Dienstag, 31. Dezember 2013

Theater zwischen Marktwirtschaft und Sozialpolitik
Müssen Theaterkarten billiger als Kino sein ?


Aus kommunalen Theatern hört man ständig, wie knapp doch die finanziellen Mittel seien. Vor 2 Jahren mussten die Landesbühnen Sachsen bereits Ihr Sinfonieorchester auflösen, bzw. mit der Elblandphilharmonie fusionieren. Das Geld reicht nicht aus,  doch anstatt die Eintrittspreise zu erhöhen hat man den Generalmusikdirektor entlassen, den Musikern das Gehalt gekürzt, das Angebot von 3 Vorstellungen je Konzert auf eine Vorstellung gekürzt und die Eintrittspreise gesenkt.

Die Landesbühnen Sachsen geben 25% Weihnachts-Rabatt, die Musikfestpiele Dresden bieten Karten incl. Stollen an, das Moritzburg-Musik-Festival besondere CD‘s, die Staatsoperette lädt gleich kostenlos zum Konzert ein und so buhlen alle um die Aufmerksamkeit der immer gleichen Personen. Die Stücke mögen noch so gut und die Preise noch so niedrig sein - wenn der einzelne Zuschauer jede Woche ins Theater gehen würde, würde es den Reiz des Besonderen verlieren und sich selbst zu etwas Gewöhnlichem, zu Alltag, degradieren.

Jeder Einzelhändler würde Preissenkungen lauthals herausposaunen, "Jetzt 20% auf alles", nur so haben reduzierte Preise auch die Wirkung neue Kunden zu bringen. Doch bei den Landesbühnen geschah das leise, still und fast heimlich. 

So sahen die Preise für ein Anrecht der Saison 2012/13 aus:



Und das ist daraus ein Jahr später geworden:

Anfangs glaubt man noch an Druckfehler, doch die Karten werden wirklich für diese Preise verkauft.

Es wird noch besser: Zu diesen 5 Konzerten a 7 € für 35 € bekommt man noch einen Gutschein für weitere 10 €, und etwas später noch eine Freikarte für eine Veranstaltung ohne genaue Wertangabe, ich setze mal einen Mindestwert von 5 € an.
Am Ende zahlt man für seine 5 Konzerte einen effektiven Preis von 20 €Alleine 2,32€ werden für das Porto verwendet, die man braucht um so ein Abonnement zu managen. Wieviel bleibt denn dann noch für die Künstler übrig ?

Man kennt Sonderangebote zu reduzierten Preisen von Bahn und Fluggesellschaften. Doch dort wird die Menge der Billig-Tickets begrenzt. Im Theater nicht. Egal ob 300 Senioren kommen oder 100 Harz-IV Empfänger, das Recht auf Rabatt ist nicht kontingentiert. Zusätzlich wird noch für den Verkauf von Anrechten geworben, für noch mehr rabattierte Karten.

Für den normalen Vollzahler sehen die Preise so aus. 
Ein wenig günstigere Preise erwartet man in einem Anrecht, schließlich geht man unbesehen in jede Vorstellung, egal was geboten wird. Fünf zum Preis von Vier wäre ein gutes Angebot. Doch im Vergleich zur Abendkasse zahlt man in Preisstufe 2 nur 7€ im Anrecht anstatt 15€ an der Abendkasse. Das sind 55% Rabatt, die sich durch oben gezeigte Gutscheine weiter erhöhen. Wenn man mit einem Abonnement sein Theater fördern möchte, indem man es besonders häufig besucht, ruiniert man es, in dem man nur ca. ein Drittel dessen zahlt, was an der Abendkasse verlangt würde.

Den Vollpreis zahlen nur wenige, denn es gibt Rabatt für Studenten, Senioren und für Hartz-IV Empfänger. In Sinfoniekonzerten dürfte es nicht mehr als 10% Vollzahler geben, Zahlen bzgl. Auslastung und gewährten Ermäßigungen werden leider von keinem Theater veröffentlicht.
Während woanders Kurzentschlossene an der Abendkasse einen Last-Minute-Rabatt erhalten, kostet es an den Landesbühnen Sachsen noch 2€ Aufpreis. Haben die Gewerkschaften vielleicht einen tariflichen Aufschlag für Ticketverkäufer, die nach 18 Uhr arbeiten, vereinbart, oder wie kann man erklären, das Kurzentschlossene derartig "bestraft" werden ? Eine holländische Auktion der Restkarten wäre doch eine gute Idee, der Preis fällt ständig, bis alle Karten verkauft sind. Falls es mehr freie Plätze als Interessenten gibt, würden die Karten natürlich für 0€ verkauft, aber wenn sich das herumspricht wird das nicht allzu oft passieren und es kostet das Theater keinen Pfennig.

Über die Struktur des Publikums veröffentlicht das Theater keine Zahlen, obwohl es sicherlich leicht aus dem Kassensystem zu ermitteln wäre. Ich schätze darum mal die Besucherzahlen für Sinfoniekonzerte:
  • 140 Abonnenten.
  • 60 Senioren, Schwerbeschädigte, ALG-II Empfänger und Sozialpassinhaber im Freiverkauf
  • 10 Studenten, davon 10 von der Hochschule für Musik 
  • 8 Freikarten für Bürgermeister, Landräte, Mitglieder des Landtages usw., alle in Preisklasse 1
  • 6 Kinder unter 18.
  • 14 Erwachsene Vollzahler
= 238 Besucher, davon 6% Vollzahler.

