Kann man die Straßen der Bronx in einer Felsenlandschaft
nachbauen ? Man kann.
Die Landesbühnen Sachsen, haben auf der Felsenbühne die
Musical-Fassung des 1980er, mit einem Oscar für den Besten Song gekrönten Films
„Fame“ auf die Bühne gebracht.
Das Theater, dass sich sonst eher in Landschaftskulissen,
Sommernachtsräume oder den Wilden Westen
verwandelt, ist auch für den
Asphalt-Dschungel von New York geeignet. Auf das Bespielen der Naturkulisse wurde
erstmals verzichtet, man entwarf eine
klassische Theaterkulisse, die auch auf jede Indoor-Bühne passen würde, die in
Ihren Ausmaßen jedoch mindestens der Semperoper entsprechen müssten.
Die ca. 15 Sprechrollen wurden ergänzt von einem Heer von „Statisten“.
Der Chor der Landesbühnen hätte wahrscheinlich altersmäßig nicht ganz ins Stück
gepasst, also hat man sich Studierende der Theaterakadamie Sachsen zur
Verstärkung geholt und auch das Tanzcompagnie der Landesbühnen hat sich nahtlos integriert. Die verschiedenen Ausbildungen wurden nur bei
den Tanzeinlagen deutlich. Die
Ballettkompanie, die sonst eher das klassische Repertoire bedient, hatte sichtlich Spaß an kraftvoller Dynamik,
bei der es weder auf übertriebenen künstlerischen Ausdruck á la Gred Palucca, noch auf perfekte Synchronität
ankommt, nur auf die Ausstrahlung von Lebensfreude.
Der Humor reicht im Stil in etwa von Atze Schröder bis
Wolfgang Stumph. Seichte Gags, die auch dann
funktionieren, wenn man den Rest des Stückes nicht gesehen hat; aber für einige
Lacher sorgten. Das Publikum war sicherlich
30 Jahre jünger, als sonst in der Felsenbühne üblich. Für Kinder ab 14 ist das Stück gut geeignet, auf expliziten Street-Slang, Flüche, Drogen und sexuelle Anspielungen sollte man jedoch gefasst sein. Gesprochen wird in Deutsch, gesungen in Englisch, aber fehlende Englisch-Kenntnisse
sind kein Handicap für das Verständnis des Stücks.
Handlung ? Gibt es eigentlich keine. Und das ist vielleicht
das Angenehme an dem Stück. Es wird der Alltag in einer Schule für Tanz,
Schauspiel und Musik dargestellt. Keine künstlichen Spannungsbögen, keine
romantische Liebesschnulze, die in einer Hochzeit endet; Es gibt gar keine
Hauptrollen. Natürlich werden ein paar kleine Geschichten erzählt, die das Stück
zusammenhalten. Sie wirken aber eher wie ein verwobener Episodenfilm. Junge
Künstler mit Träumen, die sich mal realisieren und mal platzen. Sprachprobleme
von Einwanderern, Drogen, Söhnchen aus reichem Haus, Schwule und
Latinocasanovas – von allen Facetten der Großstadt ist etwas dabei. Lehrer, die auch mal mehr vorhatten, als
Lehrer zu werden und graue Eminenzen, die niemand mehr in Frage stellt und mit
Ihrer Lebensweisheit hausieren gehen.
Die Musik bleibt sich selbst treu, ob man es nun
Pop-Rock-Jazz oder Swing nennen will, soll jeder selbst entscheiden. Das
Saxophon spielt eine wichtige Rolle. Die Musik ist ausgewogen zwischen Balladen,
Rockhymnen und Pop-Songs. Ihr Anspruch besteht darin, gut zu unterhalten.
Angenehm ist, dass die ca. 10-Mann Band für den Zuschauer
ständig sichtbar ist, sie spielt auf der seitlichen Hinterbühne und ist nicht
in den Graben, oder gar einen Nebenraum verbannt, wie anderenorts üblich. Die
neue Aktionskunstanlage der Felsenbühne ist gut abgestimmt und die Bäume vermeiden
unangenehme Echos in dem engen Talkessel. Die Sänger tragen Micropods (aufgeklebte Mikrophone) damit
sie auch in den letzten Reihen gut verstanden werden. Das hat leider wie immer
den Nachteil, dass der Ton nicht dorther kommt wo gesprochen wird, sondern aus
dem Lautsprecher. Wenn mehrere Akteure auf der Bühne stehen, muss man manchmal
suchen, wer den Mund bewegt, um zu wissen wer spricht; aber das gibt sich wenn
man sich daran gewöhnt hat, wer mit welchem Akzent oder welcher Stimmlage
spricht.
Die Band spielt "öffentlich"
Ein im Ganzen gelungener Abend, fast 3 Stunden lang.
Viel Premierenstimmung kam nicht auf, außer das am Ende ein paar Menschen auf
der Bühne standen, die sonst nicht auf der Bühne stehen, wahrscheinlich
Regisseur, Bühnenbildner und Schneider – vorgestellt wurden sie nicht; war die
Premiere eine ganz normale Vorstellung. Viele Lichteffekte kommen wohl nur in der 20 Uhr Vorstellung zur Geltung, wenn es zumindest nach der Pause
schon dunkel ist, aber sicherlich lohnen sich die 17 Uhr-Vorstellungen genauso.
Die S-Bahn nach Rathen verkehrt während dieser Spielzeit nur stündlich, aber die letzte Bahn nach
Dresden fährt erst um 0.25 Uhr, so dass man auch noch sicher nach Hause kommt,
wenn die Vorstellung erst um 23:00 endet. Die meisten Gäste kommen jedoch mit
dem Auto.
Fazit: Eine klare Empfehlung, eine junge, frische
Inszenierung mit swingig-poppiger Musik.
