Donnerstag, 31. Oktober 2013

Auslastung und Buchungsverhalten im Tourismus

Ich habe hier so eine Statistik über die Touristische Entwicklung Radebeul gefunden. Bevor jetzt jemand gleich abschaltet, ich versuche allgemeingültig zu bleiben, Radebeul, ein Vorort von Dresden, dient mir nur als Beispiel.

Solche "offiziellen Statistiken des statistischen Landesamtes" spiegeln immer ein recht verzerrtes Bild wieder.

Erstmal steht darüber "gewerbliche Vermieter". Was das ist weiß man nicht so genau, nehmen wir mal an Vermieter mit mehr als 4 Zimmern. Alle Privatvermieter fallen schon einmal weg. Das ist  in Radebeul ein nicht unerheblicher Anteil von immerhin 250 Betten (lt. Gastgeberverzeichnis). Die Vermieter werden einfach nicht befragt, trotzdem macht man solche Statistiken.

Von den ca. 1700 gewerblichen Betten entfallen ca. 50% auf ein einziges Hotel, das Radisson Blue, mit Zimmern über 100 Euro. Ein sehr schönes Hotel, aber ebend doch mit dem Charme eines Konferenzhotels mit  400 Zimmern, Schöne Aussicht, aber kein Ambiente. Wenn dieses Haus zu 50% Leer steht, und 50% der Bettenkapazität der Stadt bietet, ist alleine wegen diesem Einen Hotel die Auslastung der Betten der Stadt um 25% gesenkt.

Die Zimmer sind sehr teuer, also bleibt niemand lange, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt angeblich 2,3 Tage - in diesen gewerblichen Vermietungsobjekten. Die Gäste die eine Woche bleiben wollen und statt einem Hotel für 699  doch eher eine Ferienwohnung für 199 mieten, fallen einfach aus der Statistik.
Die werden als Gäste der Stadt, als "belegte Betten" nicht gezählt.
Dadurch erscheinen solche merkwürdig kleinen Werte von 2,3 Tagen als Aufenthaltsdauer in Hotels.

Ich bin selbst (Privat-)Vermieter von 4 Betten, und in der Lage ein paar Statistiken über die letzten 3 Jahre zu machen. Die Daten sind sicherlich nicht repräsentativ, weder für Radebeul noch für Deutschland.
Aber vielleicht wird damit deutlich wie man Statistiken liest oder erstellt, und wieviel Vertrauen man in "offizielle Angaben" haben sollte.

Spitzenkapazitäten und Werbung

Ein Unternehmer strebt immer nach mehr Gewinn, nicht nach mehr verkauften Stück. Dazwischen besteht kein linearer Zusammenhang wie beim Verkauf einer Glühbirne. Ein Zimmer das heute nicht „verkauft“ wurde, kann man nicht ersatzweise morgen verkaufen. Eine ungenutzte Chance ist unwiderruflich vorbei. Andererseits braucht man in Zeiten großer Nachfrage möglichst viele Zimmer.

Je größer die Kapazitäten für besondere Anlässe sind, desto geringer wird wahrscheinlich auch die Auslastung sein.  Beim Karl-May-Fest oder beim Herbst-und-Weinfest gibt es bei uns 100% Auslastung für je 3 Tage. Je mehr Kapazitäten man für solche Anlässe zur Verfügung haben will, desto mehr Leerstand ergibt sich für den Rest des Jahres. 

Das ist auch beim Stadtverkehr ähnlich. Man braucht genügend große Reserven für die Transportleistung von 6 bis 9 Uhr. Für den Rest des Tages kann man aber nicht extra kleinere Busse kaufen, also fahren die großen Busse nur halbvoll herum.

Das Himmelfahrtswochenende mit dem festen Feiertag am Donnerstag ist das beliebteste Ausflugswochende des Jahres. Alle Betten füllen sich ganz von alleine. Es ist eine ziemlich dumme Entscheidung auf dieses Wochenende ein Volksfest zu legen.  Mehr als eine komplett ausgebuchte Stadt geht nicht.  Die Betten sind sowieso schon voll, es kann gar kein zusätzlicher Gast mehr aufgenommen werden, es gibt keinerlei positiven Effekt auf den Umsatz durch Beherbergung, für die Stadt keine zusätzlichen Umsatzsteuer- und keine Gewerbesteuereinnahmen. Die Wirkung verpufft vollständig.
Auch beim Herbst- und Weinfest erreichen wir 100% Auslastung in der Stadt. Man könnte wenigstens die Lehre daraus ziehen sofort sämtliche Werbemaßnahmen einzustellen. Das Fest ist etabliert, es wird geliebt und besucht. Trotzdem werden Unmengen für Plakate, Poster, Flyer, Banner über der Strasse und ähnlichem Zeug ausgegeben. Einfach so aus Prinzip. Neue Gäste können aber nur kommen, wenn von denen vom letzten Jahr ein paar zu Hause bleiben würden.

Ähnlich sieht es bei saisonalem Marketing aus. Touristische Werbung wirbt immer mit Sommerbildern - wo es sowieso leicht ist zu vermieten. Hat irgendein touristisches Marketing (außerhalb von Skiregionen) schoneinmal den November oder den Februar beworben, wenn Marketing wirklich nötig wäre ? Die machen es sich immer einfach und werben mit Sommerbildern für den Sommer, also für Zeiten in denen die Urlauber so wieso ganz von alleine kommen.

Auslastung

Was ist Auslastung ? Für ein Hotel scheint die Frage klar, wenn es 20 Zimmer hat und davon sind 10 vermietet, hat es 50% Auslastung an diesem Tag. Was ist jedoch bei einem Vermieter der nur 1 Zimmer hat ? Der hat immer 0% oder 100% Auslastung, dazwischen gibt es gar nichts. Auslastung kann man immer nur aufs Jahr gesehen messen, und da ist es klar das es so etwas wie Nebensaison gibt. Wenn Januar, Februar, März und November alles leer steht, sind schon mal 4 von 12 Monaten "weg",  also 33% Leerstand. 
Nehmen wir an, in den restlichen 8 Monaten wäre 20% Leerstand, dann bleiben 6,4 "volle" Monate übrig.
6,4 von 12 Monaten entspricht einer Belegung von 53% im Jahresdurchschnitt. Das ist schon ein extrem guter Wert, wer ist schon 8 Monate im Jahr zu 80% ausgebucht ?

In Radebeul kann man das gerade so schaffen, weil wir sowohl städtische als auch ländliche Eigenschaften haben, also Kultur- und Museumsbesucher genauso kommen, wie Rad- und Fußwanderer und auch die Weihnachtszeit wegen der vielen Weihnachtsmärkte noch relativ attraktiv ist.

Man muss also sagen das Auslastungen um 50% traumhaft sind, nicht irgendwie Mittelmaß sondern Spitze. In ländlichen Regionen schafft man wahrscheinlich nur 30%.
Von daher sind die in der o.g. Statistik angegebenen 33% gar nicht so schlecht.

Man könnte glauben eine hohe Auslastung  ist für jeden Vermieter wünschenswert. Das ist aber grundsätzlich falsch. Vermieter sind Unternehmer und Unternehmer wünschen sich Gewinne und nicht möglichst viel Arbeit. Viele Gäste bedeuten viel Arbeit. Buchungsvorgänge, Checkin, Checkout, Wäschewechsel.
Man muss niemanden mit "nur 33%" Auslastung bedauern. Ein gewisser Leerstand wird immer einkalkuliert.
Wenn man eine normale Mietwohnung für 300 Euro/Monat anbieten würde, sie aber zu einer Ferienwohnung umwidmet bei der man 66% Leerstand pro Jahr erwartet, dann muss sie während der Vermietung 900Euro/Monat bringen. Der Jahresumsatz ist in beiden Fällen gleich, 12*300 Euro = 3*900 Euro = 2700.
Der eine hat 100% Auslastung, der andere hat 33% Auslastung, beim Umsatz ist kein Unterschied.

