Maserati, statt nur einer S-Klasse
  • ein Mahagoni-Schreibtisch, statt Akazie
  • eine Besprechung wird auf den Bahamas abgehalten, anstatt im Bürohochhaus in Frankfurt
  • Den Picasso hängt man ins Büro, statt in die Privatwohnung
  • Aus dem Essen mit Freunden, wird eine geschäftliche Einladung eines potentiellen Kunden

Viele dieser Dinge werden heute schon praktiziert, je höher die Steuern steigen, desto höher wird der Anreiz für weitere Unternehmer, so zu denken.

Spenden und Stiftungen sind eine weitere Alternative, mit betriebsfremden Ausgaben die Steuern zu reduzieren. Da gründet man an der Coté d Azur ein Kinderheim für krebskranke Kinder und schon kann man 2-3mal pro Jahr eine Dienstreise an die Coté d Azur machen, wiederum steuerlich gefördert. Man läuft hier sicherlich Gefahr viele gute gemeinnützige Einrichtungen über einen Kamm zu scheren aber die Vielzahl von gemeinnützigen Vereinigungen läßt diesen Verdacht zu.

Warum haben gerade so viele erfolgreiche Ex-Sportler so viele dieser Stiftungen? Reine Selbstlosigkeit ist es wohl nicht, es liegt immer die Idee dahinter: bevor ich es dem Finanzamt gebe, stifte ich es eher für mir bekannte Zwecke und behalte die Kontrolle über mein Geld.

Im Einzelfall ist gegen derartige Initiativen nichts einzuwenden, doch in Ihrer Vielzahl bedeutet es, anstatt der Staat entscheidet was mit dem Steuergeld geschieht, entscheidet der einzelne Steuerzahler darüber was mit dem Geld geschieht, bevor es überhaupt zu Steuergeld geworden ist.  Anstatt das eine zentrale Stelle Gelder an alle Kinderheime gleichverteilt, werden einzelne Spendenempfänger bevorzugt.

Wenn ich entscheide 100 € zu spenden, gibt mir das Finanzamt heute 30 € „zurück“. Bei Personen mit hohem Einkommen sind es sogar 50 €. Mit einem Steuersatz von 75% verzichtet das Finanzamt auf 75 € Einnahmen, wenn es die Spende von 100 € akzeptiert.

Während ich bei 100€ mit 30% Steuern geneigt bin die 100 € zu versteuern 30 € zu zahlen und 70€ zur freien Verfügung zu haben, würde ich bei 75% Steuersatz eher überlegen, „Ich entscheide selbst wofür  die 75€ Steuern verwendet werden, ich lasse es einer Verwendung meiner Wahl zukommen, habe daraus vielleicht einen indirekten Nutzen, bekomme einen Blumenstrauß, eine Urkunde, Ansehen" oder etwas in dieser Art. Hohe Steuersätze sind gut für die Spendenbereitschaft, aber sie senken das Steueraufkommen.

Was wäre bei einem Steuersatz von 100%? Die Überlegung des Unternehmers lautet: Gebe ich 5000€ dem Finanzamt, oder kaufe ich mir für 5000€ etwas für die Firma, auf das man vielleicht bisher verzichtet hat. Natürlich wird sich JEDER für die Ausgaben für die Firma entscheiden. Der Gewinn geht gegen Null, das Steueraufkommen sinkt auf Null.

Der Steuersatz gibt an, mit wieviel Prozent sich das Finanzamt an Ausgaben beteiligt.
Eine 100€ Spende bei 75% Steuersatz,  läßt mich 75€ weniger Steuern zahlen.
Eine 5000€ Investition bei 100% Steuersatz, läßt mich 5000€ weniger Steuern zahlen.
Härter formuliert: Das Finanzamt zahlt mir die Investition.

Diese Idee ist nicht neu: Wie man lesen kann stammen die Grundzüge schon von 1728.

Este at the German language Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Ich wende mich explizit nicht gegen Steuererhöhungen. In einem gewissen Rahmen, vielleicht bis maximal 55%, darf man darüber nachdenken. Aktuell haben wir unter 50%. So etwas wie der Solidaritätszuschlag wurde nur erfunden, um eine Steuererhöhung nicht Steuererhöhung zu nennen. Ein großes und eher schmerzfreies Potential wird jedoch schon darin liegen, die vorhandenen Steuern mit weniger Ausnahmen oder mehr Kontrolle einzutreiben und Steuergelder mit mehr Verstand einzusetzen.

Montag, 16. September 2013

Die Piraten: Eine gekidnappte Partei

Die negativen Auswirkungen eines umfassenden Parteiprogrammes

 Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor 2 Jahren haben die Piraten 9% gewählt. Damals galten die Piraten als „Neu“, „Modern“, als „Partei der Freaks, Nerds und Geeks“. Aber sie wurden auch abwertend als 1-Themen-Partei bezeichnet, als noch nicht so richtige Partei, ganz ohne Parteiprogramm.

Auf dem Gründungsparteitag 2012 wurden dann alle offenen Fragen geklärt, alles festgezurrt "bitte sagt jetzt was ins Parteiprogramm soll - oder schweigt für immer".

Und nun schweigen die Menschen, das heißt sie geben Ihre Stimme nicht mehr für die Piraten ab. Man sperrt die Wirtschaftsintelligenz aus mit "bedingungslosem Grundeinkommen". Man sperrt die religiösen aus mit "Privatisierung der Religion". Man sperrt Künstler, Autoren, Wissenschaftler und Softwareentwickler mit dem Verzicht auf das Urheberrecht aus. Wer bleibt dann als Wählerschaft noch übrig? Atheistische Geringverdiener die das auch auf ewig bleiben wollen? Diese innere Zerrissenheit hat sich lange in den Konflikten der „Spitzenpolitiker“ untereinander manifestiert.

Sich festzulegen, auf jede Frage eine Antwort zu haben, schließt jeweils Diejenigen aus, die auf diese Frage für Sich bereits eine andere Antwort gefunden haben. Wer bereits herausgefunden hat, das seine Ziele durch andere Parteien nicht vertreten werden, hat bei einer Partei ohne Antworten eher die Hoffnung vertreten zu werden, als in einer meinungs-geschlossenen Gesellschaft.

Es kamen andere Strömungen hinzu, die die ursprünglichen Parteiinhalte dominieren. Ich finde keine Nerds mehr in der Partei, nur noch Schimpftiraden und wirtschaftlich unfundierte Anarcho-Slogans, die das Schlaraffenland herbeiträumen. Man wollte gegen die abwertende Bezeichnung „1-Themen-Partei“ angehen, hat sich dabei aber zu sehr festgelegt und dabei sogar das eine Thema aus den Augen verloren.

Die Piraten waren eine Nerd-Partei, eine Partei der Netz-Affinen, sie wurde als Facebook- und Twitter-Partei tituliert. Damit hatten Sie in Berlin Erfolg. Bis auf der Nutzung dieses parteiinternen Kommunikationsweges, findet sich im Wahlprogramm davon rein gar nichts wieder. Kein eGovernement, keine Online-Wahlen, keine Online-Heimarbeitsplätze als Alternative zu Kinderkrippen, wo sind die netzaffinen Themen geblieben ? Alle gekidnappt zugunsten linker Inhalte.

