Sonntag, 14. Juli 2013

Wie die Gewerkschaften Regelarbeitsplätze vernichten

Stellen Sie sich mal vor Sie wollen Ihren Rasen mähen lassen. Sie geben dem Nachbarsjungen 5 € für 1 Stunde Mähen, Rasenmäher und Benzin stellen Sie bereit. Wäre das nicht schön für Sie und schön für den Nachbarsjungen? Eine Win-Win-Situation.


Mindestlohn, Tariflohn
Jetzt kommt jemand mit „gesetzlichem Mindestlohn“, oder einem „Tariflohn der Gärtnerbranche“, es müssen unbedingt 10€/Stunde gezahlt werden. Da fangen Sie doch schon an zu überlegen – ein wenig teuer, na dann soll er mal besser nur jede zweite Woche mähen.
Haben Sie was gemerkt ? Der Lohn wurde verdoppelt. Die Anzahl der Aufträge halbiert. Sie zahlen so oder so nur 20 € / Monat fürs Rasenmähen – niemandem ist damit geholfen.

Sozialleistungen
Wenn Sie jemanden beschäftigen, dann hat er Anspruch auf Urlaub, auf Rente, auf Arbeitslosenversicherung, auf Pflegeversicherung und auf Unfallversicherung, falls er sich mit dem Rasenmäher über den Fuß fährt. All diese Zulagen machen ungefähr 35% für den Arbeitgeber aus. Sie müssen jetzt also 13,50€ /Stunde aufbringen, damit der Angestellte einen Bruttolohn von 10€ erhält. Der Angestellte bekommt diese Sozialleistungen auch von seinem Lohn abgezogen, ca. 20%, ihm bleiben also ca. 8€.
Bei 13,50€ / Stunde für das Rasenmähen, da fangen Sie doch als Arbeitgeber an zu überlegen ob sie es nicht vielleicht selbst machen, oder ?



Kündigungsschutz
Die Gewerkschaften haben einen Kündigungsschutz für alle Angestellten erkämpft. Das heißt ungefähr so viel wie. „Wer einmal bei Ihnen rasengemäht hat, hat einen Anspruch auf unbefristete Zeit immer wieder bei Ihnen Rasenmähen zu dürfen“, Sie gehen eine Art Dauervertrag ein.
Jetzt werden Sie doch vorsichtig! Wollen Sie wirklich jemanden einstellen, wenn Sie nicht genau wissen ob Sie den wieder loswerden?  Unter diesen Umständen empfinden Sie doch schon einen 1-Jahres-Vertrag als Vorteil. Sie schließen nur einen befristeten Vertrag ab.
Oder Sie stellen niemanden mehr zum Rasenmähen ein, Sie beauftragen eine Firma die Ihnen jemand zum Rasenmähen schickt. – Das ist Leiharbeit, Sie leihen sich eine Arbeitskraft. Den Vertrag mit der Firma können Sie jederzeit kündigen.  Es ist nicht mehr Ihr Problem, was der Kündigungsschutz sagt, wenn Sie einen Arbeiter nicht mehr brauchen. Diesen Service lässt sich die Leihfirma jedoch bezahlen und verlangt von Ihnen 16€ Stunde. Zur Umgehung des Kündigungsschutzes zahlen Sie also 2,50€ mehr fürs Rasenmähen. Sie kennen das von Handy-Verträgen, je geringer die Laufzeit, desto höher der Preis je Monat.
Gleichzeitig gehört die Leiharbeitsfirma jedoch einer anderen Branche an, zahlt Fachkräften nur den Tarif für Hilfsarbeiten oder nutzt ähnliche Regelungen aus, um dem Arbeiter statt der tariflichen 10€ nur 8€ zu bezahlen.
Der Kündigungsschutz hat für den Arbeiter also dafür gesorgt, das er bei Ihnen sofort entlassen wird, sich bei einer Leiharbeitsfirma anstellen lassen muss, und jetzt nur noch 8€ statt 10€/Stunde verdient. Als Gegenleistung hat er, statt sofort entlassen werden zu können, eine Kündigungsfrist von 6 Monaten. Ob der Kündigungsschutz dem Arbeiter ein Lohnverzicht wert ist ?


Und als Auftraggeber ? Wie hoch muss der Druck sein, damit Sie sagen „Ich mähe den Rasen selbst“ oder „Ich lasse ihn halt wachsen, ich kann mir nicht leisten ihn mähen zu lassen“. Diese Überlegung ist Vernichtung von Arbeit, von Arbeitsplätzen.
Als Arbeitgeber bekommen Sie ständig zu hören wie böse und sozial verantwortungslos man ist, wenn man seinen Rasen nicht (mehr) mähen läßt. Allerdings kommt andererseits niemand mit einem Blumenstrauß und einem Orden wenn man aus sozialen Gesichtspunkten sich dann doch entscheidet jemandem zum Rasenmähen einzustellen.

Jugendarbeitslosigkeit
Ein eher außerdeutsches Phänomen ist die europaweite Jugendarbeitslosigkeit. Einerseits wird sie durch „sozialverträgliche Kündigungsschutzregeln“ erzeugt. Sozialverträglich heißt: Es ist unsozial jemanden zu entlassen der Frau und Kinder hat, Singles werden zuerst entlassen. Man könnte das Diskriminierung nennen, aber es nennt sich „sozialverträglich“.
Ohne gute Berufsausbildung lernen die Mitarbeiter während der Arbeit, die Erfahrung der Älteren stellt einen Wert im Unternehmen dar.
In Deutschland tritt dieser Effekt durch die sehr gute Ausbildung und eine gewisse Jugend- und Technikgläubigkeit nicht auf. Die zunehmende Computerisierung traut man eher einem 20-jährigen frisch von der Schule zu als einem 55-jährigen. In Deutschland sind eher 50% der 60-jährigen arbeitslos, in Spanien 50% der 20-jährigen.
Wenn der Rasenmäher einen Touch-Screen hat, dann würden Sie das Gerät doch auch eher Nachbars Sohn anvertrauen, als Nachbars Vater. Der Senior kann vielleicht eher mit einer Sense umgehen, einem Gerät bei dem man vielleicht von Jahr zu Jahr besser wird, wenn man es benutzt. Vielleicht gibt es in Spanien mehr Sensen ?

(Schein-)Selbständigkeit, Werkverträge
Als Konsequenz macht sich der Nachbarsjunge selbständig, er erklärt damit „Ich verzichte auf Urlaub, Pflege, Kranken, Arbeitslosenversicherung“. Er bietet seine Arbeitsleistung für 5 € /Stunde an, Es werde 19% Mehrwertsteuer fällig, Das Rasenmähen kostet mich jetzt nur 6€ / Stunde.
Und das ist vollkommen legal. Selbständige dürfen verlangen was sie wollen – Arbeitnehmer nicht. Ist es ein Wunder das viele Arbeitslose bereit sind auf diese Art „selbständig“ zu sein.
Für den Arbeitnehmer ist es natürlich recht kurzsichtig, viele die das machen leben von der Hand in den Mund, ernten aber wenigstens mehr soziale Anerkennung, als ein Hartz-IV Empfänger, der für das gleiche Geld auf der Couch sitzt. Anerkennung hilft gegen Depressionen, aber nicht gegen Hunger.


