Montag, 30. September 2013

Die Entwicklung einer effizienten Projektsprache

Wenn man ein größeres Projekt startet, ist es wichtig für jedes Ding das man erfindet,
einen Namen, eine Klassifikation, eine Einordnung zu finden. Anders ist es nicht möglich
über die Elemente zu kommunizieren.

Ich bin mal in ein Haus mit vielen Zimmern gezogen. Es war unmöglich jemanden zu erklären, wo ein gewisser Gegenstand zu suchen ist, solange die Zimmer keine Namen hatten, "Oben nach Links gehen und Dritte Tür Rechts", sind Notlösungen, meistens furchtbar lang, und offen für Missverständnisse. Gebt dem Zimmer einen Namen, das erleichtert es darüber zu reden. Hotels helfen sich mit Zimmernummern, das wäre schon besser als Nichts.

"Das Baby von Tom und Julia" ist anfangs noch eine üblich Bezeichnung für ein Neugeborenes. Nach einer Entwicklung der Persönlichkeit, und einer "Gewöhnungsphase", eine Gewöhnung an den Namen des Kindes, wird man dann vielleicht eher von "Paul" sprechen. Es zeugt auch von einer Art Respekt und einer anderen Wahrnehmung des Gegenstandes, wenn man ihn mit einem "eigenen" Namen bezeichnen kann, und nicht nur in seiner Relation zu anderen Personen.


Einstufige Klassfikationen vermeiden


Vorsätze wie Meta- oder Ur- sind sehr beliebt, weil sie so leicht verständlich sind. Doch sie sind einstufig und nicht rekursiv anwendbar, es liesse sich zwar steigern durch mehrfaches aneinanderfügen, doch damit sinkt die Verständlichkeit. Eine UrUrGroßmutter ist zwar noch verständlich, aber weiß man auf Anhieb wieviele Generationen da involviert sind ? Es sind 5.

Ähnlich kann man zu einer Datenstruktur, eine MetaDatenstruktur haben, eine Strukturbeschreibung. Doch wie beschreibt man die Beschreibung von der Beschreibung? Mit einer MetaMetaDatenstruktur ?

Vorsätze für "Haupt-" und "Neben- " sind ebenfalls Beispiele für Eindimensionalität. Es gibt ein Hauptmenü, ein Untermenü, und das Untermenü vom Untermenü, heißt wieder Untermenü? Sicherlich kann man Definitionen auf sich selbst anwenden. "Ein Verzeichnis kann Teil eines Verzeichnisses sein". Doch dann gehört es nicht in eine Aufzählung mit konkreten Namen, für konkrete Ebenen. Da ist Haupt- und Untermenü keine Aufzählung von Hierarchieebenen sondern nur eine Bezeichnung der Beziehung von Ebenen zueinander. Dieser Weg ist eine Sackgasse und nicht hierarchieoffen.


Nummerierung, wo nötig


Wenn abzusehen ist, das auf einer gewissen Ebene immer wieder neue Elemente hinzukommen werden, ist es günstiger die Elemente mit einer Aufzählung zu benennen, seien es Ziffern oder Buchstaben, wie AB01.

Die Verwendung von Buchstaben hält die Nummerierungen kurz, denn es gibt 26 Buchstaben, aber nur 10 Ziffern, durch eine zusätzliche Ziffer wird die Anzahl der verfügbaren Nummern verzehnfacht, durch einen Buchstaben ver26facht. Auf Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben sollte man jedoch verzichten, das ist mündlich schlecht transportierbar, stellen Sie sich mal vor es gäbe klein-a-3 und groß-a-3.
Mit 2 Buchstaben und 2 Ziffern haben Sie schon 26*26*10*10=67.600 Bezeichnungen. Das reicht oft als Definition von "beliebig viele" aus. Es vermeidet eine Zunahme von Sprechsilben durch das einfügen von "hundert" und "tausend", die bei Bezeichnungen wie KS971 zwangsläufig auftreten werden. Wenn Sie nicht konsequent eine Sprechweise von KS-neun-sieben-eins einführen, wird bald jemand KS-neuhunderteinundsiebzig sagen, was wegen der Vertauschung von Einer und Zehnerstelle viel schwieriger zu notieren ist.

