Dienstag, 31. Dezember 2013

Theater zwischen Marktwirtschaft und Sozialpolitik
Müssen Theaterkarten billiger als Kino sein ?


Aus kommunalen Theatern hört man ständig, wie knapp doch die finanziellen Mittel seien. Vor 2 Jahren mussten die Landesbühnen Sachsen bereits Ihr Sinfonieorchester auflösen, bzw. mit der Elblandphilharmonie fusionieren. Das Geld reicht nicht aus,  doch anstatt die Eintrittspreise zu erhöhen hat man den Generalmusikdirektor entlassen, den Musikern das Gehalt gekürzt, das Angebot von 3 Vorstellungen je Konzert auf eine Vorstellung gekürzt und die Eintrittspreise gesenkt.

Die Landesbühnen Sachsen geben 25% Weihnachts-Rabatt, die Musikfestpiele Dresden bieten Karten incl. Stollen an, das Moritzburg-Musik-Festival besondere CD‘s, die Staatsoperette lädt gleich kostenlos zum Konzert ein und so buhlen alle um die Aufmerksamkeit der immer gleichen Personen. Die Stücke mögen noch so gut und die Preise noch so niedrig sein - wenn der einzelne Zuschauer jede Woche ins Theater gehen würde, würde es den Reiz des Besonderen verlieren und sich selbst zu etwas Gewöhnlichem, zu Alltag, degradieren.

Jeder Einzelhändler würde Preissenkungen lauthals herausposaunen, "Jetzt 20% auf alles", nur so haben reduzierte Preise auch die Wirkung neue Kunden zu bringen. Doch bei den Landesbühnen geschah das leise, still und fast heimlich. 

So sahen die Preise für ein Anrecht der Saison 2012/13 aus:



Und das ist daraus ein Jahr später geworden:

Anfangs glaubt man noch an Druckfehler, doch die Karten werden wirklich für diese Preise verkauft.

Es wird noch besser: Zu diesen 5 Konzerten a 7 € für 35 € bekommt man noch einen Gutschein für weitere 10 €, und etwas später noch eine Freikarte für eine Veranstaltung ohne genaue Wertangabe, ich setze mal einen Mindestwert von 5 € an.
Am Ende zahlt man für seine 5 Konzerte einen effektiven Preis von 20 €Alleine 2,32€ werden für das Porto verwendet, die man braucht um so ein Abonnement zu managen. Wieviel bleibt denn dann noch für die Künstler übrig ?

Man kennt Sonderangebote zu reduzierten Preisen von Bahn und Fluggesellschaften. Doch dort wird die Menge der Billig-Tickets begrenzt. Im Theater nicht. Egal ob 300 Senioren kommen oder 100 Harz-IV Empfänger, das Recht auf Rabatt ist nicht kontingentiert. Zusätzlich wird noch für den Verkauf von Anrechten geworben, für noch mehr rabattierte Karten.

Für den normalen Vollzahler sehen die Preise so aus. 
Ein wenig günstigere Preise erwartet man in einem Anrecht, schließlich geht man unbesehen in jede Vorstellung, egal was geboten wird. Fünf zum Preis von Vier wäre ein gutes Angebot. Doch im Vergleich zur Abendkasse zahlt man in Preisstufe 2 nur 7€ im Anrecht anstatt 15€ an der Abendkasse. Das sind 55% Rabatt, die sich durch oben gezeigte Gutscheine weiter erhöhen. Wenn man mit einem Abonnement sein Theater fördern möchte, indem man es besonders häufig besucht, ruiniert man es, in dem man nur ca. ein Drittel dessen zahlt, was an der Abendkasse verlangt würde.

