Wie kann ein Projektmanager
Multitasking erleichtern oder was kann man sich selbst zumuten.
Die Frage ob jemand Multitasking-fähig ist, das heißt in der
Lage mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ist nicht pauschal für einen Menschen
beantwortbar, sondern hängt von vielen äußeren Faktoren ab.
Zunächst einmal soll es nicht um das „echte“ Multitasking
gehen, das man während des Telefonierens noch die Blumen gießen könnte. Es geht
um Projektgeschäft, darum mehrere Projekte
über einen Zeitraum von mehreren zu Monaten, aber täglich mit 3-4 dieser
Projekte zu tun hat, und vielleicht alle 2 Stunden oder auch alle 15min die
Task wechselt.
Multitasking entsteht
im Projektgeschäft dadurch, dass man
entweder von externen Vorgängen abhängig ist, auf die man warten muss und „zwischenzeitlich“
eine alternative Beschäftigung sucht, um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, oder
dadurch, dass es unmöglich ist, nach dem Ende eines Projektes sofort ein
Anschlussprojekt zu finden. Es kommt zwangsläufig zu zeitlichen Überlappungen.
Multitasking ist nicht der angestrebte Sollzustand, Multitasking ist die Notlösung für diese
beiden übergeordneten Probleme. In beiden Fällen geht es um die Überbrückung oder
Vermeidung von Wartezeit, also um die Effektive Auslastung von Ressourcen. Doch
Auslastung und Überlastung liegen
bei Menschen nahe beieinander. Man versucht sich möglichst nahe an 100%
anzunähern, ohne die 100% zu überschreiten, und auch ohne zu wissen wie viel
100% überhaupt sind, wie hoch die Belastbarkeitsgrenze eines Menschen überhaupt
liegt.
Der Mensch ist ein Single-Core-Prozessor.
Auch in der Informatik hat das Multitasking mit präemptivem, das heißt
unterbrechendem, Multitasking begonnen, mit einem schnellen Wechsel von Task zu
Task. Erst viel später kam mit den Multi-Core-Prozessoren die Möglichkeit zu
echter Parallelität. Der Mensch kann leider nicht darauf warten, dass ein
Schöpfer oder die Evolution ihm einmal ein zweites Gehirn schenkt, er wird bei
seinem Single-Core bleiben. Das einzige „echte“
Multitasking das er realisieren kann sind Vorgänge zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein,
Sprechen beim Autofahren, Blumengießen beim Telefonieren, leichte Routine-Arbeiten.
Ganz abgesehen natürlich von willentlich
nicht steuerbaren Vorgängen wie atmen, verdauen und schwitzen. In diesem Sinne
sind Menschen ganz großartige Multitasker, doch hier soll es vorrangig um
geistige Leistungen gehen, um Multitasking des Verstandes.
Das Rollenmodell hat
die Trennung von Arbeitsinhalt und Person möglich gemacht, ein Mensch widmet
sich immer seltener 8 Stunden pro Tag der immer gleichen Aufgabe, und empfindet
es in Grenzen sogar als positiv, etwas Abwechslung zu haben. Bei manchen
Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Schreiben eines Buches, wirkt jedoch
Abwechslung als störend, da will man nicht „nebenbei“ noch seine
Steuererklärung machen oder über das Buch eines Kollegen diskutieren. Je
komplexer die Arbeit, je voller der Kopf mit einem einzelnen Thema gefüllt sein
muss um die Arbeit überhaupt realisierbar zu machen, desto störender Wirkungen Ablenkungen, desto störender wirkt
abverlangtes Multitasking.
Wann und ob jemand zu Multitasking in der Lage ist nehmen
die meisten Menschen von sich selbst nicht wahr. Auch nicht, dass es
gleichzeitig als Belastung und als Entspannung gesehen werden kann. Wir
kommen nach dem eintönigen Job nach Hause und fahren die Tochter noch auf den
Tennisplatz. Von der Zeitbelastung her konkurrierende Jobs, doch wir wechseln
Orte, wir wechseln Personen, wir wechseln sogar die Begründung, warum wir den
Job machen, von Finanzfreuden zu Familienfreuden. Jeder ist in diesem Sinne Multitasking-fähig.
