Donnerstag, 8. August 2013

Wie Versicherungen funktionieren

Die Meinung zu Versicherungen ist häufig sehr negativ.  Die Prämien sind zu hoch, wenn ein Schaden eintritt wird nicht gezahlt, wer eine Versicherung braucht bekommt kein Geld, und falls er es doch bekommt, wird er danach gekündigt. Es gibt viele falsche Interpretationen des Verhaltens von Versicherungen. Wie sind Versicherungen ursprünglich entstanden?

Die Rechtsform
Mehrere Hauseigentümer verabreden sich, gemeinsam in einen Topf einzuzahlen, aus dem sich Brandopfer bei Bedarf bedienen dürfen.  Den Topf nennen wir Versicherung, die Hauseigentümer sind die Versicherungsgemeinschaft. Anfangs gab es nur Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, nicht viel mehr als eine Lottotipgemeinschaft oder ein Kegelklub. Wenn der Topf und die Teilnehmerzahl wächst, wird die Betreuung ein Vollzeit-Job, ein Wirtschaftsbetrieb, und aus dem Verein wir ein eigenständiges Unternehmen und die Vereinsmitglieder zu Kunden.  Ein Verein der in ein Unternehmen umgewandelt wird hat viele Mitglieder, dafür eignet sich eine Aktiengesellschaft am besten. Jedes Vereinsmitglied bekommt ein paar Aktien. Aktien sind frei handelbar, Die Versicherungsmitglieder/Aktionäre können die Aktien verkaufen, und schon „besitzt“ jemand die Versicherung, der nicht gleichzeitig versichert ist. So kam es im Laufe der Zeit dazu, das Besitz an der Versicherung und Besitz eines Versicherungsvertrages voneinander getrennt wurden. Wer heute bei der Allianz einen  Versicherungsvertrag abschließt könnte sich auch Allianz Aktien kaufen, muss es aber nicht. Doch je besser es den Kunden geht, desto schlechter geht es der Versicherung.  Wer als Kunde einen Milliardenschaden versichert, bekommt im Schadensfall zwar vielleicht Geld, sorgt aber dadurch dafür, daß der Aktienkurs oder die Dividende fällt. Wenn man  gleichzeitig auf beiden Seiten steht gehört man immer zu den Gewinnern, egal ob der Schaden eintritt, oder nicht.

Das Grundprinzip
100 Leute zahlen in eine Versicherung pro Jahr 1% Ihres Hauswertes ein. Einem brennt das Haus ab. Er kann  die gesamten 100*1% bekommen und sein Haus wieder aufbauen.  Versicherung ist zunächst einmal ein Zusammenschluss von Menschen mit Risiken.
Voraussetzung dafür ist: Alle Häuser sind gleich teuer und die Brandgefahr ist in allen Häusern gleich hoch! Außerdem nimmt man an, es gibt nur einen Brand pro Jahr, oder allgemeiner: nicht mehr als 100 Brände in 100 Jahren.
100 Standardhäuser, eins in Brand

  • Jedes Haus kostet 100.000 €.
  •  Jeder Hausbesitzer zahlt 1% seines Hauswertes pro Jahr als Versicherung = 100 Häuser * 1.000€ = 100.000 €.
  •  Einmal im Jahr brennt ein Haus ab, der Geschädigte kann 100.000€ erhalten.
  • Wem ein Tornado das  Haus zerstört, der bekommt nichts, man hat nur Brandschäden kalkuliert.

Teurere Häuser kosten mehr Prämie.
Wer sein Haus 4mal so groß oder 4mal so teuer baut, zahlt 4 mal mehr Prämie.
Doch im Falle eines Brandes steht trotzdem nur 1 mal der gesamte Topf zur Verfügung, nur 100%, das mehr als ein „kleines“ Haus pro Jahr abbrennt ist nicht geplant. Mehr als 100.000€ pro Jahr sind nicht da. Die Lösung ist eine mehrjährige Betrachtung.  Wenn jedes Haus einmal in 100 Jahren abbrent, und ein Haus an die Stelle von 4 „kleinen“ Häusern tritt, dann gibt es nur noch 97 Häuser.
97 Häuser, 1 Brand pro Haus in 100 Jahren, heißt 3 Jahre ohne Brand! Wer das 4fache einzahlt, kann also auch das 4 Fache herausbekommen.  Er bekommt die Einzahlungen von den Jahren ohne Brand, und des Jahres in dem sein Haus brennt, also 4 * 100.000€.
96 Standardhäuser, Ein 4mal so teures Haus

  •         96 Häuser kosten je 100.000 €. 1 Haus kostet 400.000 €
  •         Jeder Hausbesitzer zahlt 1% seines Hauswertes pro Jahr als Versicherung  96*1.000€+1*4.000€ = 100.000 €
  •         In 100 Jahren kann jedes Haus 1mal brennen. Die „Kleinen“ bekommen 100.000 € ausgezahlt, der „Große“ 400.000€. Es sollte 3 Jahre ganz ohne Brand geben.