Den Vollpreis zahlen nur wenige, denn es gibt Rabatt für Studenten, Senioren und für Hartz-IV Empfänger. In Sinfoniekonzerten dürfte es nicht mehr als 10% Vollzahler geben, Zahlen bzgl. Auslastung und gewährten Ermäßigungen werden leider von keinem Theater veröffentlicht.
Während woanders Kurzentschlossene an der Abendkasse einen Last-Minute-Rabatt erhalten, kostet es an den Landesbühnen Sachsen noch 2€ Aufpreis. Haben die Gewerkschaften vielleicht einen tariflichen Aufschlag für Ticketverkäufer, die nach 18 Uhr arbeiten, vereinbart, oder wie kann man erklären, das Kurzentschlossene derartig "bestraft" werden ? Eine holländische Auktion der Restkarten wäre doch eine gute Idee, der Preis fällt ständig, bis alle Karten verkauft sind. Falls es mehr freie Plätze als Interessenten gibt, würden die Karten natürlich für 0€ verkauft, aber wenn sich das herumspricht wird das nicht allzu oft passieren und es kostet das Theater keinen Pfennig.

Über die Struktur des Publikums veröffentlicht das Theater keine Zahlen, obwohl es sicherlich leicht aus dem Kassensystem zu ermitteln wäre. Ich schätze darum mal die Besucherzahlen für Sinfoniekonzerte:
  • 140 Abonnenten.
  • 60 Senioren, Schwerbeschädigte, ALG-II Empfänger und Sozialpassinhaber im Freiverkauf
  • 10 Studenten, davon 10 von der Hochschule für Musik 
  • 8 Freikarten für Bürgermeister, Landräte, Mitglieder des Landtages usw., alle in Preisklasse 1
  • 6 Kinder unter 18.
  • 14 Erwachsene Vollzahler
= 238 Besucher, davon 6% Vollzahler.

Vielleicht traut sich mal ein Theater derartige Zahlen zu veröffentlichen.

Die pauschale Rabattierung über das Alter ist nicht angemessen. Die Zeiten in denen Rentnerhaushalte zu den Geringverdienern gehörten sind definitiv vorbei. Gerade im Osten, wo der Doppelverdienerhaushalt die Regel ist, haben Rentnerpaare häufig mehr Haushaltseinkommen, als ein vollzeitbeschäftigter alleinerziehender Geringverdiener. Warum sollte man einen Rentnerhaushalte mit 1500€ Einkommen anders behandeln als einen Alleinverdienerhaushalt mit 1500€ Einkommen? Einkommensschwache Haushalte zu fördern ist gerechtfertigt, Senioren pauschal als einkommensschwach zu kategorisieren, jedoch nicht. Mit irgendeinem Bedürftigkeitsnachweis kann man kulturelle Veranstaltungen genauso subventionieren wie den öffentlichen Nahverkehr. Aber deswegen kann man doch von Nichtbedürftigen angemessene Preise verlangen.

Man muss sich einmal vergegenwärtigen, das eine Kinokarte, in 3D und 12-Kanal-Ton ca. 12-14€ kostet. Live-Übertragungen von Konzerten, Opern und Balletten auf der großen Leinwand werden für ca. 16-20€ angeboten.

Darf eine Theaterkarte nicht teurer sein als eine Kinokarte? Wäre ein Preis, etwa doppelt so hoch wie im Kino, nicht angemessen ?  Im Theater sind 20-100 Menschen auf der Bühne, Im Kino nur ein Filmvorführer, der für 8 Kinosäle zuständig ist.

Preise zu reduzierten unterstellt immer, die Gäste würden ausbleiben, weil es Ihnen zu teuer ist. Leider ist das nicht immer der Fall. Vielleicht interessiert die Gäste das Angebot einfach nicht.

Lust auf Theater kommt nicht über niedrige Preise sondern über Bildung, ein Interesse das irgendwann einmal geweckt wurde. Wer in den letzten 40 Jahren nie im Theater war, wird auch in den nächsten 40 Jahren höchstwahrscheinlich kein Interesse haben, ein Theater zu besuchen. Mit 10€ Kultur-Budget im Monat geht jemand vielleicht lieber ins Kino oder sieht sich 2 Filme im Pay-TV an. Das sind Alternativen die sich nicht wegdiskutieren lassen, und die für viele Zuschauer attraktiver sind, als ein Theaterbesuch.

