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Freitag, 31. Oktober 2014

Beim Mauerfall in der NVA

Geschichten aus Sicht von Botschaftsflüchtigen, Bürgerrechtlern, Demonstranten und Grenz-Erstüberquerern am 9. November wurden schon viele geschrieben. Von der Lage der normalen Soldaten in der Armee der DDR wird relativ wenig erzählt.

Ich habe das ganze Jahr 1989 bei meinem Grundwehrdienst in der NVA verbracht.

Westfernsehen war zwar überall verboten, aber in den Kasernen wurde es auch durchgesetzt.
Von den Botschaftsbesetzungen und Montagsdemonstrationen erfuhr man nur von Soldaten die aus dem Urlaub kamen. Kontakt zur Stadtbevölkerung gab es kaum, Ausgänge waren rar, und wurden nicht für politische Diskussionen genutzt.

Urlaub hatte ich etwa 1 Wochenende je Monat, damit war ich schon privilegiert, im 3. Halbjahr seiner 18-monatigen Dienstzeit gehört man schon zu den Älteren und weil ich der einzige war, der mit 18 Schreibmaschine schreiben konnte, hatte ich einen ganz guten Job und einen kurzen Draht zum Feldwebel mit den Urlaubsscheinen.

Telefon gab es quasi nicht - ich kannte niemanden der zu Hause ein Telefon hatte.
Der Oma hat man Briefe geschrieben. Um mal kurz Bescheid zu sagen, wann man Urlaub bekam, konnte ich von einer Telefonzelle aus, meinen Vater auf der Arbeitsstelle anrufen.


Die Gerüchte von Flüchtenden über Ungarn und den Botschaftsflüchtlingen in Prag erreichten uns irgendwie. Genscher's "Rede" in Prag habe ich auf einem Urlaub Anfang Oktober gesehen. Die Tatsache das Menschen die DDR verlassen wollten, und es auch geschafft haben, war keine große Überraschung. Das passierte  ab und zu. Viel ungewöhnlicher waren die Montagsdemonstrationen in Plauen und Leipzig. Kundgebungen, die nicht von der SED organisiert wurden, waren neu. Die Vorsicht, nicht gegenüber jedem, und schon gar nicht in der Öffentlichkeit, laut zu sagen was man denkt, war also gewichen.

Am 17. Oktober rief jemand in mein Zimmer:
"Honecker ist weg - Krenz ist der Neue".
Ernsthafte Änderungen, die auch von der Parteispitze wahrgenommen wurden, waren also im Gange.

4. November, ein Samstag
4 Uhr, Alarmwecken, Befehl Ausgangsuniform, das bedeutet, Hemd, Hose, langer Mantel, Schirmmütze. Ab auf den LKW - Busse gab es bei der NVA generell nicht. Nur LKW mit Holzbänken und Planen. Es war dichter Nebel, kurz über dem Gefrierpunkt. Wir fuhren nach Berlin.
Im Zentralrat der FDJ wurden wir abgeladen. Das Gebäude nennt sich heute "Zollernhof". Von
dort wird täglich das ZDF-Morgenmagazin gesendet. Es liegt direkt "Unter den Linden", ca. 300m vom Brandenburger Tor entfernt.
Man hat uns erklärt, in Berlin würde eine Großdemonstration stattfinden. Im Falle, dass sich
die Menschen auf den Weg machen das Brandenburger Tor zu stürmen, sollten wir als "Menschlicher Schutzwall" unbewaffnet, die Mauer verteidigen.

Die Idee der Erstürmung des Brandenburger Tores gab es nicht nur im Osten, wie man in diesem Video sieht, lagen die Reporter auch im Westen auf der Lauer, ob sich auf der anderen Seite etwas tut.