Es gibt so viele Dinge die man mit einem Smartphone tun kann, bei denen der Staat aber nicht unterstützt, oder gar aktiv verhindert, dass man es auch wirklich tut. Das wäre eine attraktive Kernbotschaft für die Piratenpartei.

Themen wie "bedingungsloses Grundeinkommen" "Nehmt den Reichen gebt den Armen" sind linksorientierte Themen, die die Partei jetzt dominieren.

Wer keine Bosse mag soll sich bitte selbständig machen, und nicht auf Bosse schimpfen. Gründerinitiativen wären ein Thema für die Piraten. Nerds arbeiten gerne selbständig, insbesondere arbeiten sie gerne, und dank Fachkräftemangel bei Netz-Affinen ist Arbeitslosigkeit eigentlich überhaupt kein Thema.

Nur leider gibt es kein Podium für Selbständige sondern nur Foren für Selbstverwirklicher, die einen Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen als unangenehm empfinden. Freigeister, Hedonisten, Nerds sind gerne selbständig, gerne nutzstiftend für jemanden. Ich sehe auch das Urheberrecht nicht als Kernthema, auch wenn es damit zu Napsters Zeiten vielleicht einmal damit begonnen hat.

Dass das Thema „Transparenz“ nicht bis zur Unendlichkeit ausgeschöpft werden kann, dürfte inzwischen auch den Piraten klar geworden sein. Wenn jeder alles jederzeit und öffentlich sagen darf, weiß ein Außenstehender nicht mehr welche Aussage ist denn nun Meinung der Partei, und welche die einer Einzelperson. Das einzige was bei vollständiger Transparenz nicht öffentlich wäre, ist ein unausgesprochener Gedanke und das will doch wohl niemand. Kann die Welt ohne Vertraulichkeiten auskommen? Wie kann man sich denn gleichzeitig für Transparenz und gegen Abhören aussprechen? Beides enthält die Aufforderung an eine Person doch bitte seine Gedanken offenzulegen.

Die "Piraten der ersten Stunde" haben Spielraum gehabt, besetzt und eingeengt. Nachfolgenden bleiben deutlich weniger Freiheitsgrade.

Neugiere, systemoffene dynamische Menschen, lassen sich doch nicht gerne fertige Ziele vorsetzen, die wollen selbst gestalten. Je enger man sich in einem Parteiprogramm festlegt, desto kleiner werden die Gestaltungsspielräume.

Die zentralen Themen waren ehemals die Unterschiede in der Lebenswirklichkeit zwischen Politik und (jüngerer) Bevölkerung, der „Netzbevölkerung“

  • Warum kann ich eine Banküberweisung zu Hause machen, aber für meine Stimmabgabe muss ich irgendwo hinlaufen, ins Wahllokal oder zum Briefkasten.
  • Warum schicken so viele Behörden so viele Briefe, das ist Umweltverschmutzung, Steuergeldverschwendung, erreicht den Empfänger nur wenn er auch zu Hause ist, dauert 2 Tage. es gilt aber trotzdem als zugestellt. Obwohl eine E-Mail auch jemanden der mal ebend 3 Monate in Mallorca wohnt binnen 2 Sekunden und völlig kostenlos erreichen würde.
  • Warum gibt es Aushänge im Rathaus?
  • Warum druckt eine Stadt Flyer und Image-Broschüren mit höherer Priorität als sie Web-Seiten pflegt.

Jetzt enthält das Programm sogar einen Punkt für „Kleine Landwirtschaftliche Betriebe“. Warum setzt sich die Piratenpartei für Kleinbauern, aber nicht für kleine Bäcker, kleine Handwerker oder kleine Buchhandlungen ein? Sind das eine Ökoaktivisten und das andere böse Kapitalisten?

Dass das Finanzamt die Kirchensteuer eintreibt halte ich auch für diskussionswürdig, aber je größer man sich dieses Ziel auf die Fahnen schreibt, desto mehr verschreckt man natürlich Christen. Weil das Eintreiben der Kirchensteuer so gut funktioniert, hat Deutschland die meisten Kirchenaustritte in ganz Europa. Die einzige Möglichkeit sich der Zahlung zu entziehen. Vielleicht ist es doch das bessere Ziel, dass sich die Menschen von der Kirche trennen, und nicht nur der Staat ?!

Etwas gegen Besserverdiener zu haben, ist nichts weiter als die schlichte Aussage, von Besserverdienern nicht gewählt werden zu wollen und kein Besserverdiener werden zu wollen, sondern zu bleiben was man ist. Das ist eine gruselige Lebenseinstellung, die fast schon Resignation ausstrahlt.

Jeder der in Deutschland lebt soll in die Rentenkasse einzahlen. Hat auch jeder der in Deutschland lebt Anspruch auf Auszahlung? Darf man auch woanders leben und eine Auszahlung bekommen?  Sicher ist nur wenn man sich auf irgendeine Weise einen Anspruch auf Rente erworben hat, entweder durch Wohnsitz oder durch Einzahlung eines einzigen Euros, dann hätte man Anspruch auf eine Mindestrente. Das Bewusstsein, mit solchen „freundlichen“ regionalen Regeln Migrationsanreize zu schaffen, ist nur sehr spärlich ausgeprägt.

Die Europapolitik ist eher schwammig. Die Piratenpartei ist eine skandinavische Erfindung und eine „europäische Idee“. Aber gleiches Recht für alle Europäer steht nicht im Parteiprogramm, 95% der Inhalte beziehen sich nur auf Deutschland, wie soll man jemals zu den Vereinigten Staaten von Europa kommen, wenn kein Mitgliedsstaat und keine Partei in einem Mitgliedsstaat sich jemals den Verzicht auf eigenen Kompetenzen,  auf eigene Rechte, auf die Fahnen schreibt? Viele durch die Migration ausgelösten Probleme wären nicht vorhanden, wenn es nicht so viele regionale Eigenheiten gäbe, wenn der Spanier in Hamburg gleichberechtigt mit dem Bayern in Hamburg wäre, bezüglich Rentenrecht, bezüglich Sozialansprüchen, bezüglich Arbeitslosengeld.

Urheberrecht: Als Autor und Softwareentwickler weiß ich nicht genau, wie sich die Piraten das vorstellen mit solchen Produkten Einkommen zu erzielen. Sobald das erste Exemplar verkauft ist, darf jeder alles kopieren wie er will, ein zweites Exemplar wird niemand kaufen. Wo ist die Grenze zwischen privat und beruflich? Ein Handbuch für Kleingärtner darf frei kopiert werden, eines für Gartenbaubetriebe nicht? Warum sollte ein Autor sich die Mühe machen so ein Buch für „Privatleser“ überhaupt zu schreiben? Nur wegen Ruhm und Ehre, wie bei einem Blogger ?
Ein „fairer Ausgleich“ wird versprochen, das heißt „Bestseller“ werden verboten? Wer 10.000 Stück verkauft, darf davon nicht profitieren, der Autor bekommt das Gleiche wie jemand der nur 10 Stück verkauft? Wie soll sich denn Qualität und Anspruch entwickeln? Wie will man denn Gut und Schlecht, Erfolg und Misserfolg unterscheiden, wenn nicht über Verkaufszahlen und Zahlungsbereitschaft?
Freier Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen klingt erstmal sehr ehrbar und fair, aber ist denn niemand zu dem Gedanken in der Lage, dass der Forscher mit seiner Forschung überhaupt nicht beginnt, wenn er nicht die Chance hat, Gewinne daraus zu ziehen? Spielt denn jemand Lotto, wenn er im Erfolgsfall den Gewinn mit der Allgemeinheit teilen müßte, weil das doch fair und anständig wäre? Die Gewinne werden sozialisiert, die Risiken bleiben privat, lautet die äußerst naive Forderung der Piraten.