Vielleicht traut sich mal ein Theater derartige Zahlen zu veröffentlichen.

Die pauschale Rabattierung über das Alter ist nicht angemessen. Die Zeiten in denen Rentnerhaushalte zu den Geringverdienern gehörten sind definitiv vorbei. Gerade im Osten, wo der Doppelverdienerhaushalt die Regel ist, haben Rentnerpaare häufig mehr Haushaltseinkommen, als ein vollzeitbeschäftigter alleinerziehender Geringverdiener. Warum sollte man einen Rentnerhaushalte mit 1500€ Einkommen anders behandeln als einen Alleinverdienerhaushalt mit 1500€ Einkommen? Einkommensschwache Haushalte zu fördern ist gerechtfertigt, Senioren pauschal als einkommensschwach zu kategorisieren, jedoch nicht. Mit irgendeinem Bedürftigkeitsnachweis kann man kulturelle Veranstaltungen genauso subventionieren wie den öffentlichen Nahverkehr. Aber deswegen kann man doch von Nichtbedürftigen angemessene Preise verlangen.

Man muss sich einmal vergegenwärtigen, das eine Kinokarte, in 3D und 12-Kanal-Ton ca. 12-14€ kostet. Live-Übertragungen von Konzerten, Opern und Balletten auf der großen Leinwand werden für ca. 16-20€ angeboten.

Darf eine Theaterkarte nicht teurer sein als eine Kinokarte? Wäre ein Preis, etwa doppelt so hoch wie im Kino, nicht angemessen ?  Im Theater sind 20-100 Menschen auf der Bühne, Im Kino nur ein Filmvorführer, der für 8 Kinosäle zuständig ist.

Preise zu reduzierten unterstellt immer, die Gäste würden ausbleiben, weil es Ihnen zu teuer ist. Leider ist das nicht immer der Fall. Vielleicht interessiert die Gäste das Angebot einfach nicht.

Lust auf Theater kommt nicht über niedrige Preise sondern über Bildung, ein Interesse das irgendwann einmal geweckt wurde. Wer in den letzten 40 Jahren nie im Theater war, wird auch in den nächsten 40 Jahren höchstwahrscheinlich kein Interesse haben, ein Theater zu besuchen. Mit 10€ Kultur-Budget im Monat geht jemand vielleicht lieber ins Kino oder sieht sich 2 Filme im Pay-TV an. Das sind Alternativen die sich nicht wegdiskutieren lassen, und die für viele Zuschauer attraktiver sind, als ein Theaterbesuch.

In der Semperoper gibt es faire Preise, normal gekaufte Vollzahler-Ticket kosten ca. 44 €. Dabei stehen in die Semperoper ca. 1300 Plätze zur Verfügung stehen, während es in der Provinz meist nur Säle mit 400 Plätzen gibt. 


Die Berliner Symphoniker bieten seit ein paar Jahren die Live-Übertragung Ihrer Konzerte in der
Digital Concert Hall an. Ein Ticket für die Übertragung auf den heimischen PC oder Fernseher kostet 9,90€. Wenn man bedenkt, dass man auch zu zweit oder dritt vor dem Fernseher sitzen kann, nicht zu teuer. Video-On-Demand für einen aktuellen Blockbuster in HD kostet ca. 5,99€, für ein einmaliges Live-Event kann man schon ein paar Cent mehr verlangen. Für den ländlichen Raum gibt es also Lösungen, die Kultur zugänglich macht. 

Der Wunsch nach kommerziellem Erfolg scheint in Kulturbetrieben verpönt zu sein. Es ist weder zu beobachten das Kosten gespart werden, noch das Einnahmen erhöht werden sollen. "Kommerzialisierung" gilt als Frevel.

Einzig glücklich machende Kennzahl ist die Besucherzahl. Es wird alles für mehr Besucher getan und nur wenig für mehr Einnahmen. Die Dresdner Neuesten Nachrichten verkünden 6000 mehr Besucher in den Landesbühnen in der letzten Spielzeit. Leider erfährt man nicht, ob auch der Umsatz gestiegen ist. 25% Rabatt zu geben um 10% mehr Besucher zu bekommen wäre ein schlechtes Geschäft gewesen. Ganz sicher würden sich die Besucherzahlen noch weiter steigern lassen, wenn man den Gästen neben einer Freikarte auch noch 1€ pro Stunde gibt. 

Der Ansatz "Kulturbetrieb ist nicht kostendeckend durchführbar" scheint so weitgehend akzeptiert, das man aufgegeben hat, das Gegenteil zu versuchen.

Das man mit 300 Karten á 25 € mehr verdient als mit 400 Karten á 15 € ist  "Kulturschaffenden" anscheinend nicht beizubringen. 75% Auslastung sehen schlecht aus, sowohl im Saal, als auch in der Statistik, und so werden die Karten um jeden Preis unters Volk gebracht. Koste es was es wolle. Der Aufschrei kommt erst dann, wenn die Politik mit Subventionskürzungen droht.

