Die Meinung zu Versicherungen ist häufig sehr negativ. Die Prämien sind zu hoch, wenn ein Schaden
eintritt wird nicht gezahlt, wer eine Versicherung braucht bekommt kein Geld,
und falls er es doch bekommt, wird er danach gekündigt. Es gibt viele falsche Interpretationen
des Verhaltens von Versicherungen. Wie sind Versicherungen ursprünglich
entstanden?
Die Rechtsform
Mehrere Hauseigentümer verabreden sich, gemeinsam in einen
Topf einzuzahlen, aus dem sich Brandopfer bei Bedarf bedienen dürfen. Den Topf nennen wir Versicherung, die
Hauseigentümer sind die Versicherungsgemeinschaft. Anfangs gab es nur Versicherungsvereine
auf Gegenseitigkeit, nicht viel mehr als eine Lottotipgemeinschaft oder ein
Kegelklub. Wenn der Topf und die Teilnehmerzahl wächst, wird die Betreuung ein
Vollzeit-Job, ein Wirtschaftsbetrieb, und aus dem Verein wir ein eigenständiges
Unternehmen und die Vereinsmitglieder zu Kunden. Ein Verein der in ein Unternehmen umgewandelt
wird hat viele Mitglieder, dafür eignet sich eine Aktiengesellschaft am besten.
Jedes Vereinsmitglied bekommt ein paar Aktien. Aktien sind frei handelbar, Die
Versicherungsmitglieder/Aktionäre können die Aktien verkaufen, und schon
„besitzt“ jemand die Versicherung, der nicht gleichzeitig versichert ist. So
kam es im Laufe der Zeit dazu, das Besitz an der Versicherung und Besitz eines
Versicherungsvertrages voneinander getrennt wurden. Wer heute bei der Allianz
einen Versicherungsvertrag abschließt
könnte sich auch Allianz Aktien kaufen, muss es aber nicht. Doch je besser es den
Kunden geht, desto schlechter geht es der Versicherung. Wer als Kunde einen Milliardenschaden
versichert, bekommt im Schadensfall zwar vielleicht Geld, sorgt aber dadurch
dafür, daß der Aktienkurs oder die Dividende fällt. Wenn man gleichzeitig auf beiden Seiten steht gehört
man immer zu den Gewinnern, egal ob der Schaden eintritt, oder nicht.
Das Grundprinzip
100 Leute zahlen in eine Versicherung pro Jahr 1% Ihres
Hauswertes ein. Einem brennt das Haus ab. Er kann die gesamten 100*1% bekommen und sein Haus
wieder aufbauen. Versicherung ist
zunächst einmal ein Zusammenschluss von Menschen mit Risiken.
Voraussetzung dafür ist: Alle Häuser sind gleich teuer und
die Brandgefahr ist in allen Häusern gleich hoch! Außerdem nimmt man an, es
gibt nur einen Brand pro Jahr, oder allgemeiner: nicht mehr als 100 Brände in
100 Jahren.
 |
| 100 Standardhäuser, eins in Brand |
- Jedes Haus kostet 100.000 €.
- Jeder Hausbesitzer zahlt 1% seines Hauswertes
pro Jahr als Versicherung = 100 Häuser * 1.000€ = 100.000 €.
- Einmal im Jahr brennt ein Haus ab, der Geschädigte
kann 100.000€ erhalten.
- Wem ein Tornado das Haus zerstört, der bekommt nichts, man hat
nur Brandschäden kalkuliert.
Teurere Häuser kosten
mehr Prämie.
Wer sein Haus 4mal so groß oder 4mal so teuer baut, zahlt 4
mal mehr Prämie.
Doch im Falle eines Brandes steht trotzdem nur 1 mal der
gesamte Topf zur Verfügung, nur 100%, das mehr als ein „kleines“ Haus pro Jahr
abbrennt ist nicht geplant. Mehr als 100.000€ pro Jahr sind nicht da. Die
Lösung ist eine mehrjährige Betrachtung.
Wenn jedes Haus einmal in 100 Jahren abbrent, und ein Haus an die Stelle
von 4 „kleinen“ Häusern tritt, dann gibt es nur noch 97 Häuser.