Mit Western hat man in der Karl-May-Stadt Radebeul viel
Erfahrung, aber zu Winnetou gibt es leider keine Musik und reines Sprechtheater
mit Westernthemen sind heute nicht mehr attraktiv. Karl May ist leider genauso
aus der Mode wie Jules Verne. Was lag näher als ein Western-Musical wie „Annie getYour Gun“ auf die Bühne zu bringen. Am 18.01.2014 war Premiere.
Die Landesbühnen Sachsen spielen zwar meistens unplugged,
haben sich für diese Inszenierung zu Gunsten eines satteren Tones aber für fast
unsichtbare Micropods (kleine Klebemicrofone) entschieden, die dafür sorgen,
das der Gesang auch bei vollem Big-Band-Sound noch gut zu hören, und zu
verstehen ist.
Michael König und Susanne Engelhardt, beides ausgebildete
Opernsänger mit Musicalerfahrung überzeugen und zeigen zugleich einen
deutlichen Unterschied zu Abgängern moderner Musicalschulen, die meist über viel
weniger Varianz und Spielraum in der Stimme verfügen. Michael König sieht mit
Haaren gleich 10 Jahre jünger aus und wäre sicherlich auch ohne Microfon in der
letzten Reihe zu hören, Susanne Engelhardt tut das Microfon eher gut. Ob der
Wechsel vom zierlichen deutschen Stimmchen am Anfang zum kraftvollen Englischen
Song an Ende, am Wechsel der Sprache liegt oder gewollt die Entwicklung der
schüchternen 17-jährigen zur gereiften 25-jährigen darstellen soll, bleibt
offen. Die ein wenig überartikulierte und übergestikulierte
Darstellung mag man den Dramaturgen verzeihen. Bei jedem lang gehaltenen Ton
die Arme auszubreiten, und sich beim Singen des Wortes Herz sich an selbiges zu
fassen kennt man eher von Helene Fischer, aber will man dem Theater Theatralik
vorwerfen?
Der Dirigent Christian Voß scheint Spass an Swing zu haben.
Anderes Musiktheater dirigiert der Chef der Elbphilharmonie eher selten, im
November hatte er bereits ein „Swinging Philharmonics“ Programm und bei der
Premiere erschien er statt im sonst üblichen Frack legér im schwarzen Hemd. Die
Percussionist dürfte bei keinem Stück ohne Jazzbesen ausgekommen sein, wenn
doch, nur um kurzfristig den indianischen Trommler zu geben.
Die Landesbühnen haben ein Ballett, und um die Existenz
einer Ballett-Compagnie zu rechtfertigen werden in wirklich jede Inszenierung
in denen noch nie jemand ein Ballet gesehen hat, Tanzszenen eingebaut. Im Falle
von Annie Get Your Gun sehr gelungen. Indianische Kampfszenen gehen, wenn man
sich das Irokesen-Outfit und die Knochenumhänge wegdenkt als Ausdruckstanz alá
Pina Bausch – in Dresden wohl eher Gret Palucca – durch oder vielleicht auch
als die fliegenden Ninjas in fernöstlichen Kampftänzen. Hebefiguren sind zwar
indianeruntypisch, kann man aber als Anspielung auf Zirkusartistik so stehen
lassen. Indianer in Seidenstrümpfen sind dagegen unpassend. In der einzigen
Situation in der etwas nackte Haut wirklich passend wäre, verzichtet man
darauf. Gekonnte artistischte Einlagen am Vertikaltuch würde man eher bei André
Sarassani vermuten.
Die sehr farbenfrohe Version von Judy Garland wird fast noch übertroffen:
Das Bühnenbild wirkt zwar sparsam, wird aber mit
transparenten und semitransparenten Projektionswänden optimal ausgenutzt. Der
Hintergrund wird mal zum Zirkuszelt, mal zum blauen Himmel von Minnesota, zum
Schiffsdeck, Schiffsunterdeck, Eisebahnwagen von innen, Eisenbahnwagen von
außen, Ballsaal oder einem Ausblick auf die Skyline von New York. Es gibt zwar
nur 2 Akte, aber so viele Szenen und wechselnde Orte wie in kaum einem anderen
Stück.
Bemerkenswert ist der Umgang mit der englische
Originalfassung Von vielen Songs gibt es bekannte und gute deutsche Texte. In
den letzten 20 Jahren hat sich jedoch überwiegend durchgesetzt Songs im
Original zu singen und die Zwischentexte auf Deutsch zu sprechen. Die
Landesbühnen Sachsen wagen jedoch ein gelungenes Durcheinander, in dem die
Sprache auch innerhalb der Songs ständig gewechselt wird, teils in der
Wiederholung, teils von Strophe zu Strophe, teils mitten im Dialog „Alles was
Du singst das singe ich schöner – I can sing everything sweeter than you.“.
Das Stück geht mit Pause ca. 3 Stunden.
Musical-Kultur ist
Pop-Kultur
Irving Berlin dürfte nur Insidern bekannt sein, er gehört
aber mit Cole Porter, Jerome Kern und natürlich George Gershwin zu den
führenden Komponisten der Swing-Ära, den
40er Jahren, die in Deutschland wegen den Nazis „ausgefallen“ und nie wieder
richtig aufgeholt wurden.
Von Berlin stammen so bekannte Hits wie „Puttin on the Ritz“
oder „White Christmas“ für das er einen Oscar gewann. Später erhielt er einen
Grammy für sein Lebenswerk. Die Theater setzen aber traditionell auf
Understatement und prahlen nicht mit Bannern wie „von Oscar-Preisträger und Grammy-Award-Winner Irving Berlin“, wie
man das in der Filmindustrie machen würde.
Das Repetoire aus Annie Get Your Gun fristet in Deutschland
ein Nieschendasein, in den USA gehört es zur Alltagskultur und ist keineswegs
angestaubt.Neil Patrick Harris und Hugh Jackmann haben mit „Everything You can
do I can do better „ die Tony-Awards 2011 eröffnet,
ab 1:15min
auch in diversen Folgen der
Simpsons hieß es mindestens „There’s no buisness like show buisness“ und es lag
wohl auch nur an der US-Sopranisting Reneé Flemming, das es ein Song aus Annie
Get Your Gun bis in das ZDF-Silvesterkonzert 2013 geschafft hat. Irving Berlin
gehört zur US-Kultur.