Ich übersetze das Wahlprogramm mal so: Privates geistiges Eigentum wird verboten, aber die Öffentlichkeit wird verpflichtet jegliches geistige Produkt jedem Schöpfer abzukaufen. Das wird ein Schlaraffenland für jede Art Selbstdarsteller.
Wahrscheinlich soll ich kostenlos arbeiten, denn ich habe ein "bedingungsloses Grundeinkommen". Das war auch der Traum im Kommunismus. „Wenn alle fleißig sind, wird für alle genug da sein“. Anscheinend will man die Linkspartei noch Links überholen.

Schlaraffenland, Pieter Bruegel via Wikimedia Commons

Wahlkampf: Warum hängen die Piraten Plakate auf? Gibt es eine Untersuchung das das irgendeine Wählerstimme bringt, oder machen die das nur weil alle anderen es auch tun? Will man denn nun anders sein, oder nicht ? Sind die Zielgruppe nicht die sozial Vernetzten? Findet man die nicht eher im Netz als am Straßenrand? Angeblich stehen die Piraten sogar in Fußgängerzonen, aber die ebay-shopper und kindle-Leser wird man wohl dort kaum finden. Warum schaltet die Partei keine Anzeigen um auf die Partei aufmerksam zu machen, so erreicht man die Fans. Sogar im Netz muss man den Piraten hinterherlaufen, wenn man was von Ihnen wissen will. Es gibt keinen anderen Mechanismus der Internet-Nutzer aktiv anspricht, außer Internet-Werbung.

Vielen Vertretern der Piratenpartei traue ich nicht zu, wirtschaftspolitische Modelle zu verstehen, geschweige denn zu gestalten und durchzusetzen oder sich mit andauerndem enerviertem Gepöbel gegen "Reiche", "Bonzen", "Besserverdiener" irgendwelche Freunde zu machen. Es gibt wenige positive Ausnahmen.

Als die Piraten in das Berliner Parlament eingezogen sind, waren Sie noch neu, jung, modern und "offen für alles". Jetzt ist es mehr und mehr eine „Dagegen!“ statt einer „Dafür!“ Partei geworden. Von kreativen Vorschlägen für Neues blieb nur Kritik an Altem ergänzt mit Ideen vom Schlaraffenland, was bekanntermaßen dazu geführt hat, das alle satt, müde und träge wurden.



Mittwoch, 4. September 2013

Brauchen wir die FDP noch ?

Ich finde Apfelschorle ganz OK, aber braucht man Apfelschorle mit Bio-Äpfeln, Diät-Apfelschorle, Apfelschorle ohne Zuckerzusatz, Apfelschorle mit Zuckerersatzstoffen,  Apfelschorle aus Konzentrat und Apfelschorle aus Direktsaft? Wenn der Marktanteil eines Produktes so klein wird, das sich die Logistik dafür nicht mehr lohnt, nimmt man es gewöhnlich vom Markt, zumal die Unterschiede zwischen den Produkten nicht wirklich spürbar sind, und man nur der Aufschrift vertrauen muss.

Es wäre schön, wenn Parteien das auch so sehen würden, aber es gibt leider niemanden der da „Produkte vom Markt“ nimmt, das Produkt muss selbst entscheiden ob es gehen will.

Inhaltlich habe ich keine allzu großen Probleme mit der FDP, Ihr Anteil an dummen Ideen ist nicht höher als bei jeder anderen Partei. Doch wie sieht es mit der Wiedererkennbarkeit, der Eigenständigkeit, dem Eigenen, dem Unverwechselbaren aus? Wenn Sie sowieso das gleiche will, wie Ihr Koalitionspartner, was spricht dann für eine eigenständige Partei?

Das relativ junge Personal der FDP hat zwar kurzfristig etwas Hoffnung aufkeimen lassen, eine polititsche Innovationswelle auf uns zurollen zu sehen. Doch leider kam nicht viel mehr als inhaltlose Worthülsen wie "Deutschland braucht die Liberalen". "Das, was wir angekündigt haben, haben wir umgesetzt.", "Wir unternehmen Anstrengungen". Im diplomatischen Chorps wäre sicherlich ein guter Platz für die Parteispitze, jeder Konfrontation wird aus dem Weg gegangen, Revolutionäre sind leider nicht darunter.

Alles was die Regierungskoalition als Erfolg verzeichnet, schreibt sich die FDP auf Ihre Fahnen. Wobei ein Scheitern von Politik äußerst selten vorkommt, wenn man Das Kabinett macht einen Vorschlag, Bundestag und Bundesrat winken es durch. Fertig. Das ist so, wenn man zur „Mehrheit“ gehört.

Der Kontrast zu Erfolg ist nicht Misserfolg, sondern Nichtstun.

Ein Busfahrer der unfallfrei am Ende seiner Buslinie ankommt hat keinen Grund "Erfolge" zu feiern. Liberalismus, insbesondere Wirtschaftsliberalismus ist die Grundlage der freien Marktwirtschaft und des Freihandels. Insofern kann man unsere Gesellschaft von sich aus schon als liberal bezeichnen. Als Politikstil ist Liberalismus möglichst wenig in die Wirtschaftskreisläufe einzugreifen. Den Dingen Ihren Lauf lassen, Preise sich finden lassen.

Die "klassische" Klientel der FDP ist alles andere als liberal, Deregulierung der Märkte, Subventionsabbau, Bürokratieabbau, oder besser Reduktion von Gesetzen, Bruch mit Vorschriften, die Ihren Sinn vollständig verloren haben, und sich mehr oder weniger nur "eingebürgert" haben sind nicht die sogenannten "liberalen Werte" für die die FDP angeblich steht:
  • Ärzte: feste Gebührenordnung, Werbeverbot
  • Anwälte: feste Gebührenordnung, Werbeverbot
  • Buchhändler : feste Preise
  • Steuerberater: kein Interesse an Steuervereinfachung
  • reiche Landwirte: Leben von Subventionen

Heißt "liberal" nicht freier Wettbewerb? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis?

Statt die Buchpreise zu senken, verschickt amazon jedes Buch versandkostenfrei. Die Gewinnspannen scheinen groß genug um das auch bei einem 9,90€ Buch abzudecken. Wenn jemand gleich 3 Bücher auf einmal kauft, gibt es keinen Rabatt, die Paketkosten steigen auch nicht. Amazon wird dazu gezwungen mehr Gewinne zu machen. Von der Politik.

Warum ist gerade die Stammclientel nicht an freier Marktwirtschaft interessiert sondern am Erhalt des Status-Quo? Oder gehört der oft kolportierte "besserverdiende" FDP-Wähler gar nicht in den aufgezählten Gruppen zu finden. Vielleicht ist dieses Image nur  Zustand von vor 30-40 Jahren und wird heute nur noch von der Presse am Leben erhalten.

De FDP schreibt sich die freie oder soziale Marktwirtschaft auf die Fahnen, so wenig Markteingriffe wie möglich, wenig Beschränkungen, wenig Subventionen. Den oft zitierten "Turbo-Kapitalismus" der USA will natürlich niemand haben. Aber ab und zu einen Zwischenruf in diese Richtung wäre doch wünschenswert.