97 Häuser, 1 Brand pro Haus in 100 Jahren, heißt 3 Jahre ohne Brand! Wer das 4fache
einzahlt, kann also auch das 4 Fache herausbekommen. Er bekommt die Einzahlungen von den Jahren
ohne Brand, und des Jahres in dem sein Haus brennt, also 4 * 100.000€.
 |
| 96 Standardhäuser, Ein 4mal so teures Haus |
- 96 Häuser kosten je 100.000 €. 1 Haus kostet
400.000 €
- Jeder Hausbesitzer zahlt 1% seines Hauswertes
pro Jahr als Versicherung 96*1.000€+1*4.000€
= 100.000 €
- In 100 Jahren kann jedes Haus 1mal brennen. Die
„Kleinen“ bekommen 100.000 € ausgezahlt, der „Große“ 400.000€. Es sollte 3
Jahre ganz ohne Brand geben.
Damit das funktioniert muss die Versicherung aber Ansparen,
Geld anlegen, vielleicht sich auch Geld leihen. Sie ist sich sicher, sie geht
davon aus, daß die 3 Jahre ohne Brand kommen werden. Aber das erst die 3 Jahre ohne
Brand, und dann das Jahr mit Brand kommen, wäre „zu schön um wahr zu sein“.
Auf 100-Jahressicht kalkuliert geht die Rechnung für die
Versicherung auf. Aber ein Geschädigter will nach einem Brand nicht 4 Jahre
warten bis er eine Auszahlung bekommt. Im Ernstfall muss die Versicherung in
Vorleistung gehen. Bei Vertragsabschluss muss Sie deshalb glaubhaft machen,
dass sie das kann, dass sie genug Geld hat.
Daher kommt das „protzige“ in der Versicherungsbranche. zeigen was man hat,
zeigen das man liquide ist, zeigen das man groß, stark und erfolgreich ist, ist
Geschäftszweck und Aushängeschild.
Das Protzige stößt den Kunden manchmal ab, aber gleichzeitig
erwartet er es unterschwellig.
Eine Bank braucht auch Vertrauen, doch die haben es
einfacher, die müssen nur Versprechen das sie das eingezahlte Geld wieder
herausrücken. Es ist für eine Bank nicht sonderlich wichtig viele Kunden zu
haben. Sie kämen auch mit einem Kunden aus. Bei einer Versicherung ist das
unmöglich. Banken können deswegen etwas dezenter arbeiten.
(Das war der große
Konflikt beim Versuch der Verschmelzung von Allianz und Dresdner Bank.)
Höhere Gefahren kosten mehr Prämie.
Wer leicht brennbare Materialen verwendet, läuft eher Gefahr,
dass sein Haus abbrennt.
Mit doppelt so hoher Brandgefahr, muss man auch doppelt so
viel einzahlen, wenn man das gleiche herausbekommen will.
Ein Haus das doppelt so leicht brennt, kostet die gleiche
Versicherungsprämie wie ein Haus das doppelt so teuer ist. Die Versicherungssumme ( der Wert das Hauses)
steigt mit der Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos. Der Besitzer eines
Holzhauses muss also in etwa „2 Anteile“
kaufen, wenn er 2% Eintrittswahrscheinlichkeit hat.
 |
| 96 Standard-Häuser, 2 Holzhäuser mit doppelter Brandgefahr |
- Alle Häuser kosten 100.000€
- Die 96 Standard-Häuser zahlen je 1% pro Jahr
ein, 96*1.000€ = 96.000€
- Die 2 Holzhäuser zahlen 2% pro Jahr ein,
2*2.000€ = 4.000 €.
- Ergibt wieder einen Versicherungstopf von
100.000€.
- Im Falle eines Brandes bekommen alle nur
100.000€ heraus, aber es ist berücksichtigt, das ein Holzhaus öfter/leichter
brennt, als ein Steinhaus, es darf 2mal in 100 Jahren brennen.
(Wir haben hier die Annahme alle Häuser seien gleich teuer,
in der Praxis sind leicht brennbare Häuser meist billiger, so dass die
Versicherungssumme sich verringert).
Die Kalkulation
Als Grundformel für die Berechnung einer Versicherungsprämie
gilt:
Versicherungsprämie = Versicherungssumme *
Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens.
Aber dann kommen noch Kosten für die Verwaltung hinzu,
für denjenigen der diese Formel durchrechnet,
das Büro, die Putzfrau, als größter Punkt natürlich die Fremdkapitalzinsen,
falls sich die Versicherung Geld leihen muss, und der gesamte Vertrieb. Eine
Versicherung lebt davon viele Kunden zu haben, und es im Interesse der Kunden
das sich eine Versicherung stets um neue Kunden bemüht. Wenn von den oben
genannten 100 Hausbesitzern 5 kündigen, geht die Rechnung nicht mehr auf.