An Nord- und Ostsee sind solche kurzen Saisongeschäfte üblich, und dementsprechend auch solche Preise. Neulich habe ich ein Angebot gesehen "1 Woche im Juli 800 Euro, 1 Woche im Februar 200 Euro".
Natürlich versucht man trotz dieser Kalkulation auch in der umsatzschwachen Zeit noch etwas herauszuholen, gerade die Chance auf diese Zusatzgewinne macht Ferienwohnungen für den Vermieter so attraktiv. Doch es besteht kein Grund zu einer pauschalen Aussage wie "30% Auslastung sei zu wenig",
auch dann nicht wenn der Konkurrent im gleichen Ort 50% schafft. Das ist nicht relevant.
Der eine vermietet 200 Tage á 30 Euro, der andere 100 Tage á 60 Euro. Beide machen den gleichen Umsatz, wenn der mit den 60 Euro-Zimmern das Winterhalbjahr ganz zumacht, Heizkosten und Personal spart, hat er wahrscheinlich bei gleichem Umsatz, und halb so hoher Auslastung trotzdem die höheren Gewinne.

Eine Hohe Auslastung sagt gar nichts. Der billigste Anbieter im Ort wird immer am vollsten sein und kann trotzdem kurz vor der Insolvenz stehen.

100% Auslastung hieße für eine Stadt "Es ist voll - Lasst niemanden mehr rein, macht die Stadttore zu".
Das ist ein Zustand der nicht angestrebt wird, nur leider suggeriert Werbung oft "je Mehr je besser".
(Bei Vollbeschäftigung von 100% hätte man einen ähnlichen Effekt, kein Unternehmen findet jemanden den es noch einstellen könnte, Wirtschaftswachstum ist nicht möglich, Stagnation die Folge)

Wenn ein Hotel zu 100% ausgelastet wäre, dann würde in einer freien Marktwirtschaft folgendes passieren:
Der Hotelier stockt sein Hotel auf, oder baut an, oder ein anderer Unternehmer baut auch noch ein Hotel im Ort um an der hohen Nachfrage zu partizipieren. Die Gäste verteilen sich auf die Hotels und es besteht wieder die Möglichkeit zu Wachstum. Der Tourismusverein kann noch ein neues Volksfest planen.
Die Auslastung wurde gezielt gesenkt und es ist volkswirtschaftlich sinnvoll, so zu handeln.

Es gibt da noch einige komische Effekte bzgl. der Auslastung:

Wenn man ein 4-Mann Zimmer an 2 Leute vermietet, dann hat man einerseits nur 50% Auslastung, aber gar keine Möglichkeit die anderen 2 leeren Betten  in der gleichen Wohnung noch zu vermieten.
Es geht nicht. Da hilft auch keine Werbung. Man ist nicht voll - hat aber trotzdem nichts mehr zu vermieten. Ein Doppelzimmer an eine Einzelperson zu vermieten, wäre das gleiche.

Oder es gibt, gerade bei Ferienwohnungen, das Verhalten, das ein Gast von Freitag bis Sonntag bucht.
Ein zweiter Gast, der gerne von Sonntag bis Sonntag bucht, kann jetzt gar nicht mehr kommen, weil Freitag bis Sonntag schon belegt ist. Die Buchung sorgt dafür, das man Sonntag bis Freitag Leerstand hat.
Ein Vermieter wünscht sich also gar nicht möglichst viele Buchungen, wie das Marketing-Leute oft behaupten. Er wünscht sich gerne weniger, aber dafür längere Buchungen. Ein Gast der eine Woche bleibt, macht viel weniger Aufwand, als 3 Gäste á 2 Tage. Deswegen gibt es auch meist Rabatte für eine Woche.

Mit den 6 Gästen á 2 Tagen macht man wegen dieser Rabatte aber eventuell mehr Umsatz, man hat auch mehr Kosten und 1 Tag weniger Auslastung. Ob das alles am Ende auch mehr Gewinn ergibt hängt von der Preisgestaltung ab. Es kann durchaus sein, das man mit den 2*3 Tagen mehr verdient als mit 1*7 Tage. Hohe Auslastung ist kein Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg.

Wer mehr zu dem Thema lesen will, darf gerne mein Buch kaufen.

Auslastung je Monat
Die typischen Zeiten für Städtereisen sind Mai und September. Vor- und Nachsaison mit Ostern und "goldenem Herbst" fallen noch ein bischen auf, die Weihnachtsmärkte sind gut am Unterschied zwischen Dezember und Januar zu erkennen, und im Sommer über, während der Schulferien liegt naturgemäßt weit vorne. Im Juni ist immer etwas weniger los, Pfingsten fällt manchmal in den Mai und Fronleichnam ist kein bundeseinheitlicher Feiertag. Die Spitze im September kann man vielleicht mit den vielen Weinfesten erklären.

Vorausbuchungsfrist

Vorausbuchungsfrist in Monaten
Was die offizielle Statistik nicht hergibt, aber diverse Tourismus-Marketingler immer wieder behaupten, ist das die Buchungsfristen immer kürzer werden. Ich kann das bestätigen. Buchungen im September für den Sommer des nächsten Jahres sind die absolute Ausnahme. Das kam mal vor als Kirchentag in Dresden war, und zu Recht mit großem Ansturm gerechnet wurde. Weihnachten für den Mai zu buchen kommt schon eher vor, aber wie die nächste Grafik zeigt, 50% aller Gäste buchen weniger als 3,5 Monate im Voraus.
Die mittlere Vorausbuchungsfrist ist bei uns 55 Tage.

Kumulierte Vorausbuchungsfrist in Monaten, Lesart: 40% der Gäste buchen höchstens 3 Monate im Voraus

Aufenthaltsdauer

Ferienwohnungen haben oft einen Mindestaufenthalt, weil sich die günstigen Preise vor allem dadurch ergeben das nicht jeden Tag geputzt wird, sondern erst nach Auszug. So kommt es, dass alle die nur 1 Tag bleiben wollen ins Hotel gehen. 100% aller Eintagesreisenden gehen ins Hotel, 90% aller 1-Woche Reisenden gehen in Ferienwohnungen, und schon ergibt sich für Hotels eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 2,3 Tagen. Ein vollkommen verzerrtes Bild in der offiziellen Statistik. Bei uns beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 4,8 Tage.

Aufenthaltsdauer in Tagen
3 und 4 Tage dominieren deutlich, typisch für einen Städteurlaub, 1 Woche ist auch üblich, aber länger als eine Woche sind eher nur Ausnahmen. (Wir haben einen Mindestaufenthalt von 2 Nächten)


Mittlere Aufenthaltsdauer, abhängig vom Reisemonat
Die Aufenthaltsdauer variiert kaum über das Jahr. Obwohl im Mai und September die meisten Gäste kommen, wie man oben gesehen hat, bleiben die Gäste im Juli, in den Sommerferien, deutlich länger.
Im Winterhalbjahr dominieren eher die 2-4 Tagesaufenthalte. Für den Januar hatte ich zu wenig Daten für eine Auswertung, es ist nicht 0, nur zu wenige Zahlen für einen signifikanten Mittelwert.

Woher kommen die Gäste in der Region Dresden ?

Noch eine Statistik, die das Landesamt nicht erfasst: Die Angaben sind nicht repräsentativ, aber immerhin von 3 Jahren.

Anteile der Gäste nach Bundesländern

Es ist natürlich klar, das aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland die meisten Gäste kommen, ich habe darum die Zahlen noch durch die Bevölkerung der Bundesländer geteilt, und siehe da, in Anteilen der Bevölkerung haben uns sämtliche Neue Bundesländer und Berlin am liebsten. Es wird nicht mehr so weit gefahren. Gerade für Mecklenburger ist wohl Dresden schon weit genug weg. Von den Bremern und Saarländern hat dagegen noch niemand her gefunden. Emdener und Freiburg/Breisgau waren schon da, aber es gilt eindeutig: je weiter weg, desto weniger Gäste.

