Die negativen
Auswirkungen eines umfassenden Parteiprogrammes
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor 2 Jahren
haben die Piraten 9% gewählt. Damals galten die Piraten als „Neu“, „Modern“,
als „Partei der Freaks, Nerds und Geeks“. Aber sie wurden auch abwertend als 1-Themen-Partei bezeichnet, als noch nicht so richtige
Partei, ganz ohne Parteiprogramm.
Auf dem Gründungsparteitag 2012 wurden dann alle offenen
Fragen geklärt, alles festgezurrt "bitte sagt jetzt was ins Parteiprogramm
soll - oder schweigt für immer".
Und nun schweigen die Menschen, das heißt sie geben Ihre
Stimme nicht mehr für die Piraten ab. Man sperrt die Wirtschaftsintelligenz aus
mit "bedingungslosem Grundeinkommen". Man sperrt die religiösen aus mit "Privatisierung der Religion". Man sperrt Künstler, Autoren, Wissenschaftler und Softwareentwickler mit dem Verzicht auf das Urheberrecht aus. Wer bleibt dann
als Wählerschaft noch übrig? Atheistische Geringverdiener die das auch auf ewig
bleiben wollen? Diese innere Zerrissenheit hat sich lange in den Konflikten der
„Spitzenpolitiker“ untereinander manifestiert.
Sich festzulegen, auf jede Frage eine Antwort zu haben, schließt
jeweils Diejenigen aus, die auf diese Frage für Sich bereits eine andere
Antwort gefunden haben. Wer bereits herausgefunden hat, das seine Ziele durch
andere Parteien nicht vertreten werden, hat bei einer Partei ohne Antworten
eher die Hoffnung vertreten zu werden, als in einer meinungs-geschlossenen
Gesellschaft.
Es kamen andere Strömungen hinzu, die die ursprünglichen
Parteiinhalte dominieren. Ich finde keine Nerds mehr in der Partei, nur noch
Schimpftiraden und wirtschaftlich unfundierte Anarcho-Slogans, die das
Schlaraffenland herbeiträumen. Man wollte gegen die abwertende Bezeichnung „1-Themen-Partei“
angehen, hat sich dabei aber zu sehr festgelegt und dabei sogar das eine Thema
aus den Augen verloren.
Die Piraten waren eine Nerd-Partei,
eine Partei der Netz-Affinen, sie wurde als Facebook- und Twitter-Partei
tituliert. Damit hatten Sie in Berlin Erfolg. Bis auf der Nutzung dieses
parteiinternen Kommunikationsweges, findet sich im Wahlprogramm davon rein gar
nichts wieder. Kein eGovernement, keine Online-Wahlen, keine
Online-Heimarbeitsplätze als Alternative zu Kinderkrippen, wo sind die
netzaffinen Themen geblieben ? Alle gekidnappt zugunsten linker Inhalte.
Es gibt so viele
Dinge die man mit einem Smartphone tun kann, bei denen der Staat aber nicht
unterstützt, oder gar aktiv verhindert, dass man es auch wirklich tut. Das
wäre eine attraktive Kernbotschaft für die Piratenpartei.
Themen wie "bedingungsloses
Grundeinkommen" "Nehmt den Reichen gebt den Armen" sind
linksorientierte Themen, die die Partei jetzt dominieren.
Wer keine Bosse
mag soll sich bitte selbständig machen, und nicht auf Bosse schimpfen. Gründerinitiativen
wären ein Thema für die Piraten. Nerds arbeiten gerne selbständig, insbesondere
arbeiten sie gerne, und dank Fachkräftemangel bei Netz-Affinen ist
Arbeitslosigkeit eigentlich überhaupt kein Thema.
Nur leider gibt es kein Podium für Selbständige sondern nur Foren für Selbstverwirklicher, die einen
Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen als unangenehm empfinden. Freigeister,
Hedonisten, Nerds sind gerne selbständig, gerne nutzstiftend für jemanden. Ich sehe
auch das Urheberrecht nicht als Kernthema, auch wenn es damit zu Napsters
Zeiten vielleicht einmal damit begonnen hat.