In der Semperoper gibt es faire Preise, normal gekaufte Vollzahler-Ticket kosten ca. 44 €. Dabei stehen in die Semperoper ca. 1300 Plätze zur Verfügung stehen, während es in der Provinz meist nur Säle mit 400 Plätzen gibt. 


Die Berliner Symphoniker bieten seit ein paar Jahren die Live-Übertragung Ihrer Konzerte in der
Digital Concert Hall an. Ein Ticket für die Übertragung auf den heimischen PC oder Fernseher kostet 9,90€. Wenn man bedenkt, dass man auch zu zweit oder dritt vor dem Fernseher sitzen kann, nicht zu teuer. Video-On-Demand für einen aktuellen Blockbuster in HD kostet ca. 5,99€, für ein einmaliges Live-Event kann man schon ein paar Cent mehr verlangen. Für den ländlichen Raum gibt es also Lösungen, die Kultur zugänglich macht. 

Der Wunsch nach kommerziellem Erfolg scheint in Kulturbetrieben verpönt zu sein. Es ist weder zu beobachten das Kosten gespart werden, noch das Einnahmen erhöht werden sollen. "Kommerzialisierung" gilt als Frevel.

Einzig glücklich machende Kennzahl ist die Besucherzahl. Es wird alles für mehr Besucher getan und nur wenig für mehr Einnahmen. Die Dresdner Neuesten Nachrichten verkünden 6000 mehr Besucher in den Landesbühnen in der letzten Spielzeit. Leider erfährt man nicht, ob auch der Umsatz gestiegen ist. 25% Rabatt zu geben um 10% mehr Besucher zu bekommen wäre ein schlechtes Geschäft gewesen. Ganz sicher würden sich die Besucherzahlen noch weiter steigern lassen, wenn man den Gästen neben einer Freikarte auch noch 1€ pro Stunde gibt. 

Der Ansatz "Kulturbetrieb ist nicht kostendeckend durchführbar" scheint so weitgehend akzeptiert, das man aufgegeben hat, das Gegenteil zu versuchen.

Das man mit 300 Karten á 25 € mehr verdient als mit 400 Karten á 15 € ist  "Kulturschaffenden" anscheinend nicht beizubringen. 75% Auslastung sehen schlecht aus, sowohl im Saal, als auch in der Statistik, und so werden die Karten um jeden Preis unters Volk gebracht. Koste es was es wolle. Der Aufschrei kommt erst dann, wenn die Politik mit Subventionskürzungen droht.

Bis Heiligabend 2013 gab es 24% auf alle Tickets der FelsenbühneRathenDie Aktion wurde jetzt sogar bis zum 24. Januar verlängertDie besten Sitzplätze werden heute mit Rabatt abverkauft, und der Tourist, der vielleicht erst bei einem Ausflug nach Rathen das erste Mal davon hört, das es dort eine Bühne gibt, und sich kurzfristig eine Karte zum Vollpreis kaufen würde, bekommt entweder keine Karte mehr, oder muss sich mit den schlechtesten Plätzen zufrieden geben. Die spontanen Vollzahler sitzen also auf den billigsten Plätzen, die treuen Stammkunden sitzen mit Rabatt in der ersten Reihe.

Am 27. Juni 2014 ist die Premiere von „Fame“ auf der Felsenbühne. Eine gute Idee, ein Stück zu wählen, dass man bereits aus einem Film kennt und den Altersdurchschnitt des Publikums wahrscheinlich von 67 auf 45 senken könnte. Obwohl man den Erfolg des Stückes noch nicht abschätzen kann, beginnt man heute schon den Abverkauf mit Rabatten zu fördern. 

Eine Karte die heute mit 25% Rabatt verkauft hat, kann man morgen nicht mehr zum Vollpreis verkaufen.