Anteile der Gäste in Abhängigkeit der Bevölkerung der Bundesländer

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Dresdner Stollen

An einen Stollen trauen sich wenige ran. Es gibt auch keine Backmischung dafür. Allzu viel schief gehen kann aber nicht. Wer das probieren möchte, sollte vielleicht schon mal einen Hefeteig gemacht haben. Am schwierigsten könnte das Einkaufen werden, denn es gibt eher wenige Läden die alle Zutaten anbieten. Man muss schon etwas herumlaufen dafür. Fangen wir mal mit der Einkaufsliste an:

300g Rosinen 1,50 €
100g Korinthen 1,00 €
100g Orangeat 1,00 €
100g Zitronat 1,00 €
100g gehackte Mandeln 1,00 €
15g gehackte bittere Mandeln 0,40 €
1/2 Flasche brauner Rum 4,00 €
4cl Amaretto 0,50 €
200g Zucker 0,20 €
1/2 TL geriebener Kardamom 0,50 €
1/2 TL geriebene Macisblüte 0,50 €
1 Vanilleschote 2,50 €
1kg Mehl (Typ 550) 1,00 €
2 Würfel  Hefe 0,30 €
1/4 Liter Milch 0,30 €
2 EL Zucker 0,10 €
400g Butter (2 Stück, siehe unten) 2,60 €
1 Zitronenschale 0,50 €
100g Butter 0,00 €
100g Puderzucker 0,30 €
19,20 €
Wie man sieht, Geld spart man durch's selbst machen nicht. In kleinen Mengen sind die Zutaten relativ teuer.
Am schwierigsten zu beschaffen sind Kardamom und Macisblüte, die gibt es nicht in jedem Supermarkt, und Orangeat und Zitronat sind zumindest in Dresden im November schon mal ausverkauft. Gewürzläden oder Wochenmärkte haben meist mehr Angebote als Supermärkte.

Zur Übersicht, erstmal die Arbeitsschritte die auf einen zukommen.
90min Arbeitszeit reichen aus, allerdings sollte man 6 Stunden lang das Haus nicht verlassen müssen, wenn man einen Stollen backen will. Dazu kommen noch ein paar Handgriffe am Tag zuvor, und ein paar am Tag danach.

Arbeitsschritte Wartezeit Arbeitszeit
Rosinen einweichen, Zucker mischen 15min
Ziehen lassen 24h
Vorteig aus Mehl, Milch, Hefe, Zucker 15min
Gehen lassen 30min
Mit Fett und Restzucker verkneten 15min
Gehen lassen 60min
Rosinenmischung einarbeiten 15min
Gehen lassen 60min
Stollen formen 15min
Backen 90min
Mit Butter bestreichen 10min
Abkühlen 24h
Verpacken 10min

Fangen wir an:
Rosinen mit Orangeat, Zitronat und Mandeln in Rum und Amaretto einweichen

Mindestens einen Tag vor dem Backen müssen die Rosinen und Korinthen in Rum eingeweicht werden. Der Amaretto ist optional, aber ergänzt das Bittermandelaroma gut. Apropos Aroma, man kann natürlich mit Vanille- und Bittermandelaroma arbeiten, das ist etwas preiswerter, man dosiert aber leicht zu viel und dann ist es zu intensiv. Wenn man sich schon die Mühe macht und selbst bäckt, sollte man solche chemischen Zutaten eher weglassen.
Zitronat und Orangeat werden sich nur wenig mit Rum vollsaugen, es ist aber oft verklebt oder vertrocknet und das Bad im Rum hilft auf einfachem Weg, die Klumpen aufzulösen. Mandeln sind hier eher nur Füllstoff.
Die Mischung sollte man in einer 2 Liter Vorratsdose ansetzen. Einerseits braucht man unbedingt einen Deckel, sonst riecht bald die ganze Küche nach Rum. Andererseits spart man sich das Umrühren, man schüttelt einfach die Dose ab und an, damit alle Rosinen gut benetzt sind.
Rosinen und Sultaninen sind zwar angeblich nicht ganz das gleiche. Allerdings gibt es keine Rosinen mehr zu kaufen, ich verwende die Begriffe einfach mal synonym.

Vanillemark ausschaben, mit Gewürzen im Zucker vermengen, Butter bei Zimmertemperatur lagern
Auch Vanille und Gewürze lassen sich am besten in 200g Zucker vermischen. Das kann man auch schon mehrere Tage vor dem Backen machen, die Aromen haben dann Zeit in den Zucker überzugehen. Wer fertigen Vanillezucker nehmen möchte, ca-3-4 Päckchen, nimmt ca. 20g Zucker weniger.

Hefe in handwarmer Milch verrühren
Jetzt geht's los, sobald man etwas mit Hefe macht, kann man die Vorgänge nicht mehr wie man will verschieben, sondern man muss sich nach der Hefe richten.
Die Milch sollte handwarm sein, alles über 37 Grad empfindet der Mensch als warm, also 45 Grad reichen. Entweder man hält das Gefäß mit der Milch von außen mit warmen Leitungswasser umspülen, oder man stellt es 20sek. in die Mikrowelle. Wichtig ist : Mehr als 60 Grad sind für die Hefe tödlich. Dann gerinnt das Eiweiß. Die Hefe in die Milch bröckeln, 2 EL Zucker als Nährstoff hinzu und verquirlen. Wer möchte kann es auch noch sieben, aber meistens löst sich die Hefe gut auf.
Vorteig gehen lassen
Diese Mischung gießt man unter Rühren in eine Schüssel mit 1 kg Mehl. Man rührt nur so viel Mehl in die Milchmischung bis sich ein zäher Teig ergibt. Es bleibt auf jeden Fall die Hälfte des Mehl am Rand und am Boden übrig. Das ist so vorgesehen, das nennt man einen Vorteig, in dem sich die Hefe gut vermehren kann.
Nach 30min an einem sonnigen Ort hat sich das Teigstück mindestens verdoppelt.
Weiche Butter, Zucker mit Gewürzen und Zitronenabrieb
Danach kommen die 400g Butter, die Zucker-Gewürzmischung, und der Zitronenabrieb in den Teig.

Teig kneten
Rührgerät oder Handkneten ?
Die Menge und Schwere des Teiges spricht eindeutig für das Kneten per Hand. Wer keine Profi-Maschinen hat die mit 2,5kg Teig klarkommen wird keine Freude mit Maschinen haben. Handwärme tut Hefeteig immer gut und man merkt die Geschmeidigkeit des Teiges an den Fingerspitzen. Solange man noch Zuckerkörnchen spürt, ist der Teig nicht fertig. Solange das Mehl noch nicht untergearbeitet ist, kann man den Teig in der Schüssel kneten, danach macht sich die saubere Küchenarbeitsplatte deutlich besser. Ein Backbrett ist wohl heute nicht mehr allgemein üblich. Der Teig klebt nicht - wenn doch ist zu viel Feuchtigkeit oder Fett im Teig die man mit etwas mehr Mehl binden kann.
Zweites Gehen
Ein sonniger Herbsttag ist Ideal für Hefeteig. Der Teig sollte nochmal ca. 40-60min zugedeckt an einem warmen Ort gehen, bis sich das Volumen verdoppelt hat. Wenn es kühler ist, dauert es länger, das ist nicht so schlimm, man darf den Teig aber nicht länger als nötig stehen lassen, sonst hat die Hefe danach keine Kraft mehr für die 3. Gährungsphase.
Rosinenmasse und Teig untereinanderkneten
Das schwerste Stück Arbeit ist das Einarbeiten der Rosinen/Orangeat/Zitronat/Mandel-Mischung.
Die Mischung gut abtropfen lassen. Wer auf Nummer sicher gehen will die Masse noch auf einem Küchentruch abtrocknen, oder mit etwas Mehl bestäuben. Die Rosinen dürfen nicht triefend nass vom Rum sein, sonst verbinden Sie sich nur schlecht mit dem Teig.
Drittes Gehen
Nocheinmal 40-60 min gehen lassen. Dabei ist optisch nicht mehr viel Änderung zu beobachten. Der Teig ist jetzt zu schwer, als das ihn die Hefe noch anheben könnte. Es bilden sich aber weiterhin innerlich Luftbläschen und man kann spüren das der Teig fluffiger wird, wenn man hineingreift.
Teig rechteckig ausrollen und von 2 Seiten einschlagen
Man kann aus der Menge Teig auch 2 kleine Stollen machen, allerdings hat man dann sehr viel Kruste und wenig inneren Teig. Auch beim Kaufen bevorzuge ich immer 2 Kilo-Stollen, gegenüber 1-Kilo-Stollen, man will ja möglichst viel durchgezogene Füllung und nicht nur gebutterte und gezuckerte Aussenflächen.