Aber der Arbeitnehmer verzichtet eventuell freiwillig auf eine Krankenversicherung. Bei 5® Stundenlohn steht die Überlegung an: Zahle ich Lebensmittel und Miete oder Kranken- und Rentenversicherung.  Das geht eine Weile gut, die Probleme kommen bei Krankheit oder Alter und zwar heftig.
Wenn man nicht direkt Einzelselbständige anstellt, sondern Firmen so lassen sich sämtliche arbeitsrechtlichen Regelungen leicht aushebeln, denn für Subunternehmer gilt das Arbeitsrecht Ihres Firmensitzes, also gegebenenfalls Polen, Rumänien, Litauen. Ein paar wenige


 Die Rolle der Gewerkschaften
Auf jede „Errungenschaft“ der Gewerkschaften, Tariflöhnen, Sozialleistungen, Kündigungsschutz reagiert ein Arbeitgeber.
Ein paar positive Wirkungen sollen nicht vernachlässigt werden: Hohe Personalkosten sorgen für einen gewissen Innovationsdruck, Sie erfinden mehr Maschinen, Automaten, Roboter, und diese Erfindungen sparen nicht nur Arbeitskräfte ein, Sie lassen manchmal neue Produktionszweige entstehen.
Wenn Ihnen Rasenmähen zu teuer ist, erfinden Si einen selbstfahrenden Rasenmäher, sie haben dann nicht nur Ihr Problem des Rasenmähens gelöst, sondern gleich auch noch ein Produkt das Sie verkaufen können.  Ihnen als Unternehmer geht es damit besser, Sie können öfter ins Restaurant gehen, und auch der Kellner kann mehr verdienen.
Aber wer durch eine Maschine ersetzt wurde – dem ist damit nicht geholfen. Der Job ist weg, und zwar nicht nur seiner, sondern gleich auch noch der bei allen anderen, die jetzt auf einen Rasenmäher-Bediener verzichten.  Wahrscheinlich entstehen neue Jobs die eine höhere Qualifikation bedürfen.
Es ist nur mittelbar der Gesetzgeber der all diese Regelungen durchgesetzt hat. Initiatoren und Erfinder der meisten dieser Gesetze sind die Gewerkschaften, die die Situation von Großkonzernen auf jedes kleine Unternehmen übertragen. Es geht dabei immer um „Recht und Gerechtigkeit“ und „Zum Wohle des Arbeitnehmers“. Aber letztendlich gehen viele Initiativen nach hinten los.
Weil die Gewerkschaften so „gute Bedingungen“ für Ihre Arbeitnehmer verhandeln, will die Arbeitnehmer niemand mehr zu diesen Bedingungen einstellen, man sucht nach Auswegen und findet sie. Ohne Gewerkschaften wäre eine Suche nach Auswegen nicht nötig gewesen. Regelarbeitsplätze werden durch Leiharbeit, Scheinselbständige oder ausländische Werkvertragsunternehmen abgelöst.
Die europaweite Arbeitnehmerfreizügigkeit und die nationalen Gewerkschaften die sich ausschließlich um Ihre „inländischen“ und nicht Ihre „innereuropäischen“ Mitglieder kümmern, haben nicht mehr viel Druckmittel gegenüber den Arbeitgebern. Massenentlassungen sind zwar böse und finden nicht statt, doch schleichend werden frei werdende Arbeitsstellen nicht mehr mit sozialversicherungspflichtigen Vollbeschäftigten ersetzt oder  vorhandene Arbeitnehmer mit leicht geänderten Arbeitsverträgen in Subunternehmen ausgelagert. Die Entlassungen werden verschleiert, auf 5 Jahre verteilt und schon sind Sie außerhalb der Wahrnehmungsgrenze. Ein Strukturwandel findet statt, der nur Branchenkennern jeweils bewusst ist.


Es ist die Gewerkschaft die der Bevölkerung sagt „Ihr müsst 10€ verlangen, arbeitet nicht für 5€, und verlangt Urlaub, Rente, Krankenversicherung und Kündigungsschutz“ ! 
  •       Gewerkschaften regeln nicht nur die Verhältnisse für Ihre Mitglieder, sondern für die gesamte Volkswirtschaft:  Gewerkschaftsmitglieder, Nicht-Mitglieder und auch Selbständige, denn jeder Bürger kann frei entscheiden in welche Gruppe er gehören möchte, zu den mündigen Bürgern, die für sich selbst entscheiden, oder zu denen um die sich gekümmert werden muss.
  •       Die Gewerkschaft sagt „arbeitet nicht“. Es ist natürlich zum Schutz des Arbeitnehmer sich nicht „ausbeuten“ zu lassen, aber welche Alternativen gibt es ? Gar nicht arbeiten? Die Gewerkschaft drängt damit insb. geringqualifizierte Arbeitswillige in die Arbeitslosigkeit.


Dienstag, 2. Juli 2013

Rabattkarten ohne Rabatt: Jahreskarten bei der Sächsischen Dampfschifffahrt

Ich fahre gerne mit der Sächsischen Dampfschifffahrt (SDS), wohne nicht allzu weit von der Elbe entfernt und habe darum den Kauf einer Jahreskarte in Erwägung gezogen. Leider musste ich dabei feststellen das dort Tarife angeboten werden, die angeblich Vielfahrern einen Rabatt versprechen, aber  nicht gewähren.

Ob man bei der SDS von attraktiver Tarifgestaltung nichts versteht und sich dessen gar nicht bewusst ist, oder einfach nur die Fahrgäste zum Narren halten will, bleibt offen.

Für 100€ wird eine Flat-Rate angeboten, 1 Jahr fahren so viel man möchte. Jetzt hat man sich anscheinend bei der Bahn abgeguckt, das es dort eine Bahncard 25 und Bahncard 50 gibt, und verspricht ebenfalls 25% Rabatt für 25€ und 50% Rabatt für 50€.



Die jeweils unterste Linie zeigt den jeweils niedrigsten Preis für alle möglichen Summen bis 150€, die eine Person eventuell für Fahrkarten in 12 Monaten ausgeben könnte.
Für alle Beträge unter 100€ ist der Normalpreis am günstigsten. Für alle Preise über 100€ ist eine Jahreskarte 100 günstiger. Mit 25% Rabatt für 25€ oder 50% Rabatt für 50€ zahlt man immer drauf – egal wie viel man fährt.

Ab wann zahlt man 100€ Fahrpreis? 
6mal Königstein-Dresden (4 Stunden) oder 4mal Dresden-Königstein Dresden ( 9 Stunden !)
Die Jahreskarte lohnt sich erst sehr spät.
Zum Vergleich: Eine Jahreskarte für den Zoo Dresden lohnt sich schon ab 3 Besuchen (ca. 1 Stunde)

Jeder, der eine Jahreskarte kaufen möchte, müsste diese Analyse machen, um sich für die "richtige" Karte zu entscheiden. Mehr Karten anzubieten, heißt die Wahl zu erschweren. Manchmal wäre weniger mehr. Die Flatrate-Jahreskarte für 100 Euro würde vollkommen genügen.