Steuergeldverschwendung
Muss jeder Bürger zur Bundestagswahl per Post eine Wahlbenachrichtung bekommen oder würde es nicht auch reichen, soweit bekannt,  jedem eine e-mail zu senden, und wer nicht binnen 14 Tagen den Empfang per Click auf einen Link quittiert, kann immer noch eine Wahlbenachrichtigung auf Papier bekommen. Die Anzahl der Postsendungen würde sich mindestens halbieren. Wenn man sein Geld Online überweisen kann, wird man doch auch irgendwie seine Stimme Online ausüben können.

Muss man für eine Bundespräsidentenwahl  1200 Leuten nach Berlin laden, für jeden ein Flug oder Bahnticket, plus Taxi und Hotel finanzieren? Wenn jeder Wahlmann 900 € an Kosten verursacht sind wir schon bei 1 Million€ nur an Reisekosten für die Wahlmänner, nicht zu vergessen das Catering während der 3-6 Stunden Wahl, Papiere, Saaldiener, Sicherheitsleute, was auch immer da als notwendig betrachtet wird.

Unternimmt irgendeine politische Kraft Anstrengungen so eine Steuergeldverschwendung zu vermeiden; ganz abgesehen davon, dass der Sieger von vornherein feststand und die Wahl damit nur ein "abnicken" war; Wenn die Bundestagwahl per Briefwahl – ohne jede Authentifizierung des Absenders - funktioniert, warum sollte es dann bei der Bundespräsidentenwahl anders sein?

Solche Vorschläge hört man leider nur aus Richtung der Piraten. Deren Grundhaltung ist von vornherein "Lasst die Leute mal machen", "Lasst uns unsere Freiheit", "Beschneidet niemandem Möglichkeiten", vollkommen liberale Grundsätze. Vielleicht sind die Piraten die neuen Liberalen; die freiheitsliebenden Steuergeldsparer. Ein Parteiprogramm mit "bedingungslosem Grundeinkommen" und "kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln" rückt Sie allerdings in die Ecke der Sozialromantiker und spricht nicht für allzu viel Wirtschaftskompetenz. Doch alle anderen Parteien haben nichts Besseres zu tun, als mit Verboten und Regularien zu gängeln.

Wenn sich die FDP überhaupt für irgendetwas einsetzt, dann wird immer gleich alles so weichgespült, dass es auch "durchsetzbar" ist. Dabei kommt dann heraus, dass alle Parteien sich als "Partei der Mitte" sehen. Wer will denn Mitte, wer will denn durchschnittlich sein? Niemand bezieht mehr eindeutige Positionen, in jeder Idee wird bereits der Kompromiss eingebaut. Die Vorschläge aus verschiedenen Richtungen sind sehr ähnlich, Sie unterscheiden sich fast nur noch in ihren Begründungen. Aus Angst vor unabsehbaren Wirkungen traut man sich sowie nie an mehr als kleinste Trippelschritte heran und jede kleine Änderung wird als große Reform ausgerufen und als Erfolg gefeiert. Wohlgemerkt, Erfolg ist nicht definiert als "Das neue Gesetz hat nach 10 Jahren eine positive Wirkung gezeigt"; sondern der Erfolg wird definiert als "Wir haben es geschafft ein Gesetz zu verabschieden". Die Prüfung des Erfolges wird zumeist der Presse, einem Journalisten, Blogger oder der "Öffentlichkeit" überlassen.

Freie Fahrt für Fernbusse hat man 2013 durchgesetzt, dabei war auch kein typischer FDP-Mittelständler negativ betroffen, sondern nur die Deutsche Bahn. Reicht für eine Kneipe mit 5 Tischen vielleicht 1 WC aus? Ein abschließbarer Raum wie in jeder Wohnung ? Nein, es muss für Männer und Frauen getrennt sein. Darf der Buchhändler mir Rabatt geben wenn ich 10 Bücher kaufe? Nein, aber ein Geschenk. Wen soll man wählen  wenn man für mehr „Freiheiten“ und Deregulierung ist? Haben die Liberalen Deregulierungserfolge vorzuweisen oder wenigstens konkrete Ziele sie umzusetzen? Sicherlich steht Bürokratieabbau im Parteiprogramm, doch je allgemeiner man die Formulierungen hält, desto einfacher wird es später sein, irgendwas zu finden, das man als Erfolg, als „erfülltes Versprechen“ vorweisen kann. Je konkreter man in den Zielen wird, desto höher steigt die Gefahr zu scheitern.

Kommunalebene, Bundesebene, Europaebene - nirgends Anstrengungen für Subventionsabbau. Schlanker Staat, effiziente Informationsprozesse, all die Dinge die der BWL-Student schon im Grundstudium lernt stehen auf keiner Agenda. Schlanker Staat heißt sicherlich die Anzahl der Politiker-Jobs zu reduzieren, Behörden abzuschaffen, Entscheidungswege zu verkürzen, und es ist wohl das Übel an "alten" Parteien, das sich darin bereits so viele treue Parteimitglieder ein Pöstchen verdient haben, das man immer auch den eigenen Leuten weh tun muss.

Ministerien abschaffen? Grundsätzlich vernünftig ! Aber das Entwicklungshilfeministerium?  Ein FDP-Ministerium? Nein das geht nun wirklich nicht.

Die Freiheit keine Krankenversicherung haben zu müssen geht vielen zu weit. Über die Freiheit von Hire & Fire läßt sich schon eher reden,  das wird hierzulande über den Umweg der Zeitarbeit inszeniert. Aber niemand traut sich, es als solches zu bezeichnen. Zeitarbeit gilt als "Job-Maschine" weil doch so viele Jobs dort geschaffen werden. In Wahrheit ist das jedoch nur eine Auslagerung des Kündigungsschutzes in eine andere Firma. Man kann den Arbeiter den man loswerden will nicht entlassen; man gibt ihn jetzt "zurück". Freie Marktwirtschaft - Ganz ohne FDP und mit Segen der Gewerkschaften.

Wir brauchen sicherlich Liberale, aber an der FDP ist nicht viel Liberales zu Erkennen.



Die FDP verteidigt sogar das Ehegattensplitting als ‚liberal‘. Das hörte sich bei Patrick Döring in etwa so an „Jedes Paar hat die Freiheit zu entscheiden, wer das Geld nach Haus bringt“. Man könnte es auch liberal nennen, zu sagen „Ein Paar hat die freie Wahl ob es mit oder ohne Trauschein zusammenleben will“. Ehegattensplitting subventionieren nur den Trauschein. Aber diese Form der Liberalität traut sich die FDP nicht, wahrscheinlich wieder aus Angst vor der eigenen Klientel oder dem Koalitionspartner.

Ähnlich kuriose Bemühungen unternimmt man bei der kalten Progression, dem Effekt der Steuersatzerhöhung bei Lohnerhöhungen. Anscheinend möchte man jemanden der schon immer 2600 € verdiente anders besteuern, als jemanden der bisher 2500 € verdiente und jetzt eine Lohnerhöhung um 100€ bekommen hat. In sämtlichen Parteiprogrammen und Medien wird das Problem zwar benannt, beschrieben, analysiert und als ungerecht tituliert, doch anscheinend ist dem Leser ein Lösungsvorschlag nicht zuzumuten, Ist eine Lösung überhaupt möglich ? Das ist wohl reiner Populismus und hat mit Freiheit und Gleichheit nicht viel zu tun. Etwas zu kritisieren, als Aufforderung über Lösungen nachzudenken mag gerechtfertigt sein. Eine Kritik zum Programm zu erheben „Wir sind auch der Meinung, dass es schlecht ist“ ist etwas dürftig.