Dass das Thema „Transparenz“
nicht bis zur Unendlichkeit ausgeschöpft werden kann, dürfte inzwischen auch
den Piraten klar geworden sein. Wenn jeder alles jederzeit und öffentlich sagen
darf, weiß ein Außenstehender nicht mehr welche Aussage ist denn nun Meinung
der Partei, und welche die einer Einzelperson. Das einzige was bei
vollständiger Transparenz nicht öffentlich wäre, ist ein unausgesprochener
Gedanke und das will doch wohl niemand. Kann die Welt ohne Vertraulichkeiten
auskommen? Wie kann man sich denn gleichzeitig für Transparenz und gegen
Abhören aussprechen? Beides enthält die Aufforderung an eine Person doch bitte
seine Gedanken offenzulegen.
Die "Piraten der
ersten Stunde" haben Spielraum gehabt, besetzt und eingeengt.
Nachfolgenden bleiben deutlich weniger Freiheitsgrade.
Neugiere, systemoffene dynamische Menschen, lassen sich doch
nicht gerne fertige Ziele vorsetzen, die wollen selbst gestalten. Je enger man
sich in einem Parteiprogramm festlegt, desto kleiner werden die
Gestaltungsspielräume.
Die zentralen Themen waren ehemals die Unterschiede in der
Lebenswirklichkeit zwischen Politik und (jüngerer) Bevölkerung, der „Netzbevölkerung“
- Warum kann ich eine Banküberweisung zu Hause
machen, aber für meine Stimmabgabe muss ich irgendwo hinlaufen, ins Wahllokal
oder zum Briefkasten.
- Warum schicken so viele Behörden so viele
Briefe, das ist Umweltverschmutzung, Steuergeldverschwendung, erreicht den
Empfänger nur wenn er auch zu Hause ist, dauert 2 Tage. es gilt aber trotzdem
als zugestellt. Obwohl eine E-Mail auch jemanden der mal ebend 3 Monate in
Mallorca wohnt binnen 2 Sekunden und völlig kostenlos erreichen würde.
- Warum gibt es Aushänge im Rathaus?
- Warum druckt eine Stadt Flyer und
Image-Broschüren mit höherer Priorität als sie Web-Seiten pflegt.
Jetzt enthält das Programm sogar einen Punkt für „Kleine Landwirtschaftliche Betriebe“. Warum
setzt sich die Piratenpartei für Kleinbauern, aber nicht für kleine Bäcker,
kleine Handwerker oder kleine Buchhandlungen ein? Sind das eine Ökoaktivisten
und das andere böse Kapitalisten?
Dass das Finanzamt die Kirchensteuer
eintreibt halte ich auch für diskussionswürdig, aber je größer man sich dieses
Ziel auf die Fahnen schreibt, desto mehr verschreckt man natürlich Christen. Weil
das Eintreiben der Kirchensteuer so gut funktioniert, hat Deutschland die
meisten Kirchenaustritte in ganz Europa. Die einzige Möglichkeit sich der
Zahlung zu entziehen. Vielleicht ist es doch das bessere Ziel, dass sich die
Menschen von der Kirche trennen, und nicht nur der Staat ?!
Etwas gegen Besserverdiener
zu haben, ist nichts weiter als die schlichte Aussage, von Besserverdienern
nicht gewählt werden zu wollen und kein Besserverdiener werden zu wollen,
sondern zu bleiben was man ist. Das ist eine gruselige Lebenseinstellung, die
fast schon Resignation ausstrahlt.
Jeder der in Deutschland lebt soll in die Rentenkasse einzahlen. Hat auch jeder
der in Deutschland lebt Anspruch auf Auszahlung? Darf man auch woanders leben
und eine Auszahlung bekommen? Sicher ist
nur wenn man sich auf irgendeine Weise einen Anspruch auf Rente erworben hat,
entweder durch Wohnsitz oder durch Einzahlung eines einzigen Euros, dann hätte
man Anspruch auf eine Mindestrente. Das Bewusstsein, mit solchen „freundlichen“
regionalen Regeln Migrationsanreize zu schaffen, ist nur sehr spärlich
ausgeprägt.
Die Europapolitik
ist eher schwammig. Die Piratenpartei ist eine skandinavische Erfindung und eine
„europäische Idee“. Aber gleiches Recht für alle Europäer steht nicht im
Parteiprogramm, 95% der Inhalte beziehen sich nur auf Deutschland, wie soll man
jemals zu den Vereinigten Staaten von Europa kommen, wenn kein Mitgliedsstaat
und keine Partei in einem Mitgliedsstaat sich jemals den Verzicht auf eigenen
Kompetenzen, auf eigene Rechte, auf die
Fahnen schreibt? Viele durch die Migration ausgelösten Probleme wären nicht
vorhanden, wenn es nicht so viele regionale Eigenheiten gäbe, wenn der Spanier
in Hamburg gleichberechtigt mit dem Bayern in Hamburg wäre, bezüglich
Rentenrecht, bezüglich Sozialansprüchen, bezüglich Arbeitslosengeld.