Petra Pau war damals Mitglied des FDJ-Zentralrats und hat den Tag in einem Interview
für eine Doku zur FDJ (Phoenix: Freundschaft) so beschrieben, dass da Soldaten in der Kantine herumgelungert hätten, und auf Ihren Einsatz gewartet hätten. Wir haben nicht darauf gewartet - Wir haben gehofft das es nicht so weit kommen wird.
Wir waren nicht von den Grenztruppen, ganz normale Infanterie und ganz normaler Wehrdienst.
Man hat uns einen Fernseher gegeben, wir haben jede Minute der Demonstration mit Spannung verfolgt, aufmerksamer als je eine andere Sendung zuvor. Ich vermute es muss sich um eine Live-Übertragung im DDR-Fernsehen gehandelt haben, so offen, so verändert, war die Medienlandschaft bereits.

Der damals 25-jährige Jan Josef Liefers,  der sich damals noch vorstellte mit "Mein Name ist Liefers - ich bin Schauspieler", hier mit einem Kommentar von heute:
 


Die kürzesten und zutreffendsten Worte hatte sicherlich Steffie Spira gefunden,
die vielleicht auch deshalb besonders eindrucksvoll waren, weil sie von einer 81-jährigen kamen.
"Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen!"

Stefan Heym, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Christa Wolf, Lothar Bisky.
Alles Namen die mir damals noch nicht viel sagten.

aber auch Regierungsvertreter wie der Stasi-Spionagechef Markus Wolf, Manfred Gerlach oder Günter Schabowski haben sich der Diskussion gestellt.
http://www.youtube.com/user/HistoryChannelWolf55/videos

Diese Kundgebung dauerte ca. 4 Stunden.
Was hätten wir gemacht, wenn wir uns vor eine Menschenmenge hätten stellen müssen ? Den Dienst verweigern ? Den Befehl ausführen ? Nach dem "Mauerdurchbruch" einfach mit "rüber" ?

Anfang 1989 hatte ich einen Soldaten erlebt, der sich "daneben benommen" hat.
Zu spät aus dem Urlaub gekommen, gegenüber Vorgesetzten frech geworden, ich kann mich nicht mehr genau an das Vergehen erinnern, er landete jedenfalls im berüchtigten Armee-Gefängnis in Schwedt. Er ging als lauter Halbstarker, er kam nach 3 Monaten als verschwiegener Erwachsener zurück. Es war ihm wohl verboten über das erlebte zu berichten. Vor einer Menge an Gerüchten hat man zum Teil mehr Respekt, als vor dem genauen Wissen, was denn dort passierte.

Vergehen wurden ohne viel Verhandlung oder Rechtfertigung geahndet. Gehorsam und Disziplin waren selbstverständlich, der freie Wille sträubte sich etwas, aber dass man etwas nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, kam eher selten bis nie vor. Da ich nichts falsch machen wollte, habe ich einmal nach einem Exemplar der Dienstvorschriften gefragt. Die Antwort war "die seien geheim". Man sollte sich also an Vorschriften halten, die man nicht kennen durfte.

Die Größte Errungenschaft der Wende ist für mich heute die Rechtsstaatlichkeit, das Recht den Staat auf die Einhaltung von Gesetzen zu verklagen. Die Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive hat nicht existiert. Aber diese Begriffe oder Ideen haben ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekannt.

9. November
ich hatte längerfristig Urlaub beantragt und genehmigt bekommen. Die Vorgänge an der Mauer in Berlin haben sich nicht schnell genug auf den Dienstwegen verbreitet. Urlaubs- und  Ausgangssperren wurden erst am Morgen des 10. November verhängt.

Mein Weg führte mich durch Dresden, der Bahnhof hatte kaum noch eine intakte Glasscheibe. Das waren Folgen der Zugdurchfahrten der Botschaftsflüchtlinge aus Prag.

Man saß staunend vor dem Fernseher, vielleicht in etwa so wie man den 11. September 2001 verfolgt hat, man traf auch ein paar Nachbarn, die mit der Nachricht "wir kommen gerade vom Ku'damm" auf einen zukamen.

