Freitag, 29. November 2013

Die Beitragsentwicklung der privaten Krankenversicherung - Ein Risiko für Altersarmut

Es ist wieder soweit. Alljährlich im November ein Brief von der Krankenkasse. Die "Beitragsanpassung". Wieviel wird es denn diesmal sein. "Nur 10% mehr", na das geht noch - es gab schon Schlimmeres. Man braucht eine robuste Gesundheit, damit man die Mitteilungen der privaten Krankenversicherung ohne Panikattacken übersteht.

Privatversicherte werden sehr schnell mit Stichworten wie Besserverdiener, Chefarztbehandlung und Einzelzimmer assoziiert. Doch vieles trifft auf neuere Verträge aus den letzten 10-15 Jahren gar nicht mehr zu.

Das Angestellte mit mehr als ca. 4300€ Monatsgehalt in die private Krankenkasse wechseln können ist sicherlich bekannt. Beamte dürfen sich unabhängig vom Einkommen privat versichern und erhalten, genau wie die Angestellten, 50% Ihrer Beiträge vom Arbeitgeber erstattet, als Zusatzleistung zum Bruttolohn.

Die dritte Gruppe sind die Selbständigen, die sich ebenfalls unabhängig von Ihrem Einkommen privat versichern dürfen. Darunter sind auch Geringverdiener. Viele kleine Markthändler, Trödler, auch ein paar Gewerke im Handwerk, wie z.Bsp. Bäcker gehören zu den Einkommensgruppen mit weniger als 2000€ im Monat. Um Neiddebatten gleich vorzubeugen, ein Selbständiger mit 2000€ im Monat (falls er arbeitet), enstprechen einem Angestellten mit 1500€ im Monat, für den der Arbeitgeber auch noch 300€ Versicherungsbeiträge übernimmt und 200€ für den Urlaub zurücklegt. Es ist nicht so einfach Einkommensangaben zwischen Selbständigen und Angestellten zu vergleichen. Ein Selbständiger ist mit gleichem zu versteuerndem Einkommen ärmer als ein Angestellter.

Für Selbständige bietet die gesetztliche Krankenkasse nur die "freiwillige Versicherung". Diese unterstellt einfach - ganz unabhängig vom wirklichen Einkommen - der Versicherte würde in Höhe der jeweiligen Beitragsmessungsgrenze verdienen, also aktuell ca. 4000€ monatlich. Der Versicherungsbeitrag beträgt 14,5%, das sind 580 €. Soviel muss ein Selbständiger zahlen um sich freiwillig gesetzlich zu versichern, auch dann, wenn er vielleicht nur 1500€ Einkommen hat.
Der einzige Grund, warum jemand auf dieses "Angebot" eingeht, ist die Familienversicherung. Als gesetzlich Versicherter sorgt man mit diesem Beitrag auch gleich für Frau und Kinder vor, in der privaten Versicherung müßte jede Person einzeln versichert werden.

Doch als junger Single lockt die private Krankenversicherung mit Beiträgen ab 180€, manchmal sogar noch weniger. Bei Werbung sollte man immer darauf achten, das einige nur mit halben Beiträgen werben, weil Angestellte und Beamte nur halbe Beiträge bezahlen. Außerdem werden 20 jährige sehr viel günstiger versichert als 40jährige. Deswegen muss man Aussagen wie in dieser Werbung äußerst differenziert hinterfragen:


Die private Krankenversicherung ist für Singles bis zu einem Alter von 50 Jahren fast immer preiswerter, als die freiwillige gesetzliche Versicherung mit den festen 580€. Man vergleicht Preise. Man vergleicht Leistungen und kommt zu dem Schluss, die private Krankenversicherung ist eine gute Sache. Mehr Leistungen bei geringeren Beiträgen.
Das Schwierige bei dieser Entscheidung ist jedoch, das man einerseits eine Verbindung auf Lebenszeit eingeht, man kommt leichter aus einer Ehe heraus, als aus dem Status des Privatversicherten; und man kann die Entwicklung der Beiträge in den nächsten 50 Jahren nur schwer prognostizieren.
Ob die PKV eine gute Entscheidung war, können vielleicht die 90-jährigen rückblickend bewerten, aber nicht die 30-jährigen vorausschauend. Es wird immer ein ungutes Gefühl bei dieser Entscheidung bleiben, sofern sich der 30-jährige über die Tragweite seiner Entscheidung überhaupt bewußt ist.

Ich war mir dessen so halbwegs bewußt und habe mit 31 eine PKV abgeschlossen. Dreizehn Jahres später habe ich einige "Beitragsanpassungen" mitgemacht.

Persönliche Beitragsentwicklung

Als "Neukunde" habe ich im Jahr 2001 einen Vertrag für ca. 180 Euro mit 1022€ Selbstbehalt abgeschlossen. 10 Jahre später, 2012, wurde ein Beitrag von 550 Euro mit 1500€ Selbstbehalt angekündigt.
Daraufhin habe ich den Tarif innerhalb der Krankenkasse gewechselt, auf ein paar Leistungen wie den Chefarzt und das Einzelzimmer verzichtet, und meinen Beitrag um 200 Euro reduziert.

Wie man sieht, es ging ziemlich steil bergauf, nicht als Einzelfall sondern jährlich.


Im Mittel ca. 10% pro Jahr. Es gibt keine andere Versicherung die solche Entwicklungen hat. Darauf ist man als Versicherter nicht gefasst, aber 10% Steigerung pro Jahr, bedeuten eine Verdopplung alle 7 Jahre.

Wenn man diese Entwicklung auf die nächsten 20 Jahre extrapoliert, wird der Beitrag bald so aussehen:

Extrapolierte Beitragsentwicklung, auf Grundlage der Steigerungen der letzten 13 Jahre

Mit 65 werde ich wahrscheinlich einen Beitrag von 2300€ haben. Die Politik hat zwar das Problem erkannt und die Krankenkassen gezwungen Altersrückstellungen zu bilden, doch diese Rückstellungen sollen erst die Beiträge ab dem 65. Lebensjahr dämpfen und die jährliche Steigerung auf maximal 5% begrenzen. Wenn der Beitrag erstmal auf 2300€ angewachsen ist, hilft es aber wenig, zu wissen das es ab jetzt langsamer steigen wird. Bezahlen wird solche Beiträge kaum jemand können. Inflation und Einkommen werden sicherlich langsamer wachsen, als mit 10% jährlich.

Als 30jähriger läßt man sich von seinem Versicherungsvertreter alle möglichen optionalen Zusatzleistungen aufschwatzen und fühlt sich damit "rundum gut versorgt". Wegen der Beitragssteigerungen muss man diese Luxus-Komponenten wieder kündigen um den Tarif bezahlbar zu halten und hat 10-20 Jahre quasi nutzlos einen Zuschlag für ein Einzelzimmer bezahlt, obwohl ich bis heute noch nie eine Nacht im Krankenhaus verbracht habe.

Das Argument für den frühen Abschluss möglichst vieler Leistungen ist die Gesundheitsprüfung.
Man kann jederzeit seinen Tarif reduzieren, wenn man ihn jedoch verbessern möchte, kann die Krankenkasse eine Gesundheitsprüfung verlangen, das Aufstocken ablehnen oder mit einem individuellen Risikozuschlag versehen. Niemand versichert ein Haus das schon brennt.
Also versichert man, solange man noch gesund ist, soviel wie möglich, später könnte es einmal nicht mehr gehen. Bei geringen Einstiegstarifen kann man sich zwar die Zusatzversorgung leisten, braucht sie aber nicht, und wenn die Beiträge steigen, ist es das erste  was man wieder kündigt. Es wäre besser gewesen, sie gar nicht erst abzuschliessen.
Auf Optionen wie ein Einzelzimmer kann man getrost verzichten, wer es sich leisten kann, kann bei einer Krankenhauseinweisung immernoch entscheiden, ob er bereit ist, den Aufschlag privat - ohne Versicherung - zu bezahlen. Der Chefarzt ist auch nur der, der am meisten im Büro sitzt, Mitarbeiter einteilt und Urlaubsanträge unterschreibt, und nicht der, der zwangsläufig die beste tägliche medizinische Routine hat.