Vielleicht wäre zusätzlich 25% oder 50% Rabatt auf Speisen und Getränke sinnvoll, um diesen beiden Jahreskarten noch einen sinnvollen Zweck zu verleihen. Bei der Flat-Rate-Jahreskarte 100 erwartet man eher nicht, dass es auch noch ein Flat-Rate All-You-Can-Eat für 1 Jahr dazu gibt. Ohne geänderte Konditionen sollten die Jahreskarte 25 und Jahreskarte 50 ersatzlos gestrichen werden, und zwar nicht erst im nächsten Jahr, sondern, aus Gründen des Verbraucherschutzes, sofort.

Nur die Jahreskarte 100 ermöglicht, das man nicht bei Fahrtantritt entscheiden muss wo man aussteigen will, sondern ganz spontan entscheiden kann; vielleicht auch mal aus einem Schiff aussteigen und 2 Stunden später mit dem nächsten weiterfahren. Tageskarten hat die SDS sonst nur für Familien mit mindestens 1 Kind vorgesehen. Bei Jahreskarten sind dagegen gar keine Kinder eingeplant.

Die "Stadt Wehlen" am Anleger in Kurort Rathen
Ich zahle gerne den Fahrpreis und trage damit zum Erhalt der Dampfschiffe bei. Aber wenn man die Einnahmen steigern will, dann sollte man vielleicht um Spenden bitten, und eine Spendenquittung ausstellen, und die Fahrgästen nicht hinters Licht führen und den Eindruck erwecken, man könne durch eine kleine Einmalzahlung dauerhaft etwas sparen.

Alternativen für Gern-, Viel- oder Langstreckenfahrer

Falls Sie immer zu zweit Fahren ist eine Jahreskarte Plus für 175€ für 2 Personen sogar noch günstiger. Das Schöne daran ist, das nur eine Person auf der Karte eingetragen wird und jedes Mal ein anderer Gast mitgenommen werden kann.

Es gibt auch ein paar Möglichkeiten ganz kostenlos 10% Rabatt zu bekommen. In vielen Coupon-Heften, Werbeaktionen, für Schüler und Studenten oder auf Rückseiten der  Karten für die Landesbühnen Sachsen/Felsenbühne Rathen gibt es kostenlos 10% Rabatt.

Wer an seinem Geburtstag fährt, fährt auch umsonst. In den Tarifbestimmungen steht etwas vieldeutig "Geburtstagskinder"; die Regelung gilt aber auch für Erwachsene, ich hab‘s getestet. Fast ein Fall von "geheimen Marketing", wir geben Rabatte, aber sagen es nicht deutlich.

Wer gerne Langstrecken fährt: Rückfahrten gibt es fast umsonst: Dresden-Bad Schandau: 22,20€; Die Rückfahrt gibt es für 2,80€. Man könnte auch sagen, es gibt Tageskarten für 25€, aber das bewirbt die SDS nicht unter diesem Titel denn Fahrtunterbrechungen sind nicht erlaubt.
2 Erwachsene Dresden-Bad Schandau: 44,40€. Nehmen Sie irgendein Kind mit und Sie zahlen nur 39,90€. Sozialtarife sind gut und schön, aber es lassen sich auch immer negative Interpretationen finden. Warum darf ein Doppelverdiener-Haushalt seine Kinder umsonst mitnehmen, aber eine allein erziehende Mutter muss für Ihr Kind ein Ticket kaufen?

Wenn die Rabattangebote zu vielfältig und zu undurchsichtig werden, dann stellt sich bei den Gästen leicht Frust ein, "Wer soll denn das verstehen", "das ist ja kompliziert", "Wie kann ich sicher sein nicht zu viel zu bezahlen". Diese Effekte kennen wir alle von der Deutschen Bahn. Tarifdschungel nennt man das dort.

Das Kombiticket Dampfschiffahrt + Verkehrsverbund lohnt sich auch eher selten.
Kombiticket 34,50€; Dampfschiff Dresden- Königstein + Tageskarte VVO-Verbundraum: 33€.
Für 2 Personen wird es noch deutlicher: Selbst mit dem teuersten Dampfschiffticket für 25€*2 Personen + 17,50 Verbundraumtageskarte zahlt man mit 67,50 weniger, als mit Kombitickets für 69€ für 2 Personen. Noch so ein vorgetäuschtes Rabattversprechen. Aber nehmen Sie ein Kind mit und Sie bekommen den ganzen Spass für 50€. 

Sobald man Hin-&Rückfahrt mit dem Dampfschiff bucht wird es wieder weniger Wert, weil man dort aussteigt wo man einsteigt und meist nur eine einfache Fahrkarte für eine VVO-Zone braucht. Für Gäste aus Kamenz oder Hoyerswerda (auch noch im VVO) wäre das Ticket sicher interessant, aber es wird leider nur an Dampferanlegestellen verkauft. Für die Anreise zur Anlegestelle ist es damit nicht zu gebrauchen.

Samstag, 29. Juni 2013

Erfundene Verluste: Was Flutschäden mit Schwarzfahrern gemeinsam haben

Häufig wird "entgangener Gewinn" als Schaden bezeichnet. Wenn man also einen Grund erfindet, warum man hätte mehr Gewinn machen können, dann kann man auch sagen man macht Verlust bei Wegfallen des Grundes. Über Verluste zu klagen ist viel beliebter als mit Gewinnen zu prahlen.

"Wenn in Dresden keine Flut gewesen wäre, hätte das Hotel 10% mehr Gäste". Die Zahl ist frei erfunden, vielleicht beruht sie auf Erfahrungen aus dem Vorjahr. Nun war Hochwasser. Es ist also ein Schaden durch Flut entstanden? Allerdings rein hypothetisch, es ist eine reine Vermutung das Gäste wegen der Flut nicht kommen. Vielleicht gab es auch ein Super-Sonderangebot für Berlin oder Hamburg das die Gäste weglockt, oder die jüngste Veröffentlichung der Kriminalitätsstatistik schreckt ab, oder die Wirtschaftskrise erlaubt den Gästen keinen Urlaub. Es kann sehr viele Gründe für ausbleibende Urlauber geben, es ist pure Ignoranz den erstbesten oder offensichtlichsten Grund als Alleinverursacher zu betrachten. Es ist aber bequem, einfach und klingt plausibel.

So kommt es das man einmal hört "Die Flut 2013 hat 2 Mrd. € verursacht", ein andermal sind es 10 Mrd €. Mal sind beschädigter Hausrat und Gebäude gemeint, mal sind entgangene Gewinne durch wegfallende Touristen, der sogenannte „volkswirtschaftliche Schaden“, indirekte Folgewirkungen, enthalten. Man kann nicht sagen die Zahlen seien falsch, aber sie haben keine Aussage wenn man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt.