Ich würde mir eine Know-How-Partei wünschen, die sich traut unpopuläre Lösungen anzusprechen und durchzuführen, und nicht vor Nicht-Durchsetzbarem zurückschreckt. Die Intelligenz, die sich in der Schweiz mit der Volksabstimmung zu „Wollt Ihr mehr Urlaub“ – „Nein, wollen wir nicht“ gezeigt hat, traue ich auch den Deutschen zu, wir haben schließlich fast eine Abiturquote von 50%.

Die Chance zur internetaffinen Netzwerkintelligenzpartei zu werden, war zwar nach dem Rücktritt von Guido Westerwelle kurz da, aber man hat aus der Krise leider keine Chance gemacht.  Stattdessen haben wir den unsichtbarsten und unauffälligsten Außenminister, den Deutschland je gehabt hat.


Gegen Steuererhöhungen  sein kann jeder. Um Steuern für sinnvolle Zwecke zu erheben und intelligent, gezielt und mit geringem Verwaltungsaufwand zu verteilen, gehören Mut und Ideen.

Mittwoch, 28. August 2013

Private Krankenversicherung für alle

Wäre das nicht schön? Könnte man sich das leisten? Welche Vorteile, welche Nachteile gibt es?

Mit der Gesundheit verhält es sich etwas anders als mit einem Haus oder einem Auto. Man kann seinen Körper nicht einfach verkaufen oder gegen ein neues Modell austauschen, wenn etwas kaputt geht. Man ist auf fortwährende Reparaturen angewiesen. Man kann auch nicht auf den Körper verzichten, er begleitet einen bis zum Tod.  Wie gut funktionieren die marktwirtschaftlichen Regeln und Anreize bei der privaten Gesundheitsabsicherung?

Wer darf sich heute privat versichern?
  •          Angestellte mit mehr als ca. 4000€ Brutto zum halben Tarif
  •          Beamte zum halben Tarif
  •          Selbständige zum vollen Tarif

Neben des  scheinbare Vorteils Einkommensunabhängigkeit für die ersten beiden Gruppen -das Einkommen kann steigen, der Versicherungsbeitrag tut es nicht - wird der Nachteil für die Dritte Gruppe oft vernachlässigt. Auch selbständige Würstchenverkäufer,  Putzfrauen, Altenpfleger und andere Nicht-Akademische „kleine Selbständige“ ohne, oder mit wenigen Angestellten, mit einem Monatseinkommen von vielleicht 2000€, versichern sich bevorzugt privat, weil die private Krankenkasse gerade für Menschen unter 40, als die gesetzliche freiwillige Versicherung. Es ist nicht der Wunsch nach Luxusversorgung, der die Selbständigen in die privaten Krankenkassen treibt, es ist schlicht billiger, bis hin zur Möglichkeit eines großen Selbstbehaltes, wie man das von der Teilkasko-Versicherung kennt. Man versichert den Herzinfarkt, aber nicht den Schnupfen.

In der gesetzlichen Krankenkasse würde dieser Personenkreis immer so behandelt, als hätte er ein Einkommen in Höhe der Privatversicherungsgrenze von ca. 4000€. Der Beitragssatz beträgt 15,5%, das ergibt einen Versicherungsbeitrag von 620 Euro monatlich. Wer kann da widerstehen und eine private Krankenversicherung mit 200-300€ Monatsbeitrag ausschlagen?

Die Unterschiede zwischen privater und gesetzlicher Krankenkasse liegen in Einkommensabhängigkeit und Risikoneutralität. Alle Differenzen in  Leistungsangebot und Effizienz möchte ich einmal außen vor lassen. Dass ein Privatpatient leichter an Termine kommt, mag stimmen, das er zu seinem Zahnersatz oder Brillen nichts zuzahlen muss, ist heute schon mehr und mehr die Ausnahme, aber ein häufig  kolportiertes Gerücht. Zusatzleistungen für Zusatzprämien gibt es schon heute für jedermann.

Einkommensabhängigkeit scheint in jungen Jahren ein Nachteil zu sein, man könnte etwas einsparen, die Privaten können günstigere Tarife anbieten. Man läuft jedoch in die Gefahr sinkender Einkommen oder stark steigender Versicherungsprämien. Wenn der Krankenkassenbeitrag 120% des Einkommens beträgt, ist Einkommensabhängigkeit ein eindeutiger Vorteil, und die 15% für die gesetzliche Krankenkasse fast „Peanuts“. Rentner mit 1000€ Krankenkassenbeitrag und 800 € Einkommen sind gar nicht so selten. Meist geringverdienende Selbständige, die schlecht fürs Alter vorgesorgt haben. Die müssen dann Lösungen finden, meist auf Leistungen verzichten, Tarife wechseln, manche auch komplett kündigen. Das Recht auf Versicherung wurde vor ein paar Jahren eingeführt, niemand darf wegen Vorerkrankungen abgelehnt werden, aber eine Pflicht zur Bezahlbarkeit von Versicherungen gibt es nicht.  Diese Verpflichtung gehen nur die gesetzlichen Krankenkassen ein, indem Sie bereit sind nie mehr als ca. 15% des Einkommens des Versicherten zu verlangen.

Risikoneutralität bedeutet: Der Tarif steigt nicht mit dem Risiko. Man kann älter werden, ohne dass der Tarif steigt, man kann kränker werden und trotzdem noch die Krankenkasse wechseln ohne hohe Risikoaufschläge erwarten zu müssen. Die private Versicherungswirtschaft versucht immer Personen gleicher Risikoklassen zusammenzufassen, wer höhere Risiken hat muss mehr bezahlen. Teurere Häuser sind teurer zu versichern als preiswerte Häuser und wer näher am Wasser baut, muss mehr Prämie zahlen, als jemand auf dem trockenen flachen Land. Im Gesundheitswesen gibt es keine „teuren Häuser“, alle Menschen sind gleich viel Wert, der Versicherungsgegenstand ist immer der Gleiche. Unterschiede ergeben sich jedoch im Laufe der Jahre in den Risiken, da zwickt es hier und dann ist etwas mit dem Blutdruck oder den Zähnen, von Jahr zu Jahr steigt die Anzahl der „Schäden“. In der KFZ-Versicherung würde man sagen „Man verliert Schadenfreiheitsklassen“ – es wird teurer und teurer. Die Folgen zeigen sich gerade bei Flutkatastrophen immer wieder. Es gibt nicht versicherbare Häuser oder extrem hohe Prämien für Häuser am Wasser. Mit einer risikoneutralen Prämie würden alle Hausbesitzer pflichtweise gegen Flut versichert, und schon ist es auf Grund der großen Masse an Versicherten, für alle wieder bezahlbar. Wir können auf Spendenmarathons und Benefiz-Konzerte verzichten. Beim Risiko Flut geht die Diskussion gerade in die entgegengesetzte Richtung, hin zur Vergemeinschaftung von Risiken. Wollen wir das bei der Gesundheit umkehren, und ältere und kränkere Leute mehr zahlen lassen, genauso wie wir heute Flussanrheiner mehr zahlen lassen?