Selbstbehalt

Jeder weiß, es gibt in der privaten Krankenkasse noch bezahlte Brillen und mehr Leistungen für Zahnersatz. Vergessen werden bei dieser Aussage immer die heute üblichen Selbstbehalte.
Wie das funktioniert kennt jeder von der KFZ-Versicherung, man schliesst eine Vollkasko mit 300€ Selbstbeteiligung ab und weiß damit von vornherein, das man Schäden für 250€ nicht beglichen bekommt, und das es sich wegen der Rückstufung und der Prämienerhöhung vielleicht erst ab 400€ lohnt, einen Schaden zur Regulierung einzureichen.

In der privaten Krankenversicherung sind solche Tarife mit Selbstbehalt heute die Regel und reduzieren die Beiträge deutlich. Hier mal der gleiche Tarif mit verschiedenen Selbstbeteiligungen:


Da greift man doch gerne zu, oder nicht ?

Doch das bedeutet: wenn man sonst gesund ist, bekommt man für seine Brille nichts, für den Augenarzt nichts, für die jährliche Kontrolle beim Zahnarzt nichts, und auch sonstige kleine Wundversorgungen, für die man mal schnell in die Notaufnahme muss, zahlt man aus eigener Tasche.

Die 10€ Praxisbeitrag, die gesetzlich Versicherte ehemals zahlen mussten, oder auch hier und da ein paar Euro Zuzahlung bei Medikamenten erscheinen lächerlich, wenn in der PKV Selbstbeteilungen zwischen 300 und 2000€ jährlich normal sind.

Wenn man in der KFZ-Versicherung einen Kasko-Schutz mit 300€ Selbstbehalt abschließt, kann man sich darauf verlassen, dass es bei diesem Selbstbehalt bleibt. In der PKV ist das anders. Der Selbstbehalt kann jählich angepasst werden, er wird mit den Beiträgen erhöht. Ich habe zum 01.01.2012 einen Vertrag mit 750€ Selbstbehalt abgeschlossen, schon ein Jahr später wurde er auf 900 Euro erhöht. Einfach mal so 20% mehr Eigenleistung, oder 150 Euro weniger Auszahlung von der Krankenkasse.

Für die chronisch Kranken, wie Patienten mit Diabetes, schweren Allergien, Epilepsie oder Depressionen, die eine regelmäßige Betreuungen und langfristige Therapie benötigen, den Selbstbehalt jährlich übersteigen (das heißt zahlen) und keine Wahl haben irgendetwas zu sparen, ist der jährliche Versicherungsbeitrag inclusive Selbstbehalt die relevante Größe. Das stellt den jährlich zu zahlenden Betrag dar. 

Mein Jahresbeitrag inclusive Selbstbehalt
Der eigentliche Anreiz weniger zum Arzt zu gehen oder weniger Leistungen zu beanspruchen läuft damit ins Leere - sobald der Selbstbehalt überschritten wird, nimmt man alles mit was es gibt.

Man könnte natürlich sagen "Dann nimm doch einen Tarif ohne Selbstbehalt". Doch um einen Selbstbehalt von 1000€ jährlich abzuwählen, erhöht sich der Tarif um ca. 1200-1500€ jährlich. Man zahlt also noch mehr als zuvor. Doch der Tarif wird steuerlich gefördert, eventuell spart man also ein paar Euro Steuern und stellt sich tatsächlich besser. Am besten man nimmt seinen Steuerberater mit zu seinem Versicherungsberater um das zu beurteilen.

Der Selbstbehalt führt zu so merkwürdigen Verhalten das man sich zum Beispiel in dem Jahr mit einer kleinen Zahn- Operation auch noch eine neue Brille "gönnt" oder sich mal beim Orthopäden durchchecken läßt. In einem Jahr "verkneift" man es sich zum Arzt zu gehen, im anderen Jahr geht man dann "zu allen Ärzten die es gibt". Das ist nicht gut für die Gesundheit aber die Krankenkassen setzen finanzielle Anreize, sich so zu verhalten. Was nutzt eine Vorsorgeuntersuchung im Leistungskatalog, wenn die so preiswert ist, das man sie selbst zahlen müßte, weil sie noch innerhalb des Selbstbehaltes liegt ?
Wer bei einem Restaurantbesuch mal eine Sekunde überlegt "kann ich mir das diesen Monat leisten", der wird auch beim Arztbesuch überlegen, "muss das sein", "läßt sich das verschieben", "frag ich erstmal jemand anderen, der so was ähnliches hatte", denn bei jedem Arztbesuch zahlt man 50€ privat - ohne Aussicht auf Erstattung, wenn diese kleinen Beträge den Selbstbehalt nicht überschreiten.

Die Beitragsrückerstattung, die manche Versicherungen bei Nichtinanspruchnahme von Leistungen anbieten, wirkt genauso wie der Selbstbehalt. Man verzichtet auf eine Auszahlung, sobald man Leistungen in Anspruch nimmt. Sie hat jedoch den Vorteil der steuerlichen Abzugsfähigkeit.
Ein vereinbarter Selbstbehalt ist "Privatvergnügen" und wird steuerlich nicht weiter gefördert, es sei denn es wird zu einer außergewöhnlichen Belastung. Bei Singles sind das 6% vom Einkommen. 300 Euro Selbstbehalt kann nur jemand mit weniger als 5000€ Jahreseinkommen als Belastung geltend machen, praktisch also niemand. Dagegen wird eine nicht in Anspruch genommene Rückerstattung in vollem Umfang als Versicherungsbeitrag anerkannt.

Leistungen

Die Einheitlichkeit von Leistungen bei der PKV war anscheinend in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts üblich und bestimmen heute vielfach noch das Denken und Argumentieren in der öffentlichen Meinung. Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei.

Man kann sich nicht einfach darauf verlassen, dass eine Leistung bezahlt wird.
Bei der Einweisung in ein Krankenhaus stellt sich die Frage ob 1-, 2- oder Mehrbettzimmer, was zahlt die Kasse, was ist man bereit selbst zuzuzahlen. Soll der Chefarzt vorbeikommen oder nicht. Besonders komplexe Zahnbehandlungen, Brücken, Implantate, darf das der Zahnarzt einfach so anfertigen, wenn er einen Privatversicherten vor sich hat ? Zahlt die Kasse jede Leistung ? Wieviel Selbstbehalt gibt es bei zahnärztlichen Leistungen, wieviel bei ambulanten, wieviel bei stationären Leistungen. Ein Versicherungsvertrag besteht aus einer Unmenge von Zahlen und detaillierten Regelungen, die der Arzt überhaupt nicht, und der Versicherte zumindest nicht aus dem Kopf wissen kann.

Jeder Telefonanbieter holt sich bei Abschluss eines Vertrages eine Schufa-Auskunft ein. Bei Ärzten gilt das PKV-Kärtchen bislang noch als genug Beweis für ein hohes Einkommen. Gerechtfertigt ist dieses Vertrauen jedoch nicht immer. Schliesslich kommt es immer häufiger vor, dass der Arzt dem Patienten eine 10.000€ Rechnung präsentiert, von der die Kasse vielleicht nur 6.000€ bezahlt, vielleicht auch gar nichts, und schon hat der Patient einen großen Berg an Schulden, auf die er gar nicht gefasst war.

Die Krankenkasse handelt sicherlich vertragsgemäß. Nur der Versicherte hat seine 30 Seiten Versicherungsbedingungen nicht im Kopf und kann beim Arzt nicht entscheiden, welche Art der Behandlung denn versichert ist und welche nicht. Für gesetzliche Krankenkassen können die Ärzte Auskunft geben, was bezahlt wird und was nicht, bei privaten Krankenkassen unterscheidet sich das von Tarif zu Tarif und die Arbeit der Erkundigung nach den individuellen Leistungen bleibt beim Patienten hängen.

Der zusätzliche Verwaltungsaufwand, dem Arzt die Rechnung zu bezahlen, bei der Krankenkasse die Rechnung einzureichen, auf Rückerstattung zu warten, und eventuelle Abzüge der Erstattung mit der Krankenkasse zu diskutieren, sollte nicht vernachlässigt werden. Dagegen haben gesetzlich Versicherte ein "leichtes Leben", die sich nach Verlassen der Praxis praktisch um nichts weiter kümmern müssen.

