Das System Welt ist groß. Wenn
wir es als komplex bezeichnen betrachten wir nur zu viel davon gleichzeitig,
wollen zu viel wissen, stellen zu viele Fragen.
Ein Uhrwerk wird jeder als eine komplexe Sache bezeichnen.
Dennoch haben wir kein Problem damit eine Uhr zu verwenden. Manche muss man
aufziehen, meistens reicht es die Zeit abzulesen. Die Komplexität des Uhrwerks
ist kein Problem, dass die Welt komplizierter macht.
Es genügt Uhrmacher und Uhrenanwender als zwei getrennte
Personen mit getrennten Qualifikationen zu betrachten, schon ist die
Komplexität verschwunden.
Für den Uhrmacher ist die Komplexität nicht beängstigend,
das ist für ihn Alltag, damit kennt er sich aus. Dieses Rädchen ist da um den
Zeiger anzutreiben, jener für das Datum, das ist alles so wie es sein muss.
Wenn wir enge Schnittstellen zwischen den Komponenten
definieren, wenn man von einer Komponente nicht viel wissen muss, sie aber
trotzdem vollständig benutzen kann, lässt sich die Welt in viele kleine
Komponenten zerlegen, deren Funktionsweise von jemandem, der sich tagtäglich
mit dieser Komponente beschäftigt (Fachleute, Experten) gerade noch beherrscht
wird.
Die Kunst besteht nur darin, die Welt in solche gerade noch verstehbaren
Komponenten mit wenigen Schnittstellen zur Außenwelt zu zerlegen. Mit einer
Black-Box wie einem Uhrwerk können wir fabelhaft umgehen, solange niemand so
dumm ist und fragt, wie es funktioniert. Die Welt braucht mehr Black-Boxen und
mehr Vertrauen dass die Boxen funktionieren. Wenn sie nicht funktioniert,
kümmert sich der Hersteller der Box darum und nicht der Anwender!
Komplexität ist meist nur ein Angst-Wort für Außenstehende,
für den Lernenden, der sich Neu in ein Thema einarbeiten muss, und meistens
bezeichnet er damit nur eine Quantität, eine hohe Menge an Einzelteilen. Es ist aber nicht die Menge die relevant ist,
sondern die Struktur.
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| Häufigste Form. Knäuel, alles steht scheinbar mit jedem in Verbindung |
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| Lineare Ketten können beliebig lang sein, die Quantität ist kein Problem |
Mit einer Perlenkette kommen wir viel besser klar als mit
einem Knäuel, mit einem Kabelbündel besser als mit einem Kabelsalat. Einen Sack
Kleingeld auf dem Tisch auszuschütten erzeugt Chaos. Jeder löst das Problem in
dem er nach Größe sortiert, Stapel bildet, und dann wahlweise zählt, wiegt oder
die Höhe der Stapel misst. Die Gleichförmigkeit von Elementen wird genutzt. Was
haben alle Münzen der Welt gemeinsam? Es sind stapelbare flache Scheiben.
Neben dem Prinzip der Black-Box, das hierarchische Strukturen ermöglicht, ist das zweite wichtige Prinzip die Abstraktion. Gemeinsamkeiten zwischen Dingen finden, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten haben, und diese ordentlich aufzureihen. In dem man die Gemeinsamkeiten aus dem System gedanklich entfernt, sie als gegeben akzeptiert, kann man sich auf die Unterschiede konzentrieren.
An dieser Idee ist nichts Neues. Die Welt funktioniert so. Ein
Fliesenhändler konzentriert sich auf Fliesen in allen Formen und Größen. Er hat große Hochregallager, Gabelstapler, und
kommt damit zurecht. Ein kleiner Eisenwarenladen hat sehr viele winzig kleine
Fächer für Schrauben und Nägel und kann das meiste mit der Hand bewegen. In
einem Gardinengeschäft liegt Teppich, es gibt große Fenster und alles ist viel
sauberer.
Warum sollte eine Straße, in der sich ein Fliesenhändler, ein
Eisenwarenladen und ein Gardinengeschäft befinden, weniger komplex sein als ein
Baumarkt? Weil es keinen Chef gibt, der alles zu koordinieren versucht, obwohl
es eigentlich kaum etwas zu koordinieren gibt. außer dem gemeinsamen Parkplatz,
der gemeinsamen Werbung, und dem gemeinsamen Kassenbereich.
Der Chef ist zu „neugierig“, will zu viel wissen, und bildet
sich ein, als einziger diese Komplexität zu bewältigen und rechtfertigt damit
ein hohes Gehalt. Es hat aber nicht viel Nutzen sich mit allem auszukennen. Der
stationäre Einzelhandel hat das bereits erkannt und die Komplexität von
Warenhäusern, durch „Galerien“ und „Malls“ ersetzt. Es gibt keinen „zentralen
Einkauf“ für Socken, Bücher und Bananen, sondern die ehemalige „Führung“
beschränkt sich auf die Gemeinsamen Funktionen, und hält sich aus den Details
der jeweiligen Fachgeschäfte heraus.
Man muss loslassen können, damit zufrieden zu sein, nicht alles
zu wissen, zu kontrollieren und zu steuern. Damit fällt natürlich ein Stück
Anerkennungsmöglichkeit weg. Wir können nicht mehr stolz sein Komplexität zu
beherrschen, wenn wir Komplexität vermeiden.
Besonders schwer tun wir uns mit Komplexität, wenn es um
Dinge geht, die wir selbst gebaut haben. Einem Ingenieur, der gerade eben die
Lichtmaschine eines Autos entwickelt hat, fällt es schwer die Lichtmaschine als
funktionierend zu betrachten, als Black-Box, in die an einem Ende eine
Drehbewegung eingespeist wird und am anderen Ende Elektrizität herauskommt. Diesem
Ingenieur fällt es schwerer das Auto als Gesamtsystem zu begreifen, weitere
Teile wie Motor und Kupplung einzubauen, als jemandem, der die
Lichtmaschine bei einem Lieferanten bestellt. Wer mehr weiß nimmt mehr Details
wahr und bezeichnet das System als komplex. Wer 20 Einzelteile fremdbezieht und
zusammensetzt sieht weniger Komplexität. Dennoch kommen beide zum gleichen
Ergebnis.
Wer über Komplexität klagt, sollte sich bewusst machen, dass
die Welt trotz Komplexität funktioniert. Es kann sich bei Komplexität um kein
schwerwiegendes unlösbares Problem handeln. Es ist wohl eher ein mentales
Problem.