Gerade für Anfänger empfiehlt sich eine Form. Der Teig läuft sonst leicht auf die Gesamtfläche des Bläches auseinander. Ein halbgroßes Backblech - oder eine ähnlich große emaillierte Auflaufform sind ideal. Die Grundfläche sollte etwas A3 oder 2 * A4 sein, für 2 kleinere Stollen.
ca. 70-90 min bei 200 Grad backen
Wenn der Stollen bereits nach 30min beginnt goldbraun zu werden, kann man die Oberfläche mit einem Bogen Alu-Folie abdecken. Der Stollen bäckt dann nur noch, aber wird weniger von oben gegrillt.
Die Folie jedoch spätestens nach weiteren 30min wieder entfernen.
Jeder Backofen hat leicht andere Eigenschaften, die mittlere Schiene ist nicht immer in der Mitte, und gerade bei Gebäck das nach oben aufgeht, schiebt man das Blech oder Rost eher zu tief als zu hoch ein.
Dick mit Butter bestreichen und mit Puderzucker bestäuben
Nach dem Backen sofort die restlichen 100g Butter einfach in Stücken auf den Stollen legen, die Hitze reicht aus, die Butter sofort zu schmelzen. Anfangs kann man die Stücke mit den Fingern verreiben, wenn sie geschmolzen sind nimmt man für die Feinarbeit noch einen Pinsel. Vor dem Bestäuben mit Puderzucker kann man ruhig 10min warten. Die Butter soll vorrangig in den Teig einziehen und die Poren schliessen und nicht nur den Puderzucker auflösen. Man braucht doppelt soviel Puderzucker, wenn die Butter noch zu heiß ist.

Danach den Stollen gründlich durchkühlen lassen (ca. 1 Tag). Er läßt sich dann leicht aus der Form nehmen, und auf ein Holz- oder Schneidbrett heben, nur zur Sicherheit, dass er nicht durchbricht. Der Stollen wird in Folie eingepackt und 4 Wochen in einen ungeheizten Keller gelegt. Ein anderer nicht zu warmer Ort, möglichst mit etwas Luftfeuchtigkeit, tut es jedoch auch.
In den ersten 4 Wochen ist der Stollen steinhart, manchmal dauert es auch 6 Wochen. Wenn man am 1. Advent einen Stollen anschneiden will sollte man ihn spätestens an Allerheiligen/Reformationstag backen.

Man schneidet einen Stollen immer in der Mitte an. Hebt eine Scheibe heraus und schiebt die beiden Hälften zusammen und schützt somit die Schnittflächen vor dem Austrocknen.

Viel Spass

Montag, 30. September 2013

Die Entwicklung einer effizienten Projektsprache

Wenn man ein größeres Projekt startet, ist es wichtig für jedes Ding das man erfindet,
einen Namen, eine Klassifikation, eine Einordnung zu finden. Anders ist es nicht möglich
über die Elemente zu kommunizieren.

Ich bin mal in ein Haus mit vielen Zimmern gezogen. Es war unmöglich jemanden zu erklären, wo ein gewisser Gegenstand zu suchen ist, solange die Zimmer keine Namen hatten, "Oben nach Links gehen und Dritte Tür Rechts", sind Notlösungen, meistens furchtbar lang, und offen für Missverständnisse. Gebt dem Zimmer einen Namen, das erleichtert es darüber zu reden. Hotels helfen sich mit Zimmernummern, das wäre schon besser als Nichts.

"Das Baby von Tom und Julia" ist anfangs noch eine üblich Bezeichnung für ein Neugeborenes. Nach einer Entwicklung der Persönlichkeit, und einer "Gewöhnungsphase", eine Gewöhnung an den Namen des Kindes, wird man dann vielleicht eher von "Paul" sprechen. Es zeugt auch von einer Art Respekt und einer anderen Wahrnehmung des Gegenstandes, wenn man ihn mit einem "eigenen" Namen bezeichnen kann, und nicht nur in seiner Relation zu anderen Personen.


Einstufige Klassfikationen vermeiden


Vorsätze wie Meta- oder Ur- sind sehr beliebt, weil sie so leicht verständlich sind. Doch sie sind einstufig und nicht rekursiv anwendbar, es liesse sich zwar steigern durch mehrfaches aneinanderfügen, doch damit sinkt die Verständlichkeit. Eine UrUrGroßmutter ist zwar noch verständlich, aber weiß man auf Anhieb wieviele Generationen da involviert sind ? Es sind 5.

Ähnlich kann man zu einer Datenstruktur, eine MetaDatenstruktur haben, eine Strukturbeschreibung. Doch wie beschreibt man die Beschreibung von der Beschreibung? Mit einer MetaMetaDatenstruktur ?

Vorsätze für "Haupt-" und "Neben- " sind ebenfalls Beispiele für Eindimensionalität. Es gibt ein Hauptmenü, ein Untermenü, und das Untermenü vom Untermenü, heißt wieder Untermenü? Sicherlich kann man Definitionen auf sich selbst anwenden. "Ein Verzeichnis kann Teil eines Verzeichnisses sein". Doch dann gehört es nicht in eine Aufzählung mit konkreten Namen, für konkrete Ebenen. Da ist Haupt- und Untermenü keine Aufzählung von Hierarchieebenen sondern nur eine Bezeichnung der Beziehung von Ebenen zueinander. Dieser Weg ist eine Sackgasse und nicht hierarchieoffen.


Nummerierung, wo nötig


Wenn abzusehen ist, das auf einer gewissen Ebene immer wieder neue Elemente hinzukommen werden, ist es günstiger die Elemente mit einer Aufzählung zu benennen, seien es Ziffern oder Buchstaben, wie AB01.

Die Verwendung von Buchstaben hält die Nummerierungen kurz, denn es gibt 26 Buchstaben, aber nur 10 Ziffern, durch eine zusätzliche Ziffer wird die Anzahl der verfügbaren Nummern verzehnfacht, durch einen Buchstaben ver26facht. Auf Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben sollte man jedoch verzichten, das ist mündlich schlecht transportierbar, stellen Sie sich mal vor es gäbe klein-a-3 und groß-a-3.
Mit 2 Buchstaben und 2 Ziffern haben Sie schon 26*26*10*10=67.600 Bezeichnungen. Das reicht oft als Definition von "beliebig viele" aus. Es vermeidet eine Zunahme von Sprechsilben durch das einfügen von "hundert" und "tausend", die bei Bezeichnungen wie KS971 zwangsläufig auftreten werden. Wenn Sie nicht konsequent eine Sprechweise von KS-neun-sieben-eins einführen, wird bald jemand KS-neuhunderteinundsiebzig sagen, was wegen der Vertauschung von Einer und Zehnerstelle viel schwieriger zu notieren ist.

Man benötigt einen Begriff für die Bezeichnung der Ebene, oder der Gruppe von Elementen, und wenn die Anzahl der Elemente bei Projektstart nicht klar ist, sollte man statt Begriffen für die bekannten Elemente zu suchen, eher Regeln festlegen, wie neue Bezeichnungen für Elemente der Gruppe gefunden werden.
IKEA ist wohl die bekannteste Ausnahme von dieser Regel, die erfinden zu jedem neuen Produkt auch einen neuen Namen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, durch wieviele Köpfe eine Bezeichnung gehen wird, wie oft sie gebraucht, und wie lange sie auf der Welt bleibt. Je häufiger ein Begriff genutzt wird, desto mehr Sorgfalt darf man auf die Begriffsfindung aufwenden.
Wenn Sie wirklich versuchen wollen etwas mit 10.000 Elementen per Namen zu identifizieren, dann ist ein Katalog von Vornamen für jedermann die beste Wahl. Eine Liste von Städtenamen wäre auch geeignet.