Auch die privaten Krankenkassen schreiben Ihren Versicherten Briefe, in denen um Sparsamkeit gebeten wird, das man in der Apotheke doch bitte nach Derivaten fragen sollte um die Beiträge stabil zu halten. Ich habe mich daran gehalten, aber wahrscheinlich als Einziger, denn die Beiträge sind trotzdem gestiegen.

Bei der Verwaltung sparen die Krankenkassen jedoch nicht. Internet und E-Mail sind weitgehend unbekannt. Sämtliche Vorgänge werden auf Papier und per Brief abgewickelt.

Arzthonorare

Da in diversen TV-Serien die Zahnärzte immer im Ferrari am Golfplatz vorfahren, möchte ich mal zeigen, was so ein Arzt verdient, wer noch nie eine Rechnung gesehen hat, hat davon keine Vorstellung: Eine "Durchsicht" beim Zahnarzt, 15min, in denen 1 Arzt, 1 Assistentin und 1 Empfangskraft bezahlt werden müssen, dazu Praxismiete und Abschreibungen für die Behandlungseinrichtung finanzieren muss, kostet so etwa 40-60€.  Wenn dem Arzt selbst als Honorar davon 15€ bleiben, ist das viel, das ergibt ca. 60€/Stunde und liegt ein wenig über dem Preis eines Handwerkers, was mir für einen Akademiker angemessen erscheint.

Das Röntgen eines Zahnes kostet 6,50€, ein Ultraschall beim Radiologen 32€, ein EKG beim Hausarzt 26,50€. Das sind alles durchaus überschaubare Summen.

Man sollte diese Zahlen kennen bevor man eine PKV abschließt. Leider ist das selten der Fall.
Normalerweise wechseln gesetzlich Versicherter in die PKV, die nie zuvor eine Arztrechnung gesehen haben, und die Kosten, die auf sie zukommen, gar nicht einschätzen können. Damit können sie nicht beurteilen, wie wahrscheinlich es denn ist, einen Selbstbehalt von 750€ überhaupt jemals zu überschreiten.


Altersvorsorge

Es gibt Modelle heute mehr zu zahlen, um im Alter weniger zu zahlen. Das wird sogar steuerlich gefördert, doch einerseits muss man es sich ersteinmal leisten könnnen, mehr zu zahlen, und andererseits binden einen solche Rücklagen noch stärker an die Krankenkasse, da es keine andere Auszahlungsmöglichkeit gibt, als Beitragsreduktionen.
Selbst für sich Altersrückstellungen zu bilden, z.Bsp. einen Aktienfond zu kaufen, scheint sinnvoller, transparenter und wahrscheinlicher auch ertragreicher. Doch da damit die Zweckgebundenheit der Gesundheitsvorsorge verlorengeht, entfällt auch die steuerliche Förderung.
Es bleibt noch die Möglichkeit eine Basis-Rente abzuschliessen, eine sogenannte Rürup-Rente, bei der man in einen Aktien-Fond einzahlen kann. Damit verlagert man wenigstens die Besteuerung von heute in die Zukunft und kann so die hohen Beiträge zur PKV im Seniorenalter von den Auszahlungen aus dieser Rente wieder absetzen, so dass man wahrscheinlich genauso steuerfrei bleibt, aber höhere Flexibilität hat.

Wie man sieht, die Überlegungen eine private Krankenversicherung abzuschliessen sind äußerst komplex, man braucht nicht nur einen Versicherungsvertreter oder Berater für die Krankenversicherung, der hilft die vielen verschiedenen Vertragsoptionen zu verstehen, sondern auch noch einen Steuer- und Finanzberater der einen bezüglich der bestmögliche Ausnutzung der steuerlichen Förderungen berät.

Seine finanzielle Situation zu planen ist mit einer privaten Krankenversicherung unmöglich.


Fazit

Eine Versicherung soll den Versicherten von Risiken entlasten.
Aus heutiger Sicht ersetzt die Krankenkasse jedoch nur das Risiko die Ärzte nicht bezahlen zu können, durch das Risiko die Krankenkasse nicht bezahlen zu können.

Durch die Reform von 2010 wurde zwar dafür gesorgt, das durch die Einführung des Basistarifs, jeder einen Vertrag bekommen kann, die Krankenkasse darf niemanden mehr aus gesundheitlichen Gründen ablehnen. Doch sie hat nicht dafür gesorgt, das man sich den Tarif auch leisten kann. Die Einkommensabhängigkeit, man zahlt nie mehr als man auch wirklich Einkommen hat, ist ein deutlicher Vorteil der gesetzlichen Krankenversicherung. Für Selbständige sind jedoch einkommensabhängige Tarife weder in der PKV noch in der GKV vorhanden.

Wer noch nicht genug vom Lesen hat, findet hier vielleicht noch ein paar mehr Argumente.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Auslastung und Buchungsverhalten im Tourismus

Ich habe hier so eine Statistik über die Touristische Entwicklung Radebeul gefunden. Bevor jetzt jemand gleich abschaltet, ich versuche allgemeingültig zu bleiben, Radebeul, ein Vorort von Dresden, dient mir nur als Beispiel.

Solche "offiziellen Statistiken des statistischen Landesamtes" spiegeln immer ein recht verzerrtes Bild wieder.

Erstmal steht darüber "gewerbliche Vermieter". Was das ist weiß man nicht so genau, nehmen wir mal an Vermieter mit mehr als 4 Zimmern. Alle Privatvermieter fallen schon einmal weg. Das ist  in Radebeul ein nicht unerheblicher Anteil von immerhin 250 Betten (lt. Gastgeberverzeichnis). Die Vermieter werden einfach nicht befragt, trotzdem macht man solche Statistiken.

Von den ca. 1700 gewerblichen Betten entfallen ca. 50% auf ein einziges Hotel, das Radisson Blue, mit Zimmern über 100 Euro. Ein sehr schönes Hotel, aber ebend doch mit dem Charme eines Konferenzhotels mit  400 Zimmern, Schöne Aussicht, aber kein Ambiente. Wenn dieses Haus zu 50% Leer steht, und 50% der Bettenkapazität der Stadt bietet, ist alleine wegen diesem Einen Hotel die Auslastung der Betten der Stadt um 25% gesenkt.

Die Zimmer sind sehr teuer, also bleibt niemand lange, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt angeblich 2,3 Tage - in diesen gewerblichen Vermietungsobjekten. Die Gäste die eine Woche bleiben wollen und statt einem Hotel für 699  doch eher eine Ferienwohnung für 199 mieten, fallen einfach aus der Statistik.
Die werden als Gäste der Stadt, als "belegte Betten" nicht gezählt.
Dadurch erscheinen solche merkwürdig kleinen Werte von 2,3 Tagen als Aufenthaltsdauer in Hotels.

Ich bin selbst (Privat-)Vermieter von 4 Betten, und in der Lage ein paar Statistiken über die letzten 3 Jahre zu machen. Die Daten sind sicherlich nicht repräsentativ, weder für Radebeul noch für Deutschland.
Aber vielleicht wird damit deutlich wie man Statistiken liest oder erstellt, und wieviel Vertrauen man in "offizielle Angaben" haben sollte.

Spitzenkapazitäten und Werbung

Ein Unternehmer strebt immer nach mehr Gewinn, nicht nach mehr verkauften Stück. Dazwischen besteht kein linearer Zusammenhang wie beim Verkauf einer Glühbirne. Ein Zimmer das heute nicht „verkauft“ wurde, kann man nicht ersatzweise morgen verkaufen. Eine ungenutzte Chance ist unwiderruflich vorbei. Andererseits braucht man in Zeiten großer Nachfrage möglichst viele Zimmer.

Je größer die Kapazitäten für besondere Anlässe sind, desto geringer wird wahrscheinlich auch die Auslastung sein.  Beim Karl-May-Fest oder beim Herbst-und-Weinfest gibt es bei uns 100% Auslastung für je 3 Tage. Je mehr Kapazitäten man für solche Anlässe zur Verfügung haben will, desto mehr Leerstand ergibt sich für den Rest des Jahres. 

Das ist auch beim Stadtverkehr ähnlich. Man braucht genügend große Reserven für die Transportleistung von 6 bis 9 Uhr. Für den Rest des Tages kann man aber nicht extra kleinere Busse kaufen, also fahren die großen Busse nur halbvoll herum.

