Mittwoch, 9. September 2015

Komplexität gibt es nicht

Das System Welt ist groß. Wenn wir es als komplex bezeichnen betrachten wir nur zu viel davon gleichzeitig, wollen zu viel wissen, stellen zu viele Fragen.

Ein Uhrwerk wird jeder als eine komplexe Sache bezeichnen. Dennoch haben wir kein Problem damit eine Uhr zu verwenden. Manche muss man aufziehen, meistens reicht es die Zeit abzulesen. Die Komplexität des Uhrwerks ist kein Problem, dass die Welt komplizierter macht.

Es genügt Uhrmacher und Uhrenanwender als zwei getrennte Personen mit getrennten Qualifikationen zu betrachten, schon ist die Komplexität verschwunden.

Für den Uhrmacher ist die Komplexität nicht beängstigend, das ist für ihn Alltag, damit kennt er sich aus. Dieses Rädchen ist da um den Zeiger anzutreiben, jener für das Datum, das ist alles so wie es sein muss.

Wenn wir enge Schnittstellen zwischen den Komponenten definieren, wenn man von einer Komponente nicht viel wissen muss, sie aber trotzdem vollständig benutzen kann, lässt sich die Welt in viele kleine Komponenten zerlegen, deren Funktionsweise von jemandem, der sich tagtäglich mit dieser Komponente beschäftigt (Fachleute, Experten) gerade noch beherrscht wird.

Die Kunst besteht nur darin, die Welt in solche gerade noch verstehbaren Komponenten mit wenigen Schnittstellen zur Außenwelt zu zerlegen. Mit einer Black-Box wie einem Uhrwerk können wir fabelhaft umgehen, solange niemand so dumm ist und fragt, wie es funktioniert. Die Welt braucht mehr Black-Boxen und mehr Vertrauen dass die Boxen funktionieren. Wenn sie nicht funktioniert, kümmert sich der Hersteller der Box darum und nicht der Anwender!

Komplexität ist meist nur ein Angst-Wort für Außenstehende, für den Lernenden, der sich Neu in ein Thema einarbeiten muss, und meistens bezeichnet er damit nur eine Quantität, eine hohe Menge an Einzelteilen.  Es ist aber nicht die Menge die relevant ist, sondern die Struktur.

Häufigste Form. Knäuel, alles steht scheinbar mit jedem in Verbindung
Lineare Ketten können beliebig lang sein, die Quantität ist kein Problem
Mit einer Perlenkette kommen wir viel besser klar als mit einem Knäuel, mit einem Kabelbündel besser als mit einem Kabelsalat. Einen Sack Kleingeld auf dem Tisch auszuschütten erzeugt Chaos. Jeder löst das Problem in dem er nach Größe sortiert, Stapel bildet, und dann wahlweise zählt, wiegt oder die Höhe der Stapel misst. Die Gleichförmigkeit von Elementen wird genutzt. Was haben alle Münzen der Welt gemeinsam? Es sind stapelbare flache Scheiben.

kleine Komponenten in große Verpackt, macht Probleme überschaubarer und teilbarer


Neben dem Prinzip der Black-Box, das hierarchische Strukturen ermöglicht, ist das zweite wichtige Prinzip die Abstraktion. Gemeinsamkeiten zwischen Dingen finden, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten haben, und diese ordentlich aufzureihen. In dem man die Gemeinsamkeiten aus dem System gedanklich entfernt, sie als gegeben akzeptiert, kann man sich auf die Unterschiede konzentrieren.
An dieser Idee ist nichts Neues. Die Welt funktioniert so. Ein Fliesenhändler konzentriert sich auf Fliesen in allen Formen und Größen.  Er hat große Hochregallager, Gabelstapler, und kommt damit zurecht. Ein kleiner Eisenwarenladen hat sehr viele winzig kleine Fächer für Schrauben und Nägel und kann das meiste mit der Hand bewegen. In einem Gardinengeschäft liegt Teppich, es gibt große Fenster und alles ist viel sauberer.

Warum sollte eine Straße,  in der sich ein Fliesenhändler, ein Eisenwarenladen und ein Gardinengeschäft befinden, weniger komplex sein als ein Baumarkt? Weil es keinen Chef gibt, der alles zu koordinieren versucht, obwohl es eigentlich kaum etwas zu koordinieren gibt. außer dem gemeinsamen Parkplatz, der gemeinsamen Werbung, und dem gemeinsamen Kassenbereich.

Der Chef ist zu „neugierig“, will zu viel wissen, und bildet sich ein, als einziger diese Komplexität zu bewältigen und rechtfertigt damit ein hohes Gehalt. Es hat aber nicht viel Nutzen sich mit allem auszukennen. Der stationäre Einzelhandel hat das bereits erkannt und die Komplexität von Warenhäusern, durch „Galerien“ und „Malls“ ersetzt. Es gibt keinen „zentralen Einkauf“ für Socken, Bücher und Bananen, sondern die ehemalige „Führung“ beschränkt sich auf die Gemeinsamen Funktionen, und hält sich aus den Details der jeweiligen Fachgeschäfte heraus.

Man muss loslassen können, damit zufrieden zu sein, nicht alles zu wissen, zu kontrollieren und zu steuern. Damit fällt natürlich ein Stück Anerkennungsmöglichkeit weg. Wir können nicht mehr stolz sein Komplexität zu beherrschen, wenn wir Komplexität vermeiden.

Besonders schwer tun wir uns mit Komplexität, wenn es um Dinge geht, die wir selbst gebaut haben. Einem Ingenieur, der gerade eben die Lichtmaschine eines Autos entwickelt hat, fällt es schwer die Lichtmaschine als funktionierend zu betrachten, als Black-Box, in die an einem Ende eine Drehbewegung eingespeist wird und am anderen Ende Elektrizität herauskommt. Diesem Ingenieur fällt es schwerer das Auto als Gesamtsystem zu begreifen, weitere Teile wie Motor und Kupplung einzubauen, als jemandem, der die Lichtmaschine bei einem Lieferanten bestellt. Wer mehr weiß nimmt mehr Details wahr und bezeichnet das System als komplex. Wer 20 Einzelteile fremdbezieht und zusammensetzt sieht weniger Komplexität. Dennoch kommen beide zum gleichen Ergebnis.

Wer über Komplexität klagt, sollte sich bewusst machen, dass die Welt trotz Komplexität funktioniert. Es kann sich bei Komplexität um kein schwerwiegendes unlösbares Problem handeln. Es ist wohl eher ein mentales Problem.