Vielleicht kann man sich die Konstruktion solcher internen Bezeichnungen von Großkonzernen abschauen und die Scheu vor völlig "zusammenhanglosen" Begriffen verlieren.


Große Hierarchien, Klassfikationen


Für komplexe Modelle braucht man häufig viele verschiedene Abstraktionsebenen. Wenn Hierarchien zwar groß, aber endlich sind, nicht auf Erweiterung ausgerichtet sind, findet man eine gute Nomenklatur wenn wir uns an existierenden tiefen Hierarchien orientieren, deren Aufbau noch dazu weithin bekannt und verbreitet sind.

Taxonomie der Biologie.
Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, wer es braucht auch noch Zwischenstufen wie Oberklassen und Unterfamilien, als eindeutige Bezeichnung einer konkreten Ebene

Verwendet man diese Kategorisierung auch noch auf Englisch, Französisch oder Latein, kann man gut mit 3 große Hierarchien in einem Projekt umgehen, ohne in Verwechslungsgefahren zu kommen. Schwierig würde diese Methode natürlich bei internationalen Projekten, die von Natur aus in mehreren Sprachen stattfinden.




Exakte Definitionen, Differenzierung, Synonyme

Ist einordnen und einsortieren das gleiche ?
Unsere Sprache ist sehr reich, aber der Reichtum wird dadurch zerstört, das mehrere Begriffe gleichgesetzt werden. Zwei Sachen synonym zu setzen, heißt auf Differenzierung zu verzichten, Worte sind zwar da, haben aber keinen Nutzen. Im Deutschen ist das besonders schwierig, weil aus literarischem Gesichtspunkt Wortwiederholungen als unschön gelten. Im Englischen ist das vollkommen anders.

Nehmen wir mal ein paar Begriffe aus dem Sport-Journalismus.
Der "1. Fußballklub Kaiserslautern", wird bezeichnet als "1. FC", als "Die Roten Teufel", als "die Lauterer"  oder "die vom Betzenberg", die aus dem Fritz-Walter-Stadion, nicht zu vergessen mögliche aktuelle Bezeichnungen wie "Die Tabellensiebten" oder "Der Zweitligameister von 2010".
All diese Wortschöpfungen wurden nur aus reinem Kampf gegen die Langeweile entwickelt, sozusagen ein Mittel des Sprach-Designs.

Ein Außenstehender hat es extrem schwer so etwas zu verstehen. Er muss wissen, das es bei FC um Fußball geht, und sämtliche der oben genannten 5 oder 6 Bezeichnungen, auch wenn sie alleine stehen, mit nichts weiter als einer Fußballmannschaft assoziieren. So eine Sprache grenzt Nicht-Fans eher aus, als es Ihnen erleichtert in ein Themengebiet einzudringen. Wenn es um leichte Verständlichkeit geht, sollte man gleiche Dinge immer gleich bezeichnen. Einen neuen Begriff zu erlernen ist schwer genug, jedes Ding unter 4 Namen zu kennen ist unzumutbar.

Kommen wir zum Ordnen und Sortieren zurück. Was könnte das sein ?
Eine mögliche Definition wäre, das es beim Sortieren auf eine bestimmte Reihenfolge von Elementen ankommt, während es beim Einordnen eher um eine Gruppierung geht, packe das richtige Teil in die richtige Schachtel, aber es ist dann dort egal welche Teile in der Schachtel direkt daneben liegen.

Diese Definition ist jetzt völlig willkürlich gewählt, aber man sieht das es unterschiedliche Vorgänge gibt die unterschiedliche Bezeichnungen benötigen. Die Alltagssprache ist so unscharf, das viele dieser kleinen Unterschiede verloren gehen.
Es ist sehr wichtig, sich innerhalb eines Projektes oder einer Firma auf gemeinsame Begriffe zu verständigen, nur mit einer exakten Sprache ist exakte Kommunikation möglich.

Dabei wird man sehr schnell feststellen, das es viel leichter ist, einen neuen Begriff zu erfinden, einzuführen und durchzusetzen, als über die Bedeutung etablierter Begriffe zu streiten.


Neue Begriffe


Wortschöpfungen werden manchmal als anstrengend empfunden. Lernen ist anstrengend.
Doch viel schwieriger als Neulernen, ist Umlernen. Einen Begriff zu verwenden der schon belegt ist, für etwas von dem doch "sowieso schon jeder weiß was es bedeutet".
Dieses "du weißt schon was ich meine" ist die Grundlage aller Missverständnisse.
Es drückt aus keine Lust zu haben, sich über die Bedeutung von Begriffen detaillierte Gedanken machen zu wollen.

Akronyme, Abkürzungen, Buchstabenfolgen als neue Begriffe sind auch wirklich nicht die beste Wahl. Die Mindestanforderung ist, das ein Begriff sprechbar ist. AIDS merkt man sich sehr leicht, man nimmt es als eigenes Wort wahr, es spricht sich in einer Silbe. DBAG sind 4 Buchstaben (Deutsche Bahn AG), es ist unaussprechbar, jeder Buchstabe muss einzeln benannt werden, die Kommunikation mit diesem Begriff dauert viel länger. 

Es ist dagegen keine Anforderung, das man aus dem Begriff den Inhalt ableiten können muss. Können Sie aus dem Begriff "Baum" ableiten ob es sich dabei um ein Tier oder ein Gebäude handelt ? Nein. Es ist erlernt.
Ein etwas moderneres Beispiel: Was stellt man sich unter "Amazon CreateSpace" vor? 
Es ist der PrintOnDemand Dienst von Amazon. Das ist nicht am Begriff zu erkennen.
Aber der Begriff ist eingeführt und jeder der darüber redet weiß worum es geht.
Mehr Aufgaben hat ein Begriff nicht.


Zustände und Tätigkeiten müssen erkennbar sein.


"Struktur" und "Strukturieren" ist eine schlechte begriffliche Kombination. Ist das Ergebnis des Strukturierens die Struktur, oder strukturieren wir nach einer vorgegebenen Struktur?
Derlei Wortspiele sind schwierig, insbesondere weil Verben auch Vergangenheit und Zukunft ausdrücken können.

Wir überführen etwas von A nach B, transponieren nach C und assemblieren es danach zu D. Wäre eine deutlich eindeutigere Wortwahl. Sie klingt etwas gestelzt, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, ist damit eine sehr konkrete schnelle kurze Kommunikation möglich. Transponierung läßt jeden wissen, es geht um Ebenen B und C.

Spätestens wenn jemand substantivierte Verben verwendet, die Tätigkeit mit einem Begriff bezeichnet, ist der Zeitpunkt gekommen an dem das Chaos ausbrechen wird, wenn schon vorab Objekte und deren Entstehungsgeschichte aus nur einem Wortstamm abgeleitet wurden.

Phonetische Ähnlichkeiten vermeiden 

Kein Mensch verwechselt Stalagmiten und Stalaktiten wenn er davor steht.
Die "Zapfen die von oben herab hängen", sind an der Decke
Und "Zapfen die am Boden stehen", findet man unten.
Ich habe nur die Bezeichnungen ausgetauscht, und schon wird die Aussage so trivial, das niemand mehr widersprechen kann.

Die häufige Verwechslung dieser beiden Wörter rührt einzig daher, das Sie sich nur in einem Buchstaben unterscheiden. Um so besonderer wird es hervorgehoben, wenn jemand dann doch unterscheiden kann, was was ist. Es wird zu einer besonderen geistigen Leistung, mit Eselsbrücken und dergleichen.

Wenn wir eine neue Begriffswelt etablieren, sollten wir auf Unterscheidungen, die Eselsbrücken brauchen, um sie sich zu merken, von vornherein verzichten.