Mit dem betriebswirtschaftlichen Begriff des Verlusts haben beide "Schäden" jedoch nichts zu tun. In der Betriebswirtschaft gilt als Verlust, wenn man mehr Ausgaben als Einnahmen hat. Dafür braucht man keinen Schaden, dafür reicht auch Dummheit.  Ein Restaurant stellt mehr Personal ein als es braucht oder kauft sein Gemüse statt im Großhandel auf dem Wochenmarkt, und schon decken die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr und es entsteht Verlust. Behauptet wird aber dann leichtfertig: Es kommen zu wenig Gäste.
Statt 1000€ Gewinn nur 900€ Gewinn zu machen ist kein Verlust - Es ist weniger Gewinn; denn die Zahl 1000 ist nichts weiter als eine Erwartungshaltung und die Erwartung hängt davon ab ob der, der sie hat, ein Optimist oder ein Pessimist ist. Wer nur 800€  erwartet, freut sich über 900€, wer 1000€ erwartet behauptet er macht Verluste.  Die typische Frage ob ein Glas halbleer oder halbvoll ist.

Entgangene Gewinne werden von keiner Versicherung als Schaden anerkannt, sie sind nicht versicherbar.

Wieviel Schaden richten Schwarzfahrer an? Wie viele Schwarzfahrer gibt es? Ein paar werden erwischt, die Mehrheit sicherlich nicht.  Die Wirtschaftswoche behauptet zum Beispiel, es wären 2011 120 Millionen€ Schaden entstanden, und auch die Kosten der Kontrolleure sollte man doch besser noch Bedenken, vielleicht auch noch die Kosten des Fahrkartendrucks, denn wenn alle ehrlich wären könnte man sich doch Kontrollen, und damit Fahrkarten überhaupt, ersparen. Ein Amerikaner hat mich mal verwundert gefragt warum denn der Busfahrer kein Ticket sehen wolle und warum man einfach so in eine U-Bahn einsteigen kann ohne durch irgendein Drehkreuz gehen zu müssen.
Mit dem Verzicht auf solche Kontrolltechnik hat man ein gewisses Maß an Schwarzfahrern akzeptiert. 0% Schwarzfahrer empfinden wir als gerecht, aber 100% Kontrolle ist so aufwändig, das es billiger ist, 1% Schwarzfahrer zu akzeptieren. Die einfache Rechnung "weniger Schwarzfahrer = mehr Gewinne" ist naiv.

Doch warum es eigentlich geht, ist die Behauptung es sei ein Schaden von 120 Millionen € entstanden. Die Zahl wird einfach so in den Raum gestellt, ohne ein „ca.“, ein „ungefähr“ oder jegliche Relativierung.

Wie kommt man auf so eine Zahl ?
Manchmal zählt man nur die gestellten Schwarzfahrer, ,manchmal nimmt man die Zahl einfach Mal 4. Das nennt man dann "Schätzung der Dunkelziffer". Man könnte es auch "Freie Erfindung" nennen, aber das klingt weniger wissenschaftlich. Schätzen ist durchaus eine wissenschaftliche Methode, wenn es kein Messverfahren gibt, aber die Ergebnisse müssen dann deutlich als „geschätzt“ gekennzeichnet werden. Am deutlichsten würde das, wenn man die Zahlen als „im Bereich von .. bis .. „angeben würde.

Wie könnte man den Schaden durch Schwarzfahren berechnen ?
(Anzahl gestellte Schwarzfahrer + „geschätzte erfolgreiche Schwarzfahrer“) * Preis einer Einzelfahrt = Schaden
Das klingt plausibel ? Nur wenn man nicht über Alternativen nachdenkt. Es setzt voraus, das jeder Schwarzfahrer, statt ohne Fahrkarte zu fahren, eine Einzelfahrkarte kauft. Aber so etwas ist nicht realistisch.
  • ·      Vielfahrer kaufen sich vielleicht Wochen- oder Monatskarten, die sind günstiger als Einzelfahrten
  • ·      Kurze Wege geht man zu Fuß, oder man nimmt das Fahrrad
  • ·      Für lange Wege nimmt man das Auto
  • ·      Man kann auch einfach zu Hause bleiben, wenn einem die Fahrkarte zu teuer ist,

Hat man das bei der Schätzung des „Schadens durch Schwarzfahrer“ alles berücksichtigt? Das weiß man nicht, vielleicht ja, vielleicht nein. Da man solche Zahlen gerne aufbauscht damit sie ganz fürchterlich aussehen, verzichtet man wahrscheinlich darauf. "Verluste" sind doch eine gute Begründung für Fahrpreiserhöhungen, Entlassungen oder Forderungen nach Subventionen.

Es liegt nicht immer entgangener Gewinn, vor, denn die Alternative zu „Mann ohne Fahrkarte“ ist nicht zwangsläufig „Mann mit Fahrkarte“.

Gerade im Nahverkehr gibt es extrem wenig variable Kosten, das heißt die anfallenden Kosten hängen nicht von der Anzahl der Passagiere ab. Nicht die Anzahl der Busse, der Busfahrer, kaum die des Treibstoffs oder der Anzahl der Verkaufsstellen.
Worin besteht der "echte" Schaden? Ein Bus mit 200 Kilo mehr Frachtgewicht (2 Personen) verbraucht evtl. 0,5Liter mehr Diesel je 100 km. Vielleicht steigen auch die Reinigungskosten um 0,5% weil der Schwarzfahrer den Bus verschmutzt. Das ist der reale Schaden, der Mehraufwand ohne Gegenleistung.

Ich möchte Schwarzfahrer nicht entschuldigen. Erschleichung von Dienstleistungen ist eindeutig Betrug und es ist unfair gegenüber den zahlenden Fahrgästen. Das eine Friseurin mit 1000€ Nettoeinkommen mehr für Ihre Fahrkarte bezahlen soll, als eine Rentnerin mit 1000€ Rente, finde ich auch unfair, aber gehört jetzt nicht hierher.

Mit Statistiken und Zahlen wird zu salopp umgegangen "Sage mir eine Zahl, und ich finde eine Berechnungsmethode oder Annahmen, die die Zahl begründet". Man hört oft: „Traue keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast“, wobei „.. die Du nicht selbst erstellt hast“, zutreffender wäre. „Fälschung“ unterstellt böse Absichten, aber auch pessimistische Annahmen drängen eine Zahl in die eine oder andere Richtung.

Etwas verkürzt sagt man auch: "10 Experten - 10 Meinungen". Meistens fragt man nur einen Experten, und dessen Ergebnisse werden dann durch mehrfaches Abschreiben von Journalisten so oft verkürzt, verallgemeinert, oder umformuliert, dass sich fast zwangsläufig die Bedeutung einer Zahl ändert, oder nicht mehr erkennbar ist.


Zahlen über "Verluste" sollte man nicht allzu viel Vertrauen schenken, wenn man nicht weiß wie sie entstanden sind. Am besten nicht so genau hinhören, und auf keinen Fall solche Zahlen für eigene weiterführende Überlegungen verwenden. „Jammern gehört zum Geschäft“ und „Only bad news are good news“.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Für wen lohnt sich die Dresden-Card ?