Ich bin durchaus ein Freund von freier liberaler (privater) Marktwirtschaft, doch Marktwirtschaft beruht auf Anreizsystemen, Egoismus und Selbsterhaltungstrieb. Mit wachsendem Verstand sind die Menschen aber in der Lage auch die Vorteile von Altruismus, Solidarität und Humanität zu erkennen, für die die Marktwirtschaft keine direkten Umsetzungsmöglichkeiten hat. An diesen Stellen muss der Staat ein Regelwerk schaffen, das Solidarität belohnt. In Deutschland ist dieses System der sozialen, nicht der freien Marktwirtschaft, ein Ziel mit Verfassungsrang. (Art. 20 GG)

Von so einer Idee wie „freier Wahl zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung“ muss ich dringend abraten. Diese Entscheidung betrifft das ganze Leben und damit einen Horizont von 50-60 Jahren.  Der mündige denkende Bürger in allen Ehren, aber die Anzahl der Menschen die diesen Horizont und die Konsequenzen Ihrer Entscheidungen nicht überblicken ist zu hoch, da muss der Mensch vor sich selbst geschützt werden, vor der Gier nach Ersparnis im Alter von 25, mit der Gefahr der Unbezahlbarkeit im Alter von 70.


(Ein Beitrag zum Vorschlag von Gesundheitsminister Daniel Bahr vom 27.08.2013, die Privatversicherung für alle zu öffnen.)

Samstag, 10. August 2013

Kapitalismus ist Super – aber nichts ist perfekt - und Kommunismus ist schlimmer


Ich habe mal behauptet „Arbeiten lohnt sich – es schafft Einkommen“, und daraufhin die Frage erhalten wie ich Kapitaleinkommen einordne, Zitat:  „Kapitaleinkommen (Einkommen ohne Arbeit) und die Tatsache, dass letztere höher sind als die Einkommen aus Arbeit“. Eine Antwort in 3 Zeilen erscheint mir unmöglich.
Es sind immer Menschen die das Einkommen bekommen, für verschiedene Dinge die sie tun. Ob jemand ein Auto vermietet, oder ob er Geld vermietet, es ist das Gleiche. Er muss jemanden finden an den er es vermieten kann, Verträge schließen, die Rückgabe des Mietgegenstandes vereinbaren, ihn entgegennehmen, usw. Es ist unbestreitbar Zeitaufwand, Know-How-Einsatz usw. Mietzins, Kreditzins, es ist egal wie man es nennt.


Wenn jemand eine Kiste Äpfel für  5€ im Großhandel einkauft und Sie dann im Einzelhandel für 10€ wieder verkauft, dann ist das die gleiche Arbeit wie eine Aktie für 5€ zu kaufen, und für 10€ wieder zu verkaufen - das Kistenschleppen fällt vielleicht weg. Aber Man muss ein Produkt auswählen, 2 Märkte zwischen denen man es hin- und her transferiert, usw. Es ist beides Handel und es ist beides Spekulation. Handel ist immer Spekulation. Der Obsthändler spekuliert darauf, dass das was er für 5€ gekauft hat  für 10€ wieder verkaufen kann. Er hat dabei ziemlich wenig Risiko, das Preisgefüge ist stabil, er kann es am nächsten Tag wieder mit dem An- und Verkauf von Äpfeln versuchen. Wer mit Aktien handelt muss sich jeden Tag etwas Neues Aussuchen, was an einem Tag gut lief, läuft nicht unbedingt am nächsten Tag nochmal gut. Er muss obendrein noch Angst haben das die Aktien fallen. Er geht ein viel höheres Risiko ein. Risiko muss entlohnt werden. „Geld verdienen ohne Arbeit“ ist definitiv falsch.

Ich will das aber nicht so einseitig stehen lassen, ich verstehe schon womit man ein Problem haben könnte. Es sind die Größenordnungen.
Man hat mit der Verwaltung von 1000 € Vermögen genauso viel Arbeit, wie mit der Verwaltung von 1 Million €. Man kann für die gleiche Arbeit mit 10 € entlohnt werden, oder mit 10.000 €. Eine Wohnung zu besitzen und zu verwalten ist nicht viel weniger aufwändig, als 10 Wohnungen zu besitzen und zu verwalten. Der Hebel ist das Entscheidende dabei.

Karl Marx (ich kann auch ganz Links) hat in seinem Buch „Das Kapital“ (er hat sich ökonomisch mit dem Kapitalismus beschäftigt und nie etwas anderes im Sinn gehabt), ganz richtig erkannt, das der Besitz an den Produktionsmitteln der entscheidende Faktor ist.
Dazu gehört fast jede Art Besitz, aus dem man irgendwie Geld machen kann, ohne ihn zu verbrauchen. Die eigene Arbeitskraft, ist auch ein Besitz, man nennt es Humankapital, für „Kapitalisten“ ist es was Positives, etwas ein Kapital zu nennen, Moralisten verbitten sich Menschen mit Kapital zu vergleichen, schon dort fangen die Missverständnisse an.
Das große Problem mit dem Humankapital: Es ist nicht vermehrbar und nicht akkumulierbar, Jeder besitzt genau „1 Einheit“. Arme Bauernfamilien haben es mit vielen Kindern versucht zu vermehren, heute ist Kinderarbeit verboten, das geht nicht mehr. Die oben genannte Hebelwirkung kann man mit der Arbeitskraft nicht erreichen. Weitere Produktionsmittel:  Grundbesitz, Ackerland, Maschinen, Gebäude, Bodenschätze, und natürlich Geld. Es zählt nur das Geld zum Anlegen, nicht das Geld zum Ausgeben. Investition und Konsum sind verschiedene Dinge, auch wenn beide mit „Einkaufen“ zu tun haben.


Die Verteilung der Produktionsmittel, der Eigentumsverhältnisse, ist der Grund für die Not der Arbeiterklasse, wie Marx richtig feststellte. Das ist die Stelle die Ungerechtigkeiten erzeugt und an der man ansetzen muss, wenn man etwas verändern will. Große Vermögen sorgen dafür, das „leichtes Geld“ verdient wird, das wiederum in Vermögen verwandelt wird, und es exponentiell wachsen läßt. Wenn jemand exponentielles Wachstum nicht versteht: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen – und je größer der Haufen ist, desto schneller wächst er“. Oder auch „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Matthäus 25,29. Ich bin Atheist, aber die Bibel enthält nicht nur Theologie, sondern war auch das erste Buch mit ganz viel Soziologie, Philosophie und sämtlichen Grundverhaltensweisen der Ökonomie. Es gab nur ein Buch und da hat man alles reingeschrieben, was man für wichtig hielt - auch wenn man später den Autor vergaß, und "glaubte" es war ein anderer.

Marx und Matthäus im gleichen Absatz mit der gleichen Aussage. Von einem atheistischen Kapitalisten – Was mache ich hier nur. Kapitalismuskritiker und Moralisten ansprechen hoffe ich.

