Wäre das nicht schön? Könnte man sich das leisten? Welche
Vorteile, welche Nachteile gibt es?
Mit der Gesundheit verhält es sich etwas anders als mit
einem Haus oder einem Auto. Man kann seinen Körper nicht einfach verkaufen oder
gegen ein neues Modell austauschen, wenn etwas kaputt geht. Man ist auf
fortwährende Reparaturen angewiesen. Man kann auch nicht auf den Körper
verzichten, er begleitet einen bis zum Tod. Wie gut funktionieren die marktwirtschaftlichen
Regeln und Anreize bei der privaten Gesundheitsabsicherung?
Wer darf sich heute privat versichern?
- Angestellte mit mehr als ca. 4000€ Brutto zum halben Tarif
- Beamte zum halben Tarif
- Selbständige zum vollen Tarif
Neben des scheinbare
Vorteils Einkommensunabhängigkeit für die ersten beiden Gruppen -das Einkommen
kann steigen, der Versicherungsbeitrag tut es nicht - wird der Nachteil für die
Dritte Gruppe oft vernachlässigt. Auch selbständige Würstchenverkäufer, Putzfrauen, Altenpfleger und andere
Nicht-Akademische „kleine Selbständige“ ohne, oder mit wenigen Angestellten,
mit einem Monatseinkommen von vielleicht 2000€, versichern sich bevorzugt
privat, weil die private Krankenkasse gerade für Menschen unter 40, als die
gesetzliche freiwillige Versicherung. Es ist nicht der Wunsch nach
Luxusversorgung, der die Selbständigen in die privaten Krankenkassen treibt, es
ist schlicht billiger, bis hin zur Möglichkeit eines großen Selbstbehaltes, wie
man das von der Teilkasko-Versicherung kennt. Man versichert den Herzinfarkt,
aber nicht den Schnupfen.
In der gesetzlichen Krankenkasse würde dieser Personenkreis
immer so behandelt, als hätte er ein Einkommen in Höhe der
Privatversicherungsgrenze von ca. 4000€. Der Beitragssatz beträgt 15,5%, das
ergibt einen Versicherungsbeitrag von 620 Euro monatlich. Wer kann da
widerstehen und eine private Krankenversicherung mit 200-300€ Monatsbeitrag
ausschlagen?
Die Unterschiede zwischen
privater und gesetzlicher Krankenkasse liegen in Einkommensabhängigkeit und Risikoneutralität.
Alle Differenzen in Leistungsangebot
und Effizienz möchte ich einmal außen vor lassen. Dass ein Privatpatient
leichter an Termine kommt, mag stimmen, das er zu seinem Zahnersatz oder
Brillen nichts zuzahlen muss, ist heute schon mehr und mehr die Ausnahme, aber
ein häufig kolportiertes Gerücht.
Zusatzleistungen für Zusatzprämien gibt es schon heute für jedermann.
Einkommensabhängigkeit
scheint in jungen Jahren ein Nachteil zu sein, man könnte etwas einsparen, die
Privaten können günstigere Tarife anbieten. Man läuft jedoch in die Gefahr
sinkender Einkommen oder stark steigender Versicherungsprämien. Wenn der
Krankenkassenbeitrag 120% des Einkommens beträgt, ist Einkommensabhängigkeit
ein eindeutiger Vorteil, und die 15% für die gesetzliche Krankenkasse fast „Peanuts“.
Rentner mit 1000€ Krankenkassenbeitrag und 800 € Einkommen sind gar nicht so
selten. Meist geringverdienende Selbständige, die schlecht fürs Alter
vorgesorgt haben. Die müssen dann Lösungen finden, meist auf Leistungen
verzichten, Tarife wechseln, manche auch komplett kündigen. Das Recht auf
Versicherung wurde vor ein paar Jahren eingeführt, niemand darf wegen
Vorerkrankungen abgelehnt werden, aber eine Pflicht zur Bezahlbarkeit von
Versicherungen gibt es nicht. Diese
Verpflichtung gehen nur die gesetzlichen Krankenkassen ein, indem Sie bereit
sind nie mehr als ca. 15% des Einkommens des Versicherten zu verlangen.
Risikoneutralität
bedeutet: Der Tarif steigt nicht mit dem Risiko. Man kann älter werden, ohne dass
der Tarif steigt, man kann kränker werden und trotzdem noch die Krankenkasse
wechseln ohne hohe Risikoaufschläge erwarten zu müssen. Die private Versicherungswirtschaft
versucht immer Personen gleicher Risikoklassen zusammenzufassen, wer höhere
Risiken hat muss mehr bezahlen. Teurere Häuser sind teurer zu versichern als preiswerte
Häuser und wer näher am Wasser baut, muss mehr Prämie zahlen, als jemand auf
dem trockenen flachen Land. Im Gesundheitswesen gibt es keine „teuren Häuser“,
alle Menschen sind gleich viel Wert, der Versicherungsgegenstand ist immer der
Gleiche. Unterschiede ergeben sich jedoch im Laufe der Jahre in den Risiken, da
zwickt es hier und dann ist etwas mit dem Blutdruck oder den Zähnen, von Jahr
zu Jahr steigt die Anzahl der „Schäden“. In der KFZ-Versicherung würde man
sagen „Man verliert Schadenfreiheitsklassen“ – es wird teurer und teurer. Die
Folgen zeigen sich gerade bei Flutkatastrophen immer wieder. Es gibt nicht
versicherbare Häuser oder extrem hohe Prämien für Häuser am Wasser. Mit einer
risikoneutralen Prämie würden alle Hausbesitzer pflichtweise gegen Flut
versichert, und schon ist es auf Grund der großen Masse an Versicherten, für
alle wieder bezahlbar. Wir können auf Spendenmarathons und Benefiz-Konzerte
verzichten. Beim Risiko Flut geht die Diskussion gerade in die entgegengesetzte
Richtung, hin zur Vergemeinschaftung von Risiken. Wollen wir das bei der
Gesundheit umkehren, und ältere und kränkere Leute mehr zahlen lassen, genauso
wie wir heute Flussanrheiner mehr zahlen lassen?
Ich bin durchaus ein Freund von freier liberaler (privater) Marktwirtschaft,
doch Marktwirtschaft beruht auf Anreizsystemen, Egoismus und
Selbsterhaltungstrieb. Mit wachsendem Verstand sind die Menschen aber in der
Lage auch die Vorteile von Altruismus, Solidarität und Humanität zu erkennen,
für die die Marktwirtschaft keine direkten Umsetzungsmöglichkeiten hat. An
diesen Stellen muss der Staat ein Regelwerk schaffen, das Solidarität belohnt.
In Deutschland ist dieses System der sozialen, nicht der freien Marktwirtschaft,
ein Ziel mit Verfassungsrang. (Art. 20 GG)
Von so einer Idee wie „freier Wahl zwischen gesetzlicher und
privater Krankenversicherung“ muss ich dringend abraten. Diese Entscheidung
betrifft das ganze Leben und damit einen Horizont von 50-60 Jahren. Der mündige denkende Bürger in allen Ehren,
aber die Anzahl der Menschen die diesen Horizont und die Konsequenzen Ihrer
Entscheidungen nicht überblicken ist zu hoch, da muss der Mensch vor sich
selbst geschützt werden, vor der Gier nach Ersparnis im Alter von 25, mit der
Gefahr der Unbezahlbarkeit im Alter von 70.
(Ein Beitrag zum Vorschlag von Gesundheitsminister Daniel
Bahr vom 27.08.2013, die Privatversicherung für alle zu öffnen.)