Auch Spider-Man blieb nicht verschont, hier ein Ausschnitt mit Kirsten Dunst
„Annie Get You Gun“ war ursprünglich gar kein Musical,
wahrscheinlich weil das Genre noch gar nicht erfunden wurde. Es war eine
Broadway-Revue, eine die Nummern verbindende Handlung war gern gesehen aber
nicht zwingend notwendig. Das merkt man vor allem dem zweiten Teil der Annie
noch an.
Die ständig wechselnden deutschen Titel des Musicals trugen ebenfalls nicht zu seiner Bekanntheit bei,
Die Verfilmung kam unter dem Titel "Duell in der Manage" in den 50ern in die Kinos,
und die Aufführungen am Theater liefern teilweise unter dem Titel "Annie schiess Los"
Die deutsche Erstaufführung war eine Produktion mit Heidi Brühl und dem 11jährigen Ilja Richter.
Die Story
Worum geht’s überhaupt ? Um Show ! Um Business. Um einen
Zirkus, genauer gesagt die Wild-West-Show von Buffalo Bill, den man manchmal
sogar den Erfinder des Show-Business nennt. Annie Oakley ist eine Kunstschützin
und wird als erster Superstar der Pop-Kultur bezeichnet. Die ganze Geschichte
beruht mehr oder weniger frei auf realen Personen und wahren Begebenheiten.
Annie wird irgendwo auf der Tournee im Wilden westen aufgegabelt
und engagiert. Der Zirkus kämpft gegen Konkurrenten, um die attraktivsten
Künstler, Sitting Bull investiert sein Geld aus einer Ölquelle geht Pleite und
versucht eine Fusion mit dem Konkurrenten.
Eine Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen, hält
sich aber dezent zurück, fängt mit dem wunderbar melancholischen „Man sagt,
verliebt sein, das wäre wunderbar“ an, und endet mit einem Rosenkrieg in „Alles
was Du kannst, das kann ich viel besser.“
Die Indianerschau von Buffallo Bill hat am 1.6.1890, mitsamt
der echten Anne Oakley in Dresden gastiert. Hier noch das Originalplakat der
Show. Originalposter der Dresdener Vorstellung 1890
Ein paar Originalaufnahmen von Bill und Annie, die teilweise auch in der Vorstellung verwendet werden.
Es wird auch spekuliert ob Karl-May die Show besucht hat.
Winnetou stammt von ca. 1878, das Thema Wilder Westen, die Neugier auf fremde
Welten, Abenteuer- und Reiselust waren in der Zeit vor der Erfindung des Kinos
noch groß.
Die Zukunft des Musicals
Die Operette wird
wohl mit der aktuellen Seniorengeneration aussterben, das Musical ist noch zu
retten und wie die kommerziellen Produktionen von Stage-Entertainment in
Hamburg und Stuttgart zeigen, auch gerne besucht. Man muss aber etwas dafür tun, auch über 60 Jahre
alte Stücke zu erhalten oder wiederzuentdecken . Die Prüfung bei Eventim
ergibt, das aktuell oder in naher Zukunft kein anderes deutsches Theater „Annie Get You Gun“
aufführt. Anscheinend hat man Angst vor zu geringer Akzeptanz beim Publikum. Umso
mutiger ist es von den Landesbühnen Sachsen, so ein Stück ins Programm zu
nehmen, würde aber auch bei Eventim.de, Reservix.de oder Konzertkasse.de nicht gefunden werden, weil es nicht mit großen Anbietern zusammenarbeit.
Die Begeisterung für Theater auf die Generation der unter 40
jährigen, vielleicht auch fast der unter 60jährigen zu übertragen gehört
sicherlich zum Bildungsauftrag von kommunalen Theatern. Leider hat man dabei
noch nicht erkannt, dass man diese Begeisterung nicht erst auf der Bühne wecken
muss, dort gilt es „nur“ die Erwartungen zu erfüllen. Der Zuschauer muss vor dem
Kartenkauf so begeistert werden, dass er eine Karte kauft und das erreicht man
nicht mit einem einzeiligen Eintrag im Spielplan und der Angabe der Handlung auf
der Web-Site. Den Rest der Werbung überläßt man leider der Presse.
Bezeichnet man die Songs als beschwingte Schlager erreicht
man eine ganz andere, viel kleinere Zielgruppe, als wenn man die Songs als
„Swinging Hits“ bezeichnen würde. Buchstäblich der gleiche Inhalt, aber in
Deutschland mit sehr verschiedener Bedeutung belegt.
Provinztheater – aber kein provinzielles Theater. Es ist wie
immer schade daß es von so aufwändig ausgearbeiteten Vorstellungen nur 5
Vorstellungen in dieser Spielzeit gibt. Mund zu Mund Propaganda wird so leider
ausgebremst. Falls ich hier jemandem Lust auf das Stück mache, muss er sich
erstmal 2 Monate gedulden, und wenn er dann gerade nicht kann, wieder 2 Monate.
Wenn Stage-Entertainment 150 Vorstellungen von Tarzan in
Hamburg absolviert hat, ziehen sie für weitere 150 Vorstellungen nach
Stuttgart. Landesbühnen bauen auf, bauen ab, spielen in verschiedenen Orten und
können damit unmöglich Gewinn machen. Sie haben sich an diese Situation schon
so gewöhnt, daß sie es nichteinmal mehr versuchen. Erfolg wird an
Besucherzahlen gemessen, nicht am Umsatz.
Der Wohl passendste Spieltag ist der Freitag nach
Himmelfahrt. Dann ist in Radebeul Karl-May-Fest und halb Radebeul sieht dann,
mit vielen Western-Fans gefüllt, gewöhnlich so aus, wie das was man im Theater
auf der Bühne darzustellen versucht.