Man benötigt einen Begriff für die Bezeichnung der Ebene, oder der Gruppe von Elementen, und wenn die Anzahl der Elemente bei Projektstart nicht klar ist, sollte man statt Begriffen für die bekannten Elemente zu suchen, eher Regeln festlegen, wie neue Bezeichnungen für Elemente der Gruppe gefunden werden.
IKEA ist wohl die bekannteste Ausnahme von dieser Regel, die erfinden zu jedem neuen Produkt auch einen neuen Namen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, durch wieviele Köpfe eine Bezeichnung gehen wird, wie oft sie gebraucht, und wie lange sie auf der Welt bleibt. Je häufiger ein Begriff genutzt wird, desto mehr Sorgfalt darf man auf die Begriffsfindung aufwenden.
Wenn Sie wirklich versuchen wollen etwas mit 10.000 Elementen per Namen zu identifizieren, dann ist ein Katalog von Vornamen für jedermann die beste Wahl. Eine Liste von Städtenamen wäre auch geeignet.

Vielleicht kann man sich die Konstruktion solcher internen Bezeichnungen von Großkonzernen abschauen und die Scheu vor völlig "zusammenhanglosen" Begriffen verlieren.


Große Hierarchien, Klassfikationen


Für komplexe Modelle braucht man häufig viele verschiedene Abstraktionsebenen. Wenn Hierarchien zwar groß, aber endlich sind, nicht auf Erweiterung ausgerichtet sind, findet man eine gute Nomenklatur wenn wir uns an existierenden tiefen Hierarchien orientieren, deren Aufbau noch dazu weithin bekannt und verbreitet sind.

Taxonomie der Biologie.
Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, wer es braucht auch noch Zwischenstufen wie Oberklassen und Unterfamilien, als eindeutige Bezeichnung einer konkreten Ebene

Verwendet man diese Kategorisierung auch noch auf Englisch, Französisch oder Latein, kann man gut mit 3 große Hierarchien in einem Projekt umgehen, ohne in Verwechslungsgefahren zu kommen. Schwierig würde diese Methode natürlich bei internationalen Projekten, die von Natur aus in mehreren Sprachen stattfinden.




Exakte Definitionen, Differenzierung, Synonyme

Ist einordnen und einsortieren das gleiche ?
Unsere Sprache ist sehr reich, aber der Reichtum wird dadurch zerstört, das mehrere Begriffe gleichgesetzt werden. Zwei Sachen synonym zu setzen, heißt auf Differenzierung zu verzichten, Worte sind zwar da, haben aber keinen Nutzen. Im Deutschen ist das besonders schwierig, weil aus literarischem Gesichtspunkt Wortwiederholungen als unschön gelten. Im Englischen ist das vollkommen anders.

Nehmen wir mal ein paar Begriffe aus dem Sport-Journalismus.
Der "1. Fußballklub Kaiserslautern", wird bezeichnet als "1. FC", als "Die Roten Teufel", als "die Lauterer"  oder "die vom Betzenberg", die aus dem Fritz-Walter-Stadion, nicht zu vergessen mögliche aktuelle Bezeichnungen wie "Die Tabellensiebten" oder "Der Zweitligameister von 2010".
All diese Wortschöpfungen wurden nur aus reinem Kampf gegen die Langeweile entwickelt, sozusagen ein Mittel des Sprach-Designs.

Ein Außenstehender hat es extrem schwer so etwas zu verstehen. Er muss wissen, das es bei FC um Fußball geht, und sämtliche der oben genannten 5 oder 6 Bezeichnungen, auch wenn sie alleine stehen, mit nichts weiter als einer Fußballmannschaft assoziieren. So eine Sprache grenzt Nicht-Fans eher aus, als es Ihnen erleichtert in ein Themengebiet einzudringen. Wenn es um leichte Verständlichkeit geht, sollte man gleiche Dinge immer gleich bezeichnen. Einen neuen Begriff zu erlernen ist schwer genug, jedes Ding unter 4 Namen zu kennen ist unzumutbar.

Kommen wir zum Ordnen und Sortieren zurück. Was könnte das sein ?
Eine mögliche Definition wäre, das es beim Sortieren auf eine bestimmte Reihenfolge von Elementen ankommt, während es beim Einordnen eher um eine Gruppierung geht, packe das richtige Teil in die richtige Schachtel, aber es ist dann dort egal welche Teile in der Schachtel direkt daneben liegen.

Diese Definition ist jetzt völlig willkürlich gewählt, aber man sieht das es unterschiedliche Vorgänge gibt die unterschiedliche Bezeichnungen benötigen. Die Alltagssprache ist so unscharf, das viele dieser kleinen Unterschiede verloren gehen.
Es ist sehr wichtig, sich innerhalb eines Projektes oder einer Firma auf gemeinsame Begriffe zu verständigen, nur mit einer exakten Sprache ist exakte Kommunikation möglich.