(Zu dem Artikel gibt es ein Update für 2014, die Aussagen hier gelten jedoch weiterhin.)

Städtetouristen kaufen sich gerne Mehrtagestickets für Bus & Bahn um sich nicht mehrfach an fremden Automaten herumzuquälen, um komplizierte Tarifzonen zu kümmern, und nicht durch fremde Städte mit dem Auto navigieren zu müssen.

Leider bietet der VVO, der Verkehrsverbund Oberelbe rund um Dresden, eine solche Karte nicht an. Es gibt nichts zwischen einer Tageskarte und einer Wochenkarte.

In Dresden hat man den Trend anderer Städte übernommen und eine Dresden-Card erfunden bei der die Fahrkarte mit gewissen Rabatten bei touristischen Angeboten kombiniert werden.
Leider fallen die Rabatte sehr dürftig aus. Die staatlichen Museen sind kostenlos, sofern man mindestens eine 2 Tages Dresden-City-Card kauft. Für einen Mehrnutzen zahlt man natürlich auch gerne einen Mehrpreis, denkt man sich als Tourist.
2 Tages-Fahrkarten für Dresden kosten 11€, 1 Eintritt in ein Museum 10€, das sind 21€. Eine 2-Tages Dresden-Card für 1 Person kostet 26€. Ein Museumsbesuch reicht noch nicht aus, um den Mehrpreis zu rechtfertigen. Man muss  noch weitere Angebote nutzen. Das ist jedoch gar nicht so einfach.




Die meisten Touristen gehen in das Historische GrüneGewölbe, doch das ist von sämtlichen Rabatten ausgenommen. Das Hygienemuseum oder das Militärhistorische Museum oder das Verkehrsmuseum kommen gut bei den Besuchern an, insbesondere auch bei unter 16-jährigen  dort erhält man jedoch immer nur 10% Rabatt, also spart ca. 1€.
Außerdem muss man wissen, dass die meisten Kunstsammlungen mit nur 2 Tickets zu erreichen sind:
  • 10€ für Neues Grünen Gewölbe, Rüstkammer, Türkischer Kammer, Kupferstich-Kabinett, Hausmannsturm
  • 10€ für Gemäldegalerie Alte Meister, Mathematisch-Physikalischen Salon und Porzellansammlung
Im Flyer zur Dresden-Card wird das dargestellt als hätte man freien Eintritt zu 8 Einrichtungen.
Doch man spart nicht 8 mal Eintritt, sondern nur zweimal. Mehr als 20 € ist je Person nicht einsparbar, egal ob man 2 Tage oder 5-Tages-Karten kauft. Bei 5 Tagen kann man sich mehr Zeit lassen, aber wer sparsam ist und eine Tageskarte für je 4 Museen hat,  der würde sicher auch 4 Museen an einem Tag besuchen. Aber kennen Sie jemanden der im Urlaub ohne Schlechtwetterperiode in mehr als 3 Museen in einer Woche geht?

Was kann man sonst noch so sparen mit der Dresden-Card ?
2€ bei der Stadtrundfahrt,  10% von einem Mittagessen , 1 Euro hier, 1 Euro da,
Es ist ziemlich schwierig an 2 Tagen 6€ einzusparen, wenn sie nicht ständig mit der 100-seitigen Dresden-Card-Broschüre in der Hand, sich darauf beschränken in den 2 Tagen ausschließlich in "teilnehmenden Restaurants" zu speisen.

Das bedeutet aber unter Umständen, sie Essen evtl. Ihr Schnitzel in einem Restaurant für 12€ mit 10% Rabatt, (=10,80€) Obwohl es vielleicht im Restaurant nebenan von vornherein nur 9,90€ kostet, ganz ohne Rabatt und ohne Dresden-Card. Die Ersparnis kann man sich einbilden. 

Theaterkarten gibt es mit 10% Rabatt. Doch wie soll man die kaufen ? Sie müssen beim Kauf der Theaterkarte die Dresden-Card vorlegen, das heißt Kauftag=Besuchstag, der Rabatt gilt also nur an der Abendkasse für ein paar Restplätze, für ausverkaufte attraktive Veranstaltungen nutzt die Karte Niemandem. Eine Theaterkarte kauft man schon mal 3 Monate im Voraus, die Dresden-Card eher nicht. Falls doch müßte man erst eine Dresden-Card für Tag X kaufen, dann persönlich an der Theaterkasse ein Ticket für Tag X kaufen, mit dem Risiko das gar kein Platz mehr verfügbar ist. Es gibt kein Online-Buchungssystem das die "Vorlage" der Dresden-Card akzeptiert.

Viele Vorteile der Dresden-Card sind sehr saisonal und können gar nicht ganzjährig in Anspruch genommen werden, trotzdem ist die Karte das ganze Jahr lang gleich teuer. 

Im Vergleich mit anderen Regionen ist die Dresden-Card sehr teuer und bietet finanziell sehr geringe Vorteile. 

Stand 2013
3 Tage
3 Tage
3 Tage


1 Person
2 Erwachsene

4 Kinder
5 Erwachsene

Dresden + Region
49,90 €
71,90 €
193,70 €
Dresden-Regio-Card
München + Region
32,90 €
53,90 €
53,90 €
Hamburg + Region
49,90 €
79,90 €
79,90 €
Berlin+
Potsdam
24,90 €
49,80 €
124,50 €
Wien
19,90 €
39,90 €
99,50 €
  Notiz am Rande: in Wien kauft man eine Karte, in allen deutschen Städten eine Card.