Jeder Rabatt bedeutet Verzicht auf Einnahmen. In der Privatwirtschaft bedeuten Rabatte zumeist nur Verzicht auf Gewinn, der Händler gibt etwas von seiner Gewinnmarge an den Käufer ab. Doch wo keine Gewinne existieren kann man auch nichts davon abgeben.

Muss man denn dem Zuschauer je 5€ schenken, damit Sie Ihre Karte heute kaufen, anstatt eine Woche vor der Vorstellung? Was hat ein Theater davon, wenn Karten möglichst frühzeitig verkauft werden? Wenn "Die Ärzte" oder "Roland Kaiser" am Dresdner Elbufer ausverkauft sind, werden Zusatztermine angeboten, damit möglichst viel Zahlungsbereitschaft abgeschöpft werden kann. Doch davon ist an öffentlich rechtlichen Theatern nur selten etwas zu merken. Ein einmal aufgestellter Spielplan bleibt erhalten.
Es gibt keine Zusatzvorstellungen. Alle Theatermitarbeiter sind fest angestellt und sehen in zusätzlicher Arbeit wahrscheinlich nur zusätzlichen Aufwand und nicht zusätzliche Einnahmen. Wenn die Karten so billig sind, das man mit jeder Vorstellung von Vornherein nur Verluste macht, ist es sogar rational, möglichst wenige Vorstellungen anzubieten.
Irgendjemand muss aber so viel unternehmerischen Sachverstand haben den Erfolg einzelner Stücke zu promoten und gegebenenfalls auch Vorstellungen bei mangelndem Interesse abzusagen. Warum sollte man 2 Vorstellungen vor je 100 Gästen spielen, wenn man einen Saal für 400 Personen hat? Jede Charterfluggesellschaft legt bei geringer Nachfrage Flüge zusammen.

Einsparmöglichkeiten die das Kulturangebot nicht reduzieren gibt es viele. Aber solange die öffentlichen Subventionen auf eingefahrenen Gleisen weiter fließen um den Status-Quo zu erhalten denkt man über solche bislang als unkonventionell geltenden Ideen nicht nach.

Neben der Felsenbühne ist die Sächsische Dampfschiffahrt eine Top-Attraktion in Rathen. Vielleicht wären 25% Rabatt auf eine Art Kombi-Ticket sinnvoll, doch die beiden Unternehmen reden nicht einmal miteinander. Die Fahrpläne sind nicht auf die Spielzeiten abgestimmt. Die letzte Ankunft in Rathen ist 14:45, das ist für die 15 Uhr Vorstellung zu spät, für die 20 Uhr Vorstellung zu früh. Die letzte Rückfahrt um 17:15 ist etwas knapp um nach dem Ende der 15 Uhr Vorstellung rechtzeitig am Anleger zu sein, 17:45 wäre deutlich günstiger und man würde immernoch bequem um 20:15 zum Abendessen in der Dresdener Innenstadt einlaufen.

Andere Spielstätten bieten ein Kombi-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr an. Ein Nachtticket für den gesamten Verkehrsverbund kostet im Einzelkauf 7€. Als Kombination mit einer Eintrittskarte und abzüglich Verkaufsprovision ist es für die Landesbühnen sicherlich für 5€ zu bekommen. Als Fahrkarte wäre der "Rabatt" viel besser angelegt, als als "Barauszahlung". Damit könnten Gäste aus Riesa, Hoyerswerda, Pirna, Meißen die Landesbühnen (kostenlos) erreichen. So ein Nachtticket, das ab 18 Uhr gilt, funktioniert natürlich nur, wenn die Veranstaltungen nicht schon um 19 Uhr beginnen.