Gleiche Anfangsbuchstaben vermeiden


Haben Sie schon einmal in einer Software ein umfangreiches Menü, mit mehr als 20 Punkten, betrachtet ? Wenn Sie so etwas häufig verwenden, lesen sie nicht jedesmal alle 20 Punkte durch, um zu Finden was Sie suchen. Man liest schnell, man nimmt nur noch die Anfangsbuchstaben wahr. Das Wort wird nicht mehr vollständig in Buchstaben zerlegt und aufgenommen, wir haben ein Bild des Wortes im Kopf, nicht eine Vorstellung des Inhalts, wirklich ein Bild der Buchstaben. Wir scannen die Liste nur noch flüchtig nach einem bestimmten optischen Muster.

Etwas ähnliches passiert auch beim "Quer-" oder "Diagonallesen". Wenn der Kontext einmal bekannt ist, reicht es aus von jedem Satz nur noch die langen Wörter zu lesen, und von jedem Wort nur noch die ersten Buchstaben. Den Rest kann man sich herleiten, im Kopf auffüllen, und das klappt meist ziemlich gut. Herleiten geht schneller als Lesen.

Schreiben Sie nicht Brautkleider neben Brausepulver, sofern es sich vermeiden läßt. Falls es alternative Begriffe gibt verwenden Sie sie. Ein Hochzeitskleid oder Limonade sticht vielleicht mit eigenständigen Anfangsbuchstaben optisch besser hervor, aber es genügt einen der beiden Begriffe zu ändern.

Sie werden zwar sagen, wenn man etwas alphabetisch sortiert, wird genau das passieren,
aber es geht hier eher um das tägliche Sprechen, um Projektberichte, um Kommunikation, als um Listen von Begriffen. In einer alphabetischen Liste nach etwas zu suchen ist ein anstrengender Vorgang der viel Konzentration und aktive Gehirnleistung benötigt. Das Wiedererkennen von Bildern ist ein unbewusster schneller Vorgang, der fast unbewußt "nebenbei" stattfindet, in etwa so wie das Schalten und Kuppeln beim Autofahren.

Bei 26 Buchstaben und einer Liste von 20 Begriffen, wäre es vielleicht zu viel verlangt, das jeder Anfangsbuchstabe nur einmal auftaucht, aber man sollte es versuchen, und als nächstschwächere Forderung wenigstens eine Eindeutigkeit in den ersten zwei Buchstaben erzielen. Gerade "St" und "Sch" sind problematisch, das sind Worte bei denen der Lesevorgang sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Man erkennt erst am 4. oder 5. Buchstaben um was es denn geht.

Bei der Menügestaltung einer Software macht man sich diese kognitiven Effekte oft zu nutze, in dem man vor jeden Menüpunkt ein eigenes Icon setzt. Ein kleines Bildchen baut im Gehirn ca. 10mal schneller eine Assoziation mit dem Inhalt auf, als ein geschriebenes Wort. Als Notbehelf verwendet das Gehirn aber das Wortbild selbst, so als wäre es ein Icon.

Inhalt und Bewertung Trennen

Deuten Sie mit der Bezeichnung einer Sache, nicht auch gleich die Bewertung einer Sache an.

Messen Sie die Temperatur, nicht die Wärme oder Kälte.
Berechnen Sie Ihr Betriebsergebnis, nicht Gewinn oder Verlust.


Seien Sie schnell und selbstbewußt  


Schreiben Sie ein Glossar, verwenden Sie "Ihre Begriffe" in "Ihrem Kontext" mit "Ihrem Inhalt". Je selbstverständlicher Sie dabei auftreten, desto eher wird es akzeptiert werden.

Diskussionen bringen keinen tieferen Nutzen, sie kosten nur unnötig Zeit.
Sie könnten auch diskutieren, ob Paul ein guter Name für das Kind von Tom und Julia ist.

Mit Hilfe von Thesaurus und Fremdwörterbüchern lassen sich in kurzer Zeit schnell viele Begriffe finden. Das Ausweichen auf Englisch, Französisch, Latein und Griechisch ist sehr beliebt, um Nuancen zu differenzieren.

Das wirklich Schwierige am Entwickeln einer Fachsprache ist, zu erkennen welche Dinge es in der Projektwelt überhaupt gibt, herauszufinden welche Vorgänge, welche Subjekte bedürfen einer Bezeichnung.

Häufig wird das "Learning by Doing" gemacht - "Kommt Zeit Kommt Rat", Wenn Bedarf entsteht wird Bedarf befriedigt.  Doch man hat viel mehr Freiheitsgrade in der Gestaltung und Abgrenzung wenn man es schafft, alle benötigten Begriffe auf einmal zu definieren.

Begriffe die man einmal in die Welt "entlassen" hat sind fast unmöglich zurückzunehmen, oder nachträglich in Ihrer Bedeutung zu verändern.


Wenn nichts mehr geht


Zum Abschluss noch eine Notlösung, für diejenigen die kurz vor der Verzweiflung stehen, weil Ihnen für neue Dinge keine neuen Begriffe einfallen.
Man nehme einen Passwort-Generator, stelle Ihn auf 8 Zeichen und "leicht zu merken" ein, und man bekommt wunderbare sprechbare Worte generiert, wie wucanosi und sifoceme. Suchen Sie sich einfach was schönes raus und geben Sie dem Wort einen Sinn.

Freitag, 20. September 2013

Die Folgen von 75% Einkommenssteuersatz

Sowohl von den deutschen, als auch den französischen Linken hört man immer wieder die Forderung nach 75% oder 100% Steuersatz, ab einem gewissen Mindesteinkommen.

Als Momentaufnahme mag das sinnvoll erscheinen, jemand hat etwas, das man ihm wegnehmen kann. Es wird jedoch selten beachtet dass ein so besteuerter Mensch sein Verhalten ändert.

Der Vorsatz Gewinne zu machen, ist nicht naturgegeben oder unerschütterlich für einen Unternehmer. Gewinne macht man nur, wenn man sie auch behalten und für selbstbestimmte Zwecke verwenden darf. Das ist die Haupttriebkraft ist, um überhaupt wirtschaftlich tätig zu sein. Um „arbeiten zu gehen“. Je höher der Steuersatz, desto weniger „Lust“ hat man überhaupt etwas zu leisten, überhaupt Einkommen erzielen zu wollen.

Warum sollte sich jemand auf unternehmerisches Risiko einlassen, wenn er nicht mehr verdienen darf als ein besserer Angestellter? Als Angestellter hat man mehr Sicherheit, Sicherheit, dass das Einkommen nicht so stark fällt, auch Sicherheit, dass das Einkommen nicht so sehr steigt. Für einen Unternehmer ist die Welt in beide Richtungen offen, solange er das Risiko des Totalverlustes trägt, muss er auch die Möglichkeit beliebig hoher Gewinne haben.

Spass mit Betriebsausgaben
Wer Gewinne verhindern will, zieht möglichst viel Nutzen, wie z.Bsp. Prestige, aus seinen betrieblichen Ausgaben.
  • ein Maserati, statt nur einer S-Klasse
  • ein Mahagoni-Schreibtisch, statt Akazie
  • eine Besprechung wird auf den Bahamas abgehalten, anstatt im Bürohochhaus in Frankfurt
  • Den Picasso hängt man ins Büro, statt in die Privatwohnung
  • Aus dem Essen mit Freunden, wird eine geschäftliche Einladung eines potentiellen Kunden

Viele dieser Dinge werden heute schon praktiziert, je höher die Steuern steigen, desto höher wird der Anreiz für weitere Unternehmer, so zu denken.

Spenden und Stiftungen sind eine weitere Alternative, mit betriebsfremden Ausgaben die Steuern zu reduzieren. Da gründet man an der Coté d Azur ein Kinderheim für krebskranke Kinder und schon kann man 2-3mal pro Jahr eine Dienstreise an die Coté d Azur machen, wiederum steuerlich gefördert. Man läuft hier sicherlich Gefahr viele gute gemeinnützige Einrichtungen über einen Kamm zu scheren aber die Vielzahl von gemeinnützigen Vereinigungen läßt diesen Verdacht zu.