Besser man hat immer wieder neue Kunden, je mehr je besser. Stellen wir uns
einen zweites „Panel“ von 100 Hauseigentümern vor. Dann ist es für die
Versicherung eher zu verkraften, wenn es im ersten Panel vielleicht doch 110
Brände gibt, 10% mehr als kalkuliert. Vielleicht gibt es im zweiten Panel nur
80 Brände in 100 Jahren und alles ist wieder gut.
Wohin verschwindet
das Risiko?
Als Risiko
bezeichnet man die Angst vor dem Unbekannten.
„Es könnte sein das mein Haus abbrennt“. Über eine größere Gruppe von
Häusern kann man sagen „es ist ziemlich sicher, das mal ein Haus abbrennt“ –
wir wissen nur nicht welches.
Das Risiko des Brandes wird durch die Versicherung nicht
minimiert, aus dem Risiko des Brandes wird die sichere Erkenntnis, dass es
Brennen wird und mit Sicherheit gehen Menschen viel lieber um, als mit Unsicherheit.
Das Risiko wird „vergemeinschaftet“ oder „gestreut“. Das Risiko ist nicht weg,
aber man zahlt ein klein wenig, auch wenn gar nichts passiert ist. Ein kleiner
kalkulierbarer Schaden (das Zahlen der Prämie) ist leichter zu verkraften als
ein großer Schaden.
Versicherung ist wie ein Sparvertrag, Man zahlt 100 Jahre
ein, und bekommt das was man eingezahlt wurde zurück. Mehr macht Versicherung
nicht. Der Unterschied besteht darin, dass man auch schon vor Ablauf der 100
Jahre eine Auszahlung bekommen kann, wenn es nötig wird, und im Gegenzug keinen
Anspruch auf eine Auszahlung hat, wenn man es nicht nötig hat – wenn der
Schaden nicht eintritt.
Wenn es ernst wird,
gibt’s sowieso nichts.
Zu viel, zu leichtfertig auszahlen darf eine Versicherung
nicht, denn dann würde die Prämie für alle Versicherten steigen. Mehr Auszahlung
heißt immer auch mehr Einzahlung.
Deswegen argumentieren Versicherungen, die eine Schadensregulierung
ablehnen immer „Im Interesse Ihrer Kunden“, und sie meinen damit nicht den
konkreten einzelnen Kunden der vor Ihnen steht, sondern die Kunden in Ihrer
Gesamtheit. Sie haben lieber 99,9% Kunden die sich über niedrige Prämien
freuen, oder tun sich leichter neue Kunden mit niedrigen Prämien zu werben, und
akzeptieren dafür das 0,1% der Kunden unzufrieden sind.
Das ist wie beim Türsteher einer Diskothek, damit die die drin sind sich wohl
fühlen, muss an der Tür einer stehen der störende Elemente vom Eintritt abhält,
oder falls Sie schon drin sind, wieder entfernt.
Katastrophen
Was ist wenn wirklich ein ganzer Straßenzug abbrennt und
alle den gleichen Versicherer hätten? Dafür gibt es Rückversicherer,
Versicherungen für Versicherungen, das Risiko wird gemischt mit Versicherern in
China und den USA, und solange es nicht überall gleichzeitig brennt,
funktioniert das. So hat die Allianz, durch Übernahme der Staatlichen
Versicherung der DDR Marktführer in den neuen Bundesländern, von den
Flutschäden 2013 keinen allzu großen Schaden davon getragen. Sie war dagegen
(rück-)versichert.
Spekulation und
Gewinn
Die Schätzung der Wahrscheinlichkeit, wie leicht ein Haus
abbrennt und wie hoch dann der Schaden sein wird ist essentiell für die
korrekte Berechnung der Prämie. Wenn der Versicherer merkt, dass er sich geirrt
hat, müssen die Prämien steigen, sie können auch mal sinken, und wenn die
Versicherung ein Risiko für unkalkulierbar hält, sich nicht traut zu schätzen
wie oft es schlimmstenfalls eintritt, dann wird auch mal ein
Versicherungsvertrag abgelehnt oder gekündigt.
Es hängt viel von Annahmen ab, von Schätzungen, Prognosen,
Spekulationen. Wie leicht brennt etwas, wie oft, wie ist das Klima, der
Leichtsinn des Nutzers. Tausende solcher Annahmen müssen getroffen werden um
eine Prämie zu berechnen. Mit vielen historischen Zahlen kann man das
inzwischen ganz gut.
