Mit Western hat man in der Karl-May-Stadt Radebeul viel
Erfahrung, aber zu Winnetou gibt es leider keine Musik und reines Sprechtheater
mit Westernthemen sind heute nicht mehr attraktiv. Karl May ist leider genauso
aus der Mode wie Jules Verne. Was lag näher als ein Western-Musical wie „Annie getYour Gun“ auf die Bühne zu bringen. Am 18.01.2014 war Premiere.
Die Landesbühnen Sachsen spielen zwar meistens unplugged,
haben sich für diese Inszenierung zu Gunsten eines satteren Tones aber für fast
unsichtbare Micropods (kleine Klebemicrofone) entschieden, die dafür sorgen,
das der Gesang auch bei vollem Big-Band-Sound noch gut zu hören, und zu
verstehen ist.
Michael König und Susanne Engelhardt, beides ausgebildete
Opernsänger mit Musicalerfahrung überzeugen und zeigen zugleich einen
deutlichen Unterschied zu Abgängern moderner Musicalschulen, die meist über viel
weniger Varianz und Spielraum in der Stimme verfügen. Michael König sieht mit
Haaren gleich 10 Jahre jünger aus und wäre sicherlich auch ohne Microfon in der
letzten Reihe zu hören, Susanne Engelhardt tut das Microfon eher gut. Ob der
Wechsel vom zierlichen deutschen Stimmchen am Anfang zum kraftvollen Englischen
Song an Ende, am Wechsel der Sprache liegt oder gewollt die Entwicklung der
schüchternen 17-jährigen zur gereiften 25-jährigen darstellen soll, bleibt
offen. Die ein wenig überartikulierte und übergestikulierte
Darstellung mag man den Dramaturgen verzeihen. Bei jedem lang gehaltenen Ton
die Arme auszubreiten, und sich beim Singen des Wortes Herz sich an selbiges zu
fassen kennt man eher von Helene Fischer, aber will man dem Theater Theatralik
vorwerfen?
Der Dirigent Christian Voß scheint Spass an Swing zu haben.
Anderes Musiktheater dirigiert der Chef der Elbphilharmonie eher selten, im
November hatte er bereits ein „Swinging Philharmonics“ Programm und bei der
Premiere erschien er statt im sonst üblichen Frack legér im schwarzen Hemd. Die
Percussionist dürfte bei keinem Stück ohne Jazzbesen ausgekommen sein, wenn
doch, nur um kurzfristig den indianischen Trommler zu geben.
Die Landesbühnen haben ein Ballett, und um die Existenz
einer Ballett-Compagnie zu rechtfertigen werden in wirklich jede Inszenierung
in denen noch nie jemand ein Ballet gesehen hat, Tanzszenen eingebaut. Im Falle
von Annie Get Your Gun sehr gelungen. Indianische Kampfszenen gehen, wenn man
sich das Irokesen-Outfit und die Knochenumhänge wegdenkt als Ausdruckstanz alá
Pina Bausch – in Dresden wohl eher Gret Palucca – durch oder vielleicht auch
als die fliegenden Ninjas in fernöstlichen Kampftänzen. Hebefiguren sind zwar
indianeruntypisch, kann man aber als Anspielung auf Zirkusartistik so stehen
lassen. Indianer in Seidenstrümpfen sind dagegen unpassend. In der einzigen
Situation in der etwas nackte Haut wirklich passend wäre, verzichtet man
darauf. Gekonnte artistischte Einlagen am Vertikaltuch würde man eher bei André
Sarassani vermuten.
Die sehr farbenfrohe Version von Judy Garland wird fast noch übertroffen:
Das Bühnenbild wirkt zwar sparsam, wird aber mit
transparenten und semitransparenten Projektionswänden optimal ausgenutzt. Der
Hintergrund wird mal zum Zirkuszelt, mal zum blauen Himmel von Minnesota, zum
Schiffsdeck, Schiffsunterdeck, Eisebahnwagen von innen, Eisenbahnwagen von
außen, Ballsaal oder einem Ausblick auf die Skyline von New York. Es gibt zwar
nur 2 Akte, aber so viele Szenen und wechselnde Orte wie in kaum einem anderen
Stück.
Bemerkenswert ist der Umgang mit der englische
Originalfassung Von vielen Songs gibt es bekannte und gute deutsche Texte. In
den letzten 20 Jahren hat sich jedoch überwiegend durchgesetzt Songs im
Original zu singen und die Zwischentexte auf Deutsch zu sprechen. Die
Landesbühnen Sachsen wagen jedoch ein gelungenes Durcheinander, in dem die
Sprache auch innerhalb der Songs ständig gewechselt wird, teils in der
Wiederholung, teils von Strophe zu Strophe, teils mitten im Dialog „Alles was
Du singst das singe ich schöner – I can sing everything sweeter than you.“.