Damit das funktioniert muss die Versicherung aber Ansparen, Geld anlegen, vielleicht sich auch Geld leihen. Sie ist sich sicher, sie geht davon aus, daß die 3 Jahre ohne Brand kommen werden. Aber das erst die 3 Jahre ohne Brand, und dann das Jahr mit Brand kommen, wäre „zu schön um wahr zu sein“.
Auf 100-Jahressicht kalkuliert geht die Rechnung für die Versicherung auf. Aber ein Geschädigter will nach einem Brand nicht 4 Jahre warten bis er eine Auszahlung bekommt. Im Ernstfall muss die Versicherung in Vorleistung gehen. Bei Vertragsabschluss muss Sie deshalb glaubhaft machen, dass sie das kann, dass sie genug Geld hat.
Daher kommt das „protzige“ in der Versicherungsbranche. zeigen was man hat, zeigen das man liquide ist, zeigen das man groß, stark und erfolgreich ist, ist Geschäftszweck und Aushängeschild.
Das Protzige stößt den Kunden manchmal ab, aber gleichzeitig erwartet er es unterschwellig.
Eine Bank braucht auch Vertrauen, doch die haben es einfacher, die müssen nur Versprechen das sie das eingezahlte Geld wieder herausrücken. Es ist für eine Bank nicht sonderlich wichtig viele Kunden zu haben. Sie kämen auch mit einem Kunden aus. Bei einer Versicherung ist das unmöglich. Banken können deswegen etwas dezenter arbeiten.
(Das war der große Konflikt beim Versuch der Verschmelzung von Allianz und Dresdner Bank.)

Höhere Gefahren kosten mehr Prämie.
Wer leicht brennbare Materialen verwendet, läuft eher Gefahr, dass sein Haus abbrennt.
Mit doppelt so hoher Brandgefahr, muss man auch doppelt so viel einzahlen, wenn man das gleiche herausbekommen will.
Ein Haus das doppelt so leicht brennt, kostet die gleiche Versicherungsprämie wie ein Haus das doppelt so teuer ist.  Die Versicherungssumme ( der Wert das Hauses) steigt mit der Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos. Der Besitzer eines Holzhauses muss also in etwa „2 Anteile“  kaufen, wenn er 2% Eintrittswahrscheinlichkeit hat.
        
96 Standard-Häuser, 2 Holzhäuser mit doppelter Brandgefahr

  • Alle Häuser kosten 100.000€
  • Die 96 Standard-Häuser zahlen je 1% pro Jahr ein, 96*1.000€ = 96.000€
  • Die 2 Holzhäuser zahlen 2% pro Jahr ein, 2*2.000€ = 4.000 €.
  • Ergibt wieder einen Versicherungstopf von 100.000€.
  • Im Falle eines Brandes bekommen alle nur 100.000€ heraus, aber es ist berücksichtigt, das ein Holzhaus öfter/leichter brennt, als ein Steinhaus, es darf 2mal in 100 Jahren brennen.

(Wir haben hier die Annahme alle Häuser seien gleich teuer, in der Praxis sind leicht brennbare Häuser meist billiger, so dass die Versicherungssumme sich verringert).

Die Kalkulation
Als Grundformel für die Berechnung einer Versicherungsprämie gilt:

Versicherungsprämie = Versicherungssumme * Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens.