Bis Heiligabend 2013 gab es 24% auf alle Tickets der FelsenbühneRathenDie Aktion wurde jetzt sogar bis zum 24. Januar verlängertDie besten Sitzplätze werden heute mit Rabatt abverkauft, und der Tourist, der vielleicht erst bei einem Ausflug nach Rathen das erste Mal davon hört, das es dort eine Bühne gibt, und sich kurzfristig eine Karte zum Vollpreis kaufen würde, bekommt entweder keine Karte mehr, oder muss sich mit den schlechtesten Plätzen zufrieden geben. Die spontanen Vollzahler sitzen also auf den billigsten Plätzen, die treuen Stammkunden sitzen mit Rabatt in der ersten Reihe.

Am 27. Juni 2014 ist die Premiere von „Fame“ auf der Felsenbühne. Eine gute Idee, ein Stück zu wählen, dass man bereits aus einem Film kennt und den Altersdurchschnitt des Publikums wahrscheinlich von 67 auf 45 senken könnte. Obwohl man den Erfolg des Stückes noch nicht abschätzen kann, beginnt man heute schon den Abverkauf mit Rabatten zu fördern. 

Eine Karte die heute mit 25% Rabatt verkauft hat, kann man morgen nicht mehr zum Vollpreis verkaufen.

Jeder Rabatt bedeutet Verzicht auf Einnahmen. In der Privatwirtschaft bedeuten Rabatte zumeist nur Verzicht auf Gewinn, der Händler gibt etwas von seiner Gewinnmarge an den Käufer ab. Doch wo keine Gewinne existieren kann man auch nichts davon abgeben.

Muss man denn dem Zuschauer je 5€ schenken, damit Sie Ihre Karte heute kaufen, anstatt eine Woche vor der Vorstellung? Was hat ein Theater davon, wenn Karten möglichst frühzeitig verkauft werden? Wenn "Die Ärzte" oder "Roland Kaiser" am Dresdner Elbufer ausverkauft sind, werden Zusatztermine angeboten, damit möglichst viel Zahlungsbereitschaft abgeschöpft werden kann. Doch davon ist an öffentlich rechtlichen Theatern nur selten etwas zu merken. Ein einmal aufgestellter Spielplan bleibt erhalten.
Es gibt keine Zusatzvorstellungen. Alle Theatermitarbeiter sind fest angestellt und sehen in zusätzlicher Arbeit wahrscheinlich nur zusätzlichen Aufwand und nicht zusätzliche Einnahmen. Wenn die Karten so billig sind, das man mit jeder Vorstellung von Vornherein nur Verluste macht, ist es sogar rational, möglichst wenige Vorstellungen anzubieten.
Irgendjemand muss aber so viel unternehmerischen Sachverstand haben den Erfolg einzelner Stücke zu promoten und gegebenenfalls auch Vorstellungen bei mangelndem Interesse abzusagen. Warum sollte man 2 Vorstellungen vor je 100 Gästen spielen, wenn man einen Saal für 400 Personen hat? Jede Charterfluggesellschaft legt bei geringer Nachfrage Flüge zusammen.

Einsparmöglichkeiten die das Kulturangebot nicht reduzieren gibt es viele. Aber solange die öffentlichen Subventionen auf eingefahrenen Gleisen weiter fließen um den Status-Quo zu erhalten denkt man über solche bislang als unkonventionell geltenden Ideen nicht nach.

Neben der Felsenbühne ist die Sächsische Dampfschiffahrt eine Top-Attraktion in Rathen. Vielleicht wären 25% Rabatt auf eine Art Kombi-Ticket sinnvoll, doch die beiden Unternehmen reden nicht einmal miteinander. Die Fahrpläne sind nicht auf die Spielzeiten abgestimmt. Die letzte Ankunft in Rathen ist 14:45, das ist für die 15 Uhr Vorstellung zu spät, für die 20 Uhr Vorstellung zu früh. Die letzte Rückfahrt um 17:15 ist etwas knapp um nach dem Ende der 15 Uhr Vorstellung rechtzeitig am Anleger zu sein, 17:45 wäre deutlich günstiger und man würde immernoch bequem um 20:15 zum Abendessen in der Dresdener Innenstadt einlaufen.

Andere Spielstätten bieten ein Kombi-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr an. Ein Nachtticket für den gesamten Verkehrsverbund kostet im Einzelkauf 7€. Als Kombination mit einer Eintrittskarte und abzüglich Verkaufsprovision ist es für die Landesbühnen sicherlich für 5€ zu bekommen. Als Fahrkarte wäre der "Rabatt" viel besser angelegt, als als "Barauszahlung". Damit könnten Gäste aus Riesa, Hoyerswerda, Pirna, Meißen die Landesbühnen (kostenlos) erreichen. So ein Nachtticket, das ab 18 Uhr gilt, funktioniert natürlich nur, wenn die Veranstaltungen nicht schon um 19 Uhr beginnen.