Urheberrecht: Als
Autor und Softwareentwickler weiß ich nicht genau, wie sich die Piraten das vorstellen mit solchen Produkten Einkommen zu erzielen. Sobald das erste
Exemplar verkauft ist, darf jeder alles kopieren wie er will, ein zweites
Exemplar wird niemand kaufen. Wo ist die Grenze zwischen privat und beruflich?
Ein Handbuch für Kleingärtner darf frei kopiert werden, eines für
Gartenbaubetriebe nicht? Warum sollte ein Autor sich die Mühe machen so ein
Buch für „Privatleser“ überhaupt zu schreiben? Nur wegen Ruhm und Ehre, wie bei
einem Blogger ?
Ein „fairer Ausgleich“ wird versprochen, das heißt „Bestseller“
werden verboten? Wer 10.000 Stück verkauft, darf davon nicht profitieren, der
Autor bekommt das Gleiche wie jemand der nur 10 Stück verkauft? Wie soll sich
denn Qualität und Anspruch entwickeln? Wie will man denn Gut und Schlecht,
Erfolg und Misserfolg unterscheiden, wenn nicht über Verkaufszahlen und
Zahlungsbereitschaft?
Freier Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen klingt erstmal sehr ehrbar und fair, aber ist denn niemand zu dem Gedanken in der Lage, dass der Forscher mit seiner Forschung überhaupt nicht beginnt, wenn er nicht die Chance hat, Gewinne daraus zu ziehen? Spielt denn jemand Lotto, wenn er im Erfolgsfall den Gewinn mit der Allgemeinheit teilen müßte, weil das doch fair und anständig wäre? Die Gewinne werden sozialisiert, die Risiken bleiben privat, lautet die äußerst naive Forderung der Piraten.
Ich übersetze das Wahlprogramm mal so: Privates geistiges Eigentum wird verboten, aber die Öffentlichkeit wird
verpflichtet jegliches geistige Produkt jedem Schöpfer abzukaufen. Das wird
ein Schlaraffenland für jede Art Selbstdarsteller.
Wahrscheinlich soll ich kostenlos arbeiten, denn ich habe ein
"bedingungsloses Grundeinkommen". Das war auch der Traum im
Kommunismus. „Wenn alle fleißig sind, wird für alle genug da sein“. Anscheinend
will man die Linkspartei noch Links überholen.
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| Schlaraffenland, Pieter Bruegel via Wikimedia Commons |
Wahlkampf: Warum
hängen die Piraten Plakate auf? Gibt es eine Untersuchung das das irgendeine
Wählerstimme bringt, oder machen die das nur weil alle anderen es auch tun? Will man denn nun anders sein, oder nicht ? Sind die Zielgruppe nicht die sozial Vernetzten? Findet man die nicht eher im
Netz als am Straßenrand? Angeblich stehen die Piraten sogar in Fußgängerzonen, aber die ebay-shopper und kindle-Leser wird man wohl dort kaum finden. Warum schaltet die Partei keine Anzeigen um auf die
Partei aufmerksam zu machen, so erreicht man die Fans. Sogar im Netz muss man den Piraten hinterherlaufen,
wenn man was von Ihnen wissen will. Es gibt keinen anderen Mechanismus der
Internet-Nutzer aktiv anspricht, außer Internet-Werbung.
Vielen Vertretern der Piratenpartei traue ich nicht zu,
wirtschaftspolitische Modelle zu verstehen, geschweige denn zu gestalten und
durchzusetzen oder sich mit andauerndem enerviertem Gepöbel gegen
"Reiche", "Bonzen", "Besserverdiener" irgendwelche
Freunde zu machen. Es gibt wenige positive Ausnahmen.
Als die Piraten in das Berliner Parlament eingezogen sind, waren Sie
noch neu, jung, modern und "offen für alles". Jetzt ist es mehr und
mehr eine „Dagegen!“ statt einer „Dafür!“ Partei geworden. Von kreativen
Vorschlägen für Neues blieb nur Kritik an Altem ergänzt mit Ideen vom
Schlaraffenland, was bekanntermaßen dazu geführt hat, das alle satt, müde und
träge wurden.