Das Himmelfahrtswochenende mit dem festen Feiertag am Donnerstag ist das beliebteste Ausflugswochende des Jahres. Alle Betten füllen sich ganz von alleine. Es ist eine ziemlich dumme Entscheidung auf dieses Wochenende ein Volksfest zu legen.  Mehr als eine komplett ausgebuchte Stadt geht nicht.  Die Betten sind sowieso schon voll, es kann gar kein zusätzlicher Gast mehr aufgenommen werden, es gibt keinerlei positiven Effekt auf den Umsatz durch Beherbergung, für die Stadt keine zusätzlichen Umsatzsteuer- und keine Gewerbesteuereinnahmen. Die Wirkung verpufft vollständig.
Auch beim Herbst- und Weinfest erreichen wir 100% Auslastung in der Stadt. Man könnte wenigstens die Lehre daraus ziehen sofort sämtliche Werbemaßnahmen einzustellen. Das Fest ist etabliert, es wird geliebt und besucht. Trotzdem werden Unmengen für Plakate, Poster, Flyer, Banner über der Strasse und ähnlichem Zeug ausgegeben. Einfach so aus Prinzip. Neue Gäste können aber nur kommen, wenn von denen vom letzten Jahr ein paar zu Hause bleiben würden.

Ähnlich sieht es bei saisonalem Marketing aus. Touristische Werbung wirbt immer mit Sommerbildern - wo es sowieso leicht ist zu vermieten. Hat irgendein touristisches Marketing (außerhalb von Skiregionen) schoneinmal den November oder den Februar beworben, wenn Marketing wirklich nötig wäre ? Die machen es sich immer einfach und werben mit Sommerbildern für den Sommer, also für Zeiten in denen die Urlauber so wieso ganz von alleine kommen.

Auslastung

Was ist Auslastung ? Für ein Hotel scheint die Frage klar, wenn es 20 Zimmer hat und davon sind 10 vermietet, hat es 50% Auslastung an diesem Tag. Was ist jedoch bei einem Vermieter der nur 1 Zimmer hat ? Der hat immer 0% oder 100% Auslastung, dazwischen gibt es gar nichts. Auslastung kann man immer nur aufs Jahr gesehen messen, und da ist es klar das es so etwas wie Nebensaison gibt. Wenn Januar, Februar, März und November alles leer steht, sind schon mal 4 von 12 Monaten "weg",  also 33% Leerstand. 
Nehmen wir an, in den restlichen 8 Monaten wäre 20% Leerstand, dann bleiben 6,4 "volle" Monate übrig.
6,4 von 12 Monaten entspricht einer Belegung von 53% im Jahresdurchschnitt. Das ist schon ein extrem guter Wert, wer ist schon 8 Monate im Jahr zu 80% ausgebucht ?

In Radebeul kann man das gerade so schaffen, weil wir sowohl städtische als auch ländliche Eigenschaften haben, also Kultur- und Museumsbesucher genauso kommen, wie Rad- und Fußwanderer und auch die Weihnachtszeit wegen der vielen Weihnachtsmärkte noch relativ attraktiv ist.

Man muss also sagen das Auslastungen um 50% traumhaft sind, nicht irgendwie Mittelmaß sondern Spitze. In ländlichen Regionen schafft man wahrscheinlich nur 30%.
Von daher sind die in der o.g. Statistik angegebenen 33% gar nicht so schlecht.

Man könnte glauben eine hohe Auslastung  ist für jeden Vermieter wünschenswert. Das ist aber grundsätzlich falsch. Vermieter sind Unternehmer und Unternehmer wünschen sich Gewinne und nicht möglichst viel Arbeit. Viele Gäste bedeuten viel Arbeit. Buchungsvorgänge, Checkin, Checkout, Wäschewechsel.
Man muss niemanden mit "nur 33%" Auslastung bedauern. Ein gewisser Leerstand wird immer einkalkuliert.
Wenn man eine normale Mietwohnung für 300 Euro/Monat anbieten würde, sie aber zu einer Ferienwohnung umwidmet bei der man 66% Leerstand pro Jahr erwartet, dann muss sie während der Vermietung 900Euro/Monat bringen. Der Jahresumsatz ist in beiden Fällen gleich, 12*300 Euro = 3*900 Euro = 2700.
Der eine hat 100% Auslastung, der andere hat 33% Auslastung, beim Umsatz ist kein Unterschied.

An Nord- und Ostsee sind solche kurzen Saisongeschäfte üblich, und dementsprechend auch solche Preise. Neulich habe ich ein Angebot gesehen "1 Woche im Juli 800 Euro, 1 Woche im Februar 200 Euro".
Natürlich versucht man trotz dieser Kalkulation auch in der umsatzschwachen Zeit noch etwas herauszuholen, gerade die Chance auf diese Zusatzgewinne macht Ferienwohnungen für den Vermieter so attraktiv. Doch es besteht kein Grund zu einer pauschalen Aussage wie "30% Auslastung sei zu wenig",
auch dann nicht wenn der Konkurrent im gleichen Ort 50% schafft. Das ist nicht relevant.
Der eine vermietet 200 Tage á 30 Euro, der andere 100 Tage á 60 Euro. Beide machen den gleichen Umsatz, wenn der mit den 60 Euro-Zimmern das Winterhalbjahr ganz zumacht, Heizkosten und Personal spart, hat er wahrscheinlich bei gleichem Umsatz, und halb so hoher Auslastung trotzdem die höheren Gewinne.

Eine Hohe Auslastung sagt gar nichts. Der billigste Anbieter im Ort wird immer am vollsten sein und kann trotzdem kurz vor der Insolvenz stehen.

100% Auslastung hieße für eine Stadt "Es ist voll - Lasst niemanden mehr rein, macht die Stadttore zu".
Das ist ein Zustand der nicht angestrebt wird, nur leider suggeriert Werbung oft "je Mehr je besser".
(Bei Vollbeschäftigung von 100% hätte man einen ähnlichen Effekt, kein Unternehmen findet jemanden den es noch einstellen könnte, Wirtschaftswachstum ist nicht möglich, Stagnation die Folge)

Wenn ein Hotel zu 100% ausgelastet wäre, dann würde in einer freien Marktwirtschaft folgendes passieren:
Der Hotelier stockt sein Hotel auf, oder baut an, oder ein anderer Unternehmer baut auch noch ein Hotel im Ort um an der hohen Nachfrage zu partizipieren. Die Gäste verteilen sich auf die Hotels und es besteht wieder die Möglichkeit zu Wachstum. Der Tourismusverein kann noch ein neues Volksfest planen.
Die Auslastung wurde gezielt gesenkt und es ist volkswirtschaftlich sinnvoll, so zu handeln.

Es gibt da noch einige komische Effekte bzgl. der Auslastung:

Wenn man ein 4-Mann Zimmer an 2 Leute vermietet, dann hat man einerseits nur 50% Auslastung, aber gar keine Möglichkeit die anderen 2 leeren Betten  in der gleichen Wohnung noch zu vermieten.
Es geht nicht. Da hilft auch keine Werbung. Man ist nicht voll - hat aber trotzdem nichts mehr zu vermieten. Ein Doppelzimmer an eine Einzelperson zu vermieten, wäre das gleiche.

Oder es gibt, gerade bei Ferienwohnungen, das Verhalten, das ein Gast von Freitag bis Sonntag bucht.
Ein zweiter Gast, der gerne von Sonntag bis Sonntag bucht, kann jetzt gar nicht mehr kommen, weil Freitag bis Sonntag schon belegt ist. Die Buchung sorgt dafür, das man Sonntag bis Freitag Leerstand hat.
Ein Vermieter wünscht sich also gar nicht möglichst viele Buchungen, wie das Marketing-Leute oft behaupten. Er wünscht sich gerne weniger, aber dafür längere Buchungen. Ein Gast der eine Woche bleibt, macht viel weniger Aufwand, als 3 Gäste á 2 Tage. Deswegen gibt es auch meist Rabatte für eine Woche.

Mit den 6 Gästen á 2 Tagen macht man wegen dieser Rabatte aber eventuell mehr Umsatz, man hat auch mehr Kosten und 1 Tag weniger Auslastung. Ob das alles am Ende auch mehr Gewinn ergibt hängt von der Preisgestaltung ab. Es kann durchaus sein, das man mit den 2*3 Tagen mehr verdient als mit 1*7 Tage. Hohe Auslastung ist kein Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg.

Wer mehr zu dem Thema lesen will, darf gerne mein Buch kaufen.