Wegen der vielen Spielstätten in ganz Sachsen verfügen die Landesbühnen Sachsen über einen großen Fuhrpark. Bei Aufführungen im Stammhaus könnte man die Busse nutzen um Gäste nach Voranmeldung persönlich an der Haustür abzuholen. Gerade Senioren, denen man wahrscheinlich am wenigsten erklären muss, wer "Die Dreivon der Tankstelle“ oder „Frau Luna“ sind, erreichen das Theater wegen fehlendem öffentlichen Nahverkehr nach 18 Uhr nicht oder haben zumindest Probleme bei der Rückfahrt nach 22 Uhr. Bei 10 verkauften Tickets kann man doch den Kegelclub, Gesangsverein oder sonstige Seniorenvereinigungen aus Hinterposemuckel abholen und wieder nach Hause fahren. Teurer als 25% Rabatt zu gewähren wird das auch nicht, zumal der Busfahrer wahrscheinlich festangestellt ist, und der Bus sowieso nur so herumsteht wenn im Stammhaus gespielt wird.

Es gibt so viel bessere Möglichkeiten Gäste zu animieren ein Theater zu besuchen, als über billigere Eintrittskarten.

Nicht zuletzt spielt natürlich der Spielplan die wesentliche Rolle. Der ist im Allgemeinen sehr Abwechslungsreich für Jung und Alt, nur für moderne und unbekannte Stücke muss man mehr Werbung machen. Jeder Kinofilm hat einen 3min Trailer, im Theater wird davon nur sehr zögerlich Anwendung gemacht. Das "Fotografieren und Filmen ist verboten". Damit verbietet man doch auch mal ebend schnell ein Foto auf Facebook, Twitter oder Google+ zu posten. "Weiterempfehlen" und "Mund-Zu-Mund-Propaganda" geschieht heute nicht mehr durch  Erzählungen in der Kantine sondern mit Fotos auf sozialen Netzwerken. Ein Foto, in der Theaterpause versendet, während die Begeisterung für die Veranstaltung noch voll in einem steckt, ist mit nichts zu ersetzen und vor allem vollkommen kostenlos. Wegen übervorsorglich ausgelegter Interpretationen des Urheberrechtes verbietet man den Gästen Werbung zu machen.

Im Theater gilt immer noch: Gegessen wird was auf den Tisch kommt. Den Spielplan bestimmt die Intendanz und wenn das Theater leer bleibt, sind alle anderen Schuld, aber nicht das Programm.

Heißt soziale Gerechtigkeit, dass die gesamte Sozialgemeinschaft den Theaterbesuch finanziert. Gerade im Theater, das seine Zuschauer eher aus dem Bildungsbürgertum rekrutiert, gibt es besonders viele, "die es sich leisten können". Es liegt wohl außerhalb der Vorstellungskraft sich das Geld bei denen zu holen, die die Dienstleistung Theater in Anspruch nehmen: Den Zuschauern.
Warum soll ein Theater nicht vorrangig von denen finanziert werden, die das Theater besuchen und sogar bereit sind, für diese Dienstleistung zu bezahlen. Man traut sich einfach nicht, von den Gästen Geld zu verlangen. Von Marktforschungen die besagen, dass die Gäste ausbleiben würden, wenn die Karten 10€ teurer würden, ist nichts bekannt. Pro Vorstellung 20 Freikarten für Harz-IV Empfänger wäre wohl die bessere Lösung, als allen Zuschauern ein "billiges Vergnügen" zu bieten.

Liebe Theater, bitte nehmt anständige Preise, weder Andrea Berg, noch André Rieu, noch Rammstein gibt es für weniger als 25€ und diese Veranstaltungen sind voll - Gäste sind bereit für gute Leistungen zu bezahlen.

Dienstag, 10. Dezember 2013

Scheitern Großprojekte am Antikorruptionsgesetz ?

Wenn man im privaten Bereich mal mit einem Handwerker zufrieden war, ist es sehr wahrscheinlich, das dieser Handwerker beim nächsten Problem wieder den Auftrag bekommt, ohne das man sich die Mühe macht Angebote einzuholen und Preise zu vergleichen. Zu wissen, das ein Auftrag schnell und ordentlich ausgeführt wird, ist für den Auftraggeber ein Nutzen, der nicht bewußt in Geld umgerechnet wird. Es ist das simple Prinzip, wer besser arbeitet, darf auch mehr verdienen. Das billigere Angebot ist nur dann etwas wert, wenn man sich sicher ist, das die erbrachte Leistung 100% identisch sein wird. Doch wer kann da sicher sein ?

Einen Vertrauensvorschuss auszunutzen, mit zuverlässigen Partnern zusammenzuarbeiten, wird durch die Ausschreibungspraxis bei öffentlichen Projekten jedoch untersagt.

Derjenige bekommt den Auftrag, der am knappsten kalkuliert. Wer einen gewissen Spielraum für Änderungen, Ergänzungen, Missverständnisse in sein Angebot einschliesst, der sich später in Kulanz auswirken könnte, bekommt den Auftrag erst gar nicht.
Es wird davon ausgegangen, das auf eine Ausschreibung hin, alle die exakt gleiche Leistung mit der gleichen Zuverlässigkeit erbringen. Zuverlässigkeit wird im Zweifel vor Gericht eingeklagt. 