Natürlich läßt sich Einkommen in Vermögen umwandeln, aber wenn man auf jemanden herabsieht der 10.000 € aus Zinseinnahmen hat, dann muss man zu den Ursachen der Einnahmen gehen, und das sind die 1 Million € Vermögen, die er wahrscheinlich besitzt. Statt mit Steuern Einkommen umverteilen zu wollen, muss man das Eigentum umverteilen, doch das läuft auf Enteignung hinaus, das ist ganz schwierig zu Lösen. Man versucht es ein wenig beim Eigentumsübergang, es gibt Grunderwerbsteuer, Grundsteuer, Vermögenssteuer „ruht" gerade, die Erbschaftssteuer hat die größte Masse, ist aber kritisch für Mittelständler. Wenn jemandem eine Aktiengesellschaft gehört, dann kann man leicht 30% des Wertes der Firma, 30% der Aktien veräußern, an irgendwen, tausende Leute. Aber wenn man einem eine Bäckerei gehört, wie soll man 30% als Steuer abführen ? Wer kauft einem 30% von einer Bäckerei ab. Da wird der Betrieb zu 100% verkauft, 30% Steuern abgeführt, mit den 70% irgendwas neues angefangen. Der neue Besitzer ist nicht eingearbeitet, kennt die Gewohnheiten der Kunden nicht, oder verkauft die Maschinen nach China und macht den Laden zu. Oder der Betrieb muss einen riesigen Kredit aufnehmen, der 30% seines eigenen Wertes entspricht, das bekommt man auch nur wenn man noch keinen Kredit hat. Es ist eine schwierige Sache diese Vermögensumverteilung zu regeln ohne negative Konsequenzen auszulösen.

Einkommensumverteilung per Einkommenssteuer wird in großem Stil praktiziert, dient aber nur als letztes Mittel für diejenigen die weder Vermögen haben (Arme), die keine Arbeitskraft haben (Behinderte, Kranke, Rentner, Kinder) oder die Ihre Arbeitskraft nicht in Einkommen umwandeln können (Arbeitslose, junge Mütter). Die Gelder haben verschiedene Namen, Harz-IV, Kindergeld, Erwerbsunfähigkeitsrente, Rente für Kindererziehungszeiten (Transferzahlungen, heißt es Allgemein), kommen aber alle mehr oder weniger direkt aus dem Steuertopf.

Gleiche Einkommen für Alle wären eine Katastrophe, da würde alles kollabieren. Niemand würde mehr eine Putzfrau einstellen, wenn er für 1 Stunde Staubsaugen das gleiche Geld bekommt, wie für 1 Stunde Herzoperation. Staubsaugen ist doch viel gefahrloser, warum soll man da das Risiko eingehen und jemanden am Herzen operieren – wenn man sowieso das gleiche verdient – such ich mir doch das bequemere aus. Warum soll ich denn 7 Jahre studieren ? Staubsaugen lerne ich in 10min. Ohne zu übertreiben – das wäre die Apokalypse.

Der große Vorteil des Kapitalismus, ich gehe auch so weit es den Grund für das Scheitern der DDR zu nennen, ist die Motivation. Warum sollte jemand besser arbeiten, wenn er dafür nicht besser bezahlt wird? Warum sollte jemand motiviert sein, etwas Tolles zu erfinden, wenn er nicht sicher sein kann dafür entlohnt zu werden?1000 Stunden für „umsonst“ arbeiten, zu Hause alleine im Kämmerchen, wie z.Bsp. Charles Goodyear – der mit den Reifen, oder Thomas Alva Edison – der mit Glühbirne und Telefon. Rein aus Selbstlosigkeit, aus Spaß am Erfinden ? Das gibt es, das nennt man dann Hobby, aber man muss doch von irgendwas Leben und die Erfindung in Geld umwandeln.
Man geht ein Risiko ein, Man investiert 1000Stunden Arbeitszeit, man hat die Chance damit 1Million  zu machen, das wäre ein guter Stundenlohn, aber gleichzeitig auch die „Chance“ gar nichts zu verdienen. Es ist ein Risiko, dieses Risiko muss entlohnt werden. Auf 9 Erfindungen die sich nicht vermarkten lassen, muss ein Knaller kommen, der alles wieder rausreißt.
Wenn man bevor man mit der Arbeit anfängt genau gesagt bekommt „arbeite mal 1000 Stunden, ich gebe Dir dafür 20.000€“, ganz ohne Risiko, hat man einen fairen Preis 20€/h, das ist OK.
Sobald jemand das Risiko eingeht, statt für 20€ evtl. nur für 10€/h zu arbeiten, muss man ihm auch die Chance geben 30€/h verdienen zu können. Und falls das Risiko beträgt 0€/h zu verdienen, muss die Chance bei ∞ € liegen. Es muss. Und da darf keiner kommen und sagen dass das ungerecht sei.
Zu Risiken, und wie man mit ihnen umgeht, hatte ich schon mal etwas Allgemeines geschrieben:Wie Versicherungen funktionieren

Es ist ein wenig wie in der Lotterie, es ist nur die Chance auf die Million die einen wöchentlich 10€ in Lose investieren läßt, sonst würde man es nicht tun. Viel Einkommen ist eine starke Motivation, es ist zwar vernunftsgesteuert aber beruht auf dem Selbsterhaltungstrieb, auf Biologie, auf unserer Evolution.  Vorräte anlegen, Jagen, Sammeln, Dinge horten. Neandertaler waren Kapitalisten.
In Notfällen ist der Mensch ein Egoist, er kann zum Kannibalen werden wenn es darauf ankommt, das ist deutlich stärker und liegt deutlich tiefer in uns drin als Sozialverhalten, Ethik, Moral, Solidarität und all diese hehren Ziele, und es ist vernünftig und effizient, diese innere starke Triebkraft, sei es auch mit Worten wie Gier, Habsucht, Selbstsucht belegt, auszunutzen und für etwas Gutes zu verwenden.


Es ist eine Utopie zu versuchen, man könne alle Menschen zur Selbstlosigkeit erziehen oder von Ihr überzeugen, und gleichzeitig zu Höchstleistungen motivieren, weil es doch "Zum Wohle der Menschheit" ist. Das ist Kommunismus. Eine wunderbare Idee, aber es wurde leider in einem 70jährigen Experiment festgestellt, das Medaillen zur Motivation nicht ausreichen, und man Ideologie weder mit Erziehung noch mit Gewalt in 100% aller Köpfe bekommt; denn die einzige gerechte Form der Selbstlosigkeit entsteht, wenn alle mitmachen, wenn jeder gibt und nimmt, sobald einer ausschert wird er zum Trittbrettfahrer, zum alleinigen Nutznießer. Darum war in der DDR Linientreue angesagt, und das Abweichen davon ein Verbrechen. Weil die Ursache von Ungleichheiten der Besitz an Produktionsmitteln war, wurden diese kurzerhand kollektiviert, heute sagt man „enteignet“.

Freitag, 9. August 2013

Wieviele Sprachen braucht die Welt ?

Brauchen wir eine einheitliche Weltsprache ?  Es wäre schön.

Der Mensch verschwendet so viel Zeit Sprachen zu lernen, Dokumente zu übersetzen, übersetzen zu lassen, fährt nicht an Orte an denen er sich nicht verständigen kann.