Als Armeeangehöriger ins "Ausland" zu fahren stand außer Frage. Wir hatten keinen Personalausweis, der wurde gegen den Wehrdienstausweis eingetauscht. Sofort los und "rüber" kam mir also nicht in den Sinn. Desertation oder Fahnenflucht wären schwerwiegende Dinge gewesen.

später im November
Ein Mitsoldat brachte eine frische Ananas aus dem Urlaub mit. So etwas kannte ich bis dahin nur aus Dosen. Wir haben diese Ananas sicherlich zu acht gegessen. Ich bin nicht sicher, ob wir schon wussten, dass wir neben der Schale auch den Kern entfernen mussten. Es war interessant, aber kein Genuss. Die Finger brannten, die Lippen brannten, wahrscheinlich war die Frucht noch etwas unreif, aber nunja, der erste Kaffee und das erste Bier haben schliesslich auch nicht sofort geschmeckt, vielleicht gewöhnt man sich auch an solche Genüsse.

Ende November.
Die Versorgungslage wurde schlechter. Nicht bedrohlich schlechter, aber spürbar. Es gab zu viele Menschen die nicht mehr zur Arbeit erschienen.  Es gab keine Wurst die für 4 Wochen eingeschweißt wurde und nur ganz wenig H-Milch, die 3 Monate  aufbewahrt werden konnte. Die DDR war sehr rückständig, alle ernährten sich von Frischfleisch und Frischmilch. Ein Laden der 2 Tage nicht beliefert wurde, hatte also nichts mehr anzubieten.

Ich wurde nach Magdeburg abkommandiert, und verbrachte die letzten zwei Monate meines Wehrdienstes damit, täglich morgens um 5 Uhr Milch in die vielen kleinen Verkaufsstellen des Umlandes zu fahren, das Leergut wieder einzusammeln und zur Molkerei zurückzubringen.
Damals hatte noch jedes Dörfchen ein Lädchen. Man war bis 12 beschäftigt.


Anfang Dezember konnte ich dann im nächsten Urlaub meinen Personalausweis vom Wehrkreiskommando abholen. Es gab zwar ein paar Unklarheiten, bis hin zur "Unerlaubten Entfernung von der Truppe", weil ich natürlich vom Kraftverkehr Magdeburg nicht die armeetypischen Urlaubsscheine bekam. Aber die Bürokraten waren deutlich entspannter. Mit der Auflage mich bei irgendeinem Vorgesetzen zu melden, erhielt ich meinen Personalausweis, gleich mitsamt eines Visums.

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Es zog mich nie in den Westen, oder nicht mehr als aus touristischen Gründen. Ich fand das so spannend wie vielleicht Frankreich oder England. Es ist schön wenn man hinfahren darf, aber es ist  nächstes Jahr auch noch da - das läuft nicht weg. Ich hatte das Gefühl es gut zu kennen, weil man täglich im Fernsehen "dabei" war. Wegen des Begrüßungsgeldes habe ich mich dann aber doch mal im Dezember in einen Zug Richtung Westen gesetzt. Man konnte das Geld ja nicht "verfallen" lassen. Ich hatte des Gefühl, dass von mir erwartet wurde, dass ich das abhole. Es waren 100 DM die in einer Braunschweiger Postfiliale bekam.


Ich haben keinen Pfennig davon ausgegeben. Soweit ich mich erinnere, konnte man mit einem DDR-Personalausweis kostenlos mit dem Stadtverkehr fahren. Die Zugfahrkarte hatte ich noch im Osten gekauft.

Der erste Eindruck vom Westen ? Mehr Lichter, viele Glasfassaden, große Kaufhäuser. Durch irgendeinen dieser Paläste bin ich  gelaufen. Es sah alles tatsächlich so aus, wie man es aus dem Fernsehen kannte - keine große Überraschung. Vom Preisniveau hatte man natürlich keine Ahnung, das nicht alles überall gleich viel kostete war mir klar. Die erste Lektion die man lernte war "Kaufe nicht das Erstbeste - Vergleiche erst Preise". Also kaufte ich gar nichts.