Auslastung je Monat
Die typischen Zeiten für Städtereisen sind Mai und September. Vor- und Nachsaison mit Ostern und "goldenem Herbst" fallen noch ein bischen auf, die Weihnachtsmärkte sind gut am Unterschied zwischen Dezember und Januar zu erkennen, und im Sommer über, während der Schulferien liegt naturgemäßt weit vorne. Im Juni ist immer etwas weniger los, Pfingsten fällt manchmal in den Mai und Fronleichnam ist kein bundeseinheitlicher Feiertag. Die Spitze im September kann man vielleicht mit den vielen Weinfesten erklären.

Vorausbuchungsfrist

Vorausbuchungsfrist in Monaten
Was die offizielle Statistik nicht hergibt, aber diverse Tourismus-Marketingler immer wieder behaupten, ist das die Buchungsfristen immer kürzer werden. Ich kann das bestätigen. Buchungen im September für den Sommer des nächsten Jahres sind die absolute Ausnahme. Das kam mal vor als Kirchentag in Dresden war, und zu Recht mit großem Ansturm gerechnet wurde. Weihnachten für den Mai zu buchen kommt schon eher vor, aber wie die nächste Grafik zeigt, 50% aller Gäste buchen weniger als 3,5 Monate im Voraus.
Die mittlere Vorausbuchungsfrist ist bei uns 55 Tage.

Kumulierte Vorausbuchungsfrist in Monaten, Lesart: 40% der Gäste buchen höchstens 3 Monate im Voraus

Aufenthaltsdauer

Ferienwohnungen haben oft einen Mindestaufenthalt, weil sich die günstigen Preise vor allem dadurch ergeben das nicht jeden Tag geputzt wird, sondern erst nach Auszug. So kommt es, dass alle die nur 1 Tag bleiben wollen ins Hotel gehen. 100% aller Eintagesreisenden gehen ins Hotel, 90% aller 1-Woche Reisenden gehen in Ferienwohnungen, und schon ergibt sich für Hotels eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 2,3 Tagen. Ein vollkommen verzerrtes Bild in der offiziellen Statistik. Bei uns beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 4,8 Tage.

Aufenthaltsdauer in Tagen
3 und 4 Tage dominieren deutlich, typisch für einen Städteurlaub, 1 Woche ist auch üblich, aber länger als eine Woche sind eher nur Ausnahmen. (Wir haben einen Mindestaufenthalt von 2 Nächten)


Mittlere Aufenthaltsdauer, abhängig vom Reisemonat
Die Aufenthaltsdauer variiert kaum über das Jahr. Obwohl im Mai und September die meisten Gäste kommen, wie man oben gesehen hat, bleiben die Gäste im Juli, in den Sommerferien, deutlich länger.
Im Winterhalbjahr dominieren eher die 2-4 Tagesaufenthalte. Für den Januar hatte ich zu wenig Daten für eine Auswertung, es ist nicht 0, nur zu wenige Zahlen für einen signifikanten Mittelwert.

Woher kommen die Gäste in der Region Dresden ?

Noch eine Statistik, die das Landesamt nicht erfasst: Die Angaben sind nicht repräsentativ, aber immerhin von 3 Jahren.

Anteile der Gäste nach Bundesländern

Es ist natürlich klar, das aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland die meisten Gäste kommen, ich habe darum die Zahlen noch durch die Bevölkerung der Bundesländer geteilt, und siehe da, in Anteilen der Bevölkerung haben uns sämtliche Neue Bundesländer und Berlin am liebsten. Es wird nicht mehr so weit gefahren. Gerade für Mecklenburger ist wohl Dresden schon weit genug weg. Von den Bremern und Saarländern hat dagegen noch niemand her gefunden. Emdener und Freiburg/Breisgau waren schon da, aber es gilt eindeutig: je weiter weg, desto weniger Gäste.

Anteile der Gäste in Abhängigkeit der Bevölkerung der Bundesländer

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Dresdner Stollen

An einen Stollen trauen sich wenige ran. Es gibt auch keine Backmischung dafür. Allzu viel schief gehen kann aber nicht. Wer das probieren möchte, sollte vielleicht schon mal einen Hefeteig gemacht haben. Am schwierigsten könnte das Einkaufen werden, denn es gibt eher wenige Läden die alle Zutaten anbieten. Man muss schon etwas herumlaufen dafür. Fangen wir mal mit der Einkaufsliste an:

300g Rosinen 1,50 €
100g Korinthen 1,00 €
100g Orangeat 1,00 €
100g Zitronat 1,00 €
100g gehackte Mandeln 1,00 €
15g gehackte bittere Mandeln 0,40 €
1/2 Flasche brauner Rum 4,00 €
4cl Amaretto 0,50 €
200g Zucker 0,20 €
1/2 TL geriebener Kardamom 0,50 €
1/2 TL geriebene Macisblüte 0,50 €
1 Vanilleschote 2,50 €
1kg Mehl (Typ 550) 1,00 €
2 Würfel  Hefe 0,30 €
1/4 Liter Milch 0,30 €
2 EL Zucker 0,10 €
400g Butter (2 Stück, siehe unten) 2,60 €
1 Zitronenschale 0,50 €
100g Butter 0,00 €
100g Puderzucker 0,30 €
19,20 €
Wie man sieht, Geld spart man durch's selbst machen nicht. In kleinen Mengen sind die Zutaten relativ teuer.
Am schwierigsten zu beschaffen sind Kardamom und Macisblüte, die gibt es nicht in jedem Supermarkt, und Orangeat und Zitronat sind zumindest in Dresden im November schon mal ausverkauft. Gewürzläden oder Wochenmärkte haben meist mehr Angebote als Supermärkte.

Zur Übersicht, erstmal die Arbeitsschritte die auf einen zukommen.
90min Arbeitszeit reichen aus, allerdings sollte man 6 Stunden lang das Haus nicht verlassen müssen, wenn man einen Stollen backen will. Dazu kommen noch ein paar Handgriffe am Tag zuvor, und ein paar am Tag danach.

Arbeitsschritte Wartezeit Arbeitszeit
Rosinen einweichen, Zucker mischen 15min
Ziehen lassen 24h
Vorteig aus Mehl, Milch, Hefe, Zucker 15min
Gehen lassen 30min
Mit Fett und Restzucker verkneten 15min
Gehen lassen 60min
Rosinenmischung einarbeiten 15min
Gehen lassen 60min
Stollen formen 15min
Backen 90min
Mit Butter bestreichen 10min
Abkühlen 24h
Verpacken 10min

Fangen wir an:
Rosinen mit Orangeat, Zitronat und Mandeln in Rum und Amaretto einweichen

Mindestens einen Tag vor dem Backen müssen die Rosinen und Korinthen in Rum eingeweicht werden. Der Amaretto ist optional, aber ergänzt das Bittermandelaroma gut. Apropos Aroma, man kann natürlich mit Vanille- und Bittermandelaroma arbeiten, das ist etwas preiswerter, man dosiert aber leicht zu viel und dann ist es zu intensiv. Wenn man sich schon die Mühe macht und selbst bäckt, sollte man solche chemischen Zutaten eher weglassen.
Zitronat und Orangeat werden sich nur wenig mit Rum vollsaugen, es ist aber oft verklebt oder vertrocknet und das Bad im Rum hilft auf einfachem Weg, die Klumpen aufzulösen. Mandeln sind hier eher nur Füllstoff.
Die Mischung sollte man in einer 2 Liter Vorratsdose ansetzen. Einerseits braucht man unbedingt einen Deckel, sonst riecht bald die ganze Küche nach Rum. Andererseits spart man sich das Umrühren, man schüttelt einfach die Dose ab und an, damit alle Rosinen gut benetzt sind.
Rosinen und Sultaninen sind zwar angeblich nicht ganz das gleiche. Allerdings gibt es keine Rosinen mehr zu kaufen, ich verwende die Begriffe einfach mal synonym.

Vanillemark ausschaben, mit Gewürzen im Zucker vermengen, Butter bei Zimmertemperatur lagern
Auch Vanille und Gewürze lassen sich am besten in 200g Zucker vermischen. Das kann man auch schon mehrere Tage vor dem Backen machen, die Aromen haben dann Zeit in den Zucker überzugehen. Wer fertigen Vanillezucker nehmen möchte, ca-3-4 Päckchen, nimmt ca. 20g Zucker weniger.