Die Tourenvorschläge
Der Flyer bietet verschiedene Touren an, die aber sehr lieblos zusammengestellt sind.2012 waren dort Touren enthalten die überhaupt nicht realisierbar sind. In etwa so. "Morgens in Dresden etwas besuchen, mit dem Schiff nach Meißen, Porzellanmanufaktur besichtigen". Allerdings fahren die Schiffe nur ca. 9:30 und 16:30, in Dresden macht vor 9:00 nichts auf, was man besuchen könnte, und die Porzellanmanufaktur macht 17:00 zu. Wahrscheinlich hat die Tour irgendeine Werbeagentur weit außerhalb Dresdens zusammengestellt. Man hat sich jetzt schon verbessert.
Jetzt gibt es andere „verrückte“ Angebote: Nach dem Frühstück fahren wir nach Königstein und mieten uns  ein Schlauchboot. Wir sind im Urlaub, vor 10 Uhr sind wir nicht in Königstein. Wenn man nicht hetzt und mal eine Mittagspause macht ist man frühestens 15 Uhr in Pirna. Nicht unbedingt trocken, vielleicht in Badesachen. Dann sagt der Tourguide „Wir schauen uns die Festung Königstein an“. Der Rückholservice des Kanuverleihs aus Königstein spart etwas Zeit, aber vor 16 Uhr ist man nicht oben, will sich was anschauen, muss sich beeilen damit man bis 17:30 fertig ist, um 18 Uhr die S-Bahn nach Rathen erwischt, mit der Fähre übersetzt, sich um 19 Uhr noch schnell eine Bratwurst reinziehen kann um um 20 Uhr auf der Felsenbühne zu sein, um dort zu hoffen noch eine Restkarte zu bekommen, weil es den Rabatt ja nur dann gibt, wenn man die Dresden-Card vorlegt. Nein, das Problem ist ehrlicherweise ein anderes: Außer Freitags und Samstags und auch nur von Juli bis August gibt es fast gar keine  Abendvorstellung weil  über 50% aller Vorstellungen für Kinder sind, und eher am Nachmittag stattfinden.
Also wer möchte nach 5 Stunden Paddeln ohne zu Duschen noch auf eine Festung und ins Theater ?  „Faszination Sächsische Schweiz“ nennt sich diese Tour. Das Problem ist nur das die Sächsische Schweiz keinen Eintritt kostet. Vor dem Besuch der Felsenbühne steigt ein normaler Besucher eventuell vollkommen kostenlos auf die Bastei.Die Tourenplaner müssen aber möglichst viele teure Attraktionen in den Plan einbauen um möglichst viel Rabatt suggerieren zu können. Wandern kostet nichts.
Wer Spass hat an wilden Schnitzeljagden im Zickzack durch Dresden und Vororte sollte sich mal die Tourenvorschläge der Dresden-Card anschauen. Nach dem Karl-May-Museum Radebeul empfehle ich zum Abendessen einen Radebeuler Winzer oder Sushi&Wein direkt neben dem Museum. Die Dresden-Card empfiehlt ein Essen am Dresdner Hauptbahnhof im Shopping District. Reizend.
Nach dem Schloss Pillnitz soll man wahlweise im Großen Garten Essen gehen (13 km), oder im Lingnerschloss, "nur" 10km entfernt, aber mit 2mal Umsteigen über Bühlau Fahrzeit 1 Stunde 5min; Als wenn es in Pillnitz oder Loschwitz nichts zu essen gäbe -  es gibt nur keine Dresden-Card Teilnehmer. Ich empfehle die Elbterrasse Wachwitz, die standen gerade (Juni 2013) im Wasser und jeder Umsatz hilft bei der Schadensbeseitigung (sobald sie wieder geöffnet ist).

Wo bleibt das Geld ?



Einen Anteil bekommt der Verkäufer, die Aufteilung in Fahrtkostenanteil und Anteil für die Kunstsammlungen muss er selbst machen, denn dem Fahrkostenanteil unterliegt keine Mehrwertsteuer, dem Museumsanteil 19%. Eine sehr aufwendige Bürokratie.
Jede Dresden-Card hat eine eigene Seriennummer, die Nummer muss der Verkäufer der Dresden-Marketing GmbH melden, und zwar nicht nur die verkauften, sondern auch die unverkauften. Dafür gibt es keine Software, oder eine Web-Site, man muss Zettel per Hand ausfüllen und per Brief verschicken. Mittelalterliche Methoden und ein unheimlicher personeller Aufwand auf beiden Seiten, wie ihn sich nur eine öffentlich-rechtliche Bürokratie ausdenken kann.


Die Stadtmarketing GmbH hat anscheinend bei der Aufteilung der Gelder schlecht verhandelt. Der Verkehrsverbund bekommt annähernd den vollen Preis Ihrer gewöhnlichen Einzelfahrkarten zugesprochen. 3 Tage Regio-Card = 3 Tageskarten für den Verbundraum zum Einzelpreis + Zusatzleistungen. Man könnte durchaus argumentieren: Die Gäste bekommen zwar eine 3-Tageskarte für den Verbundraum, aber Sie werden Sie nicht jeden Tag ausnutzen. Eine Mischkalkulation von etwa 2 Tageskarten für Dresden und 1 Tag für den Verbundraum wäre sicherlich gerechtfertigt.

Den "Zusatzbetrag" der nicht für Marketing, Provisionen und Verwaltung draufgeht, bekommen  formell die Staatlichen Kunstsammlungen, die freuen sich das 10 Gäste so eine Dresden-Card kaufen, aber dann davon nur 2 Gäste ein Museum besuchen. Eine Statistik wie viele Besucher mit einer Dresden-Card ins Museum gehen gibt es nicht. Der Besucher geht nicht zur Kasse sondern zeigt seine Karte direkt am Einlass vor und dafür gibt es keinerlei elektronische Erfassung.

Die teilnehmenden Restaurants und Freizeiteinrichtungen, die nur 10% Rabatt anbieten bekommen wahrscheinlich nichts von den Einnahmen sondern müssen sich mit der Freude über die Werbung in den Broschüren begnügen. 10% Rabatt für kostenloses Marketing ist ein  üblicher Betrag.

Wo kann man die Dresden-Card kaufen ?
Die Innenstadt wird zugepflastert mit Plakaten "Es gibt die Dresden-Card", "Kauf die Dresden-Card", Tonnen von Flyern und Broschüren werden gedruckt, das Marketing ist so enorm, aber es ist relativ schwierig an die Karte heranzukommen.
Wenn man schon in Dresden ist dann bleibt einem nur ein Weg zur Tourist-Info. 
Eine normale Fahrkarte für die Verkehrsbetriebe kauft man entweder am Automaten oder seit ein paar Jahren auch als Handyticket per Smartphone-App oder per SMS.
Beide Wege existieren für die Dresden-Card nicht.
Es gibt sie nicht einfach am Fahrkartenautomaten. Man muss erst mit dem Auto oder mit einer normalen Strassenbahn-Einzelfahrt zur Tourist-Info , um an die Karte zu kommen. Oder man bestellt sie Tage vorher im Internet und läßt es sich zuschicken. Nicht etwa per QR-Code wie bei Handyticket mit Smartphone-App. Nein, wirklich im Briefumschlag, mit Post und Porto. Selbst Semperopernkarten gibt es schon mit Print@Home.

Im Idealfall kann der Tourist seine Karten in seiner Unterkunft kaufen.
Das Hotel bekommt eine Verkaufsprovision, und ist deshalb jedoch kein unabhängiger Berater mehr, sondern hat ein Eigeninteresse möglichst viele Dresden-Cards zu verkaufen.
Der ehrliche Rat für wen es sich lohnt - und für wen nicht - bleibt sicherlich oft aus.

Falls jemand eine Unterkunft in Meißen oder Bad-Schandau hat und von dort aus täglich nach Dresden pendelt, also jeden Tag wirklich alle Vorzüge der Regio-Card ausnutzen kann,  für den lohnt sich die Dresden-Card wahrscheinlich eher. Aber wird Sie in Meißen oder Band Schandau am Bahnhof verkauft ? Und warum sollte jemand dort übernachten, wenn er täglich nach Dresden fahren will ? Dresden hat eine riesige Kapazität an Hotelbetten und ein relativ niedriges Preisniveau, so daß niemand ins Umland gedrängt wird.

Was bekommt man mit der Dresden-Card nicht ?