Wegen der vielen Spielstätten in ganz Sachsen verfügen die Landesbühnen Sachsen über einen großen Fuhrpark. Bei Aufführungen im Stammhaus könnte man die Busse nutzen um Gäste nach Voranmeldung persönlich an der Haustür abzuholen. Gerade Senioren, denen man wahrscheinlich am wenigsten erklären muss, wer "Die Dreivon der Tankstelle“ oder „Frau Luna“ sind, erreichen das Theater wegen fehlendem öffentlichen Nahverkehr nach 18 Uhr nicht oder haben zumindest Probleme bei der Rückfahrt nach 22 Uhr. Bei 10 verkauften Tickets kann man doch den Kegelclub, Gesangsverein oder sonstige Seniorenvereinigungen aus Hinterposemuckel abholen und wieder nach Hause fahren. Teurer als 25% Rabatt zu gewähren wird das auch nicht, zumal der Busfahrer wahrscheinlich festangestellt ist, und der Bus sowieso nur so herumsteht wenn im Stammhaus gespielt wird.

Es gibt so viel bessere Möglichkeiten Gäste zu animieren ein Theater zu besuchen, als über billigere Eintrittskarten.

Nicht zuletzt spielt natürlich der Spielplan die wesentliche Rolle. Der ist im Allgemeinen sehr Abwechslungsreich für Jung und Alt, nur für moderne und unbekannte Stücke muss man mehr Werbung machen. Jeder Kinofilm hat einen 3min Trailer, im Theater wird davon nur sehr zögerlich Anwendung gemacht. Das "Fotografieren und Filmen ist verboten". Damit verbietet man doch auch mal ebend schnell ein Foto auf Facebook, Twitter oder Google+ zu posten. "Weiterempfehlen" und "Mund-Zu-Mund-Propaganda" geschieht heute nicht mehr durch  Erzählungen in der Kantine sondern mit Fotos auf sozialen Netzwerken. Ein Foto, in der Theaterpause versendet, während die Begeisterung für die Veranstaltung noch voll in einem steckt, ist mit nichts zu ersetzen und vor allem vollkommen kostenlos. Wegen übervorsorglich ausgelegter Interpretationen des Urheberrechtes verbietet man den Gästen Werbung zu machen.

Im Theater gilt immer noch: Gegessen wird was auf den Tisch kommt. Den Spielplan bestimmt die Intendanz und wenn das Theater leer bleibt, sind alle anderen Schuld, aber nicht das Programm.

Heißt soziale Gerechtigkeit, dass die gesamte Sozialgemeinschaft den Theaterbesuch finanziert. Gerade im Theater, das seine Zuschauer eher aus dem Bildungsbürgertum rekrutiert, gibt es besonders viele, "die es sich leisten können". Es liegt wohl außerhalb der Vorstellungskraft sich das Geld bei denen zu holen, die die Dienstleistung Theater in Anspruch nehmen: Den Zuschauern.
Warum soll ein Theater nicht vorrangig von denen finanziert werden, die das Theater besuchen und sogar bereit sind, für diese Dienstleistung zu bezahlen. Man traut sich einfach nicht, von den Gästen Geld zu verlangen. Von Marktforschungen die besagen, dass die Gäste ausbleiben würden, wenn die Karten 10€ teurer würden, ist nichts bekannt. Pro Vorstellung 20 Freikarten für Harz-IV Empfänger wäre wohl die bessere Lösung, als allen Zuschauern ein "billiges Vergnügen" zu bieten.

Liebe Theater, bitte nehmt anständige Preise, weder Andrea Berg, noch André Rieu, noch Rammstein gibt es für weniger als 25€ und diese Veranstaltungen sind voll - Gäste sind bereit für gute Leistungen zu bezahlen.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Scheitern Großprojekte am Antikorruptionsgesetz ?