Das Stück geht mit Pause ca. 3 Stunden.
Musical-Kultur ist
Pop-Kultur
Irving Berlin dürfte nur Insidern bekannt sein, er gehört
aber mit Cole Porter, Jerome Kern und natürlich George Gershwin zu den
führenden Komponisten der Swing-Ära, den
40er Jahren, die in Deutschland wegen den Nazis „ausgefallen“ und nie wieder
richtig aufgeholt wurden.
Von Berlin stammen so bekannte Hits wie „Puttin on the Ritz“
oder „White Christmas“ für das er einen Oscar gewann. Später erhielt er einen
Grammy für sein Lebenswerk. Die Theater setzen aber traditionell auf
Understatement und prahlen nicht mit Bannern wie „von Oscar-Preisträger und Grammy-Award-Winner Irving Berlin“, wie
man das in der Filmindustrie machen würde.
Das Repetoire aus Annie Get Your Gun fristet in Deutschland
ein Nieschendasein, in den USA gehört es zur Alltagskultur und ist keineswegs
angestaubt.Neil Patrick Harris und Hugh Jackmann haben mit „Everything You can
do I can do better „ die Tony-Awards 2011 eröffnet,
ab 1:15min
auch in diversen Folgen der
Simpsons hieß es mindestens „There’s no buisness like show buisness“ und es lag
wohl auch nur an der US-Sopranisting Reneé Flemming, das es ein Song aus Annie
Get Your Gun bis in das ZDF-Silvesterkonzert 2013 geschafft hat. Irving Berlin
gehört zur US-Kultur.
Auch Spider-Man blieb nicht verschont, hier ein Ausschnitt mit Kirsten Dunst
„Annie Get You Gun“ war ursprünglich gar kein Musical, wahrscheinlich weil das Genre noch gar nicht erfunden wurde. Es war eine Broadway-Revue, eine die Nummern verbindende Handlung war gern gesehen aber nicht zwingend notwendig. Das merkt man vor allem dem zweiten Teil der Annie noch an.
Die ständig wechselnden deutschen Titel des Musicals trugen ebenfalls nicht zu seiner Bekanntheit bei,
Die Verfilmung kam unter dem Titel "Duell in der Manage" in den 50ern in die Kinos,
und die Aufführungen am Theater liefern teilweise unter dem Titel "Annie schiess Los"
http://www.amazon.co.uk/SCHIESS-ORIGINALAUFF%C3%9CHRUNG-THEATER-WESTENS-SCHMIDT/dp/B00BG49MYE
Die deutsche Erstaufführung war eine Produktion mit Heidi Brühl und dem 11jährigen Ilja Richter.
Die Story
Worum geht’s überhaupt ? Um Show ! Um Business. Um einen
Zirkus, genauer gesagt die Wild-West-Show von Buffalo Bill, den man manchmal
sogar den Erfinder des Show-Business nennt. Annie Oakley ist eine Kunstschützin
und wird als erster Superstar der Pop-Kultur bezeichnet. Die ganze Geschichte
beruht mehr oder weniger frei auf realen Personen und wahren Begebenheiten.
Annie wird irgendwo auf der Tournee im Wilden westen aufgegabelt
und engagiert. Der Zirkus kämpft gegen Konkurrenten, um die attraktivsten
Künstler, Sitting Bull investiert sein Geld aus einer Ölquelle geht Pleite und
versucht eine Fusion mit dem Konkurrenten.
Eine Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen, hält
sich aber dezent zurück, fängt mit dem wunderbar melancholischen „Man sagt,
verliebt sein, das wäre wunderbar“ an, und endet mit einem Rosenkrieg in „Alles
was Du kannst, das kann ich viel besser.“
Die Indianerschau von Buffallo Bill hat am 1.6.1890, mitsamt
der echten Anne Oakley in Dresden gastiert. Hier noch das Originalplakat der
Show.
Originalposter der Dresdener Vorstellung 1890
Ein paar Originalaufnahmen von Bill und Annie, die teilweise auch in der Vorstellung verwendet werden.
Originalposter der Dresdener Vorstellung 1890
Ein paar Originalaufnahmen von Bill und Annie, die teilweise auch in der Vorstellung verwendet werden.
Die Zukunft des Musicals
Die Operette wird
wohl mit der aktuellen Seniorengeneration aussterben, das Musical ist noch zu
retten und wie die kommerziellen Produktionen von Stage-Entertainment in
Hamburg und Stuttgart zeigen, auch gerne besucht. Man muss aber etwas dafür tun, auch über 60 Jahre
alte Stücke zu erhalten oder wiederzuentdecken . Die Prüfung bei Eventim
ergibt, das aktuell oder in naher Zukunft kein anderes deutsches Theater „Annie Get You Gun“
aufführt. Anscheinend hat man Angst vor zu geringer Akzeptanz beim Publikum. Umso
mutiger ist es von den Landesbühnen Sachsen, so ein Stück ins Programm zu
nehmen, würde aber auch bei Eventim.de, Reservix.de oder Konzertkasse.de nicht gefunden werden, weil es nicht mit großen Anbietern zusammenarbeit.