Dresden hat viele interessante Angebote, die gar nichts kosten.
  • Besichtigung der Frauenkirche
  • Radeln auf dem Elbradweg, 
  • Spaziergang im Großen Garten oder an den Elbwiesen
  • Stadtrundgang ohne Führer. 
  • Shopping auf mehr als 200.000m² in der Innenstadt.
  • Striezelmarkt, Frühlingsmarkt, Herbstmarkt, Stadtfest
Was nichts kostet, kann nicht rabattiert werden.

Die Top-Attraktionen
  • Historisches Grünes Gewölbe für 12€ + 2€ Vorverkaufsgebühr
  • Aufstieg auf den Turm der Frauenkirche für 8€
  • Semperoper-Eintrittskarten
alles was sich quasi "von selbst" verkauft, wird gar nicht erst rabattiert.

Sich für eine rabattierte Dresden-Card Attraktion zu entscheiden, bedeutet immer 
  • eine kostenlose Attraktion nicht zu besichtigen, 
  • oder vielleicht eine viel bessere, aber nicht rabattierte Attraktion, auszulassen.
Man kann seine Urlaubszeit nur einmal verwenden.


Was für einen Aufpreis zu normalen Fahrkarten zahlt man ?
Was unternimmt ein 3 Tage Dresden-Tourist typischerweise ?
2 Tage Dresden anschauen, und 1 Tag ins Umland, Meißen, Moritzburg oder die Sächsische Schweiz.
Die 3 Tages Dresden-Card gilt automatisch für die gesamte Region, auch wenn man Dresden überhaupt nicht verlassen möchte, sie animiert also dazu das Umland zu erkunden. Geben wir der Dresden-Card mal einen Vorteil  und sagen, der Tourist, eher ein Ehepaar, möchte wirklich nur 1,5 Tag Dresden anschauen, geht einen Nachmittag ins nahe Umland, und noch einen Tag ins Fernere Umland. 
Was kostet das im Verkehrsverbund Oberelbe  ?
·         1 Tag nur Dresden Familientageskarte: 8€
·         1 Tag 2-Zonen (Radebeul oder Pirna) Familientageskarte: 13 €
·         1 Tag Verbundraum Tageskarte: 17,50 €.
Summe für Transport: 38,50€ (für 2 Personen für 3 Tage)
Die 3 Tage Dresden Regio Family Card71,90 €
Ein Aufpreis von 33,40€; nahezu der doppelte Preis.
Nehmen wir mal an, in den 3 Tagen wird 3 mal Essen gegangen, je 40 € = 120 €, 10% Rabatt werde fast überall ausgelobt, wenn man sich wirklich Mühe gibt und ausschliesslich bei "teilnehmenden" Restaurants speist. Also 12€ Rabatt.
Noch irgendeine weiter Attraktion, Stadtrundfahrt oder ähnlices 2 € je Person, = 4 € gespart.
Wir sind jetzt bei 16 € "Rabatt" bei 33,40 € "Mehrpreis".
Es ist fast unmöglich diesen Mehrpreis irgendwie wieder "herauszuholen", ohne ein Museum der Kunstsammlungen (außer dem historischen Grünen Gewölbe) zu besuchen. Da sparen Sie einmalig 20€ für 2 Personen.
Wir wären dann bei 36 € Rabatt zu 33,40€ Mehrpreis.
Wir haben 2,60€ "gespart" bei einem Ticketpreis von 71,90. Das sind 3,6% Ersparnis !!
Zusammengefasst:  Mit 3*Restaurant, 1 Weitere Attraktion + 1 Kunstsammlung und 1,5 Tage Aufenthalt außerhalb von Dresden mit öffentlichem Nahverkehr Sparen Sie 3,6%. Lassen Sie nur eines davon weg und sie machen „Verlust“. Einen echten Vorteil haben Sie erst wenn Sie noch mehr als das oben genannte bei den Dresden-Card-Partnern unternehmen. 

Fazit: Wer außer ins historische Grüne Gewölbe nicht noch in weitere Kunstsammlungen in Dresden geht für den ist die Dresden-Card zwangsläufig ein Minus-Geschäft und keine gute Investition.

Man sollte die Dresden-Card in Dresden-Museums-Card umbenennen, aber da man dann enttäuscht wird im Hygienemuseum, im Verkehrsmuseum oder im Militärhistorischem Museum, keinen freien Eintritt sondern nur 1-2€ Rabatt zu bekommen, ist selbst das noch geschönt: Dresdner-Kunstschätze-Card wäre mein Vorschlag für eine zutreffende Bezeichnung. Kunstschätze Liebhaber sollen Sie kaufen, andere Dresden-Besucher nicht.

Die Dresden-Card erfüllt Ihren Zweck. Sie dient dazu, dass die Touristen mehr Geld in Dresden lassen, als sie es ohne Dresden-Card tun würden. Man darf zweifeln, ob es zum Vorteil der Touristen ist oder gar die Attraktivität Dresdens erhöht.



Montag, 17. Juni 2013

Der Fliegende Holländer in der Semperoper

Nach 1988 gab es in Dresden am 15.06.2013, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, erstmals wieder eine Neuinszenierung des 1843 ebenfalls in Dresden uraufgeführten "Fliegenden Holländers".

Beim Aperitif auf der Semperopern-Terasse gab es nur ein Thema: "Die Flut" und "Man sieht gar nichts mehr", "Bis wo war das Hochwasser ?" "Ach es ist gar nicht über die Ufer getreten". Nur 8 Tage nach dem Scheitel der Flut wirkt Dresden sehr normal und unaufgeregt, selbst die Sächsische Dampfschifffahrt hatte am Samstag morgen wieder ein kleines Rundfahrt-Programm aufgenommen.

Das Premierenpublikum war deutlich festlicher gekleidet als bei anderen Veranstaltungen in der Semperoper.
Man sah mehr Smokings, Fräcke und Abendroben, sogar Kimonos und das Sprachengewirr im Foyer machte den Eindruck der Anwesenheit vieler ausländischer Gäste.
Der Altersdurchschnitt erschien gut 10 Jahre geringer als man das beispielsweise von Verdi- oder Puccini-Opern gewohnt ist. Eine Wagner-Oper gehört anscheinend in Kreisen, unter denen ich eher wenige Dresdner vermute, zu einer Art gesellschaftlichem Ereignis.
Die Zeiten der großen Abendgarderobe bei einem Theaterbesuch hätte ich eigentlich als überwunden betrachtet. Wer schon knapp 100 Euro für eine Theaterkarte investieren muss, soll sich nicht noch verpflichtet fühlen auch noch in Armani oder Dior erscheinen zu müssen. 
Die Programmhefte waren 20min vor der Vorstellung ausverkauft, die Nachfrage nach Premieren-Programmmen scheint deutlich höher als bei anderen Vorstellungen.