Wenn man im privaten Bereich mal mit einem Handwerker zufrieden war, ist es sehr wahrscheinlich, das dieser Handwerker beim nächsten Problem wieder den Auftrag bekommt, ohne das man sich die Mühe macht Angebote einzuholen und Preise zu vergleichen. Zu wissen, das ein Auftrag schnell und ordentlich ausgeführt wird, ist für den Auftraggeber ein Nutzen, der nicht bewußt in Geld umgerechnet wird. Es ist das simple Prinzip, wer besser arbeitet, darf auch mehr verdienen. Das billigere Angebot ist nur dann etwas wert, wenn man sich sicher ist, das die erbrachte Leistung 100% identisch sein wird. Doch wer kann da sicher sein ?

Einen Vertrauensvorschuss auszunutzen, mit zuverlässigen Partnern zusammenzuarbeiten, wird durch die Ausschreibungspraxis bei öffentlichen Projekten jedoch untersagt.

Derjenige bekommt den Auftrag, der am knappsten kalkuliert. Wer einen gewissen Spielraum für Änderungen, Ergänzungen, Missverständnisse in sein Angebot einschliesst, der sich später in Kulanz auswirken könnte, bekommt den Auftrag erst gar nicht.
Es wird davon ausgegangen, das auf eine Ausschreibung hin, alle die exakt gleiche Leistung mit der gleichen Zuverlässigkeit erbringen. Zuverlässigkeit wird im Zweifel vor Gericht eingeklagt. 

Die wechselseitige lokale Abhängigkeit der Art "ich muss gut arbeiten und darf nicht so teuer sein, um auch den nächsten Auftrag zu bekommen", der bei privatwirtschaftlichen Geschäften häufig angewendet wird, wird bei Aufträgen der öffentlichen Hand ausgehebelt. Einzige Motivation für Zuverlässigkeit ist die Vermeidung von Vertragsstrafen und Garantieleistungen, ein überschaubarer Horizont von 2-5 Jahren. Gute Arbeit bei früheren Aufträgen ist nicht relevant, wenn es beim nächsten Mal günstigere Anbieter gibt.
Auf Kulanzleistungen, die auf Missverständnissen und kleinen Änderungen beruhen, verzichtet ein Auftraggeber, wenn er keine Vorteile daraus erwirbt. Gutes Ansehen, gute Leistung, so etwas wie ungeschriebene hanseatische Kaufmannsehre ist in der Ausschreibungspraxis nicht relevant.
Zwischenmenschliche Beziehungen, ein gutes Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sollen sogar explizit unterdrückt werden.


Wenn man Kungelei und Vetternwirtschaft bekämpft, bekämpfte man damit immer auch TreueLoyalität und Verantwortung. Dauerhaft gute Geschäftsbeziehungen werden quasi gesetzlich unterdrückt.

Wenn der örtliche Bauunternehmer zum Bürgermeister gewählt würde, darf er keine Aufträge mehr an sich selbst vergeben. Ein Unternehmer ist fast gezwungen, sich nicht um politische Ämter zu bemühen, weil es die Aussicht auf öffentliche Aufträge deutlich erschwert. Darum stellen sich nicht die erfolgreichen Unternehmer, die wissen wie man mit Geld und Großprojekten umgeht, zur Wahl, sondern eher Beamte und Angestellte, die im Bereich zwischen Hausfrauenverstand und Technokratentum agieren.

Ein Kommunalpolitiker darf  keine Aufträge an zuverlässige lokale Firmen vergeben, mit denen er gute Erfahrungen gemacht hat, er muss europaweit ausschreiben, mit dem Risiko an vollkommen Unbekannte zu geraten, die einen günstigen Preis anbieten. Das man diese Praxis zu umgehen versucht, in dem man Aufträge teilt, bis sie unter der Ausschreibungspflichtgrenze liegen, ist verständlich, trotzdem ist es am Rande der Legalität.

Die positiven Effekte, die langfristig strategisch agierende Familienunternehmen in Krisenzeiten gesünder dastehen lassen, als die von Harvard-Absolventen gemanagten Aktiengesellschaft, deren Ziel es ist im 3-Monats-Takt gute Zahlen zu liefern, um den Share-Holder-Value zu maximieren,
die gleicheen Effekte werden in der Vergabepraxis von öffentlichen Projekten angestrebt.
Kurzfristig geringe Kosten - kein Interesse an langfristigem Erfolg.
Die Konsequenzen sind in beiden Fällen die gleichen: Probleme bei unvorhergesehenen Ereignissen.