Immerhin hat der Intendant Manuel Schöbel, der gleichzeitig
auch die Regie geführt hat und dem Annie anscheinend am Herzen liegt, bei Erfolg
der ersten 5 Vorstellungen in Aussicht gestellt, Annie Get Your Gun 2015
eventuell auf die Felsenbühne Rathen zu bringen. Wohin würde ein Wildwest-Stück
besser passen, als in die freie Natur. Die Zirkusartistik muß man
wahrscheinlich mit einer Pferdeshow ersetzen, aber etwas wie Swing und Schlager
zieht sicherlich mehr Publikum an, als „Schauspiele“ wie „Old Surehand“.
Western ist Out, Swing ist In. In diesem Sommer können wir uns in Rathen
erstmal auf „Fame“ freuen. Die Freude der Landesbühnen hält sich aber 5 Monate vor der Premiere soweit in Grenzen, das Sie sich auf Ihrer WebSite auf die Angabe der Spieltage begrenzt. Wenn man keinen Texter hat der das Werk ein wenig anpreist, wäre doch wenigstens ein Link zu Wikipedia ein kleiner Anfang.
Appetithäppchen
Aus rechtlichen Gründen gibt es keine Videos von den
Landesbühnen, wer sich trotzdem ein Bild von der Musik machen will, kann sich
ein paar Ausschnitte aus anderen Quellen anschauen:
Can't get a man with a gun - Männer stehen nicht auf schiessende Frauen
Judy Garland in Doin' what comes Natur'lly - Weil es ganz von selber geht
Betty Hutton "Got the sun in the morning",
Keine gute, aber eine einmalige Aufnahme mit den Muppets
und selbst ein Heeresmusikcorps kann das ganz gut:
Und wer noch nicht genug hat, es gibt auch eine Gesamtaufnahme
Aus kommunalen Theatern hört man ständig, wie knapp doch die finanziellen Mittel seien. Vor 2 Jahren mussten die Landesbühnen Sachsen bereits Ihr Sinfonieorchester auflösen, bzw. mit der Elblandphilharmonie fusionieren. Das Geld reicht nicht aus, doch anstatt die Eintrittspreise zu erhöhen hat man den Generalmusikdirektor entlassen, den Musikern das Gehalt gekürzt, das Angebot von 3 Vorstellungen je Konzert auf eine Vorstellung gekürzt und die Eintrittspreise gesenkt.
Die Landesbühnen Sachsen geben 25% Weihnachts-Rabatt, die Musikfestpiele Dresden bieten Karten incl. Stollen an, das Moritzburg-Musik-Festival besondere CD‘s, die Staatsoperette lädt gleich kostenlos zum Konzert ein und so buhlen alle um die Aufmerksamkeit der immer gleichen Personen. Die Stücke mögen noch so gut und die Preise noch so niedrig sein - wenn der einzelne Zuschauer jede Woche ins Theater gehen würde, würde es den Reiz des Besonderen verlieren und sich selbst zu etwas Gewöhnlichem, zu Alltag, degradieren.
Jeder Einzelhändler würde Preissenkungen lauthals herausposaunen, "Jetzt 20% auf alles", nur so haben reduzierte Preise auch die Wirkung neue Kunden zu bringen. Doch bei den Landesbühnen geschah das leise, still und fast heimlich.
So sahen die Preise für ein Anrecht der Saison 2012/13 aus:
Und das ist daraus ein Jahr später geworden:
Anfangs glaubt man noch an Druckfehler, doch die Karten werden wirklich für diese Preise verkauft.
Es wird noch besser: Zu diesen 5 Konzerten a 7 € für 35 € bekommt man noch einen Gutschein für weitere 10 €, und etwas später noch eine Freikarte für eine Veranstaltung ohne genaue Wertangabe, ich setze mal einen Mindestwert von 5 € an.
Am Ende zahlt man für seine 5 Konzerte einen effektiven Preis von 20 €. Alleine 2,32€ werden für das Porto verwendet, die man braucht um so ein Abonnement zu managen. Wieviel bleibt denn dann noch für die Künstler übrig ?
Man kennt Sonderangebote zu reduzierten Preisen von Bahn und Fluggesellschaften. Doch dort wird die Menge der Billig-Tickets begrenzt. Im Theater nicht. Egal ob 300 Senioren kommen oder 100 Harz-IV Empfänger, das Recht auf Rabatt ist nicht kontingentiert. Zusätzlich wird noch für den Verkauf von Anrechten geworben, für noch mehr rabattierte Karten.
Für den normalen Vollzahler sehen die Preise so aus.
Ein wenig günstigere Preise erwartet man in einem Anrecht, schließlich geht man unbesehen in jede Vorstellung, egal was geboten wird. Fünf zum Preis von Vier wäre ein gutes Angebot. Doch im Vergleich zur Abendkasse zahlt man in Preisstufe 2 nur 7€ im Anrecht anstatt 15€ an der Abendkasse. Das sind 55% Rabatt, die sich durch oben gezeigte Gutscheine weiter erhöhen. Wenn man mit einem Abonnement sein Theater fördern möchte, indem man es besonders häufig besucht, ruiniert man es, in dem man nur ca. ein Drittel dessen zahlt, was an der Abendkasse verlangt würde.
Den Vollpreis zahlen nur wenige, denn es gibt Rabatt für Studenten, Senioren und für Hartz-IV Empfänger. In Sinfoniekonzerten dürfte es nicht mehr als 10% Vollzahler geben, Zahlen bzgl. Auslastung und gewährten Ermäßigungen werden leider von keinem Theater veröffentlicht.
Während woanders Kurzentschlossene an der Abendkasse einen Last-Minute-Rabatt erhalten, kostet es an den Landesbühnen Sachsen noch 2€ Aufpreis. Haben die Gewerkschaften vielleicht einen tariflichen Aufschlag für Ticketverkäufer, die nach 18 Uhr arbeiten, vereinbart, oder wie kann man erklären, das Kurzentschlossene derartig "bestraft" werden ? Eine holländische Auktion der Restkarten wäre doch eine gute Idee, der Preis fällt ständig, bis alle Karten verkauft sind. Falls es mehr freie Plätze als Interessenten gibt, würden die Karten natürlich für 0€ verkauft, aber wenn sich das herumspricht wird das nicht allzu oft passieren und es kostet das Theater keinen Pfennig.