Die Qualität des Gesangs möchte ich mangels Vergleich nicht beurteilen, nur der Holländer selbst gehörte zum Ensemble der Semperoper, alle anderen wurden aus den USA und dem deutschsprachigen Raum eingeflogen.
Die Stimmen klangen genauso weich und kraftvoll wie von Wagner beabsichtigt.
Man muss der Intendanz der Semperoper vertrauen, dass erfahrene Sänger ausgewählt wurden, die Ihrer Aufgabe auch gewachsen sind. Falsche Töne waren nicht zu vernehmen und es war auch nicht zu bemerken das nicht alle deutsche Muttersprachler waren.

Übertitel während der Vorstellung waren trotzdem hilfreich, denn die 160 Jahre alte Sprache klingt in unseren Ohren doch manchmal recht ungewohnt, und wer hat schon noch Wörter wie Tand und Eidam in seinem aktiven Repertoire. An einigen wenigen Stellen sind die  Sänger auch einfach der Lautstärke des Orchesters unterlegen. Mangelnde Kraft, Enthusiasmus und Spielfreude kann man weder dem Orchester noch den Darstellern vorwerfen.

Auch der mit ca. 80 Personen sehr gut besetzte Opernchor läßt ebenfalls keine Sparmaßnahmen erkennen und ist sicherlich nicht an vielen Häusern zu erleben.

Das Bühnenbild war eher schlicht gehalten und keine Revolution. Eine Felsenklippe in Norwegen.
Es hätte auch durchaus eine Kopie der Felsenbühne Rathen sein können, nur das man sich statt der senkrechten Felswand eher eine für Video-Projektion geeignete Rückwand vorstellen muss, die die Weite des Meeres erahnen lassen soll.
Handwerklich läßt die Nachbildung von leicht bewachsenen kargen Felsen, ausgetretenen Pfaden und ein paar vom Wind sehr mitgenommenen Bäumen keine Wünsche offen.
Die Gesamtstimmung erinnerte an einige düsterere Hitchcock-Klassiker, wie "Rebecca", "Vertigo" ein wenig auch "Die Vögel" und "Nebel des Grauens". Die Ausleuchtung von Nacht und Morgengrauen war perfekt.

Werksbeschreibung für Neueinsteiger: "Piraten der Karibik" ist sehr ähnlich, ein Geisterschiff trifft auf einen realen Kapitän. Nur ist die ganze Sache weniger auf Humor angelegt sondern toternst und ohne Seeschlachten. 
Es gibt sogar einen Toten, man weiß nicht so genau wer es ist,
die Rolle eines Priesters für eine Beerdigung und eine Hochzeit sollte anscheinend ausgebaut werden, einige wortlose, fast pantomimisch wirkende Szenen wurden ergänzt.
Senta bekommt ein 9-jähriges Alter-Ego, das ohne Text über die Bühne wandelt.

Abweichend von der klassischen Inszenierung wurde das Spinnstübchen zu einer Entbindungsklinik. Der Sinn dieser Metapher hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber irgendjemand wird sich wohl etwas dabei gedacht haben. Mitten beim "Dreh dich Rädchen, summ, summ, summ" werden Kinder geboren, und zwar dutzendweise. Für das gebildete Publikum bleiben sicherlich noch viele weitere Anspielungen zu entdecken.

Das Gemälde, das Senta laut Gesangstext angeblich andauernd anschmachtet, war nicht vorhanden. Auf das obligatorische Schiff als Bühnenbild wurde verzichtet, weil man sich  doch irgendwie vom "Gewöhnlichen" abgrenzen will, allerdings ist diese Idee nicht allzu neu, sondern auch in den Inszenierungen, beispielsweise der Oper Zürich schon fast wieder "normal".

Wer die Staatskapelle von Konzerten auf der Bühne kennt, wird es als etwas dumpf empfunden haben, das Vorspiel aus dem Graben heraus zu hören. Wenn man nur die Reflektion eines Tones hört, ist es doch etwas anders, also wenn er Hindernisfrei vom Instrument zu Gehörgang gelangt. 

Wagner selbst hat das Orchester immer in den Graben verbannen wollen um voll und ganz dem Instrument der Stimme huldigen zu können. Er verstand sich immer auch als Dramaturg,  nicht nur als Komponist, der viel Wert auf die Kombination von dargestelltem Inhalt, Instrumentation und stimmlicher Umsetzung legte.

Für das Technik-Affine Publikum: Die Vorstellung war in 3D und in 50+ Kanal Sound. Live und Unplugged, in einzeln belüfteten gepolsterten Klappsesseln. Zumindest machen Kinos auf diese Art Werbung, die Theater versäumen es meistens mit Ihren Pfunden zu wuchern.

Die Staatskapelle veranstaltete gleichzeitig ihr "Klassik picknickt", die Anzahl der Musiker muss anscheinend groß genug sein, um zwei Veranstaltungen am gleichen Abend bespielen zu können; Beachtlich.

Der "Fliegende Holländer" wurde von 19 Uhr bis 21.15 Uhr ohne Pause durchgespielt.
Tosender Beifall über 10min, eine 2 malige Präsentation aller beteiligten einzeln und im Ensemble bewegten sich eher im normalen Bereich. Standing-Ovations im größeren Rahmen blieben aus.
Inwieweit der Applaus Richard Wagner galt, oder der Aufführung im Besonderen war nicht unterscheidbar. In leichter Abenddämmerung aus einer Oper zu kommen, noch dazu von Wagner, ist eher selten und dem nahen Mitsommer geschuldet.

Die Dresdner Altstadt war wegen der Bunten Republik Neustadt (30.000 Besucher) und der ungerechtfertigten Stornierungswelle nach dem Elbhochwasser  deutlich ruhiger als sonst.

Fazit: Ein oppulentes Werk wird bild-, musik- und stimmgewaltig in Szene gesetzt. 
Wagner wäre sicherlich damit zufrieden gewesen. Eine allzu exzentrische oder hyperverkopfte Modernisierung des Werkes hat man sich zum Glück erspart, ein paar Andeutungen in dieser Richtung wirken sicher für den einen nicht zu störend, für den anderen nicht zu klassisch.
An Wagner traut sich kein Provinztheater heran und die Semperoper bleibt Ihrem bekannt hohen Niveau treu, verzichtet jedoch auf frühere, allzu schockierende  Stilmittel, wie tanzenden Geköpften oder maschinengewehrtragenden Soldaten.

Wer nicht das erste Mal Kontakt mit klassicher Musik hat, für den ist der Holländer ein guter Einstieg in die Welt Wagners. Klassik-Anfänger sollten vielleicht eher das Sommergastspiel der West-Side-Story in der Semperoper besuchen,  um die Ehrfurcht vor dem Haus und der Atmosphäre etwas abzubauen und den Abstand zur gängigen Pop-Kultur in kleinen Schritten überwinden zu lernen und sich im September vielleicht mit "Carmen" weiter an ältere, aber ganz und gar nicht angestaubte, Musik heranzutasten.

Ich bin sicherlich kein Wagner-Experte, nur ein regelmäßiger Theaterbesucher, 
aber da keine anderen frei verfügbaren Opern-Kritiken im Netz auffindbar waren, musste ich ebend selbst eine verfassen.