Hefe in handwarmer Milch verrühren
Jetzt geht's los, sobald man etwas mit Hefe macht, kann man die Vorgänge nicht mehr wie man will verschieben, sondern man muss sich nach der Hefe richten.
Die Milch sollte handwarm sein, alles über 37 Grad empfindet der Mensch als warm, also 45 Grad reichen. Entweder man hält das Gefäß mit der Milch von außen mit warmen Leitungswasser umspülen, oder man stellt es 20sek. in die Mikrowelle. Wichtig ist : Mehr als 60 Grad sind für die Hefe tödlich. Dann gerinnt das Eiweiß. Die Hefe in die Milch bröckeln, 2 EL Zucker als Nährstoff hinzu und verquirlen. Wer möchte kann es auch noch sieben, aber meistens löst sich die Hefe gut auf.
Vorteig gehen lassen
Diese Mischung gießt man unter Rühren in eine Schüssel mit 1 kg Mehl. Man rührt nur so viel Mehl in die Milchmischung bis sich ein zäher Teig ergibt. Es bleibt auf jeden Fall die Hälfte des Mehl am Rand und am Boden übrig. Das ist so vorgesehen, das nennt man einen Vorteig, in dem sich die Hefe gut vermehren kann.
Nach 30min an einem sonnigen Ort hat sich das Teigstück mindestens verdoppelt.
Weiche Butter, Zucker mit Gewürzen und Zitronenabrieb
Danach kommen die 400g Butter, die Zucker-Gewürzmischung, und der Zitronenabrieb in den Teig.

Teig kneten
Rührgerät oder Handkneten ?
Die Menge und Schwere des Teiges spricht eindeutig für das Kneten per Hand. Wer keine Profi-Maschinen hat die mit 2,5kg Teig klarkommen wird keine Freude mit Maschinen haben. Handwärme tut Hefeteig immer gut und man merkt die Geschmeidigkeit des Teiges an den Fingerspitzen. Solange man noch Zuckerkörnchen spürt, ist der Teig nicht fertig. Solange das Mehl noch nicht untergearbeitet ist, kann man den Teig in der Schüssel kneten, danach macht sich die saubere Küchenarbeitsplatte deutlich besser. Ein Backbrett ist wohl heute nicht mehr allgemein üblich. Der Teig klebt nicht - wenn doch ist zu viel Feuchtigkeit oder Fett im Teig die man mit etwas mehr Mehl binden kann.
Zweites Gehen
Ein sonniger Herbsttag ist Ideal für Hefeteig. Der Teig sollte nochmal ca. 40-60min zugedeckt an einem warmen Ort gehen, bis sich das Volumen verdoppelt hat. Wenn es kühler ist, dauert es länger, das ist nicht so schlimm, man darf den Teig aber nicht länger als nötig stehen lassen, sonst hat die Hefe danach keine Kraft mehr für die 3. Gährungsphase.
Rosinenmasse und Teig untereinanderkneten
Das schwerste Stück Arbeit ist das Einarbeiten der Rosinen/Orangeat/Zitronat/Mandel-Mischung.
Die Mischung gut abtropfen lassen. Wer auf Nummer sicher gehen will die Masse noch auf einem Küchentruch abtrocknen, oder mit etwas Mehl bestäuben. Die Rosinen dürfen nicht triefend nass vom Rum sein, sonst verbinden Sie sich nur schlecht mit dem Teig.
Drittes Gehen
Nocheinmal 40-60 min gehen lassen. Dabei ist optisch nicht mehr viel Änderung zu beobachten. Der Teig ist jetzt zu schwer, als das ihn die Hefe noch anheben könnte. Es bilden sich aber weiterhin innerlich Luftbläschen und man kann spüren das der Teig fluffiger wird, wenn man hineingreift.
Teig rechteckig ausrollen und von 2 Seiten einschlagen
Man kann aus der Menge Teig auch 2 kleine Stollen machen, allerdings hat man dann sehr viel Kruste und wenig inneren Teig. Auch beim Kaufen bevorzuge ich immer 2 Kilo-Stollen, gegenüber 1-Kilo-Stollen, man will ja möglichst viel durchgezogene Füllung und nicht nur gebutterte und gezuckerte Aussenflächen.

Gerade für Anfänger empfiehlt sich eine Form. Der Teig läuft sonst leicht auf die Gesamtfläche des Bläches auseinander. Ein halbgroßes Backblech - oder eine ähnlich große emaillierte Auflaufform sind ideal. Die Grundfläche sollte etwas A3 oder 2 * A4 sein, für 2 kleinere Stollen.
ca. 70-90 min bei 200 Grad backen
Wenn der Stollen bereits nach 30min beginnt goldbraun zu werden, kann man die Oberfläche mit einem Bogen Alu-Folie abdecken. Der Stollen bäckt dann nur noch, aber wird weniger von oben gegrillt.
Die Folie jedoch spätestens nach weiteren 30min wieder entfernen.
Jeder Backofen hat leicht andere Eigenschaften, die mittlere Schiene ist nicht immer in der Mitte, und gerade bei Gebäck das nach oben aufgeht, schiebt man das Blech oder Rost eher zu tief als zu hoch ein.
Dick mit Butter bestreichen und mit Puderzucker bestäuben
Nach dem Backen sofort die restlichen 100g Butter einfach in Stücken auf den Stollen legen, die Hitze reicht aus, die Butter sofort zu schmelzen. Anfangs kann man die Stücke mit den Fingern verreiben, wenn sie geschmolzen sind nimmt man für die Feinarbeit noch einen Pinsel. Vor dem Bestäuben mit Puderzucker kann man ruhig 10min warten. Die Butter soll vorrangig in den Teig einziehen und die Poren schliessen und nicht nur den Puderzucker auflösen. Man braucht doppelt soviel Puderzucker, wenn die Butter noch zu heiß ist.

Danach den Stollen gründlich durchkühlen lassen (ca. 1 Tag). Er läßt sich dann leicht aus der Form nehmen, und auf ein Holz- oder Schneidbrett heben, nur zur Sicherheit, dass er nicht durchbricht. Der Stollen wird in Folie eingepackt und 4 Wochen in einen ungeheizten Keller gelegt. Ein anderer nicht zu warmer Ort, möglichst mit etwas Luftfeuchtigkeit, tut es jedoch auch.
In den ersten 4 Wochen ist der Stollen steinhart, manchmal dauert es auch 6 Wochen. Wenn man am 1. Advent einen Stollen anschneiden will sollte man ihn spätestens an Allerheiligen/Reformationstag backen.

Man schneidet einen Stollen immer in der Mitte an. Hebt eine Scheibe heraus und schiebt die beiden Hälften zusammen und schützt somit die Schnittflächen vor dem Austrocknen.

Viel Spass

Montag, 30. September 2013

Die Entwicklung einer effizienten Projektsprache

Wenn man ein größeres Projekt startet, ist es wichtig für jedes Ding das man erfindet,
einen Namen, eine Klassifikation, eine Einordnung zu finden. Anders ist es nicht möglich
über die Elemente zu kommunizieren.

Ich bin mal in ein Haus mit vielen Zimmern gezogen. Es war unmöglich jemanden zu erklären, wo ein gewisser Gegenstand zu suchen ist, solange die Zimmer keine Namen hatten, "Oben nach Links gehen und Dritte Tür Rechts", sind Notlösungen, meistens furchtbar lang, und offen für Missverständnisse. Gebt dem Zimmer einen Namen, das erleichtert es darüber zu reden. Hotels helfen sich mit Zimmernummern, das wäre schon besser als Nichts.

"Das Baby von Tom und Julia" ist anfangs noch eine üblich Bezeichnung für ein Neugeborenes. Nach einer Entwicklung der Persönlichkeit, und einer "Gewöhnungsphase", eine Gewöhnung an den Namen des Kindes, wird man dann vielleicht eher von "Paul" sprechen. Es zeugt auch von einer Art Respekt und einer anderen Wahrnehmung des Gegenstandes, wenn man ihn mit einem "eigenen" Namen bezeichnen kann, und nicht nur in seiner Relation zu anderen Personen.