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| Selbst das Foto vermittelt schon eine falsche Botschaft. 6 Jobs mit 6 Händen und 6 Geräten auszuführen, wäre deutlich leichter, als 6 Jobs mit 2 Händen auf nur einem Gerät. |
Multitasking fällt umso leichter, je mehr Umweltfaktoren sich beim Taskwechsel
gleichzeitig ändern.
Ein Bäcker der
nach den Kürbiskernbrötchen sofort den Brezelteig ansetzen soll, hat es beim
zweiten Teig wesentlich schwerer sich zu erinnern „ist da jetzt schon Salz am
Teig“ oder nicht, weil er an diesem Tag schon einen Teig gesalzen hat und es
jetzt nur noch darum geht, ob er es heute schon einmal oder zweimal getan hat,
ein reiner Zählvorgang, das visuelle Gedächtnis an die Situation – bin ich
heute schon mal zum Salznapf gelaufen - habe ich den Kollegen der da gewöhnlich
in der Nähe arbeitet heute schon begrüßt – all diese Assoziationen sind
wertlos, wenn das „ob überhaupt“, umgewandelt wird in ein „wie oft“. Multitasking
wird leichter, je verschiedener die Tasks sind. Es wäre für den Bäcker viel
weniger anstrengend zwischendurch eine Lieferung an einen Kunden auszufahren,
er würde das als angenehme Abwechslung, als geistige Entlastung und weniger als
Belastung empfinden.
Man muss aber nicht zwingend den Arbeitsinhalt ändern, der
Effekt tritt auch dann auf, wenn die Arbeitsinhalte scheinbar identisch
bleiben, und man nur die äußeren Umstände ändert.
Ein Architekt,
der gleichzeitig an 10 Häusern baut, fährt von Baustelle zu Baustelle, wechselt
Personen, Orte, Zeiten. Er nimmt unbewusst die Natur wahr, das Wetter, die
Verkehrssituation, er verknüpft viele Erinnerungen mit einem konkreten Projekt.
Wenn er einen Anruf bekommt wird es ihm nicht wirklich bewusst, ob er weiß wer
dran ist, weil er den Namen am Display liest, den Namen im Gespräch gesagt
bekommt, oder ob er einfach die Stimme nach 3 Worten erkannt hat. Er hat sofort
eine Zuordnung, bei dieser Person geht es um dieses Projekt, die Klärung des groben
Gesprächsgegenstandes ist gänzlich überflüssig. Diese Assoziation führt auch dazu, dass es für
den Architekten unnötig ist, sich das Gesicht des Bauherrn zu merken. An einer
konkreten Baustelle rennt nur einer herum, der sich benimmt wie der Bauherr und
es reicht vollkommen aus, den Menschen und seinen Namen mit dem Ort zu
verknüpfen, und nicht unbedingt mit seinem Gesicht. Es passiert relativ häufig,
dass wir Personen in fremder Umgebung nicht mehr zuordnen können, nicht mehr
wissen woher wir sie kennen. Wenn der Architekt einen Kunden im Kaufhaus
trifft, weiß er vielleicht noch „den hast Du doch irgendwo schon einmal gesehen“.
Wir interpretieren das oft als Vergesslichkeit,
doch in Wahrheit war die Information noch nie abgespeichert, sie war bisher
nicht erforderlich.
Als Krankheitsbild nennt man dieses Verhalten Autismus, man ist nicht mehr in der
Lage einen ganzen Pool an Merkmalen zu nutzen, um Dinge auseinanderzuhalten.
Deswegen können Autisten oft größere Genies sein, als „normale Menschen“. Sie
brauchen Ordnung, Sie kollabieren bei einem Taskwechsel sofort, bekommen dafür
aber den Luxus sich auf einen einzigen Job vollständig konzentrieren zu können.