Warum haben gerade so viele erfolgreiche Ex-Sportler so viele dieser Stiftungen? Reine Selbstlosigkeit ist es wohl nicht, es liegt immer die Idee dahinter: bevor ich es dem Finanzamt gebe, stifte ich es eher für mir bekannte Zwecke und behalte die Kontrolle über mein Geld.

Im Einzelfall ist gegen derartige Initiativen nichts einzuwenden, doch in Ihrer Vielzahl bedeutet es, anstatt der Staat entscheidet was mit dem Steuergeld geschieht, entscheidet der einzelne Steuerzahler darüber was mit dem Geld geschieht, bevor es überhaupt zu Steuergeld geworden ist.  Anstatt das eine zentrale Stelle Gelder an alle Kinderheime gleichverteilt, werden einzelne Spendenempfänger bevorzugt.

Wenn ich entscheide 100 € zu spenden, gibt mir das Finanzamt heute 30 € „zurück“. Bei Personen mit hohem Einkommen sind es sogar 50 €. Mit einem Steuersatz von 75% verzichtet das Finanzamt auf 75 € Einnahmen, wenn es die Spende von 100 € akzeptiert.

Während ich bei 100€ mit 30% Steuern geneigt bin die 100 € zu versteuern 30 € zu zahlen und 70€ zur freien Verfügung zu haben, würde ich bei 75% Steuersatz eher überlegen, „Ich entscheide selbst wofür  die 75€ Steuern verwendet werden, ich lasse es einer Verwendung meiner Wahl zukommen, habe daraus vielleicht einen indirekten Nutzen, bekomme einen Blumenstrauß, eine Urkunde, Ansehen" oder etwas in dieser Art. Hohe Steuersätze sind gut für die Spendenbereitschaft, aber sie senken das Steueraufkommen.

Was wäre bei einem Steuersatz von 100%? Die Überlegung des Unternehmers lautet: Gebe ich 5000€ dem Finanzamt, oder kaufe ich mir für 5000€ etwas für die Firma, auf das man vielleicht bisher verzichtet hat. Natürlich wird sich JEDER für die Ausgaben für die Firma entscheiden. Der Gewinn geht gegen Null, das Steueraufkommen sinkt auf Null.

Der Steuersatz gibt an, mit wieviel Prozent sich das Finanzamt an Ausgaben beteiligt.
Eine 100€ Spende bei 75% Steuersatz,  läßt mich 75€ weniger Steuern zahlen.
Eine 5000€ Investition bei 100% Steuersatz, läßt mich 5000€ weniger Steuern zahlen.
Härter formuliert: Das Finanzamt zahlt mir die Investition.

Diese Idee ist nicht neu: Wie man lesen kann stammen die Grundzüge schon von 1728.

Este at the German language Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Ich wende mich explizit nicht gegen Steuererhöhungen. In einem gewissen Rahmen, vielleicht bis maximal 55%, darf man darüber nachdenken. Aktuell haben wir unter 50%. So etwas wie der Solidaritätszuschlag wurde nur erfunden, um eine Steuererhöhung nicht Steuererhöhung zu nennen. Ein großes und eher schmerzfreies Potential wird jedoch schon darin liegen, die vorhandenen Steuern mit weniger Ausnahmen oder mehr Kontrolle einzutreiben und Steuergelder mit mehr Verstand einzusetzen.

Montag, 16. September 2013

Die Piraten: Eine gekidnappte Partei

Die negativen Auswirkungen eines umfassenden Parteiprogrammes

 Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor 2 Jahren haben die Piraten 9% gewählt. Damals galten die Piraten als „Neu“, „Modern“, als „Partei der Freaks, Nerds und Geeks“. Aber sie wurden auch abwertend als 1-Themen-Partei bezeichnet, als noch nicht so richtige Partei, ganz ohne Parteiprogramm.

Auf dem Gründungsparteitag 2012 wurden dann alle offenen Fragen geklärt, alles festgezurrt "bitte sagt jetzt was ins Parteiprogramm soll - oder schweigt für immer".

Und nun schweigen die Menschen, das heißt sie geben Ihre Stimme nicht mehr für die Piraten ab. Man sperrt die Wirtschaftsintelligenz aus mit "bedingungslosem Grundeinkommen". Man sperrt die religiösen aus mit "Privatisierung der Religion". Man sperrt Künstler, Autoren, Wissenschaftler und Softwareentwickler mit dem Verzicht auf das Urheberrecht aus. Wer bleibt dann als Wählerschaft noch übrig? Atheistische Geringverdiener die das auch auf ewig bleiben wollen? Diese innere Zerrissenheit hat sich lange in den Konflikten der „Spitzenpolitiker“ untereinander manifestiert.

Sich festzulegen, auf jede Frage eine Antwort zu haben, schließt jeweils Diejenigen aus, die auf diese Frage für Sich bereits eine andere Antwort gefunden haben. Wer bereits herausgefunden hat, das seine Ziele durch andere Parteien nicht vertreten werden, hat bei einer Partei ohne Antworten eher die Hoffnung vertreten zu werden, als in einer meinungs-geschlossenen Gesellschaft.

Es kamen andere Strömungen hinzu, die die ursprünglichen Parteiinhalte dominieren. Ich finde keine Nerds mehr in der Partei, nur noch Schimpftiraden und wirtschaftlich unfundierte Anarcho-Slogans, die das Schlaraffenland herbeiträumen. Man wollte gegen die abwertende Bezeichnung „1-Themen-Partei“ angehen, hat sich dabei aber zu sehr festgelegt und dabei sogar das eine Thema aus den Augen verloren.

Die Piraten waren eine Nerd-Partei, eine Partei der Netz-Affinen, sie wurde als Facebook- und Twitter-Partei tituliert. Damit hatten Sie in Berlin Erfolg. Bis auf der Nutzung dieses parteiinternen Kommunikationsweges, findet sich im Wahlprogramm davon rein gar nichts wieder. Kein eGovernement, keine Online-Wahlen, keine Online-Heimarbeitsplätze als Alternative zu Kinderkrippen, wo sind die netzaffinen Themen geblieben ? Alle gekidnappt zugunsten linker Inhalte.

Es gibt so viele Dinge die man mit einem Smartphone tun kann, bei denen der Staat aber nicht unterstützt, oder gar aktiv verhindert, dass man es auch wirklich tut. Das wäre eine attraktive Kernbotschaft für die Piratenpartei.

Themen wie "bedingungsloses Grundeinkommen" "Nehmt den Reichen gebt den Armen" sind linksorientierte Themen, die die Partei jetzt dominieren.

Wer keine Bosse mag soll sich bitte selbständig machen, und nicht auf Bosse schimpfen. Gründerinitiativen wären ein Thema für die Piraten. Nerds arbeiten gerne selbständig, insbesondere arbeiten sie gerne, und dank Fachkräftemangel bei Netz-Affinen ist Arbeitslosigkeit eigentlich überhaupt kein Thema.

Nur leider gibt es kein Podium für Selbständige sondern nur Foren für Selbstverwirklicher, die einen Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen als unangenehm empfinden. Freigeister, Hedonisten, Nerds sind gerne selbständig, gerne nutzstiftend für jemanden. Ich sehe auch das Urheberrecht nicht als Kernthema, auch wenn es damit zu Napsters Zeiten vielleicht einmal damit begonnen hat.

Dass das Thema „Transparenz“ nicht bis zur Unendlichkeit ausgeschöpft werden kann, dürfte inzwischen auch den Piraten klar geworden sein. Wenn jeder alles jederzeit und öffentlich sagen darf, weiß ein Außenstehender nicht mehr welche Aussage ist denn nun Meinung der Partei, und welche die einer Einzelperson. Das einzige was bei vollständiger Transparenz nicht öffentlich wäre, ist ein unausgesprochener Gedanke und das will doch wohl niemand. Kann die Welt ohne Vertraulichkeiten auskommen? Wie kann man sich denn gleichzeitig für Transparenz und gegen Abhören aussprechen? Beides enthält die Aufforderung an eine Person doch bitte seine Gedanken offenzulegen.