Einstufige Klassfikationen vermeiden


Vorsätze wie Meta- oder Ur- sind sehr beliebt, weil sie so leicht verständlich sind. Doch sie sind einstufig und nicht rekursiv anwendbar, es liesse sich zwar steigern durch mehrfaches aneinanderfügen, doch damit sinkt die Verständlichkeit. Eine UrUrGroßmutter ist zwar noch verständlich, aber weiß man auf Anhieb wieviele Generationen da involviert sind ? Es sind 5.

Ähnlich kann man zu einer Datenstruktur, eine MetaDatenstruktur haben, eine Strukturbeschreibung. Doch wie beschreibt man die Beschreibung von der Beschreibung? Mit einer MetaMetaDatenstruktur ?

Vorsätze für "Haupt-" und "Neben- " sind ebenfalls Beispiele für Eindimensionalität. Es gibt ein Hauptmenü, ein Untermenü, und das Untermenü vom Untermenü, heißt wieder Untermenü? Sicherlich kann man Definitionen auf sich selbst anwenden. "Ein Verzeichnis kann Teil eines Verzeichnisses sein". Doch dann gehört es nicht in eine Aufzählung mit konkreten Namen, für konkrete Ebenen. Da ist Haupt- und Untermenü keine Aufzählung von Hierarchieebenen sondern nur eine Bezeichnung der Beziehung von Ebenen zueinander. Dieser Weg ist eine Sackgasse und nicht hierarchieoffen.


Nummerierung, wo nötig


Wenn abzusehen ist, das auf einer gewissen Ebene immer wieder neue Elemente hinzukommen werden, ist es günstiger die Elemente mit einer Aufzählung zu benennen, seien es Ziffern oder Buchstaben, wie AB01.

Die Verwendung von Buchstaben hält die Nummerierungen kurz, denn es gibt 26 Buchstaben, aber nur 10 Ziffern, durch eine zusätzliche Ziffer wird die Anzahl der verfügbaren Nummern verzehnfacht, durch einen Buchstaben ver26facht. Auf Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben sollte man jedoch verzichten, das ist mündlich schlecht transportierbar, stellen Sie sich mal vor es gäbe klein-a-3 und groß-a-3.
Mit 2 Buchstaben und 2 Ziffern haben Sie schon 26*26*10*10=67.600 Bezeichnungen. Das reicht oft als Definition von "beliebig viele" aus. Es vermeidet eine Zunahme von Sprechsilben durch das einfügen von "hundert" und "tausend", die bei Bezeichnungen wie KS971 zwangsläufig auftreten werden. Wenn Sie nicht konsequent eine Sprechweise von KS-neun-sieben-eins einführen, wird bald jemand KS-neuhunderteinundsiebzig sagen, was wegen der Vertauschung von Einer und Zehnerstelle viel schwieriger zu notieren ist.

Man benötigt einen Begriff für die Bezeichnung der Ebene, oder der Gruppe von Elementen, und wenn die Anzahl der Elemente bei Projektstart nicht klar ist, sollte man statt Begriffen für die bekannten Elemente zu suchen, eher Regeln festlegen, wie neue Bezeichnungen für Elemente der Gruppe gefunden werden.
IKEA ist wohl die bekannteste Ausnahme von dieser Regel, die erfinden zu jedem neuen Produkt auch einen neuen Namen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, durch wieviele Köpfe eine Bezeichnung gehen wird, wie oft sie gebraucht, und wie lange sie auf der Welt bleibt. Je häufiger ein Begriff genutzt wird, desto mehr Sorgfalt darf man auf die Begriffsfindung aufwenden.
Wenn Sie wirklich versuchen wollen etwas mit 10.000 Elementen per Namen zu identifizieren, dann ist ein Katalog von Vornamen für jedermann die beste Wahl. Eine Liste von Städtenamen wäre auch geeignet.

Vielleicht kann man sich die Konstruktion solcher internen Bezeichnungen von Großkonzernen abschauen und die Scheu vor völlig "zusammenhanglosen" Begriffen verlieren.


Große Hierarchien, Klassfikationen


Für komplexe Modelle braucht man häufig viele verschiedene Abstraktionsebenen. Wenn Hierarchien zwar groß, aber endlich sind, nicht auf Erweiterung ausgerichtet sind, findet man eine gute Nomenklatur wenn wir uns an existierenden tiefen Hierarchien orientieren, deren Aufbau noch dazu weithin bekannt und verbreitet sind.

Taxonomie der Biologie.
Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, wer es braucht auch noch Zwischenstufen wie Oberklassen und Unterfamilien, als eindeutige Bezeichnung einer konkreten Ebene

Verwendet man diese Kategorisierung auch noch auf Englisch, Französisch oder Latein, kann man gut mit 3 große Hierarchien in einem Projekt umgehen, ohne in Verwechslungsgefahren zu kommen. Schwierig würde diese Methode natürlich bei internationalen Projekten, die von Natur aus in mehreren Sprachen stattfinden.




Exakte Definitionen, Differenzierung, Synonyme

Ist einordnen und einsortieren das gleiche ?
Unsere Sprache ist sehr reich, aber der Reichtum wird dadurch zerstört, das mehrere Begriffe gleichgesetzt werden. Zwei Sachen synonym zu setzen, heißt auf Differenzierung zu verzichten, Worte sind zwar da, haben aber keinen Nutzen. Im Deutschen ist das besonders schwierig, weil aus literarischem Gesichtspunkt Wortwiederholungen als unschön gelten. Im Englischen ist das vollkommen anders.

Nehmen wir mal ein paar Begriffe aus dem Sport-Journalismus.
Der "1. Fußballklub Kaiserslautern", wird bezeichnet als "1. FC", als "Die Roten Teufel", als "die Lauterer"  oder "die vom Betzenberg", die aus dem Fritz-Walter-Stadion, nicht zu vergessen mögliche aktuelle Bezeichnungen wie "Die Tabellensiebten" oder "Der Zweitligameister von 2010".
All diese Wortschöpfungen wurden nur aus reinem Kampf gegen die Langeweile entwickelt, sozusagen ein Mittel des Sprach-Designs.

Ein Außenstehender hat es extrem schwer so etwas zu verstehen. Er muss wissen, das es bei FC um Fußball geht, und sämtliche der oben genannten 5 oder 6 Bezeichnungen, auch wenn sie alleine stehen, mit nichts weiter als einer Fußballmannschaft assoziieren. So eine Sprache grenzt Nicht-Fans eher aus, als es Ihnen erleichtert in ein Themengebiet einzudringen. Wenn es um leichte Verständlichkeit geht, sollte man gleiche Dinge immer gleich bezeichnen. Einen neuen Begriff zu erlernen ist schwer genug, jedes Ding unter 4 Namen zu kennen ist unzumutbar.

Kommen wir zum Ordnen und Sortieren zurück. Was könnte das sein ?
Eine mögliche Definition wäre, das es beim Sortieren auf eine bestimmte Reihenfolge von Elementen ankommt, während es beim Einordnen eher um eine Gruppierung geht, packe das richtige Teil in die richtige Schachtel, aber es ist dann dort egal welche Teile in der Schachtel direkt daneben liegen.

Diese Definition ist jetzt völlig willkürlich gewählt, aber man sieht das es unterschiedliche Vorgänge gibt die unterschiedliche Bezeichnungen benötigen. Die Alltagssprache ist so unscharf, das viele dieser kleinen Unterschiede verloren gehen.
Es ist sehr wichtig, sich innerhalb eines Projektes oder einer Firma auf gemeinsame Begriffe zu verständigen, nur mit einer exakten Sprache ist exakte Kommunikation möglich.

Dabei wird man sehr schnell feststellen, das es viel leichter ist, einen neuen Begriff zu erfinden, einzuführen und durchzusetzen, als über die Bedeutung etablierter Begriffe zu streiten.


Neue Begriffe


Wortschöpfungen werden manchmal als anstrengend empfunden. Lernen ist anstrengend.
Doch viel schwieriger als Neulernen, ist Umlernen. Einen Begriff zu verwenden der schon belegt ist, für etwas von dem doch "sowieso schon jeder weiß was es bedeutet".
Dieses "du weißt schon was ich meine" ist die Grundlage aller Missverständnisse.
Es drückt aus keine Lust zu haben, sich über die Bedeutung von Begriffen detaillierte Gedanken machen zu wollen.