Wenn man jemanden einstellt, führt man mit dem Bewerber ein Gespräch, nicht nur um seine Qualifikationen herauszubekommen, sondern auch seine Weltanschauung, Arbeitseinstellung, Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft oder andere soziale Kompetenzen und Soft-Skills. Bei der Vergabe eines Projektes verzichtet man auf so etwas explizit. Es zählt nicht. Es zählt nur der Preis. Die beste Gelegenheit für ein solches Gespräch wäre ein gemeinsames Abendessen oder eine Gartenparty. Doch ein Bürgermeister darf so eine Einladung nicht annehmen, weil ihm sofort unterstellt würde, er wäre jetzt befangen und würde nur wegen dieser Einladung den Auftrag an diesen Unternehmer vergeben. Ein Kennenlernen von Auftraggeber und Auftragnehmer auf menschlicher Ebene wird untersagt. Wechselseitiges Vertrauen wird nicht zur positiven Erfahrung, sondern zur Gefahr einer Bestechung.

Mit der Jagd nach dem preiswertesten Anbieter sucht der Auftraggeber quasi den dümmsten, zumindest den risikofreudigsten Anbieter. Nachträgliche Probleme und fehlende Kulanz bei kleinen Änderungen und knappen Zeitplänen sind zwangsläufig die Folge.

Die Ausschreibungspraxis hat das offiziielle Ziel den günstigsten Anbieter zu finden und sparsam mit Steuergeldern umzugehen. Doch bei sehr großen und langfristigen Projekten ist es fast unmöglich im Voraus zu beurteilen, wer die Gesamtleistung am besten, günstigsten und pünklichsten erbringen kann. Vielleicht wäre die Auswahl nach Vertrauen, Zuverlässigkeit und Kompetenz, auch Kulanz und Erfahrungen in der Vergangenheit, das bessere Kriterium, gerade dann, wenn aus Erfahrung mit anderen Projekten bereits klar ist, das man die Kosten eines Bauprojektes das länger als 3 Jahre läuft, nicht genau beziffern kann.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Kann man lernen ein Nerd zu sein ?
Studienabbrüche unter Informatikern

Die Einschreibezahlen für Informatik-Studenten sind auf Record-Niveau, die Anzahl der Studienabbrüche aber auch und der Frauenanteil weiterhin gering. Ich vermute die Abiturienten lassen sich eher von guten Gehaltsaussichten locken,  als von echtem Interesse an der Sache. Informatik ist kein Studienfach für "normale Menschen".
Nicht Genialität oder Intelligenz, sondern Geduld, Ehrgeiz und auch ein wenig Leidenschaft sind eher notwendig. Es ist deutlich schwerer sich irgendwie "durchzuwurschteln" und man bekommt auch keine Aufgaben in kleinen Portionen, die sich nach einem fertigen Vorgehensmodell abarbeiten lassen. Wer so etwas sucht, sollte eher Fachinformatiker werden.

In den 90er Jahren war die Anzahl der Studienabbrecher unter den Informatiker groß, allerdings wurden damals andere Studien abgebrochen, um nach dem Abbruch Informatiker zu werden. Der Willen etwas Lernen zu wollen reicht aus, um sich ein paar Algorithmen aus Büchern zu erschliessen. Selbststudium ist kaum irgendwo so einfach, weil man eine preiswerte kleine Maschine hat, an der man sehr einfach testen kann, ob man es richtig verstanden hat und sich sofort korrigieren kann, falls nicht. Mediziner können nicht an Menschen herumschnippeln, Metallurgen nicht an Hochöfen und Philosophen können zwar nachdenken, aber das Gedachte nicht selbst überprüfen.