Aber dann kommen noch Kosten für die Verwaltung hinzu, für  denjenigen der diese Formel durchrechnet, das Büro, die Putzfrau, als größter Punkt natürlich die Fremdkapitalzinsen, falls sich die Versicherung Geld leihen muss, und der gesamte Vertrieb. Eine Versicherung lebt davon viele Kunden zu haben, und es im Interesse der Kunden das sich eine Versicherung stets um neue Kunden bemüht. Wenn von den oben genannten 100 Hausbesitzern 5 kündigen, geht die Rechnung nicht mehr auf. Besser man hat immer wieder neue Kunden, je mehr je besser. Stellen wir uns einen zweites „Panel“ von 100 Hauseigentümern vor. Dann ist es für die Versicherung eher zu verkraften, wenn es im ersten Panel vielleicht doch 110 Brände gibt, 10% mehr als kalkuliert. Vielleicht gibt es im zweiten Panel nur 80 Brände in 100 Jahren und alles ist wieder gut.

Wohin verschwindet das Risiko?
Als Risiko bezeichnet man die Angst vor dem Unbekannten.  „Es könnte sein das mein Haus abbrennt“. Über eine größere Gruppe von Häusern kann man sagen „es ist ziemlich sicher, das mal ein Haus abbrennt“ – wir wissen nur nicht welches.
Das Risiko des Brandes wird durch die Versicherung nicht minimiert, aus dem Risiko des Brandes wird die sichere Erkenntnis, dass es Brennen wird und mit Sicherheit gehen Menschen viel lieber um, als mit Unsicherheit.
Das Risiko wird „vergemeinschaftet“  oder „gestreut“. Das Risiko ist nicht weg, aber man zahlt ein klein wenig, auch wenn gar nichts passiert ist. Ein kleiner kalkulierbarer Schaden (das Zahlen der Prämie) ist leichter zu verkraften als ein großer Schaden.
Versicherung ist wie ein Sparvertrag, Man zahlt 100 Jahre ein, und bekommt das was man eingezahlt wurde zurück. Mehr macht Versicherung nicht. Der Unterschied besteht darin, dass man auch schon vor Ablauf der 100 Jahre eine Auszahlung bekommen kann, wenn es nötig wird, und im Gegenzug keinen Anspruch auf eine Auszahlung hat, wenn man es nicht nötig hat – wenn der Schaden nicht eintritt.

Wenn es ernst wird, gibt’s sowieso nichts.
Zu viel, zu leichtfertig auszahlen darf eine Versicherung nicht, denn dann würde die Prämie für alle Versicherten steigen. Mehr Auszahlung heißt immer auch mehr Einzahlung.  Deswegen argumentieren Versicherungen, die eine Schadensregulierung ablehnen immer „Im Interesse Ihrer Kunden“, und sie meinen damit nicht den konkreten einzelnen Kunden der vor Ihnen steht, sondern die Kunden in Ihrer Gesamtheit. Sie haben lieber 99,9% Kunden die sich über niedrige Prämien freuen, oder tun sich leichter neue Kunden mit niedrigen Prämien zu werben, und akzeptieren dafür das 0,1% der Kunden unzufrieden sind.
Das ist wie beim Türsteher einer Diskothek, damit die die drin sind sich wohl fühlen, muss an der Tür einer stehen der störende Elemente vom Eintritt abhält, oder falls Sie schon drin sind, wieder entfernt.

Katastrophen
Was ist wenn wirklich ein ganzer Straßenzug abbrennt und alle den gleichen Versicherer hätten? Dafür gibt es Rückversicherer, Versicherungen für Versicherungen, das Risiko wird gemischt mit Versicherern in China und den USA, und solange es nicht überall gleichzeitig brennt, funktioniert das. So hat die Allianz, durch Übernahme der Staatlichen Versicherung der DDR Marktführer in den neuen Bundesländern, von den Flutschäden 2013 keinen allzu großen Schaden davon getragen. Sie war dagegen (rück-)versichert.

Spekulation und Gewinn
Die Schätzung der Wahrscheinlichkeit, wie leicht ein Haus abbrennt und wie hoch dann der Schaden sein wird ist essentiell für die korrekte Berechnung der Prämie. Wenn der Versicherer merkt, dass er sich geirrt hat, müssen die Prämien steigen, sie können auch mal sinken, und wenn die Versicherung ein Risiko für unkalkulierbar hält, sich nicht traut zu schätzen wie oft es schlimmstenfalls eintritt, dann wird auch mal ein Versicherungsvertrag abgelehnt oder gekündigt.
Es hängt viel von Annahmen ab, von Schätzungen, Prognosen, Spekulationen. Wie leicht brennt etwas, wie oft, wie ist das Klima, der Leichtsinn des Nutzers. Tausende solcher Annahmen müssen getroffen werden um eine Prämie zu berechnen. Mit vielen historischen Zahlen kann man das inzwischen ganz gut.
Wie hoch Schäden an einem VW Golf im Mittel sind, weiß die Versicherungswirtschaft, das ein Beamter angeblich weniger Unfälle hat, als ein Angestellter glaubt sie auch zu wissen. Aus diesen Einschätzungen von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe werden die Versicherungsprämien berechnet.