Über die Struktur des Publikums veröffentlicht das Theater keine Zahlen, obwohl es sicherlich leicht aus dem Kassensystem zu ermitteln wäre. Ich schätze darum mal die Besucherzahlen für Sinfoniekonzerte:
140 Abonnenten.
60 Senioren, Schwerbeschädigte, ALG-II Empfänger und Sozialpassinhaber im Freiverkauf
10 Studenten, davon 10 von der Hochschule für Musik
8 Freikarten für Bürgermeister, Landräte, Mitglieder des Landtages usw., alle in Preisklasse 1
6 Kinder unter 18.
14 Erwachsene Vollzahler
= 238 Besucher, davon 6% Vollzahler.
Vielleicht traut sich mal ein Theater derartige Zahlen zu veröffentlichen.
Die pauschale Rabattierung über das Alter ist nicht angemessen. Die Zeiten in denen Rentnerhaushalte zu den Geringverdienern gehörten sind definitiv vorbei. Gerade im Osten, wo der Doppelverdienerhaushalt die Regel ist, haben Rentnerpaare häufig mehr Haushaltseinkommen, als ein vollzeitbeschäftigter alleinerziehender Geringverdiener. Warum sollte man einen Rentnerhaushalte mit 1500€ Einkommen anders behandeln als einen Alleinverdienerhaushalt mit 1500€ Einkommen? Einkommensschwache Haushalte zu fördern ist gerechtfertigt, Senioren pauschal als einkommensschwach zu kategorisieren, jedoch nicht. Mit irgendeinem Bedürftigkeitsnachweis kann man kulturelle Veranstaltungen genauso subventionieren wie den öffentlichen Nahverkehr. Aber deswegen kann man doch von Nichtbedürftigen angemessene Preise verlangen.
Man muss sich einmal vergegenwärtigen, das eine Kinokarte, in 3D und 12-Kanal-Ton ca. 12-14€ kostet. Live-Übertragungen von Konzerten, Opern und Balletten auf der großen Leinwand werden für ca. 16-20€ angeboten.
Darf eine Theaterkarte nicht teurer sein als eine Kinokarte? Wäre ein Preis, etwa doppelt so hoch wie im Kino, nicht angemessen ? Im Theater sind 20-100 Menschen auf der Bühne, Im Kino nur ein Filmvorführer, der für 8 Kinosäle zuständig ist.
Preise zu reduzierten unterstellt immer, die Gäste würden ausbleiben, weil es Ihnen zu teuer ist. Leider ist das nicht immer der Fall. Vielleicht interessiert die Gäste das Angebot einfach nicht.
Lust auf Theater kommt nicht über niedrige Preise sondern über Bildung, ein Interesse das irgendwann einmal geweckt wurde. Wer in den letzten 40 Jahren nie im Theater war, wird auch in den nächsten 40 Jahren höchstwahrscheinlich kein Interesse haben, ein Theater zu besuchen. Mit 10€ Kultur-Budget im Monat geht jemand vielleicht lieber ins Kino oder sieht sich 2 Filme im Pay-TV an. Das sind Alternativen die sich nicht wegdiskutieren lassen, und die für viele Zuschauer attraktiver sind, als ein Theaterbesuch.
In der Semperoper gibt es faire Preise, normal gekaufte Vollzahler-Ticket kosten ca. 44 €. Dabei stehen in die Semperoper ca. 1300 Plätze zur Verfügung stehen, während es in der Provinz meist nur Säle mit 400 Plätzen gibt.
Die Berliner Symphoniker bieten seit ein paar Jahren die
Live-Übertragung Ihrer Konzerte in der
Digital Concert Hall an. Ein
Ticket für die Übertragung auf den heimischen PC oder Fernseher kostet 9,90€.
Wenn man bedenkt, dass man auch zu zweit oder dritt vor dem Fernseher sitzen
kann, nicht zu teuer. Video-On-Demand für einen aktuellen Blockbuster in HD kostet ca. 5,99€, für ein einmaliges Live-Event kann man schon ein paar Cent mehr verlangen. Für den ländlichen Raum gibt es also Lösungen, die Kultur zugänglich macht.
Der Wunsch
nach kommerziellem Erfolg scheint in Kulturbetrieben verpönt zu sein. Es ist weder zu beobachten
das Kosten gespart werden, noch das Einnahmen erhöht werden sollen. "Kommerzialisierung" gilt als Frevel.
Einzig
glücklich machende Kennzahl ist die Besucherzahl. Es wird alles für
mehr Besucher getan und nur wenig für mehr Einnahmen. Die Dresdner Neuesten Nachrichten verkünden 6000 mehr Besucher in den Landesbühnen in der letzten Spielzeit. Leider erfährt man nicht, ob auch der Umsatz gestiegen ist. 25% Rabatt zu geben um 10% mehr Besucher zu bekommen wäre ein schlechtes Geschäft gewesen. Ganz sicher würden sich die Besucherzahlen noch weiter steigern lassen, wenn man den Gästen neben einer Freikarte auch noch 1€ pro Stunde gibt.
Der Ansatz
"Kulturbetrieb ist nicht kostendeckend durchführbar" scheint so
weitgehend akzeptiert, das man aufgegeben hat, das Gegenteil zu versuchen.
Das man mit
300 Karten á 25 € mehr verdient als mit 400 Karten á 15 € ist "Kulturschaffenden" anscheinend
nicht beizubringen. 75% Auslastung sehen schlecht aus, sowohl im Saal, als auch
in der Statistik, und so werden die Karten um jeden Preis unters Volk gebracht. Koste es was es wolle. Der Aufschrei kommt erst dann, wenn die Politik mit Subventionskürzungen droht.
