Häufig wird "entgangener Gewinn" als Schaden
bezeichnet. Wenn man also einen Grund erfindet, warum man hätte mehr Gewinn
machen können, dann kann man auch sagen man macht Verlust bei Wegfallen des
Grundes. Über Verluste zu klagen ist viel beliebter als mit Gewinnen zu
prahlen.
"Wenn in Dresden keine Flut gewesen wäre, hätte das Hotel 10% mehr Gäste". Die Zahl ist
frei erfunden, vielleicht beruht sie auf Erfahrungen aus dem Vorjahr. Nun war
Hochwasser. Es ist also ein Schaden durch Flut entstanden? Allerdings rein
hypothetisch, es ist eine reine Vermutung das Gäste wegen der Flut nicht
kommen. Vielleicht gab es auch ein Super-Sonderangebot für Berlin oder Hamburg
das die Gäste weglockt, oder die jüngste Veröffentlichung der
Kriminalitätsstatistik schreckt ab, oder die Wirtschaftskrise erlaubt den
Gästen keinen Urlaub. Es kann sehr viele Gründe für ausbleibende Urlauber
geben, es ist pure Ignoranz den erstbesten oder offensichtlichsten Grund als
Alleinverursacher zu betrachten. Es ist aber bequem, einfach und klingt
plausibel.
So kommt es das man einmal hört "Die Flut 2013 hat 2
Mrd. € verursacht", ein andermal sind es 10 Mrd €. Mal sind beschädigter Hausrat und Gebäude gemeint, mal sind entgangene
Gewinne durch wegfallende Touristen, der sogenannte „volkswirtschaftliche Schaden“, indirekte Folgewirkungen, enthalten.
Man kann nicht sagen die Zahlen seien falsch, aber sie haben keine Aussage wenn
man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt.
Mit dem betriebswirtschaftlichen
Begriff des Verlusts haben beide "Schäden" jedoch nichts zu tun. In
der Betriebswirtschaft gilt als Verlust, wenn man mehr Ausgaben als Einnahmen
hat. Dafür braucht man keinen Schaden, dafür reicht auch Dummheit. Ein Restaurant stellt mehr Personal ein als es
braucht oder kauft sein Gemüse statt im Großhandel auf dem Wochenmarkt, und
schon decken die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr und es entsteht Verlust.
Behauptet wird aber dann leichtfertig: Es kommen zu wenig Gäste.
Statt 1000€ Gewinn nur 900€ Gewinn zu machen ist kein
Verlust - Es ist weniger Gewinn; denn die Zahl 1000 ist nichts weiter als eine Erwartungshaltung und die Erwartung
hängt davon ab ob der, der sie hat, ein Optimist oder ein Pessimist ist. Wer
nur 800€ erwartet, freut sich über 900€,
wer 1000€ erwartet behauptet er macht Verluste. Die typische Frage ob ein Glas halbleer oder
halbvoll ist.
Entgangene Gewinne werden von keiner Versicherung als
Schaden anerkannt, sie sind nicht versicherbar.
Wieviel Schaden richten Schwarzfahrer
an? Wie viele Schwarzfahrer gibt es? Ein paar werden erwischt, die Mehrheit
sicherlich nicht. Die Wirtschaftswoche behauptet zum Beispiel, es wären 2011 120 Millionen€ Schaden entstanden, und auch die Kosten der Kontrolleure sollte man doch besser noch Bedenken, vielleicht auch noch die Kosten des Fahrkartendrucks, denn wenn alle ehrlich wären könnte man sich doch Kontrollen, und damit Fahrkarten überhaupt, ersparen. Ein Amerikaner hat mich mal verwundert gefragt warum denn der Busfahrer kein Ticket sehen wolle und warum man einfach so in eine U-Bahn einsteigen kann ohne durch irgendein Drehkreuz gehen zu müssen.
Mit dem Verzicht auf solche Kontrolltechnik hat man ein gewisses Maß an Schwarzfahrern akzeptiert. 0% Schwarzfahrer empfinden wir als gerecht, aber 100% Kontrolle ist so aufwändig, das es billiger ist, 1% Schwarzfahrer zu akzeptieren. Die einfache Rechnung "weniger Schwarzfahrer = mehr Gewinne" ist naiv.
Doch warum es eigentlich geht, ist die Behauptung es sei ein Schaden von 120 Millionen € entstanden. Die Zahl wird einfach so in den Raum gestellt, ohne ein „ca.“, ein „ungefähr“ oder jegliche Relativierung.
Wie kommt man auf so
eine Zahl ?
