Vorfreude – Schönste Freude
In der DDR gab es nicht immer alles, man hat sich gefreut
wenn man etwas bekommen hat. Heute gibt es immer alles. Ein Grund zur Freude
ist weggefallen. Gepflegte Langeweile. Eventuell freut man sich mal, wenn man
von einem guten Preis überrascht wird.
Mit dem heutigen Fernsehprogramm verhält es sich ähnlich, es
gibt nicht immer alles, aber man freut sich, wenn man mal etwas Schönes
bekommt. Man empfindet es nicht als Mangel, solange man nichts Besseres kennt,
man arrangiert sich mit der Situation. Doch jetzt ist etwas Besseres
hinzugekommen: Video-Streaming Dienste. Werden die etwas Ähnliches auslösen,
wie das Dauerangebot an Bananen?
Man freut sich nicht mehr, dass etwas kommt, was man gerne
sehen würde, dann das Angebot ist jeden Tag das Gleiche, zwar riesengroß – aber
immer das Gleiche.
Sich selbst etwas aussuchen zu müssen ist keine Freude, es
ist eine Quälerei. Beim Einkaufen in der DDR musste man nicht lange überlegen „was
essen wir denn heute“ oder „wo gibt es denn die Ware zum besten Preis“. Man
ging in den Laden und kaufte was es gerade gab. Ein kleines überschaubares
Angebot, so wie heute mit unseren ca. 25 Vollprogramm-Fernsehsendern. Andere
treffen eine überschaubare Auswahl.
Der „Jetzt oder Nie“ –Effekt.
Bei einem einmaligen Konzert muss man sich entscheiden, gehe
ich, oder gehe nicht – kaufe ich ein Ticket oder lasse ich es sein.
Mit einem Angebot „Täglich Di-So- Juli-Dezember“ denkt man
sich ständig „kannst Du ja nächste Woche noch gehen“ und ich erwische mich oft
dabei solche Angebote dann „ zu verpassen“, weil mich niemand zu einer
Entscheidung zwingt., Aus ja/nein wird ein ja/nein/später.
Die ständige Verfügbarkeit von Filmangeboten ermöglicht die
ständige Vertagbarkeit. Wenn ich es mir heute nicht anschaue, muss ich nicht 1
Jahr auf die nächste Ausstrahlung warten, ich könnte es mir auch morgen
anschauen, oder übermorgen, … oder Weihnachten, oder Ostern, oder nie.
Der
Abonnements-Effekt
Mir ständig 1:10.000 Filmen aussuchen zu können, lässt mich
vielleicht anders auswählen, als sich an einem Abend für nur 1 aus 3 Filmen
entscheiden zu können. Zufallsentdeckungen werden seltener.
Geht man gezielt zu einem Sinfoniekonzert weil einem Brahms
3. Sinfonie gefällt, verhält man sich anders, als wenn man ein Konzert-Abo kauft und einfach
alles konsumiert was angeboten wird. Manchmal entdeckt man etwas Neues, weil es
Experten gibt, die für einen etwas auswählen.
Vielleicht animiert die ständige Verfügbarkeit aller Filme,
dass wir uns Angebote die wir als „zweite Wahl“ einstufen, gar nicht mehr
anschauen. Wenn man immer bekommt, was man will, gibt es keinen Grund mehr
sich überraschen zu lassen. Neuentdeckungen wird nur noch der haben, der etwas
entdecken will und bewußt ein "Risiko" eingeht. Das Risiko das einem ein Film nicht gefallen könnte.
Das
Gemeinschaftserlebnis
Bei Streaming Diensten schaut jeder was er will und wo er
will – Handy, Fernseher, Tablet. Gibt es noch einen Grund, dass sich die
Familie abends gemeinsam vor dem Fernseher versammelt? Mit Kopfhörern könnte
man sich eventuell sogar im selben Zimmer gleichzeitig verschiedene Dinge
anschauen. Man wird nicht mehr verstehen, warum der andere gerade lacht, einen
Kommentar oder Bemerkung die einem gerade auf den Lippen liegt, muss man sich
verkneifen, denn dem anderen fehlt der Kontext und verstünde gar nicht worüber
man redet.
Fernsehen verliert die soziale Rolle etwas gemeinsam zu tun.
Kulturell ist das kein Verlust – mit Büchern ist das nicht anders. Aber Paare machen
weniger viel gemeinsam.
Das Gespräch am Arbeitsplatz über das Programm vom Vorabend –
der Blockbuster – wurde schon durch die hohe Sendervielfalt zu Grabe getragen.
Vielleicht schafft Pay
Per View noch die gemeinsame Versammlung auf dem Sofa. Wenn das Anschauen
eines Filmes 5 € kostet, heißt es vielleicht eher „guckst Du mit?“, oder „wir
kaufen das nur, wenn es mehr als einen interessiert“. Bei einer Video-Flat-Rate
hat der eine heute Lust auf einen Film und der andere gar nicht oder 10 Tage
später.
Ich habe inzwischen schon 2 Flatrates für Streaming-Dienste weitere 2 Anbieter für Pay-Per-View Angebote und konsumiere ca. 50% meiner Spielfilme aus diesen Angeboten. Neben der Tatsache das einen die groß angekündigte "Free-TV-Premiere" nicht mehr interessiert, weil man alles schon gesehen hat, beobachte ich auch einige Änderungen im Familienleben und dem Fernsehverhalten der Einzelnen Personen.