Die wechselseitige lokale Abhängigkeit der Art "ich muss gut arbeiten und darf nicht so teuer sein, um auch den nächsten Auftrag zu bekommen", der bei privatwirtschaftlichen Geschäften häufig angewendet wird, wird bei Aufträgen der öffentlichen Hand ausgehebelt. Einzige Motivation für Zuverlässigkeit ist die Vermeidung von Vertragsstrafen und Garantieleistungen, ein überschaubarer Horizont von 2-5 Jahren. Gute Arbeit bei früheren Aufträgen ist nicht relevant, wenn es beim nächsten Mal günstigere Anbieter gibt.
Auf Kulanzleistungen, die auf Missverständnissen und kleinen Änderungen beruhen, verzichtet ein Auftraggeber, wenn er keine Vorteile daraus erwirbt. Gutes Ansehen, gute Leistung, so etwas wie ungeschriebene hanseatische Kaufmannsehre ist in der Ausschreibungspraxis nicht relevant.
Zwischenmenschliche Beziehungen, ein gutes Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sollen sogar explizit unterdrückt werden.


Wenn man Kungelei und Vetternwirtschaft bekämpft, bekämpfte man damit immer auch TreueLoyalität und Verantwortung. Dauerhaft gute Geschäftsbeziehungen werden quasi gesetzlich unterdrückt.

Wenn der örtliche Bauunternehmer zum Bürgermeister gewählt würde, darf er keine Aufträge mehr an sich selbst vergeben. Ein Unternehmer ist fast gezwungen, sich nicht um politische Ämter zu bemühen, weil es die Aussicht auf öffentliche Aufträge deutlich erschwert. Darum stellen sich nicht die erfolgreichen Unternehmer, die wissen wie man mit Geld und Großprojekten umgeht, zur Wahl, sondern eher Beamte und Angestellte, die im Bereich zwischen Hausfrauenverstand und Technokratentum agieren.

Ein Kommunalpolitiker darf  keine Aufträge an zuverlässige lokale Firmen vergeben, mit denen er gute Erfahrungen gemacht hat, er muss europaweit ausschreiben, mit dem Risiko an vollkommen Unbekannte zu geraten, die einen günstigen Preis anbieten. Das man diese Praxis zu umgehen versucht, in dem man Aufträge teilt, bis sie unter der Ausschreibungspflichtgrenze liegen, ist verständlich, trotzdem ist es am Rande der Legalität.

Die positiven Effekte, die langfristig strategisch agierende Familienunternehmen in Krisenzeiten gesünder dastehen lassen, als die von Harvard-Absolventen gemanagten Aktiengesellschaft, deren Ziel es ist im 3-Monats-Takt gute Zahlen zu liefern, um den Share-Holder-Value zu maximieren,
die gleicheen Effekte werden in der Vergabepraxis von öffentlichen Projekten angestrebt.
Kurzfristig geringe Kosten - kein Interesse an langfristigem Erfolg.
Die Konsequenzen sind in beiden Fällen die gleichen: Probleme bei unvorhergesehenen Ereignissen.

Wenn man jemanden einstellt, führt man mit dem Bewerber ein Gespräch, nicht nur um seine Qualifikationen herauszubekommen, sondern auch seine Weltanschauung, Arbeitseinstellung, Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft oder andere soziale Kompetenzen und Soft-Skills. Bei der Vergabe eines Projektes verzichtet man auf so etwas explizit. Es zählt nicht. Es zählt nur der Preis. Die beste Gelegenheit für ein solches Gespräch wäre ein gemeinsames Abendessen oder eine Gartenparty. Doch ein Bürgermeister darf so eine Einladung nicht annehmen, weil ihm sofort unterstellt würde, er wäre jetzt befangen und würde nur wegen dieser Einladung den Auftrag an diesen Unternehmer vergeben. Ein Kennenlernen von Auftraggeber und Auftragnehmer auf menschlicher Ebene wird untersagt. Wechselseitiges Vertrauen wird nicht zur positiven Erfahrung, sondern zur Gefahr einer Bestechung.

Mit der Jagd nach dem preiswertesten Anbieter sucht der Auftraggeber quasi den dümmsten, zumindest den risikofreudigsten Anbieter. Nachträgliche Probleme und fehlende Kulanz bei kleinen Änderungen und knappen Zeitplänen sind zwangsläufig die Folge.

Die Ausschreibungspraxis hat das offiziielle Ziel den günstigsten Anbieter zu finden und sparsam mit Steuergeldern umzugehen. Doch bei sehr großen und langfristigen Projekten ist es fast unmöglich im Voraus zu beurteilen, wer die Gesamtleistung am besten, günstigsten und pünklichsten erbringen kann. Vielleicht wäre die Auswahl nach Vertrauen, Zuverlässigkeit und Kompetenz, auch Kulanz und Erfahrungen in der Vergangenheit, das bessere Kriterium, gerade dann, wenn aus Erfahrung mit anderen Projekten bereits klar ist, das man die Kosten eines Bauprojektes das länger als 3 Jahre läuft, nicht genau beziffern kann.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Kann man lernen ein Nerd zu sein ?
Studienabbrüche unter Informatikern

Die Einschreibezahlen für Informatik-Studenten sind auf Record-Niveau, die Anzahl der Studienabbrüche aber auch und der Frauenanteil weiterhin gering. Ich vermute die Abiturienten lassen sich eher von guten Gehaltsaussichten locken,  als von echtem Interesse an der Sache. Informatik ist kein Studienfach für "normale Menschen".
Nicht Genialität oder Intelligenz, sondern Geduld, Ehrgeiz und auch ein wenig Leidenschaft sind eher notwendig. Es ist deutlich schwerer sich irgendwie "durchzuwurschteln" und man bekommt auch keine Aufgaben in kleinen Portionen, die sich nach einem fertigen Vorgehensmodell abarbeiten lassen. Wer so etwas sucht, sollte eher Fachinformatiker werden.