Englisch hat sich als Lingua Franca durchgesetzt. Nachdem im 19. Jahrhundert eher Französisch dominierte, dominiert seit dem 20. Jahrhundert das Englische. Ursachen waren weniger die Kolonialisierung der Welt, sondern  einerseits die wirtschaftliche Dominanz, 4 der Top Industrienationen haben Englisch als Muttersprache, andererseits hat die Unterhaltungsindustrie aus Hollywood viel dazu beigetragen. 80% unserer Kinoproduktionen sind englischsprachige US-Produktionen, in kleineren Länder wird nicht so viel synchronisiert wie in Deutschland, also hört man sich die Filme im Original an. Dazu kommt Englisch als Wissenschaftssprache, weil die USA und England als "Mutterland des Kapitalismus" ganz eindeutig die wirtschaftswissenschaftliche Forschung dominierten, und in den letzten 50 Jahren zunehmend auch Medizin und  Naturwissenschaften. Mindestens 50% aller Nobelpreisträger sind englischsprachige Muttersprachler.

Englisch hat inzwischen den Vorteil, das es nicht mit einer Nation verbunden ist, es ist nicht pur Amerikanisch oder Britisch, auch Neuseeländer, Australier, Kanadier beanspruchen es als "Ihre" Sprache. Französisch ist dagegen noch immer eng mit Frankreich verbunden. Ehemalige Kolonien benutzen Französisch meist nur als zweite Amtssprache. Anstatt eine neue "neutrale" Sprache für die internationale Verständigung, wie Esperanto, zu erfinden, würde wahrscheinlich Englisch heute weithin auf Akzeptanz als Weltsprache stoßen.

Durch das Sprechen viele Sprachen, wird Sprachen erodiert und verschliffen. Wenn jeder nur 20.000 Worte einer Fremdsprache kennt und viele Migrationsprozesse in der Welt stattfinden, nimmt die Zahl der Muttersprachler immer mehr ab. In den USA ist das durch die hohe Anzahl von Einwanderern seit langem ein schleichender Prozess. Das Englisch Shakespeares ist für einen Großteil der Bevölkerung, auch wenn Sie Englisch als Muttersprache angeben, nicht mehr verständlich. Der umfangreiche differenzierte Wortschatz geht verloren, weil man in 95% aller Lebenssituationen ohne diesen Wortschatz auskommt.

In Deutschland beginnt dieser Prozess gerade erst, denn die erste größere Migrationswellen sind gerade erst 50 Jahre her. Die dritte Generation bezeichnen sich zwar als deutsche Muttersprachler, kommen aber oft nicht über Ghetto-Slang hinaus. "Ey, Du, Alter, Respekt Ey".

Wenn sich der Mensch auf nur eine Sprache konzentrieren würde, könnte er diese eine um so perfekter und differenzierter sprechen. 

Es wird wohl nicht durchzusetzen sein, schon wenn es um weniger emotionale Normen wie Masseinheiten oder Steckdosenformen geht, waren Einigungen bisher nicht möglich.

Sprache schafft Zusammengehörigkeitsgefühl. Das machen andere Attribute aber auch. Chinesen erkennen sich wahrscheinlich gegenseitig an der Physiognomie, auch Inder verwechselt man wohl höchstens mit Pakistani. Fussballfans bilden Gruppen durch einheitliche Kleidung, Hüte, Symbole, Tänze, es gibt viele verbindenene  Gemeinsamkeiten, neben der Sprache, die aber nicht die Kommunikation mit anderen Gruppen erschweren.

Der Vorgang der Vereinheitlichung der Weltsprachen könnte so funktionieren:Eine Sprache wird als obligatorische Zweitsprache eingeführt. Wenn die Menschen schon Ihre eigene Sprache nicht aufgeben wollen, und wenn die Menschen schon bereit sind eine Fremdsprache zu erlernen, dann sollen doch wenigstens alle die gleiche Fremdsprache lernen, so das danach auch wirklich jeder mit jedem reden kann.

Durch globalisierte Wirtschaft, Touristik, Migration, wird die Zweitsprache nach und nach zur Alltagssprache. Es ist normal, das 20% Ausländer in einer Stadt sind, und jedes Restaurant und jede Behörde einen Fremdsprachenservice anbieten muss. Nach ca. 50 Jahren (3 Generationen) wird die Zweitsprache zur Bi-Lingualen Muttersprache. Nach ca. 100 Jahren beginnt die Nationalsprache auszusterben, es ist zu aufwändig und nicht effizient beide Sprachen am Leben zu erhalten, so wie das in der Vergangenheit schon mit Volkstrachten geschah. Geringe Stückzahlen und  hohe Preise machen lokale Mode zum Luxus.

Sprachen sind Reichtum ? Ist Verschiedenheit Reichtum ? Jede Verschiedenheit hat Vor- und Nachteile. Die Frauen können sich auch nicht wirklich entscheiden, ob Sie betonen wollen, das sie verschieden sind (Ladys First), oder unterstreichen wollen, das sie nicht verschieden sind (Gleicher Lohn für Gleiche Arbeit).
Ähnlich ist es mit der Sprache, Ihr primärer Zweck, die Kommunikation, kann sie nicht erfüllen, wenn sie nicht von allen Gesprochen wird. Die Kulturelle Verbindung ist eher sekundär, und könnte gerne als "Volksgut" gepflegt werden.

In diesem Zustand sind zur Zeit in Deutschland die Sorben. Es gibt zwar noch 30.000 Personen die sorbisch als Ihre Muttersprache angeben, jedoch gibt es unter diesen niemanden, der nicht auch Deutsch spricht. Eine Sprache zur Kulturerhaltung, Eine andere Sprache zur Verständigung. Das ist auch jedem anderen Volk zuzumuten.

Etwas "gewaltsame" Parallelität von Sprachen findet in Quebec statt, speziell in Montreal. Jeder hat das Recht auf seine Muttersprache, aber das Französische wird besonders gefördert, um es vom Aussterben abzuhalten, was es unter normalen Umständen wohl schnell tun würde. Die Stadt ist attraktiv für Einwanderer aus ganz Amerika und das Englische würde über kurz oder lang dominieren. Dennoch sind Universitäts- oder Beamtenlaufbahnen, oder auch nur ein Kellner-Job ohne perfekte Bi-Lingualität undenkbar. Andersherum wird Montreal als einzige französchsprachige Enklave auf dem amerikanischen Kontinent besonders anziehend für Einwanderer aus Marokko, Algerien und Westafrika, den ehemaligen französischen Kolonien und Protektoraten. Die gemeinsame Sprache zieht an und verbindet.

Deutschland pflegt seine Sprache über die Goethe Institute, Frankreich über die Institut Francais. England hat so etwas nicht nötigt, und so versucht jede Nation, unter dem Mantel der Kulturpflege, das Zusammenwachsen der Welt zu verhindern.

Statt neue Medikamente, Pflanzen, Software, Energiequellen, Philosophien zu erfinden, verschwenden die Menschen Ihre geistigen Ressourcen auf das Erlernen von Sprachen, nur damit sie in der Lage sind mit anderen Menschen zu kommunizieren.

Seit Edward Snowdon und PRISM wissen wir wen die USA als "vertrauenswürdige Nationen" einstuft. Kanada, Großbritannien, Australien, Neuseeland. Alles Länder mit Englischer Muttersprache. Wer eine andere Sprache spricht, wie Deutsche, Franzosen, Spanier, macht sich schon vornherein verdächtig, der hat wohl etwas zu verbergen. Eine einheitliche Sprache sorgt für gegenseitiges Vertrauen.