Wie hoch Schäden an einem VW Golf im Mittel sind, weiß die
Versicherungswirtschaft, das ein Beamter angeblich weniger Unfälle hat, als ein
Angestellter glaubt sie auch zu wissen. Aus diesen Einschätzungen von Eintrittswahrscheinlichkeit
und Schadenshöhe werden die Versicherungsprämien berechnet.
Die Hauptrolle spielt nicht wirklich das Risiko, das ist und
bleibt unberechenbar, sondern die Einschätzung des Risikos. Die
Versicherungsprämie ändert sich an dem Tag, an dem man Kenntnis von der Gefahr
erlangt. Bei Brand ist es leicht, man weiß von vornherein wie brennbar ein Haus
ist.
Wenn erst einmal Krebs diagnostiziert wurde, ist eine neue
Risikolebensversicherung sehr viel teurer, als vor der Diagnose. Das
Krebsrisiko steigt sprunghaft von 0,5% auf 100%. Es wird als unfair betrachtet,
so jemanden zu gleichen Konditionen in die Versichertengemeinschaft
aufzunehmen, wie jemanden ohne Krebsdiagnose. Bei Krankheiten betrachten wir
das als unmenschlich oder unethisch, aber aus Sicht der Versicherung ist das
Verhalten richtig. Man kann auch kein brennendes Haus versichern, deswegen gibt
es oft „Wartezeiten“, man könnte es auch „Mindestvertragslaufzeit“ nennen. Man muss mindestens einen Jahresbeitrag
eingezahlt haben, bevor man etwas herausbekommen kann. Schäden die bei Aufnahme der Versicherung schon eingetreten waren werden durch die Versicherung nicht reguliert. Klingt logisch, heißt aber das eine private Krankenversicherung für einen neu aufgenommenen Krebskranken in den Vertrag schreibt, "wir regulieren alle Behandlungen, außer der Therapie der Krebserkrankung und darauf zurückzuführender Folgeerkrankungen".
Es liegt nahe das man sich bei diesen vielen Schätzungen
einen „Sicherheitspuffer“ einbaut. Man verwendet nicht die durchschnittliche
Brandgefahr, sondern eine leicht höhere, damit man „auf der sicheren Seite“
ist, damit man nicht gleich bankrottgeht, falls man sich irrt.
Je pessimistischer die Schätzung, desto höher ist natürlich
die Versicherungsprämie für den Versicherten.
Eine Grenze nach oben bildet sich auf dem Markt, einerseits durch die
Zahlungsbereitschaft des Kunden, ab welchem Betrag sagt er „mir ist die Prämie
zu hoch, ich verzichte auf eine Versicherung“, und andererseits durch den
Wettbewerb, wenn die Konkurrenz die Versicherung günstiger anbietet, kauft
niemand mehr die Versicherung mit der hohen Prämie.
Es ist im Interesse der Versicherten, das eine Versicherung
sich bemüht nicht bankrott zu gehen, auch wenn es natürlich gleichzeitig darauf
hinausläuft, hohe Gewinne zu machen. Gewinne entstehen, wenn man zu
pessimistisch geschätzt hat, wenn der Topf den man angehäuft hat nicht für
Schäden hat aufwenden müssen. Andere Gewinne können aber auch einfach
entstehen, indem das Geld in dem Topf angelegt und verzinst wird, solange bis
der Schaden eintritt und das Geld gebraucht wird. Dabei werden vorrangig
sichere Anlagen verwendet, Anlagen die jederzeit auszahlbar sind, man weiß nie
wann man das Geld braucht, es kann morgen sein, es kann in 3 Jahren sein. Man
darf nicht das Risiko eingehen kein Geld zu haben, deswegen sind Versicherungen
die Hauptinvestoren in Staatsanleihen, Fest- und Termingelder.
Lotterie ? Wetten
dass !
Versicherungen haben viel mit Lotterien gemeinsam, es gibt
genau genommen keinen Unterschied. Man zahlt ein wenig Geld ein, und bekommt
viel Geld heraus. Versichern Sie doch einfach das Haus Ihres Nachbarn, wenn es
abbrennt bekommen Sie viel Geld, Ihr einziger Schaden ist der Preis des
Lotterieloses, Ihre „Versicherungsprämie“ . Es ist eine Lotterie. Viele zahlen
etwas ein, einer bekommt alles, oder relativ viel davon, heraus.