In den 90er Jahren war die Anzahl der Studienabbrecher unter den Informatiker groß, allerdings wurden damals andere Studien abgebrochen, um nach dem Abbruch Informatiker zu werden. Der Willen etwas Lernen zu wollen reicht aus, um sich ein paar Algorithmen aus Büchern zu erschliessen. Selbststudium ist kaum irgendwo so einfach, weil man eine preiswerte kleine Maschine hat, an der man sehr einfach testen kann, ob man es richtig verstanden hat und sich sofort korrigieren kann, falls nicht. Mediziner können nicht an Menschen herumschnippeln, Metallurgen nicht an Hochöfen und Philosophen können zwar nachdenken, aber das Gedachte nicht selbst überprüfen.

Was man selbst mitbringen muss, sind Motivation und Interesse etwas Lernen zu wollen.
Anders als in den Wirtschaftswissenschaften, die einfach Annahmen setzen und irgendwas ausrechnen, was in einer erfundenen Welt relevant ist, was man vielleicht als Leser eines Gutachtens nachvollziehen, aber nicht an der Realität prüfen kann, fliegt einem als Informatiker jeder Fehler gnadenlos um die Ohren.

Der Umgang mit Fehlern ist von der Mentalität her eine Arbeitsweise die nicht Allgemein üblich ist. Einfach mal was falsch zu machen ist ein Ansatz den man sich in der Informatik leisten kann, sonst aber kaum irgendwo.

Ich hab mir mal einen Test ausgedacht, wie man die Eignung zum Informatiker feststellen könnte:
Lass jemanden einen Pullover stricken mit einem mittelmäßig komplizierten Muster.
Irgendwann wird man mal eine falsche Masche, in falscher Farbe stricken und es eventuell
erst eine Zeit später bemerken. Wie werden sich die Probanden verhalten ?

  • es auf sich beruhen lassen und so tun als wäre nichts passiert, 
  • das Teil so wenden das es nicht so auffällt, vielleicht in den Achselbereich 
  • die paar Reihen Arbeit auftrennen bis zu der Stelle mit dem Fehler und es nochmal machen.

Informatiker werden nur die, die auftrennen.
Man muss einen Fehlversuch als persönlichen Fortschritt sehen, damit haben gerade Frauen Probleme, fangen vielleicht sogar an zu weinen, während etwas raubeinigere Handwerker einfach Ihre Wut herausschreien, wenn Ihnen mal etwas misslingt. Beides sind unangebrachte Reaktionen, es gelassen noch einmal versuchen, ist das was erwartet wird.

Der Hang zur Perfektion ist eher eine männliche Eigenschaft.
Männer putzen besser, aber nur wenn sie Lust dazu haben, nicht weile eine Woche rum ist.
Männer kochen besser, aber nur wenn Besuch kommt, der sie dafür lobt.

Frauen lassen schnell mal Fünfe gerade sein, es ist wichtig das Dinge erledigt werden. Jeden Tag etwas zu essen zu haben ist wichtiger, als das das Essen hübsch aussieht. Kontinuität, Pflichterfüllung, Pläne aufstellen und Kompromisse machen um Sie einzuhalten, sind positive Eigenschaften, die in vielen Branchen gefragt sind,  aber in der Software-Branche im Kern nicht Einstellungsvoraussetzung sind. Fast perfekt zählt nicht, wer will schon Software kaufen, die fast immer funktioniert. Für einmalige Anwendungen, für etwas das nur für heute relevant ist, kann man darüber hinwegsehen, für dauerhafte Anwendungen jedoch nicht.

Während die Bastelei an einem 5-Gänge Menü, oder an der Renovierung eines alten Schränkchens jedoch pure Zeitverschwendung und reines Hobby sind, lohnt sich die Perfektion in der Informatik, denn sie ist multiplizierbar. Man erstellt keine Sache, sondern einen Bauplan, nach dem später Tausende Kopien angefertigt werden mit denen Millionen Nutzer arbeiten.

Sich nicht mit einer 95%-Lösung zufrieden zu geben, sondern 99,99% zu verlangen, ist eine Eigenschaft die den Informatiker leicht als Geek oder Nerd in eine Aussenseiterrolle drängt.
Die Begeisterung für die Qualität muss höher sein als der Drang nach Durschnittlichkeit.

Mentalitätsfragen könnten eher Ursache für Frustration und Studienabbrüche sein, als schlechte Mathematikkentnisse, mangelndes Abstraktionsvermögen oder wie es oft heißt: fehlender Technik-Affinität. Das läßt sich leichter erlernen, als die die Neigung zu Exaktheit und Genauigkeit.