Bis Heiligabend 2013 gab es 24% auf alle Tickets der FelsenbühneRathen. Die Aktion wurde jetzt sogar bis zum 24. Januar verlängert. Die besten Sitzplätze werden heute mit Rabatt abverkauft, und der Tourist, der
vielleicht erst bei einem Ausflug nach Rathen das erste Mal davon hört, das es
dort eine Bühne gibt, und sich kurzfristig eine Karte zum Vollpreis kaufen
würde, bekommt entweder keine Karte mehr, oder muss sich mit den schlechtesten
Plätzen zufrieden geben. Die spontanen Vollzahler sitzen also auf den billigsten Plätzen, die treuen Stammkunden sitzen mit Rabatt in der ersten Reihe.
Am 27. Juni
2014 ist die Premiere von „Fame“ auf der Felsenbühne. Eine gute Idee, ein Stück zu wählen, dass man
bereits aus einem Film kennt und den Altersdurchschnitt des Publikums
wahrscheinlich von 67 auf 45 senken könnte. Obwohl man den Erfolg des Stückes
noch nicht abschätzen kann, beginnt man heute schon den Abverkauf mit Rabatten
zu fördern.
Eine Karte
die heute mit 25% Rabatt verkauft hat, kann man morgen nicht mehr zum Vollpreis
verkaufen.
Jeder Rabatt
bedeutet Verzicht auf Einnahmen. In der Privatwirtschaft bedeuten Rabatte
zumeist nur Verzicht auf Gewinn, der Händler gibt etwas von seiner Gewinnmarge
an den Käufer ab. Doch wo keine Gewinne existieren kann man auch nichts davon
abgeben.
Muss man denn dem Zuschauer je 5€ schenken, damit Sie Ihre Karte heute kaufen, anstatt eine Woche vor der Vorstellung? Was hat ein
Theater davon, wenn Karten möglichst frühzeitig verkauft werden? Wenn
"Die Ärzte" oder "Roland Kaiser" am Dresdner Elbufer ausverkauft
sind, werden Zusatztermine angeboten, damit möglichst viel
Zahlungsbereitschaft abgeschöpft werden kann. Doch davon ist an öffentlich rechtlichen Theatern nur selten etwas zu
merken. Ein einmal aufgestellter Spielplan bleibt erhalten.
Es gibt keine Zusatzvorstellungen. Alle Theatermitarbeiter sind fest angestellt und sehen in zusätzlicher Arbeit wahrscheinlich nur zusätzlichen Aufwand und nicht zusätzliche Einnahmen. Wenn die Karten so billig sind, das man mit jeder Vorstellung von Vornherein nur Verluste macht, ist es sogar rational, möglichst wenige Vorstellungen anzubieten.
Irgendjemand muss aber so
viel unternehmerischen Sachverstand haben den Erfolg einzelner Stücke zu
promoten und gegebenenfalls auch Vorstellungen bei mangelndem Interesse
abzusagen. Warum sollte man 2 Vorstellungen vor je 100 Gästen spielen, wenn man
einen Saal für 400 Personen hat? Jede Charterfluggesellschaft legt bei geringer Nachfrage Flüge zusammen.
Einsparmöglichkeiten
die das Kulturangebot nicht reduzieren gibt es viele. Aber solange die
öffentlichen Subventionen auf eingefahrenen Gleisen weiter fließen um den
Status-Quo zu erhalten denkt man über solche bislang als unkonventionell
geltenden Ideen nicht nach.
Neben der
Felsenbühne ist die Sächsische Dampfschiffahrt eine Top-Attraktion in Rathen. Vielleicht
wären 25% Rabatt auf eine Art Kombi-Ticket sinnvoll, doch die beiden
Unternehmen reden nicht einmal miteinander. Die Fahrpläne sind nicht auf die
Spielzeiten abgestimmt. Die letzte Ankunft in Rathen ist 14:45, das ist für die
15 Uhr Vorstellung zu spät, für die 20 Uhr Vorstellung zu früh. Die letzte
Rückfahrt um 17:15 ist etwas knapp um nach dem Ende der 15 Uhr Vorstellung rechtzeitig
am Anleger zu sein, 17:45 wäre deutlich günstiger und man würde immernoch bequem um 20:15 zum Abendessen in der Dresdener Innenstadt einlaufen.
Andere
Spielstätten bieten ein Kombi-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr an. Ein
Nachtticket für den gesamten Verkehrsverbund kostet im Einzelkauf 7€. Als
Kombination mit einer Eintrittskarte und abzüglich Verkaufsprovision ist es für
die Landesbühnen sicherlich für 5€ zu bekommen. Als Fahrkarte wäre der
"Rabatt" viel besser angelegt, als als "Barauszahlung". Damit
könnten Gäste aus Riesa, Hoyerswerda, Pirna, Meißen die Landesbühnen
(kostenlos) erreichen. So ein Nachtticket, das ab 18 Uhr gilt, funktioniert
natürlich nur, wenn die Veranstaltungen nicht schon um 19 Uhr beginnen.
Wegen der
vielen Spielstätten in ganz Sachsen verfügen die Landesbühnen Sachsen über
einen großen Fuhrpark. Bei Aufführungen im Stammhaus könnte man die Busse
nutzen um Gäste nach Voranmeldung persönlich an der Haustür abzuholen. Gerade Senioren, denen man wahrscheinlich am wenigsten erklären muss, wer "Die Dreivon der Tankstelle“ oder „Frau Luna“ sind, erreichen das Theater wegen
fehlendem öffentlichen Nahverkehr nach 18 Uhr nicht oder haben zumindest Probleme
bei der Rückfahrt nach 22 Uhr. Bei 10 verkauften Tickets kann man doch den
Kegelclub, Gesangsverein oder sonstige Seniorenvereinigungen aus
Hinterposemuckel abholen und wieder nach Hause fahren. Teurer als 25% Rabatt zu
gewähren wird das auch nicht, zumal der Busfahrer wahrscheinlich festangestellt
ist, und der Bus sowieso nur so herumsteht wenn im Stammhaus gespielt wird.