Der Grundwehrdienst war zwar auf 18-Monate angelegt, auf Grund der Umstände, oder auch schon als Anpassung an den Westen, wurde ich bereits nach 15-Monaten, Ende Januar, entlassen. Für meinen Abschied musste ich noch einmal in die Kaserne. Dort hatten sich sehr schnell einige Änderungen ergeben. Aus dem Genossen Major, wurde der Herr Major. Viele, die sich für 5 oder mehr Jahre zum Dienst verpflichtet hatten, waren verschwunden, oder zumindest organisierten Sie Ihre Kündigung. Das Land war spürbar im Aufbrauch.

Was wurde aus dem Begrüßungsgeld ?
Ab Januar, im neuen Kalenderjahr, gab es dann nocheinmal 100 DM, zusammen mit ein paar angesparte "Devisenreserven" und Spenden von Oma und Vater, wurde daraus im Februar mein erster PC. Es war ein Commodore von Hertie. Nicht der unter Gleichaltrigen im Westen wahrscheinlich verbreitetere C64 sondern ein richtiger IBM kompatibler PC.

Einen Studienplatz hatte ich schon und ich hatte keine Ambitionen daran irgendwas zu ändern.Die "roten Wochen" der ideologischen Vorbereitung gab es nicht mehr und an den naturwissenschaftlichen Qualifikationen der DDR-Universitäten hatte ich nicht den geringsten Zweifel.

Am 1.7.1990 kam die D-Mark, das gesamte Vermögen war auf Konten einzuzahlen, 4000 Mark wurden 1:1 getauscht, der Rest 2:1.
Am 1.9. habe ich begonnen zu studieren und
am 3.10. gab es ein Feuerwerk zur Wiedervereinigung.

Es gab es noch eine Art Identitätsstiftung. Ich wurde zum Brandenburger gemacht. Die Länderstruktur, die angeblich auch bis 1952 existierte, war mir vollkommen fremd. Brandenburg war für mich etwas, dass ich in die Zeit des alten Fritz eingeordnet hätte, auf jeder älteren Karte die ich kannte, stand in der Gegend wo ich wohnte immer nur "Preussen". Von Sachsen und Thüringen als Regionen hatte ich schon gehört, so wie man vom Schwarzwald und vom Harz gehört hat. Aber nun erhielten einige Regionen plötzlich den Rang eines Bundeslandes und man sang eine Landeshymne, die es angeblich schon immer gegeben hat, die ich aber in der DDR noch nie gehört hatte.

Zusätzlich wurde noch verboten, an diversen Tagen wie Himmelfahrt, Reformationstag und Buß- und Bettag zu arbeiten. Keiner hat sich die Mühe gemacht zu erklären, wozu das gut ist. Aber wer stellt bei Zusatzurlaub schon viele Fragen. Man kann sich an Alles gewöhnen.

Samstag, 10. August 2013

Kapitalismus ist Super – aber nichts ist perfekt - und Kommunismus ist schlimmer


Ich habe mal behauptet „Arbeiten lohnt sich – es schafft Einkommen“, und daraufhin die Frage erhalten wie ich Kapitaleinkommen einordne, Zitat:  „Kapitaleinkommen (Einkommen ohne Arbeit) und die Tatsache, dass letztere höher sind als die Einkommen aus Arbeit“. Eine Antwort in 3 Zeilen erscheint mir unmöglich.
Es sind immer Menschen die das Einkommen bekommen, für verschiedene Dinge die sie tun. Ob jemand ein Auto vermietet, oder ob er Geld vermietet, es ist das Gleiche. Er muss jemanden finden an den er es vermieten kann, Verträge schließen, die Rückgabe des Mietgegenstandes vereinbaren, ihn entgegennehmen, usw. Es ist unbestreitbar Zeitaufwand, Know-How-Einsatz usw. Mietzins, Kreditzins, es ist egal wie man es nennt.