Freitag, 29. November 2013

Die Beitragsentwicklung der privaten Krankenversicherung - Ein Risiko für Altersarmut

Es ist wieder soweit. Alljährlich im November ein Brief von der Krankenkasse. Die "Beitragsanpassung". Wieviel wird es denn diesmal sein. "Nur 10% mehr", na das geht noch - es gab schon Schlimmeres. Man braucht eine robuste Gesundheit, damit man die Mitteilungen der privaten Krankenversicherung ohne Panikattacken übersteht.

Privatversicherte werden sehr schnell mit Stichworten wie Besserverdiener, Chefarztbehandlung und Einzelzimmer assoziiert. Doch vieles trifft auf neuere Verträge aus den letzten 10-15 Jahren gar nicht mehr zu.

Das Angestellte mit mehr als ca. 4300€ Monatsgehalt in die private Krankenkasse wechseln können ist sicherlich bekannt. Beamte dürfen sich unabhängig vom Einkommen privat versichern und erhalten, genau wie die Angestellten, 50% Ihrer Beiträge vom Arbeitgeber erstattet, als Zusatzleistung zum Bruttolohn.

Die dritte Gruppe sind die Selbständigen, die sich ebenfalls unabhängig von Ihrem Einkommen privat versichern dürfen. Darunter sind auch Geringverdiener. Viele kleine Markthändler, Trödler, auch ein paar Gewerke im Handwerk, wie z.Bsp. Bäcker gehören zu den Einkommensgruppen mit weniger als 2000€ im Monat. Um Neiddebatten gleich vorzubeugen, ein Selbständiger mit 2000€ im Monat (falls er arbeitet), enstprechen einem Angestellten mit 1500€ im Monat, für den der Arbeitgeber auch noch 300€ Versicherungsbeiträge übernimmt und 200€ für den Urlaub zurücklegt. Es ist nicht so einfach Einkommensangaben zwischen Selbständigen und Angestellten zu vergleichen. Ein Selbständiger ist mit gleichem zu versteuerndem Einkommen ärmer als ein Angestellter.

Für Selbständige bietet die gesetztliche Krankenkasse nur die "freiwillige Versicherung". Diese unterstellt einfach - ganz unabhängig vom wirklichen Einkommen - der Versicherte würde in Höhe der jeweiligen Beitragsmessungsgrenze verdienen, also aktuell ca. 4000€ monatlich. Der Versicherungsbeitrag beträgt 14,5%, das sind 580 €. Soviel muss ein Selbständiger zahlen um sich freiwillig gesetzlich zu versichern, auch dann, wenn er vielleicht nur 1500€ Einkommen hat.
Der einzige Grund, warum jemand auf dieses "Angebot" eingeht, ist die Familienversicherung. Als gesetzlich Versicherter sorgt man mit diesem Beitrag auch gleich für Frau und Kinder vor, in der privaten Versicherung müßte jede Person einzeln versichert werden.

Doch als junger Single lockt die private Krankenversicherung mit Beiträgen ab 180€, manchmal sogar noch weniger. Bei Werbung sollte man immer darauf achten, das einige nur mit halben Beiträgen werben, weil Angestellte und Beamte nur halbe Beiträge bezahlen. Außerdem werden 20 jährige sehr viel günstiger versichert als 40jährige. Deswegen muss man Aussagen wie in dieser Werbung äußerst differenziert hinterfragen:


Die private Krankenversicherung ist für Singles bis zu einem Alter von 50 Jahren fast immer preiswerter, als die freiwillige gesetzliche Versicherung mit den festen 580€. Man vergleicht Preise. Man vergleicht Leistungen und kommt zu dem Schluss, die private Krankenversicherung ist eine gute Sache. Mehr Leistungen bei geringeren Beiträgen.
Das Schwierige bei dieser Entscheidung ist jedoch, das man einerseits eine Verbindung auf Lebenszeit eingeht, man kommt leichter aus einer Ehe heraus, als aus dem Status des Privatversicherten; und man kann die Entwicklung der Beiträge in den nächsten 50 Jahren nur schwer prognostizieren.
Ob die PKV eine gute Entscheidung war, können vielleicht die 90-jährigen rückblickend bewerten, aber nicht die 30-jährigen vorausschauend. Es wird immer ein ungutes Gefühl bei dieser Entscheidung bleiben, sofern sich der 30-jährige über die Tragweite seiner Entscheidung überhaupt bewußt ist.

Ich war mir dessen so halbwegs bewußt und habe mit 31 eine PKV abgeschlossen. Dreizehn Jahres später habe ich einige "Beitragsanpassungen" mitgemacht.

Persönliche Beitragsentwicklung

Als "Neukunde" habe ich im Jahr 2001 einen Vertrag für ca. 180 Euro mit 1022€ Selbstbehalt abgeschlossen. 10 Jahre später, 2012, wurde ein Beitrag von 550 Euro mit 1500€ Selbstbehalt angekündigt.
Daraufhin habe ich den Tarif innerhalb der Krankenkasse gewechselt, auf ein paar Leistungen wie den Chefarzt und das Einzelzimmer verzichtet, und meinen Beitrag um 200 Euro reduziert.