Kein Wunder, das SAP jetzt diese Art Menschen vermehrt einstellen will,
andererseits schade, das anderen Menschen einfach nicht erlaubt wird, etwas
mehr Autist zu sein und Multitasking strikt zu verweigern.
Wir bilden uns zwar ein, wir erkennen Personen am Gesicht,
doch in den meisten Fällen werden Stimme, Gang, Figur, Ort, Gesprächsthema als unbewusste
Wiedererkennungsfaktoren mit einbezogen. Wir erkennen niemanden an einem
Einzelmerkmal, sondern an der Kombination von Merkmalen. Da ruft mich einer
wegen Thema X an? Na das kann ja nur der Y sein. Wenn das Muster einmal nicht
aufgeht, kommt es nach 3min Telefonat zu Sätzen wie „entschuldigen Sie bitte,
wer sagen Sie sind Sie?“ Langwierige
Vorstellungen, Klärungen worum es geht, werden aus Effizienzgründen erst einmal
weggelassen, man will sich nicht gegenseitig langweilen. Ein paar wenige
Merkmale reichen für einen Taskwechsel aus – und wir müssen nicht aktiv
entscheiden welche Merkmale, es geschieht völlig unbewusst.
Nehmen wir als Gegenbeispiel einmal Ärzte oder Anwälte. Beide eher ortsgebunden, den ganzen Tag im
gleichen Raum, wahnsinnige Multitasker, alle 10min ein neuer Fall. Mit dem Abspeichern
von Namen und Gesichtern sind sie zumindest bei den ersten 1-2 Treffen
vollkommen überfordert. Die Arbeit wird so organisiert, dass das Abspeichern
überflüssig wird. Alles wird penibel aufgeschrieben, es wird nicht mal versucht
sich irgendwas zu dem Fall zu merken, es passiert manchmal unabsichtlich
nebenbei. Wenn die Akte nicht vorhanden
ist, kann man zu dem Fall nichts sagen. Diese Art Multitasking ist wie Fließband-Arbeit
in Time-Slots. Man benutzt einfach sein Gedächtnis
nicht für das Tagesgeschäft, sondern nur für das Wissen aus dem Studium und kann unbeschwert um 18 Uhr nach Hause
gehen. Es ist alles aufgeschrieben, man kann es ohne Sorgen vergessen. Ein sehr
mechanistischer, aber wirkungsvoller Ansatz für Massive-Parallel-Projekting,
wenn man das vielleicht so nennen wollte. Für Projekte in denen es um
Kreativität und nicht nur um Frage-Antwort-Spiele geht, ist dieser Grad der Parallelisierung
nicht erreichbar und auch nicht anzustreben.
Fazit
Es ist deutlich leichter die gleiche Sache 20mal parallel zu
erledigen, wenn man Sie mit 20 verschiedenen Personen erledigt, oder an 10
verschiedenen Orten, wenn sich möglichst viele Umweltfaktoren gleichzeitig
ändern und sich somit einem konkreten Projekt assoziieren lassen. An Faktorkombinationen erinnert man sich leichter,
als an Einzelfaktoren, und Erinnerung ist notwendige Voraussetzung für die temporäre
Unterbrechung eines Projektes und die Wideraufnahme eines unterbrochenen
Projektes. Nur in sehr gleichförmigen, routinierten Projekten lässt sich das Gedächtnis
durch gute Dokumentation entlasten und unterstützen.
Diese kognitiven
Grenzen des menschlichen Gehirns muss man bei der Verteilung von Aufgaben
beachten. Im Projektmanagement nennt man zwar alles „Ressource“, egal ob es
sich um ein Zimmer, einen Menschen, oder einen Computer handelt. Doch jede
dieser Ressourcen kann verschieden gut mit verschieden schnellen Wechseln von
zugeordneten Projekten umgehen. Projektmanagementsoftware die das
berücksichtigt ist mir bislang nicht bekannt.