Dabei wird man sehr schnell feststellen, das es viel leichter ist, einen neuen Begriff zu erfinden, einzuführen und durchzusetzen, als über die Bedeutung etablierter Begriffe zu streiten.


Neue Begriffe


Wortschöpfungen werden manchmal als anstrengend empfunden. Lernen ist anstrengend.
Doch viel schwieriger als Neulernen, ist Umlernen. Einen Begriff zu verwenden der schon belegt ist, für etwas von dem doch "sowieso schon jeder weiß was es bedeutet".
Dieses "du weißt schon was ich meine" ist die Grundlage aller Missverständnisse.
Es drückt aus keine Lust zu haben, sich über die Bedeutung von Begriffen detaillierte Gedanken machen zu wollen.

Akronyme, Abkürzungen, Buchstabenfolgen als neue Begriffe sind auch wirklich nicht die beste Wahl. Die Mindestanforderung ist, das ein Begriff sprechbar ist. AIDS merkt man sich sehr leicht, man nimmt es als eigenes Wort wahr, es spricht sich in einer Silbe. DBAG sind 4 Buchstaben (Deutsche Bahn AG), es ist unaussprechbar, jeder Buchstabe muss einzeln benannt werden, die Kommunikation mit diesem Begriff dauert viel länger. 

Es ist dagegen keine Anforderung, das man aus dem Begriff den Inhalt ableiten können muss. Können Sie aus dem Begriff "Baum" ableiten ob es sich dabei um ein Tier oder ein Gebäude handelt ? Nein. Es ist erlernt.
Ein etwas moderneres Beispiel: Was stellt man sich unter "Amazon CreateSpace" vor? 
Es ist der PrintOnDemand Dienst von Amazon. Das ist nicht am Begriff zu erkennen.
Aber der Begriff ist eingeführt und jeder der darüber redet weiß worum es geht.
Mehr Aufgaben hat ein Begriff nicht.


Zustände und Tätigkeiten müssen erkennbar sein.


"Struktur" und "Strukturieren" ist eine schlechte begriffliche Kombination. Ist das Ergebnis des Strukturierens die Struktur, oder strukturieren wir nach einer vorgegebenen Struktur?
Derlei Wortspiele sind schwierig, insbesondere weil Verben auch Vergangenheit und Zukunft ausdrücken können.

Wir überführen etwas von A nach B, transponieren nach C und assemblieren es danach zu D. Wäre eine deutlich eindeutigere Wortwahl. Sie klingt etwas gestelzt, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, ist damit eine sehr konkrete schnelle kurze Kommunikation möglich. Transponierung läßt jeden wissen, es geht um Ebenen B und C.

Spätestens wenn jemand substantivierte Verben verwendet, die Tätigkeit mit einem Begriff bezeichnet, ist der Zeitpunkt gekommen an dem das Chaos ausbrechen wird, wenn schon vorab Objekte und deren Entstehungsgeschichte aus nur einem Wortstamm abgeleitet wurden.

Phonetische Ähnlichkeiten vermeiden 

Kein Mensch verwechselt Stalagmiten und Stalaktiten wenn er davor steht.
Die "Zapfen die von oben herab hängen", sind an der Decke
Und "Zapfen die am Boden stehen", findet man unten.
Ich habe nur die Bezeichnungen ausgetauscht, und schon wird die Aussage so trivial, das niemand mehr widersprechen kann.

Die häufige Verwechslung dieser beiden Wörter rührt einzig daher, das Sie sich nur in einem Buchstaben unterscheiden. Um so besonderer wird es hervorgehoben, wenn jemand dann doch unterscheiden kann, was was ist. Es wird zu einer besonderen geistigen Leistung, mit Eselsbrücken und dergleichen.

Wenn wir eine neue Begriffswelt etablieren, sollten wir auf Unterscheidungen, die Eselsbrücken brauchen, um sie sich zu merken, von vornherein verzichten.


Gleiche Anfangsbuchstaben vermeiden


Haben Sie schon einmal in einer Software ein umfangreiches Menü, mit mehr als 20 Punkten, betrachtet ? Wenn Sie so etwas häufig verwenden, lesen sie nicht jedesmal alle 20 Punkte durch, um zu Finden was Sie suchen. Man liest schnell, man nimmt nur noch die Anfangsbuchstaben wahr. Das Wort wird nicht mehr vollständig in Buchstaben zerlegt und aufgenommen, wir haben ein Bild des Wortes im Kopf, nicht eine Vorstellung des Inhalts, wirklich ein Bild der Buchstaben. Wir scannen die Liste nur noch flüchtig nach einem bestimmten optischen Muster.