Wenn jemand eine Kiste Äpfel für  5€ im Großhandel einkauft und Sie dann im Einzelhandel für 10€ wieder verkauft, dann ist das die gleiche Arbeit wie eine Aktie für 5€ zu kaufen, und für 10€ wieder zu verkaufen - das Kistenschleppen fällt vielleicht weg. Aber Man muss ein Produkt auswählen, 2 Märkte zwischen denen man es hin- und her transferiert, usw. Es ist beides Handel und es ist beides Spekulation. Handel ist immer Spekulation. Der Obsthändler spekuliert darauf, dass das was er für 5€ gekauft hat  für 10€ wieder verkaufen kann. Er hat dabei ziemlich wenig Risiko, das Preisgefüge ist stabil, er kann es am nächsten Tag wieder mit dem An- und Verkauf von Äpfeln versuchen. Wer mit Aktien handelt muss sich jeden Tag etwas Neues Aussuchen, was an einem Tag gut lief, läuft nicht unbedingt am nächsten Tag nochmal gut. Er muss obendrein noch Angst haben das die Aktien fallen. Er geht ein viel höheres Risiko ein. Risiko muss entlohnt werden. „Geld verdienen ohne Arbeit“ ist definitiv falsch.

Ich will das aber nicht so einseitig stehen lassen, ich verstehe schon womit man ein Problem haben könnte. Es sind die Größenordnungen.
Man hat mit der Verwaltung von 1000 € Vermögen genauso viel Arbeit, wie mit der Verwaltung von 1 Million €. Man kann für die gleiche Arbeit mit 10 € entlohnt werden, oder mit 10.000 €. Eine Wohnung zu besitzen und zu verwalten ist nicht viel weniger aufwändig, als 10 Wohnungen zu besitzen und zu verwalten. Der Hebel ist das Entscheidende dabei.

Karl Marx (ich kann auch ganz Links) hat in seinem Buch „Das Kapital“ (er hat sich ökonomisch mit dem Kapitalismus beschäftigt und nie etwas anderes im Sinn gehabt), ganz richtig erkannt, das der Besitz an den Produktionsmitteln der entscheidende Faktor ist.
Dazu gehört fast jede Art Besitz, aus dem man irgendwie Geld machen kann, ohne ihn zu verbrauchen. Die eigene Arbeitskraft, ist auch ein Besitz, man nennt es Humankapital, für „Kapitalisten“ ist es was Positives, etwas ein Kapital zu nennen, Moralisten verbitten sich Menschen mit Kapital zu vergleichen, schon dort fangen die Missverständnisse an.
Das große Problem mit dem Humankapital: Es ist nicht vermehrbar und nicht akkumulierbar, Jeder besitzt genau „1 Einheit“. Arme Bauernfamilien haben es mit vielen Kindern versucht zu vermehren, heute ist Kinderarbeit verboten, das geht nicht mehr. Die oben genannte Hebelwirkung kann man mit der Arbeitskraft nicht erreichen. Weitere Produktionsmittel:  Grundbesitz, Ackerland, Maschinen, Gebäude, Bodenschätze, und natürlich Geld. Es zählt nur das Geld zum Anlegen, nicht das Geld zum Ausgeben. Investition und Konsum sind verschiedene Dinge, auch wenn beide mit „Einkaufen“ zu tun haben.