Die "Piraten der ersten Stunde" haben Spielraum gehabt, besetzt und eingeengt. Nachfolgenden bleiben deutlich weniger Freiheitsgrade.

Neugiere, systemoffene dynamische Menschen, lassen sich doch nicht gerne fertige Ziele vorsetzen, die wollen selbst gestalten. Je enger man sich in einem Parteiprogramm festlegt, desto kleiner werden die Gestaltungsspielräume.

Die zentralen Themen waren ehemals die Unterschiede in der Lebenswirklichkeit zwischen Politik und (jüngerer) Bevölkerung, der „Netzbevölkerung“

  • Warum kann ich eine Banküberweisung zu Hause machen, aber für meine Stimmabgabe muss ich irgendwo hinlaufen, ins Wahllokal oder zum Briefkasten.
  • Warum schicken so viele Behörden so viele Briefe, das ist Umweltverschmutzung, Steuergeldverschwendung, erreicht den Empfänger nur wenn er auch zu Hause ist, dauert 2 Tage. es gilt aber trotzdem als zugestellt. Obwohl eine E-Mail auch jemanden der mal ebend 3 Monate in Mallorca wohnt binnen 2 Sekunden und völlig kostenlos erreichen würde.
  • Warum gibt es Aushänge im Rathaus?
  • Warum druckt eine Stadt Flyer und Image-Broschüren mit höherer Priorität als sie Web-Seiten pflegt.

Jetzt enthält das Programm sogar einen Punkt für „Kleine Landwirtschaftliche Betriebe“. Warum setzt sich die Piratenpartei für Kleinbauern, aber nicht für kleine Bäcker, kleine Handwerker oder kleine Buchhandlungen ein? Sind das eine Ökoaktivisten und das andere böse Kapitalisten?

Dass das Finanzamt die Kirchensteuer eintreibt halte ich auch für diskussionswürdig, aber je größer man sich dieses Ziel auf die Fahnen schreibt, desto mehr verschreckt man natürlich Christen. Weil das Eintreiben der Kirchensteuer so gut funktioniert, hat Deutschland die meisten Kirchenaustritte in ganz Europa. Die einzige Möglichkeit sich der Zahlung zu entziehen. Vielleicht ist es doch das bessere Ziel, dass sich die Menschen von der Kirche trennen, und nicht nur der Staat ?!

Etwas gegen Besserverdiener zu haben, ist nichts weiter als die schlichte Aussage, von Besserverdienern nicht gewählt werden zu wollen und kein Besserverdiener werden zu wollen, sondern zu bleiben was man ist. Das ist eine gruselige Lebenseinstellung, die fast schon Resignation ausstrahlt.

Jeder der in Deutschland lebt soll in die Rentenkasse einzahlen. Hat auch jeder der in Deutschland lebt Anspruch auf Auszahlung? Darf man auch woanders leben und eine Auszahlung bekommen?  Sicher ist nur wenn man sich auf irgendeine Weise einen Anspruch auf Rente erworben hat, entweder durch Wohnsitz oder durch Einzahlung eines einzigen Euros, dann hätte man Anspruch auf eine Mindestrente. Das Bewusstsein, mit solchen „freundlichen“ regionalen Regeln Migrationsanreize zu schaffen, ist nur sehr spärlich ausgeprägt.

Die Europapolitik ist eher schwammig. Die Piratenpartei ist eine skandinavische Erfindung und eine „europäische Idee“. Aber gleiches Recht für alle Europäer steht nicht im Parteiprogramm, 95% der Inhalte beziehen sich nur auf Deutschland, wie soll man jemals zu den Vereinigten Staaten von Europa kommen, wenn kein Mitgliedsstaat und keine Partei in einem Mitgliedsstaat sich jemals den Verzicht auf eigenen Kompetenzen,  auf eigene Rechte, auf die Fahnen schreibt? Viele durch die Migration ausgelösten Probleme wären nicht vorhanden, wenn es nicht so viele regionale Eigenheiten gäbe, wenn der Spanier in Hamburg gleichberechtigt mit dem Bayern in Hamburg wäre, bezüglich Rentenrecht, bezüglich Sozialansprüchen, bezüglich Arbeitslosengeld.

Urheberrecht: Als Autor und Softwareentwickler weiß ich nicht genau, wie sich die Piraten das vorstellen mit solchen Produkten Einkommen zu erzielen. Sobald das erste Exemplar verkauft ist, darf jeder alles kopieren wie er will, ein zweites Exemplar wird niemand kaufen. Wo ist die Grenze zwischen privat und beruflich? Ein Handbuch für Kleingärtner darf frei kopiert werden, eines für Gartenbaubetriebe nicht? Warum sollte ein Autor sich die Mühe machen so ein Buch für „Privatleser“ überhaupt zu schreiben? Nur wegen Ruhm und Ehre, wie bei einem Blogger ?
Ein „fairer Ausgleich“ wird versprochen, das heißt „Bestseller“ werden verboten? Wer 10.000 Stück verkauft, darf davon nicht profitieren, der Autor bekommt das Gleiche wie jemand der nur 10 Stück verkauft? Wie soll sich denn Qualität und Anspruch entwickeln? Wie will man denn Gut und Schlecht, Erfolg und Misserfolg unterscheiden, wenn nicht über Verkaufszahlen und Zahlungsbereitschaft?
Freier Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen klingt erstmal sehr ehrbar und fair, aber ist denn niemand zu dem Gedanken in der Lage, dass der Forscher mit seiner Forschung überhaupt nicht beginnt, wenn er nicht die Chance hat, Gewinne daraus zu ziehen? Spielt denn jemand Lotto, wenn er im Erfolgsfall den Gewinn mit der Allgemeinheit teilen müßte, weil das doch fair und anständig wäre? Die Gewinne werden sozialisiert, die Risiken bleiben privat, lautet die äußerst naive Forderung der Piraten.

Ich übersetze das Wahlprogramm mal so: Privates geistiges Eigentum wird verboten, aber die Öffentlichkeit wird verpflichtet jegliches geistige Produkt jedem Schöpfer abzukaufen. Das wird ein Schlaraffenland für jede Art Selbstdarsteller.
Wahrscheinlich soll ich kostenlos arbeiten, denn ich habe ein "bedingungsloses Grundeinkommen". Das war auch der Traum im Kommunismus. „Wenn alle fleißig sind, wird für alle genug da sein“. Anscheinend will man die Linkspartei noch Links überholen.

Schlaraffenland, Pieter Bruegel via Wikimedia Commons

Wahlkampf: Warum hängen die Piraten Plakate auf? Gibt es eine Untersuchung das das irgendeine Wählerstimme bringt, oder machen die das nur weil alle anderen es auch tun? Will man denn nun anders sein, oder nicht ? Sind die Zielgruppe nicht die sozial Vernetzten? Findet man die nicht eher im Netz als am Straßenrand? Angeblich stehen die Piraten sogar in Fußgängerzonen, aber die ebay-shopper und kindle-Leser wird man wohl dort kaum finden. Warum schaltet die Partei keine Anzeigen um auf die Partei aufmerksam zu machen, so erreicht man die Fans. Sogar im Netz muss man den Piraten hinterherlaufen, wenn man was von Ihnen wissen will. Es gibt keinen anderen Mechanismus der Internet-Nutzer aktiv anspricht, außer Internet-Werbung.

Vielen Vertretern der Piratenpartei traue ich nicht zu, wirtschaftspolitische Modelle zu verstehen, geschweige denn zu gestalten und durchzusetzen oder sich mit andauerndem enerviertem Gepöbel gegen "Reiche", "Bonzen", "Besserverdiener" irgendwelche Freunde zu machen. Es gibt wenige positive Ausnahmen.

Als die Piraten in das Berliner Parlament eingezogen sind, waren Sie noch neu, jung, modern und "offen für alles". Jetzt ist es mehr und mehr eine „Dagegen!“ statt einer „Dafür!“ Partei geworden. Von kreativen Vorschlägen für Neues blieb nur Kritik an Altem ergänzt mit Ideen vom Schlaraffenland, was bekanntermaßen dazu geführt hat, das alle satt, müde und träge wurden.