Mittwoch, 28. August 2013

Private Krankenversicherung für alle

Wäre das nicht schön? Könnte man sich das leisten? Welche Vorteile, welche Nachteile gibt es?

Mit der Gesundheit verhält es sich etwas anders als mit einem Haus oder einem Auto. Man kann seinen Körper nicht einfach verkaufen oder gegen ein neues Modell austauschen, wenn etwas kaputt geht. Man ist auf fortwährende Reparaturen angewiesen. Man kann auch nicht auf den Körper verzichten, er begleitet einen bis zum Tod.  Wie gut funktionieren die marktwirtschaftlichen Regeln und Anreize bei der privaten Gesundheitsabsicherung?

Wer darf sich heute privat versichern?
  •          Angestellte mit mehr als ca. 4000€ Brutto zum halben Tarif
  •          Beamte zum halben Tarif
  •          Selbständige zum vollen Tarif

Neben des  scheinbare Vorteils Einkommensunabhängigkeit für die ersten beiden Gruppen -das Einkommen kann steigen, der Versicherungsbeitrag tut es nicht - wird der Nachteil für die Dritte Gruppe oft vernachlässigt. Auch selbständige Würstchenverkäufer,  Putzfrauen, Altenpfleger und andere Nicht-Akademische „kleine Selbständige“ ohne, oder mit wenigen Angestellten, mit einem Monatseinkommen von vielleicht 2000€, versichern sich bevorzugt privat, weil die private Krankenkasse gerade für Menschen unter 40, als die gesetzliche freiwillige Versicherung. Es ist nicht der Wunsch nach Luxusversorgung, der die Selbständigen in die privaten Krankenkassen treibt, es ist schlicht billiger, bis hin zur Möglichkeit eines großen Selbstbehaltes, wie man das von der Teilkasko-Versicherung kennt. Man versichert den Herzinfarkt, aber nicht den Schnupfen.

In der gesetzlichen Krankenkasse würde dieser Personenkreis immer so behandelt, als hätte er ein Einkommen in Höhe der Privatversicherungsgrenze von ca. 4000€. Der Beitragssatz beträgt 15,5%, das ergibt einen Versicherungsbeitrag von 620 Euro monatlich. Wer kann da widerstehen und eine private Krankenversicherung mit 200-300€ Monatsbeitrag ausschlagen?

Die Unterschiede zwischen privater und gesetzlicher Krankenkasse liegen in Einkommensabhängigkeit und Risikoneutralität. Alle Differenzen in  Leistungsangebot und Effizienz möchte ich einmal außen vor lassen. Dass ein Privatpatient leichter an Termine kommt, mag stimmen, das er zu seinem Zahnersatz oder Brillen nichts zuzahlen muss, ist heute schon mehr und mehr die Ausnahme, aber ein häufig  kolportiertes Gerücht. Zusatzleistungen für Zusatzprämien gibt es schon heute für jedermann.

Einkommensabhängigkeit scheint in jungen Jahren ein Nachteil zu sein, man könnte etwas einsparen, die Privaten können günstigere Tarife anbieten. Man läuft jedoch in die Gefahr sinkender Einkommen oder stark steigender Versicherungsprämien. Wenn der Krankenkassenbeitrag 120% des Einkommens beträgt, ist Einkommensabhängigkeit ein eindeutiger Vorteil, und die 15% für die gesetzliche Krankenkasse fast „Peanuts“. Rentner mit 1000€ Krankenkassenbeitrag und 800 € Einkommen sind gar nicht so selten. Meist geringverdienende Selbständige, die schlecht fürs Alter vorgesorgt haben. Die müssen dann Lösungen finden, meist auf Leistungen verzichten, Tarife wechseln, manche auch komplett kündigen. Das Recht auf Versicherung wurde vor ein paar Jahren eingeführt, niemand darf wegen Vorerkrankungen abgelehnt werden, aber eine Pflicht zur Bezahlbarkeit von Versicherungen gibt es nicht.  Diese Verpflichtung gehen nur die gesetzlichen Krankenkassen ein, indem Sie bereit sind nie mehr als ca. 15% des Einkommens des Versicherten zu verlangen.

Risikoneutralität bedeutet: Der Tarif steigt nicht mit dem Risiko. Man kann älter werden, ohne dass der Tarif steigt, man kann kränker werden und trotzdem noch die Krankenkasse wechseln ohne hohe Risikoaufschläge erwarten zu müssen. Die private Versicherungswirtschaft versucht immer Personen gleicher Risikoklassen zusammenzufassen, wer höhere Risiken hat muss mehr bezahlen. Teurere Häuser sind teurer zu versichern als preiswerte Häuser und wer näher am Wasser baut, muss mehr Prämie zahlen, als jemand auf dem trockenen flachen Land. Im Gesundheitswesen gibt es keine „teuren Häuser“, alle Menschen sind gleich viel Wert, der Versicherungsgegenstand ist immer der Gleiche. Unterschiede ergeben sich jedoch im Laufe der Jahre in den Risiken, da zwickt es hier und dann ist etwas mit dem Blutdruck oder den Zähnen, von Jahr zu Jahr steigt die Anzahl der „Schäden“. In der KFZ-Versicherung würde man sagen „Man verliert Schadenfreiheitsklassen“ – es wird teurer und teurer. Die Folgen zeigen sich gerade bei Flutkatastrophen immer wieder. Es gibt nicht versicherbare Häuser oder extrem hohe Prämien für Häuser am Wasser. Mit einer risikoneutralen Prämie würden alle Hausbesitzer pflichtweise gegen Flut versichert, und schon ist es auf Grund der großen Masse an Versicherten, für alle wieder bezahlbar. Wir können auf Spendenmarathons und Benefiz-Konzerte verzichten. Beim Risiko Flut geht die Diskussion gerade in die entgegengesetzte Richtung, hin zur Vergemeinschaftung von Risiken. Wollen wir das bei der Gesundheit umkehren, und ältere und kränkere Leute mehr zahlen lassen, genauso wie wir heute Flussanrheiner mehr zahlen lassen?

Ich bin durchaus ein Freund von freier liberaler (privater) Marktwirtschaft, doch Marktwirtschaft beruht auf Anreizsystemen, Egoismus und Selbsterhaltungstrieb. Mit wachsendem Verstand sind die Menschen aber in der Lage auch die Vorteile von Altruismus, Solidarität und Humanität zu erkennen, für die die Marktwirtschaft keine direkten Umsetzungsmöglichkeiten hat. An diesen Stellen muss der Staat ein Regelwerk schaffen, das Solidarität belohnt. In Deutschland ist dieses System der sozialen, nicht der freien Marktwirtschaft, ein Ziel mit Verfassungsrang. (Art. 20 GG)

Von so einer Idee wie „freier Wahl zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung“ muss ich dringend abraten. Diese Entscheidung betrifft das ganze Leben und damit einen Horizont von 50-60 Jahren.  Der mündige denkende Bürger in allen Ehren, aber die Anzahl der Menschen die diesen Horizont und die Konsequenzen Ihrer Entscheidungen nicht überblicken ist zu hoch, da muss der Mensch vor sich selbst geschützt werden, vor der Gier nach Ersparnis im Alter von 25, mit der Gefahr der Unbezahlbarkeit im Alter von 70.


(Ein Beitrag zum Vorschlag von Gesundheitsminister Daniel Bahr vom 27.08.2013, die Privatversicherung für alle zu öffnen.)