Es gibt so viel bessere Möglichkeiten Gäste
zu animieren ein Theater zu besuchen, als über billigere Eintrittskarten.
Nicht zuletzt
spielt natürlich der Spielplan die wesentliche Rolle. Der ist im Allgemeinen
sehr Abwechslungsreich für Jung und Alt, nur für moderne und unbekannte Stücke
muss man mehr Werbung machen. Jeder Kinofilm hat einen 3min Trailer, im Theater
wird davon nur sehr zögerlich Anwendung gemacht. Das "Fotografieren und
Filmen ist verboten". Damit verbietet man doch auch mal ebend schnell
ein Foto auf Facebook, Twitter oder Google+ zu posten.
"Weiterempfehlen" und "Mund-Zu-Mund-Propaganda" geschieht
heute nicht mehr durch Erzählungen in
der Kantine sondern mit Fotos auf sozialen Netzwerken. Ein Foto, in der
Theaterpause versendet, während die Begeisterung für die Veranstaltung noch
voll in einem steckt, ist mit nichts zu ersetzen und vor allem vollkommen kostenlos. Wegen
übervorsorglich ausgelegter Interpretationen des Urheberrechtes verbietet man
den Gästen Werbung zu machen. Im Theater gilt immer noch: Gegessen wird
was auf den Tisch kommt. Den Spielplan bestimmt die Intendanz und wenn das
Theater leer bleibt, sind alle anderen Schuld, aber nicht das Programm.
Heißt
soziale Gerechtigkeit, dass die gesamte Sozialgemeinschaft den Theaterbesuch
finanziert. Gerade im Theater, das seine
Zuschauer eher aus dem Bildungsbürgertum rekrutiert, gibt es besonders viele, "die es sich leisten können". Es liegt wohl außerhalb der
Vorstellungskraft sich das Geld bei denen zu holen, die die Dienstleistung
Theater in Anspruch nehmen: Den Zuschauern.
Warum soll ein Theater nicht vorrangig von denen finanziert werden, die das Theater besuchen und sogar bereit sind, für diese Dienstleistung zu bezahlen. Man traut sich einfach nicht, von den Gästen Geld zu verlangen. Von Marktforschungen die besagen, dass die Gäste ausbleiben würden, wenn die Karten 10€ teurer würden, ist nichts bekannt. Pro
Vorstellung 20 Freikarten für Harz-IV Empfänger wäre wohl die bessere Lösung, als
allen Zuschauern ein "billiges Vergnügen" zu bieten.
Liebe Theater, bitte
nehmt anständige Preise, weder Andrea Berg, noch André Rieu, noch Rammstein
gibt es für weniger als 25€ und diese Veranstaltungen sind voll - Gäste
sind bereit für gute Leistungen zu bezahlen.
Nach 1988 gab es in Dresden am 15.06.2013, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, erstmals wieder eine Neuinszenierung des 1843 ebenfalls in Dresden uraufgeführten "Fliegenden Holländers". Beim Aperitif auf der Semperopern-Terasse gab es nur ein Thema: "Die Flut" und "Man sieht gar nichts mehr", "Bis wo war das Hochwasser ?" "Ach es ist gar nicht über die Ufer getreten". Nur 8 Tage nach dem Scheitel der Flut wirkt Dresden sehr normal und unaufgeregt, selbst die Sächsische Dampfschifffahrt hatte am Samstag morgen wieder ein kleines Rundfahrt-Programm aufgenommen. Das Premierenpublikum war deutlich festlicher gekleidet als bei anderen Veranstaltungen in der Semperoper. Man sah mehr Smokings, Fräcke und Abendroben, sogar Kimonos und das Sprachengewirr im Foyer machte den Eindruck der Anwesenheit vieler ausländischer Gäste. Der Altersdurchschnitt erschien gut 10 Jahre geringer als man das beispielsweise von Verdi- oder Puccini-Opern gewohnt ist. Eine Wagner-Oper gehört anscheinend in Kreisen, unter denen ich eher wenige Dresdner vermute, zu einer Art gesellschaftlichem Ereignis. Die Zeiten der großen Abendgarderobe bei einem Theaterbesuch hätte ich eigentlich als überwunden betrachtet. Wer schon knapp 100 Euro für eine Theaterkarte investieren muss, soll sich nicht noch verpflichtet fühlen auch noch in Armani oder Dior erscheinen zu müssen. Die Programmhefte waren 20min vor der Vorstellung ausverkauft, die Nachfrage nach Premieren-Programmmen scheint deutlich höher als bei anderen Vorstellungen. Die Qualität des Gesangs möchte ich mangels Vergleich nicht beurteilen, nur der Holländer selbst gehörte zum Ensemble der Semperoper, alle anderen wurden aus den USA und dem deutschsprachigen Raum eingeflogen. Die Stimmen klangen genauso weich und kraftvoll wie von Wagner beabsichtigt. Man muss der Intendanz der Semperoper vertrauen, dass erfahrene Sänger ausgewählt wurden, die Ihrer Aufgabe auch gewachsen sind. Falsche Töne waren nicht zu vernehmen und es war auch nicht zu bemerken das nicht alle deutsche Muttersprachler waren. Übertitel während der Vorstellung waren trotzdem hilfreich, denn die 160 Jahre alte Sprache klingt in unseren Ohren doch manchmal recht ungewohnt, und wer hat schon noch Wörter wie Tand und Eidam in seinem aktiven Repertoire. An einigen wenigen Stellen sind die Sänger auch einfach der Lautstärke des Orchesters unterlegen. Mangelnde Kraft, Enthusiasmus und Spielfreude kann man weder dem Orchester noch den Darstellern vorwerfen.