Die Verteilung der Produktionsmittel, der Eigentumsverhältnisse, ist der Grund für die Not der Arbeiterklasse, wie Marx richtig feststellte. Das ist die Stelle die Ungerechtigkeiten erzeugt und an der man ansetzen muss, wenn man etwas verändern will. Große Vermögen sorgen dafür, das „leichtes Geld“ verdient wird, das wiederum in Vermögen verwandelt wird, und es exponentiell wachsen läßt. Wenn jemand exponentielles Wachstum nicht versteht: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen – und je größer der Haufen ist, desto schneller wächst er“. Oder auch „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Matthäus 25,29. Ich bin Atheist, aber die Bibel enthält nicht nur Theologie, sondern war auch das erste Buch mit ganz viel Soziologie, Philosophie und sämtlichen Grundverhaltensweisen der Ökonomie. Es gab nur ein Buch und da hat man alles reingeschrieben, was man für wichtig hielt - auch wenn man später den Autor vergaß, und "glaubte" es war ein anderer.

Marx und Matthäus im gleichen Absatz mit der gleichen Aussage. Von einem atheistischen Kapitalisten – Was mache ich hier nur. Kapitalismuskritiker und Moralisten ansprechen hoffe ich.

Natürlich läßt sich Einkommen in Vermögen umwandeln, aber wenn man auf jemanden herabsieht der 10.000 € aus Zinseinnahmen hat, dann muss man zu den Ursachen der Einnahmen gehen, und das sind die 1 Million € Vermögen, die er wahrscheinlich besitzt. Statt mit Steuern Einkommen umverteilen zu wollen, muss man das Eigentum umverteilen, doch das läuft auf Enteignung hinaus, das ist ganz schwierig zu Lösen. Man versucht es ein wenig beim Eigentumsübergang, es gibt Grunderwerbsteuer, Grundsteuer, Vermögenssteuer „ruht" gerade, die Erbschaftssteuer hat die größte Masse, ist aber kritisch für Mittelständler. Wenn jemandem eine Aktiengesellschaft gehört, dann kann man leicht 30% des Wertes der Firma, 30% der Aktien veräußern, an irgendwen, tausende Leute. Aber wenn man einem eine Bäckerei gehört, wie soll man 30% als Steuer abführen ? Wer kauft einem 30% von einer Bäckerei ab. Da wird der Betrieb zu 100% verkauft, 30% Steuern abgeführt, mit den 70% irgendwas neues angefangen. Der neue Besitzer ist nicht eingearbeitet, kennt die Gewohnheiten der Kunden nicht, oder verkauft die Maschinen nach China und macht den Laden zu. Oder der Betrieb muss einen riesigen Kredit aufnehmen, der 30% seines eigenen Wertes entspricht, das bekommt man auch nur wenn man noch keinen Kredit hat. Es ist eine schwierige Sache diese Vermögensumverteilung zu regeln ohne negative Konsequenzen auszulösen.

Einkommensumverteilung per Einkommenssteuer wird in großem Stil praktiziert, dient aber nur als letztes Mittel für diejenigen die weder Vermögen haben (Arme), die keine Arbeitskraft haben (Behinderte, Kranke, Rentner, Kinder) oder die Ihre Arbeitskraft nicht in Einkommen umwandeln können (Arbeitslose, junge Mütter). Die Gelder haben verschiedene Namen, Harz-IV, Kindergeld, Erwerbsunfähigkeitsrente, Rente für Kindererziehungszeiten (Transferzahlungen, heißt es Allgemein), kommen aber alle mehr oder weniger direkt aus dem Steuertopf.

Gleiche Einkommen für Alle wären eine Katastrophe, da würde alles kollabieren. Niemand würde mehr eine Putzfrau einstellen, wenn er für 1 Stunde Staubsaugen das gleiche Geld bekommt, wie für 1 Stunde Herzoperation. Staubsaugen ist doch viel gefahrloser, warum soll man da das Risiko eingehen und jemanden am Herzen operieren – wenn man sowieso das gleiche verdient – such ich mir doch das bequemere aus. Warum soll ich denn 7 Jahre studieren ? Staubsaugen lerne ich in 10min. Ohne zu übertreiben – das wäre die Apokalypse.