Akronyme, Abkürzungen, Buchstabenfolgen als neue Begriffe sind auch wirklich nicht die beste Wahl. Die Mindestanforderung ist, das ein Begriff sprechbar ist. AIDS merkt man sich sehr leicht, man nimmt es als eigenes Wort wahr, es spricht sich in einer Silbe. DBAG sind 4 Buchstaben (Deutsche Bahn AG), es ist unaussprechbar, jeder Buchstabe muss einzeln benannt werden, die Kommunikation mit diesem Begriff dauert viel länger. 

Es ist dagegen keine Anforderung, das man aus dem Begriff den Inhalt ableiten können muss. Können Sie aus dem Begriff "Baum" ableiten ob es sich dabei um ein Tier oder ein Gebäude handelt ? Nein. Es ist erlernt.
Ein etwas moderneres Beispiel: Was stellt man sich unter "Amazon CreateSpace" vor? 
Es ist der PrintOnDemand Dienst von Amazon. Das ist nicht am Begriff zu erkennen.
Aber der Begriff ist eingeführt und jeder der darüber redet weiß worum es geht.
Mehr Aufgaben hat ein Begriff nicht.


Zustände und Tätigkeiten müssen erkennbar sein.


"Struktur" und "Strukturieren" ist eine schlechte begriffliche Kombination. Ist das Ergebnis des Strukturierens die Struktur, oder strukturieren wir nach einer vorgegebenen Struktur?
Derlei Wortspiele sind schwierig, insbesondere weil Verben auch Vergangenheit und Zukunft ausdrücken können.

Wir überführen etwas von A nach B, transponieren nach C und assemblieren es danach zu D. Wäre eine deutlich eindeutigere Wortwahl. Sie klingt etwas gestelzt, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, ist damit eine sehr konkrete schnelle kurze Kommunikation möglich. Transponierung läßt jeden wissen, es geht um Ebenen B und C.

Spätestens wenn jemand substantivierte Verben verwendet, die Tätigkeit mit einem Begriff bezeichnet, ist der Zeitpunkt gekommen an dem das Chaos ausbrechen wird, wenn schon vorab Objekte und deren Entstehungsgeschichte aus nur einem Wortstamm abgeleitet wurden.

Phonetische Ähnlichkeiten vermeiden 

Kein Mensch verwechselt Stalagmiten und Stalaktiten wenn er davor steht.
Die "Zapfen die von oben herab hängen", sind an der Decke
Und "Zapfen die am Boden stehen", findet man unten.
Ich habe nur die Bezeichnungen ausgetauscht, und schon wird die Aussage so trivial, das niemand mehr widersprechen kann.

Die häufige Verwechslung dieser beiden Wörter rührt einzig daher, das Sie sich nur in einem Buchstaben unterscheiden. Um so besonderer wird es hervorgehoben, wenn jemand dann doch unterscheiden kann, was was ist. Es wird zu einer besonderen geistigen Leistung, mit Eselsbrücken und dergleichen.

Wenn wir eine neue Begriffswelt etablieren, sollten wir auf Unterscheidungen, die Eselsbrücken brauchen, um sie sich zu merken, von vornherein verzichten.


Gleiche Anfangsbuchstaben vermeiden


Haben Sie schon einmal in einer Software ein umfangreiches Menü, mit mehr als 20 Punkten, betrachtet ? Wenn Sie so etwas häufig verwenden, lesen sie nicht jedesmal alle 20 Punkte durch, um zu Finden was Sie suchen. Man liest schnell, man nimmt nur noch die Anfangsbuchstaben wahr. Das Wort wird nicht mehr vollständig in Buchstaben zerlegt und aufgenommen, wir haben ein Bild des Wortes im Kopf, nicht eine Vorstellung des Inhalts, wirklich ein Bild der Buchstaben. Wir scannen die Liste nur noch flüchtig nach einem bestimmten optischen Muster.

Etwas ähnliches passiert auch beim "Quer-" oder "Diagonallesen". Wenn der Kontext einmal bekannt ist, reicht es aus von jedem Satz nur noch die langen Wörter zu lesen, und von jedem Wort nur noch die ersten Buchstaben. Den Rest kann man sich herleiten, im Kopf auffüllen, und das klappt meist ziemlich gut. Herleiten geht schneller als Lesen.

Schreiben Sie nicht Brautkleider neben Brausepulver, sofern es sich vermeiden läßt. Falls es alternative Begriffe gibt verwenden Sie sie. Ein Hochzeitskleid oder Limonade sticht vielleicht mit eigenständigen Anfangsbuchstaben optisch besser hervor, aber es genügt einen der beiden Begriffe zu ändern.

Sie werden zwar sagen, wenn man etwas alphabetisch sortiert, wird genau das passieren,
aber es geht hier eher um das tägliche Sprechen, um Projektberichte, um Kommunikation, als um Listen von Begriffen. In einer alphabetischen Liste nach etwas zu suchen ist ein anstrengender Vorgang der viel Konzentration und aktive Gehirnleistung benötigt. Das Wiedererkennen von Bildern ist ein unbewusster schneller Vorgang, der fast unbewußt "nebenbei" stattfindet, in etwa so wie das Schalten und Kuppeln beim Autofahren.

Bei 26 Buchstaben und einer Liste von 20 Begriffen, wäre es vielleicht zu viel verlangt, das jeder Anfangsbuchstabe nur einmal auftaucht, aber man sollte es versuchen, und als nächstschwächere Forderung wenigstens eine Eindeutigkeit in den ersten zwei Buchstaben erzielen. Gerade "St" und "Sch" sind problematisch, das sind Worte bei denen der Lesevorgang sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Man erkennt erst am 4. oder 5. Buchstaben um was es denn geht.

Bei der Menügestaltung einer Software macht man sich diese kognitiven Effekte oft zu nutze, in dem man vor jeden Menüpunkt ein eigenes Icon setzt. Ein kleines Bildchen baut im Gehirn ca. 10mal schneller eine Assoziation mit dem Inhalt auf, als ein geschriebenes Wort. Als Notbehelf verwendet das Gehirn aber das Wortbild selbst, so als wäre es ein Icon.

Inhalt und Bewertung Trennen

Deuten Sie mit der Bezeichnung einer Sache, nicht auch gleich die Bewertung einer Sache an.

Messen Sie die Temperatur, nicht die Wärme oder Kälte.
Berechnen Sie Ihr Betriebsergebnis, nicht Gewinn oder Verlust.


Seien Sie schnell und selbstbewußt  


Schreiben Sie ein Glossar, verwenden Sie "Ihre Begriffe" in "Ihrem Kontext" mit "Ihrem Inhalt". Je selbstverständlicher Sie dabei auftreten, desto eher wird es akzeptiert werden.

Diskussionen bringen keinen tieferen Nutzen, sie kosten nur unnötig Zeit.
Sie könnten auch diskutieren, ob Paul ein guter Name für das Kind von Tom und Julia ist.

Mit Hilfe von Thesaurus und Fremdwörterbüchern lassen sich in kurzer Zeit schnell viele Begriffe finden. Das Ausweichen auf Englisch, Französisch, Latein und Griechisch ist sehr beliebt, um Nuancen zu differenzieren.

Das wirklich Schwierige am Entwickeln einer Fachsprache ist, zu erkennen welche Dinge es in der Projektwelt überhaupt gibt, herauszufinden welche Vorgänge, welche Subjekte bedürfen einer Bezeichnung.

Häufig wird das "Learning by Doing" gemacht - "Kommt Zeit Kommt Rat", Wenn Bedarf entsteht wird Bedarf befriedigt.  Doch man hat viel mehr Freiheitsgrade in der Gestaltung und Abgrenzung wenn man es schafft, alle benötigten Begriffe auf einmal zu definieren.

Begriffe die man einmal in die Welt "entlassen" hat sind fast unmöglich zurückzunehmen, oder nachträglich in Ihrer Bedeutung zu verändern.


Wenn nichts mehr geht


Zum Abschluss noch eine Notlösung, für diejenigen die kurz vor der Verzweiflung stehen, weil Ihnen für neue Dinge keine neuen Begriffe einfallen.
Man nehme einen Passwort-Generator, stelle Ihn auf 8 Zeichen und "leicht zu merken" ein, und man bekommt wunderbare sprechbare Worte generiert, wie wucanosi und sifoceme. Suchen Sie sich einfach was schönes raus und geben Sie dem Wort einen Sinn.