Auch der mit ca. 80 Personen sehr gut besetzte Opernchor läßt ebenfalls keine Sparmaßnahmen erkennen und ist sicherlich nicht an vielen Häusern zu erleben. Das Bühnenbild war eher schlicht gehalten und keine Revolution. Eine Felsenklippe in Norwegen. Es hätte auch durchaus eine Kopie der Felsenbühne Rathen sein können, nur das man sich statt der senkrechten Felswand eher eine für Video-Projektion geeignete Rückwand vorstellen muss, die die Weite des Meeres erahnen lassen soll. Handwerklich läßt die Nachbildung von leicht bewachsenen kargen Felsen, ausgetretenen Pfaden und ein paar vom Wind sehr mitgenommenen Bäumen keine Wünsche offen. Die Gesamtstimmung erinnerte an einige düsterere Hitchcock-Klassiker, wie "Rebecca", "Vertigo" ein wenig auch "Die Vögel" und "Nebel des Grauens". Die Ausleuchtung von Nacht und Morgengrauen war perfekt. Werksbeschreibung für Neueinsteiger: "Piraten der Karibik" ist sehr ähnlich, ein Geisterschiff trifft auf einen realen Kapitän. Nur ist die ganze Sache weniger auf Humor angelegt sondern toternst und ohne Seeschlachten. Es gibt sogar einen Toten, man weiß nicht so genau wer es ist, die Rolle eines Priesters für eine Beerdigung und eine Hochzeit sollte anscheinend ausgebaut werden, einige wortlose, fast pantomimisch wirkende Szenen wurden ergänzt. Senta bekommt ein 9-jähriges Alter-Ego, das ohne Text über die Bühne wandelt. Abweichend von der klassischen Inszenierung wurde das Spinnstübchen zu einer Entbindungsklinik. Der Sinn dieser Metapher hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber irgendjemand wird sich wohl etwas dabei gedacht haben. Mitten beim "Dreh dich Rädchen, summ, summ, summ" werden Kinder geboren, und zwar dutzendweise. Für das gebildete Publikum bleiben sicherlich noch viele weitere Anspielungen zu entdecken.
Das Gemälde, das Senta laut Gesangstext angeblich andauernd anschmachtet, war nicht vorhanden. Auf das obligatorische Schiff als Bühnenbild wurde verzichtet, weil man sich doch irgendwie vom "Gewöhnlichen" abgrenzen will, allerdings ist diese Idee nicht allzu neu, sondern auch in den Inszenierungen, beispielsweise der Oper Zürich schon fast wieder "normal". Wer die Staatskapelle von Konzerten auf der Bühne kennt, wird es als etwas dumpf empfunden haben, das Vorspiel aus dem Graben heraus zu hören. Wenn man nur die Reflektion eines Tones hört, ist es doch etwas anders, also wenn er Hindernisfrei vom Instrument zu Gehörgang gelangt. Wagner selbst hat das Orchester immer in den Graben verbannen wollen um voll und ganz dem Instrument der Stimme huldigen zu können. Er verstand sich immer auch als Dramaturg, nicht nur als Komponist, der viel Wert auf die Kombination von dargestelltem Inhalt, Instrumentation und stimmlicher Umsetzung legte.
Für das Technik-Affine Publikum: Die Vorstellung war in 3D und in 50+ Kanal Sound. Live und Unplugged, in einzeln belüfteten gepolsterten Klappsesseln. Zumindest machen Kinos auf diese Art Werbung, die Theater versäumen es meistens mit Ihren Pfunden zu wuchern. Die Staatskapelle veranstaltete gleichzeitig ihr "Klassik picknickt", die Anzahl der Musiker muss anscheinend groß genug sein, um zwei Veranstaltungen am gleichen Abend bespielen zu können; Beachtlich. Der "Fliegende Holländer" wurde von 19 Uhr bis 21.15 Uhr ohne Pause durchgespielt. Tosender Beifall über 10min, eine 2 malige Präsentation aller beteiligten einzeln und im Ensemble bewegten sich eher im normalen Bereich. Standing-Ovations im größeren Rahmen blieben aus. Inwieweit der Applaus Richard Wagner galt, oder der Aufführung im Besonderen war nicht unterscheidbar. In leichter Abenddämmerung aus einer Oper zu kommen, noch dazu von Wagner, ist eher selten und dem nahen Mitsommer geschuldet. Die Dresdner Altstadt war wegen der Bunten Republik Neustadt (30.000 Besucher) und der ungerechtfertigten Stornierungswelle nach dem Elbhochwasser deutlich ruhiger als sonst. Fazit: Ein oppulentes Werk wird bild-, musik- und stimmgewaltig in Szene gesetzt. Wagner wäre sicherlich damit zufrieden gewesen. Eine allzu exzentrische oder hyperverkopfte Modernisierung des Werkes hat man sich zum Glück erspart, ein paar Andeutungen in dieser Richtung wirken sicher für den einen nicht zu störend, für den anderen nicht zu klassisch. An Wagner traut sich kein Provinztheater heran und die Semperoper bleibt Ihrem bekannt hohen Niveau treu, verzichtet jedoch auf frühere, allzu schockierende Stilmittel, wie tanzenden Geköpften oder maschinengewehrtragenden Soldaten. Wer nicht das erste Mal Kontakt mit klassicher Musik hat, für den ist der Holländer ein guter Einstieg in die Welt Wagners. Klassik-Anfänger sollten vielleicht eher das Sommergastspiel der West-Side-Story in der Semperoper besuchen, um die Ehrfurcht vor dem Haus und der Atmosphäre etwas abzubauen und den Abstand zur gängigen Pop-Kultur in kleinen Schritten überwinden zu lernen und sich im September vielleicht mit "Carmen" weiter an ältere, aber ganz und gar nicht angestaubte, Musik heranzutasten. Ich bin sicherlich kein Wagner-Experte, nur ein regelmäßiger Theaterbesucher, aber da keine anderen frei verfügbaren Opern-Kritiken im Netz auffindbar waren, musste ich ebend selbst eine verfassen.