Die Begeisterung für Theater auf die Generation der unter 40
jährigen, vielleicht auch fast der unter 60jährigen zu übertragen gehört
sicherlich zum Bildungsauftrag von kommunalen Theatern. Leider hat man dabei
noch nicht erkannt, dass man diese Begeisterung nicht erst auf der Bühne wecken
muss, dort gilt es „nur“ die Erwartungen zu erfüllen. Der Zuschauer muss vor dem
Kartenkauf so begeistert werden, dass er eine Karte kauft und das erreicht man
nicht mit einem einzeiligen Eintrag im Spielplan und der Angabe der Handlung auf
der Web-Site. Den Rest der Werbung überläßt man leider der Presse.
Bezeichnet man die Songs als beschwingte Schlager erreicht
man eine ganz andere, viel kleinere Zielgruppe, als wenn man die Songs als
„Swinging Hits“ bezeichnen würde. Buchstäblich der gleiche Inhalt, aber in
Deutschland mit sehr verschiedener Bedeutung belegt.
Provinztheater – aber kein provinzielles Theater. Es ist wie
immer schade daß es von so aufwändig ausgearbeiteten Vorstellungen nur 5
Vorstellungen in dieser Spielzeit gibt. Mund zu Mund Propaganda wird so leider
ausgebremst. Falls ich hier jemandem Lust auf das Stück mache, muss er sich
erstmal 2 Monate gedulden, und wenn er dann gerade nicht kann, wieder 2 Monate.
Wenn Stage-Entertainment 150 Vorstellungen von Tarzan in
Hamburg absolviert hat, ziehen sie für weitere 150 Vorstellungen nach
Stuttgart. Landesbühnen bauen auf, bauen ab, spielen in verschiedenen Orten und
können damit unmöglich Gewinn machen. Sie haben sich an diese Situation schon
so gewöhnt, daß sie es nichteinmal mehr versuchen. Erfolg wird an
Besucherzahlen gemessen, nicht am Umsatz.
Der Wohl passendste Spieltag ist der Freitag nach
Himmelfahrt. Dann ist in Radebeul Karl-May-Fest und halb Radebeul sieht dann,
mit vielen Western-Fans gefüllt, gewöhnlich so aus, wie das was man im Theater
auf der Bühne darzustellen versucht.
Immerhin hat der Intendant Manuel Schöbel, der gleichzeitig
auch die Regie geführt hat und dem Annie anscheinend am Herzen liegt, bei Erfolg
der ersten 5 Vorstellungen in Aussicht gestellt, Annie Get Your Gun 2015
eventuell auf die Felsenbühne Rathen zu bringen. Wohin würde ein Wildwest-Stück
besser passen, als in die freie Natur. Die Zirkusartistik muß man
wahrscheinlich mit einer Pferdeshow ersetzen, aber etwas wie Swing und Schlager
zieht sicherlich mehr Publikum an, als „Schauspiele“ wie „Old Surehand“.
Western ist Out, Swing ist In. In diesem Sommer können wir uns in Rathen
erstmal auf „Fame“ freuen. Die Freude der Landesbühnen hält sich aber 5 Monate vor der Premiere soweit in Grenzen, das Sie sich auf Ihrer WebSite auf die Angabe der Spieltage begrenzt. Wenn man keinen Texter hat der das Werk ein wenig anpreist, wäre doch wenigstens ein Link zu Wikipedia ein kleiner Anfang.
Appetithäppchen
Aus rechtlichen Gründen gibt es keine Videos von den
Landesbühnen, wer sich trotzdem ein Bild von der Musik machen will, kann sich
ein paar Ausschnitte aus anderen Quellen anschauen:
Judy Garland in Doin' what comes Natur'lly - Weil es ganz von selber geht
Betty Hutton "Got the sun in the morning",
Keine gute, aber eine einmalige Aufnahme mit den Muppets
Und wer noch nicht genug hat, es gibt auch eine Gesamtaufnahme
Can't get a man with a gun - Männer stehen nicht auf schiessende Frauen
Judy Garland in Doin' what comes Natur'lly - Weil es ganz von selber geht
Betty Hutton "Got the sun in the morning",
Keine gute, aber eine einmalige Aufnahme mit den Muppets
und selbst ein Heeresmusikcorps kann das ganz gut:
Und wer noch nicht genug hat, es gibt auch eine Gesamtaufnahme
Akt 1
Akt 2