Etwas ähnliches passiert auch beim "Quer-" oder "Diagonallesen". Wenn der Kontext einmal bekannt ist, reicht es aus von jedem Satz nur noch die langen Wörter zu lesen, und von jedem Wort nur noch die ersten Buchstaben. Den Rest kann man sich herleiten, im Kopf auffüllen, und das klappt meist ziemlich gut. Herleiten geht schneller als Lesen.

Schreiben Sie nicht Brautkleider neben Brausepulver, sofern es sich vermeiden läßt. Falls es alternative Begriffe gibt verwenden Sie sie. Ein Hochzeitskleid oder Limonade sticht vielleicht mit eigenständigen Anfangsbuchstaben optisch besser hervor, aber es genügt einen der beiden Begriffe zu ändern.

Sie werden zwar sagen, wenn man etwas alphabetisch sortiert, wird genau das passieren,
aber es geht hier eher um das tägliche Sprechen, um Projektberichte, um Kommunikation, als um Listen von Begriffen. In einer alphabetischen Liste nach etwas zu suchen ist ein anstrengender Vorgang der viel Konzentration und aktive Gehirnleistung benötigt. Das Wiedererkennen von Bildern ist ein unbewusster schneller Vorgang, der fast unbewußt "nebenbei" stattfindet, in etwa so wie das Schalten und Kuppeln beim Autofahren.

Bei 26 Buchstaben und einer Liste von 20 Begriffen, wäre es vielleicht zu viel verlangt, das jeder Anfangsbuchstabe nur einmal auftaucht, aber man sollte es versuchen, und als nächstschwächere Forderung wenigstens eine Eindeutigkeit in den ersten zwei Buchstaben erzielen. Gerade "St" und "Sch" sind problematisch, das sind Worte bei denen der Lesevorgang sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Man erkennt erst am 4. oder 5. Buchstaben um was es denn geht.

Bei der Menügestaltung einer Software macht man sich diese kognitiven Effekte oft zu nutze, in dem man vor jeden Menüpunkt ein eigenes Icon setzt. Ein kleines Bildchen baut im Gehirn ca. 10mal schneller eine Assoziation mit dem Inhalt auf, als ein geschriebenes Wort. Als Notbehelf verwendet das Gehirn aber das Wortbild selbst, so als wäre es ein Icon.

Inhalt und Bewertung Trennen

Deuten Sie mit der Bezeichnung einer Sache, nicht auch gleich die Bewertung einer Sache an.

Messen Sie die Temperatur, nicht die Wärme oder Kälte.
Berechnen Sie Ihr Betriebsergebnis, nicht Gewinn oder Verlust.


Seien Sie schnell und selbstbewußt  


Schreiben Sie ein Glossar, verwenden Sie "Ihre Begriffe" in "Ihrem Kontext" mit "Ihrem Inhalt". Je selbstverständlicher Sie dabei auftreten, desto eher wird es akzeptiert werden.

Diskussionen bringen keinen tieferen Nutzen, sie kosten nur unnötig Zeit.
Sie könnten auch diskutieren, ob Paul ein guter Name für das Kind von Tom und Julia ist.

Mit Hilfe von Thesaurus und Fremdwörterbüchern lassen sich in kurzer Zeit schnell viele Begriffe finden. Das Ausweichen auf Englisch, Französisch, Latein und Griechisch ist sehr beliebt, um Nuancen zu differenzieren.

Das wirklich Schwierige am Entwickeln einer Fachsprache ist, zu erkennen welche Dinge es in der Projektwelt überhaupt gibt, herauszufinden welche Vorgänge, welche Subjekte bedürfen einer Bezeichnung.

Häufig wird das "Learning by Doing" gemacht - "Kommt Zeit Kommt Rat", Wenn Bedarf entsteht wird Bedarf befriedigt.  Doch man hat viel mehr Freiheitsgrade in der Gestaltung und Abgrenzung wenn man es schafft, alle benötigten Begriffe auf einmal zu definieren.

Begriffe die man einmal in die Welt "entlassen" hat sind fast unmöglich zurückzunehmen, oder nachträglich in Ihrer Bedeutung zu verändern.


Wenn nichts mehr geht


Zum Abschluss noch eine Notlösung, für diejenigen die kurz vor der Verzweiflung stehen, weil Ihnen für neue Dinge keine neuen Begriffe einfallen.
Man nehme einen Passwort-Generator, stelle Ihn auf 8 Zeichen und "leicht zu merken" ein, und man bekommt wunderbare sprechbare Worte generiert, wie wucanosi und sifoceme. Suchen Sie sich einfach was schönes raus und geben Sie dem Wort einen Sinn.