Der große Vorteil des Kapitalismus, ich gehe auch so weit es den Grund für das Scheitern der DDR zu nennen, ist die Motivation. Warum sollte jemand besser arbeiten, wenn er dafür nicht besser bezahlt wird? Warum sollte jemand motiviert sein, etwas Tolles zu erfinden, wenn er nicht sicher sein kann dafür entlohnt zu werden?1000 Stunden für „umsonst“ arbeiten, zu Hause alleine im Kämmerchen, wie z.Bsp. Charles Goodyear – der mit den Reifen, oder Thomas Alva Edison – der mit Glühbirne und Telefon. Rein aus Selbstlosigkeit, aus Spaß am Erfinden ? Das gibt es, das nennt man dann Hobby, aber man muss doch von irgendwas Leben und die Erfindung in Geld umwandeln.
Man geht ein Risiko ein, Man investiert 1000Stunden Arbeitszeit, man hat die Chance damit 1Million  zu machen, das wäre ein guter Stundenlohn, aber gleichzeitig auch die „Chance“ gar nichts zu verdienen. Es ist ein Risiko, dieses Risiko muss entlohnt werden. Auf 9 Erfindungen die sich nicht vermarkten lassen, muss ein Knaller kommen, der alles wieder rausreißt.
Wenn man bevor man mit der Arbeit anfängt genau gesagt bekommt „arbeite mal 1000 Stunden, ich gebe Dir dafür 20.000€“, ganz ohne Risiko, hat man einen fairen Preis 20€/h, das ist OK.
Sobald jemand das Risiko eingeht, statt für 20€ evtl. nur für 10€/h zu arbeiten, muss man ihm auch die Chance geben 30€/h verdienen zu können. Und falls das Risiko beträgt 0€/h zu verdienen, muss die Chance bei ∞ € liegen. Es muss. Und da darf keiner kommen und sagen dass das ungerecht sei.
Zu Risiken, und wie man mit ihnen umgeht, hatte ich schon mal etwas Allgemeines geschrieben:Wie Versicherungen funktionieren

Es ist ein wenig wie in der Lotterie, es ist nur die Chance auf die Million die einen wöchentlich 10€ in Lose investieren läßt, sonst würde man es nicht tun. Viel Einkommen ist eine starke Motivation, es ist zwar vernunftsgesteuert aber beruht auf dem Selbsterhaltungstrieb, auf Biologie, auf unserer Evolution.  Vorräte anlegen, Jagen, Sammeln, Dinge horten. Neandertaler waren Kapitalisten.
In Notfällen ist der Mensch ein Egoist, er kann zum Kannibalen werden wenn es darauf ankommt, das ist deutlich stärker und liegt deutlich tiefer in uns drin als Sozialverhalten, Ethik, Moral, Solidarität und all diese hehren Ziele, und es ist vernünftig und effizient, diese innere starke Triebkraft, sei es auch mit Worten wie Gier, Habsucht, Selbstsucht belegt, auszunutzen und für etwas Gutes zu verwenden.


Es ist eine Utopie zu versuchen, man könne alle Menschen zur Selbstlosigkeit erziehen oder von Ihr überzeugen, und gleichzeitig zu Höchstleistungen motivieren, weil es doch "Zum Wohle der Menschheit" ist. Das ist Kommunismus. Eine wunderbare Idee, aber es wurde leider in einem 70jährigen Experiment festgestellt, das Medaillen zur Motivation nicht ausreichen, und man Ideologie weder mit Erziehung noch mit Gewalt in 100% aller Köpfe bekommt; denn die einzige gerechte Form der Selbstlosigkeit entsteht, wenn alle mitmachen, wenn jeder gibt und nimmt, sobald einer ausschert wird er zum Trittbrettfahrer, zum alleinigen Nutznießer. Darum war in der DDR Linientreue angesagt, und das Abweichen davon ein Verbrechen. Weil die Ursache von Ungleichheiten der Besitz an Produktionsmitteln war, wurden diese kurzerhand kollektiviert, heute sagt man „enteignet“.