Manchmal zählt man nur die gestellten Schwarzfahrer, ,manchmal
nimmt man die Zahl einfach Mal 4. Das nennt man dann "Schätzung der Dunkelziffer". Man könnte es auch "Freie
Erfindung" nennen, aber das klingt weniger wissenschaftlich. Schätzen ist
durchaus eine wissenschaftliche Methode, wenn es kein Messverfahren gibt, aber
die Ergebnisse müssen dann deutlich als „geschätzt“ gekennzeichnet werden. Am
deutlichsten würde das, wenn man die Zahlen als „im Bereich von .. bis .. „angeben
würde.
Wie könnte man den Schaden durch Schwarzfahren berechnen ?
(Anzahl gestellte Schwarzfahrer + „geschätzte erfolgreiche
Schwarzfahrer“) * Preis einer Einzelfahrt = Schaden
Das klingt plausibel ? Nur wenn man nicht über Alternativen
nachdenkt. Es setzt voraus, das jeder Schwarzfahrer, statt ohne Fahrkarte zu
fahren, eine Einzelfahrkarte kauft. Aber so etwas ist nicht realistisch.
- · Vielfahrer kaufen sich vielleicht Wochen- oder Monatskarten, die sind günstiger als Einzelfahrten
- · Kurze Wege geht man zu Fuß, oder man nimmt das Fahrrad
- · Für lange Wege nimmt man das Auto
- · Man kann auch einfach zu Hause bleiben, wenn einem die Fahrkarte zu teuer ist,
Hat man das bei der Schätzung des „Schadens durch
Schwarzfahrer“ alles berücksichtigt? Das weiß man nicht, vielleicht ja,
vielleicht nein. Da man solche Zahlen gerne aufbauscht damit sie ganz
fürchterlich aussehen, verzichtet man wahrscheinlich darauf. "Verluste" sind doch
eine gute Begründung für Fahrpreiserhöhungen, Entlassungen oder Forderungen nach Subventionen.
Es liegt nicht immer entgangener Gewinn, vor, denn die
Alternative zu „Mann ohne Fahrkarte“ ist nicht zwangsläufig „Mann mit Fahrkarte“.
Gerade im Nahverkehr gibt es extrem wenig variable Kosten,
das heißt die anfallenden Kosten hängen nicht von der Anzahl der Passagiere ab.
Nicht die Anzahl der Busse, der Busfahrer, kaum die des Treibstoffs oder der Anzahl
der Verkaufsstellen.
Worin besteht der "echte" Schaden? Ein Bus mit 200
Kilo mehr Frachtgewicht (2 Personen) verbraucht evtl. 0,5Liter mehr Diesel je
100 km. Vielleicht steigen auch die Reinigungskosten um 0,5% weil der
Schwarzfahrer den Bus verschmutzt. Das ist der reale Schaden, der Mehraufwand
ohne Gegenleistung.
Ich möchte Schwarzfahrer nicht entschuldigen. Erschleichung
von Dienstleistungen ist eindeutig Betrug und es ist unfair gegenüber den
zahlenden Fahrgästen. Das eine Friseurin mit 1000€ Nettoeinkommen mehr für Ihre
Fahrkarte bezahlen soll, als eine Rentnerin mit 1000€ Rente, finde ich auch
unfair, aber gehört jetzt nicht hierher.
Mit Statistiken und Zahlen wird zu salopp umgegangen "Sage mir eine Zahl, und ich finde
eine Berechnungsmethode oder Annahmen, die die Zahl begründet". Man hört oft: „Traue
keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast“, wobei „.. die Du nicht
selbst erstellt hast“, zutreffender wäre. „Fälschung“ unterstellt böse
Absichten, aber auch pessimistische Annahmen drängen eine Zahl in die eine oder
andere Richtung.
Etwas verkürzt sagt man auch: "10 Experten - 10
Meinungen". Meistens fragt man nur einen Experten, und dessen Ergebnisse
werden dann durch mehrfaches Abschreiben von Journalisten so oft verkürzt,
verallgemeinert, oder umformuliert, dass sich fast zwangsläufig die Bedeutung einer
Zahl ändert, oder nicht mehr erkennbar ist.
Zahlen über "Verluste" sollte man nicht allzu viel
Vertrauen schenken, wenn man nicht weiß wie sie entstanden sind. Am besten
nicht so genau hinhören, und auf keinen Fall solche Zahlen für eigene
weiterführende Überlegungen verwenden. „Jammern
gehört zum Geschäft“ und „Only bad
news are good news“.