Was man selbst mitbringen muss, sind Motivation und Interesse etwas Lernen zu wollen.
Anders als in den Wirtschaftswissenschaften, die einfach Annahmen setzen und irgendwas ausrechnen, was in einer erfundenen Welt relevant ist, was man vielleicht als Leser eines Gutachtens nachvollziehen, aber nicht an der Realität prüfen kann, fliegt einem als Informatiker jeder Fehler gnadenlos um die Ohren.

Der Umgang mit Fehlern ist von der Mentalität her eine Arbeitsweise die nicht Allgemein üblich ist. Einfach mal was falsch zu machen ist ein Ansatz den man sich in der Informatik leisten kann, sonst aber kaum irgendwo.

Ich hab mir mal einen Test ausgedacht, wie man die Eignung zum Informatiker feststellen könnte:
Lass jemanden einen Pullover stricken mit einem mittelmäßig komplizierten Muster.
Irgendwann wird man mal eine falsche Masche, in falscher Farbe stricken und es eventuell
erst eine Zeit später bemerken. Wie werden sich die Probanden verhalten ?

  • es auf sich beruhen lassen und so tun als wäre nichts passiert, 
  • das Teil so wenden das es nicht so auffällt, vielleicht in den Achselbereich 
  • die paar Reihen Arbeit auftrennen bis zu der Stelle mit dem Fehler und es nochmal machen.

Informatiker werden nur die, die auftrennen.
Man muss einen Fehlversuch als persönlichen Fortschritt sehen, damit haben gerade Frauen Probleme, fangen vielleicht sogar an zu weinen, während etwas raubeinigere Handwerker einfach Ihre Wut herausschreien, wenn Ihnen mal etwas misslingt. Beides sind unangebrachte Reaktionen, es gelassen noch einmal versuchen, ist das was erwartet wird.

Der Hang zur Perfektion ist eher eine männliche Eigenschaft.
Männer putzen besser, aber nur wenn sie Lust dazu haben, nicht weile eine Woche rum ist.
Männer kochen besser, aber nur wenn Besuch kommt, der sie dafür lobt.

Frauen lassen schnell mal Fünfe gerade sein, es ist wichtig das Dinge erledigt werden. Jeden Tag etwas zu essen zu haben ist wichtiger, als das das Essen hübsch aussieht. Kontinuität, Pflichterfüllung, Pläne aufstellen und Kompromisse machen um Sie einzuhalten, sind positive Eigenschaften, die in vielen Branchen gefragt sind,  aber in der Software-Branche im Kern nicht Einstellungsvoraussetzung sind. Fast perfekt zählt nicht, wer will schon Software kaufen, die fast immer funktioniert. Für einmalige Anwendungen, für etwas das nur für heute relevant ist, kann man darüber hinwegsehen, für dauerhafte Anwendungen jedoch nicht.

Während die Bastelei an einem 5-Gänge Menü, oder an der Renovierung eines alten Schränkchens jedoch pure Zeitverschwendung und reines Hobby sind, lohnt sich die Perfektion in der Informatik, denn sie ist multiplizierbar. Man erstellt keine Sache, sondern einen Bauplan, nach dem später Tausende Kopien angefertigt werden mit denen Millionen Nutzer arbeiten.

Sich nicht mit einer 95%-Lösung zufrieden zu geben, sondern 99,99% zu verlangen, ist eine Eigenschaft die den Informatiker leicht als Geek oder Nerd in eine Aussenseiterrolle drängt.
Die Begeisterung für die Qualität muss höher sein als der Drang nach Durschnittlichkeit.

Mentalitätsfragen könnten eher Ursache für Frustration und Studienabbrüche sein, als schlechte Mathematikkentnisse, mangelndes Abstraktionsvermögen oder wie es oft heißt: fehlender Technik-Affinität. Das läßt sich leichter erlernen, als die die Neigung zu Exaktheit und Genauigkeit.