Die Hauptrolle spielt nicht wirklich das Risiko, das ist und bleibt unberechenbar, sondern die Einschätzung des Risikos. Die Versicherungsprämie ändert sich an dem Tag, an dem man Kenntnis von der Gefahr erlangt. Bei Brand ist es leicht, man weiß von vornherein wie brennbar ein Haus ist.
Wenn erst einmal Krebs diagnostiziert wurde, ist eine neue Risikolebensversicherung sehr viel teurer, als vor der Diagnose. Das Krebsrisiko steigt sprunghaft von 0,5% auf 100%. Es wird als unfair betrachtet, so jemanden zu gleichen Konditionen in die Versichertengemeinschaft aufzunehmen, wie jemanden ohne Krebsdiagnose. Bei Krankheiten betrachten wir das als unmenschlich oder unethisch, aber aus Sicht der Versicherung ist das Verhalten richtig. Man kann auch kein brennendes Haus versichern, deswegen gibt es oft „Wartezeiten“, man könnte es auch „Mindestvertragslaufzeit“ nennen.  Man muss mindestens einen Jahresbeitrag eingezahlt haben, bevor man etwas herausbekommen kann.  Schäden die bei Aufnahme der Versicherung schon eingetreten waren werden durch die Versicherung nicht reguliert. Klingt logisch, heißt aber das eine private Krankenversicherung für einen neu aufgenommenen Krebskranken in den Vertrag schreibt, "wir regulieren alle Behandlungen, außer der Therapie der Krebserkrankung und darauf zurückzuführender Folgeerkrankungen".

Es liegt nahe das man sich bei diesen vielen Schätzungen einen „Sicherheitspuffer“ einbaut. Man verwendet nicht die durchschnittliche Brandgefahr, sondern eine leicht höhere, damit man „auf der sicheren Seite“ ist, damit man nicht gleich bankrottgeht, falls man sich irrt.
Je pessimistischer die Schätzung, desto höher ist natürlich die Versicherungsprämie für den Versicherten.  Eine Grenze nach oben bildet sich auf dem Markt, einerseits durch die Zahlungsbereitschaft des Kunden, ab welchem Betrag sagt er „mir ist die Prämie zu hoch, ich verzichte auf eine Versicherung“, und andererseits durch den Wettbewerb, wenn die Konkurrenz die Versicherung günstiger anbietet, kauft niemand mehr die Versicherung mit der hohen Prämie.
Es ist im Interesse der Versicherten, das eine Versicherung sich bemüht nicht bankrott zu gehen, auch wenn es natürlich gleichzeitig darauf hinausläuft, hohe Gewinne zu machen. Gewinne entstehen, wenn man zu pessimistisch geschätzt hat, wenn der Topf den man angehäuft hat nicht für Schäden hat aufwenden müssen. Andere Gewinne können aber auch einfach entstehen, indem das Geld in dem Topf angelegt und verzinst wird, solange bis der Schaden eintritt und das Geld gebraucht wird. Dabei werden vorrangig sichere Anlagen verwendet, Anlagen die jederzeit auszahlbar sind, man weiß nie wann man das Geld braucht, es kann morgen sein, es kann in 3 Jahren sein. Man darf nicht das Risiko eingehen kein Geld zu haben, deswegen sind Versicherungen die Hauptinvestoren in Staatsanleihen, Fest- und Termingelder.

Lotterie ? Wetten dass !

Versicherungen haben viel mit Lotterien gemeinsam, es gibt genau genommen keinen Unterschied. Man zahlt ein wenig Geld ein, und bekommt viel Geld heraus. Versichern Sie doch einfach das Haus Ihres Nachbarn, wenn es abbrennt bekommen Sie viel Geld, Ihr einziger Schaden ist der Preis des Lotterieloses, Ihre „Versicherungsprämie“ . Es ist eine Lotterie. Viele zahlen etwas ein, einer bekommt alles, oder relativ viel davon, heraus.