Wie man sieht, es ging ziemlich steil bergauf, nicht als Einzelfall sondern jährlich.


Im Mittel ca. 10% pro Jahr. Es gibt keine andere Versicherung die solche Entwicklungen hat. Darauf ist man als Versicherter nicht gefasst, aber 10% Steigerung pro Jahr, bedeuten eine Verdopplung alle 7 Jahre.

Wenn man diese Entwicklung auf die nächsten 20 Jahre extrapoliert, wird der Beitrag bald so aussehen:

Extrapolierte Beitragsentwicklung, auf Grundlage der Steigerungen der letzten 13 Jahre

Mit 65 werde ich wahrscheinlich einen Beitrag von 2300€ haben. Die Politik hat zwar das Problem erkannt und die Krankenkassen gezwungen Altersrückstellungen zu bilden, doch diese Rückstellungen sollen erst die Beiträge ab dem 65. Lebensjahr dämpfen und die jährliche Steigerung auf maximal 5% begrenzen. Wenn der Beitrag erstmal auf 2300€ angewachsen ist, hilft es aber wenig, zu wissen das es ab jetzt langsamer steigen wird. Bezahlen wird solche Beiträge kaum jemand können. Inflation und Einkommen werden sicherlich langsamer wachsen, als mit 10% jährlich.

Als 30jähriger läßt man sich von seinem Versicherungsvertreter alle möglichen optionalen Zusatzleistungen aufschwatzen und fühlt sich damit "rundum gut versorgt". Wegen der Beitragssteigerungen muss man diese Luxus-Komponenten wieder kündigen um den Tarif bezahlbar zu halten und hat 10-20 Jahre quasi nutzlos einen Zuschlag für ein Einzelzimmer bezahlt, obwohl ich bis heute noch nie eine Nacht im Krankenhaus verbracht habe.

Das Argument für den frühen Abschluss möglichst vieler Leistungen ist die Gesundheitsprüfung.
Man kann jederzeit seinen Tarif reduzieren, wenn man ihn jedoch verbessern möchte, kann die Krankenkasse eine Gesundheitsprüfung verlangen, das Aufstocken ablehnen oder mit einem individuellen Risikozuschlag versehen. Niemand versichert ein Haus das schon brennt.
Also versichert man, solange man noch gesund ist, soviel wie möglich, später könnte es einmal nicht mehr gehen. Bei geringen Einstiegstarifen kann man sich zwar die Zusatzversorgung leisten, braucht sie aber nicht, und wenn die Beiträge steigen, ist es das erste  was man wieder kündigt. Es wäre besser gewesen, sie gar nicht erst abzuschliessen.
Auf Optionen wie ein Einzelzimmer kann man getrost verzichten, wer es sich leisten kann, kann bei einer Krankenhauseinweisung immernoch entscheiden, ob er bereit ist, den Aufschlag privat - ohne Versicherung - zu bezahlen. Der Chefarzt ist auch nur der, der am meisten im Büro sitzt, Mitarbeiter einteilt und Urlaubsanträge unterschreibt, und nicht der, der zwangsläufig die beste tägliche medizinische Routine hat.

Selbstbehalt

Jeder weiß, es gibt in der privaten Krankenkasse noch bezahlte Brillen und mehr Leistungen für Zahnersatz. Vergessen werden bei dieser Aussage immer die heute üblichen Selbstbehalte.
Wie das funktioniert kennt jeder von der KFZ-Versicherung, man schliesst eine Vollkasko mit 300€ Selbstbeteiligung ab und weiß damit von vornherein, das man Schäden für 250€ nicht beglichen bekommt, und das es sich wegen der Rückstufung und der Prämienerhöhung vielleicht erst ab 400€ lohnt, einen Schaden zur Regulierung einzureichen.

In der privaten Krankenversicherung sind solche Tarife mit Selbstbehalt heute die Regel und reduzieren die Beiträge deutlich. Hier mal der gleiche Tarif mit verschiedenen Selbstbeteiligungen:


Da greift man doch gerne zu, oder nicht ?

Doch das bedeutet: wenn man sonst gesund ist, bekommt man für seine Brille nichts, für den Augenarzt nichts, für die jährliche Kontrolle beim Zahnarzt nichts, und auch sonstige kleine Wundversorgungen, für die man mal schnell in die Notaufnahme muss, zahlt man aus eigener Tasche.

Die 10€ Praxisbeitrag, die gesetzlich Versicherte ehemals zahlen mussten, oder auch hier und da ein paar Euro Zuzahlung bei Medikamenten erscheinen lächerlich, wenn in der PKV Selbstbeteilungen zwischen 300 und 2000€ jährlich normal sind.

Wenn man in der KFZ-Versicherung einen Kasko-Schutz mit 300€ Selbstbehalt abschließt, kann man sich darauf verlassen, dass es bei diesem Selbstbehalt bleibt. In der PKV ist das anders. Der Selbstbehalt kann jählich angepasst werden, er wird mit den Beiträgen erhöht. Ich habe zum 01.01.2012 einen Vertrag mit 750€ Selbstbehalt abgeschlossen, schon ein Jahr später wurde er auf 900 Euro erhöht. Einfach mal so 20% mehr Eigenleistung, oder 150 Euro weniger Auszahlung von der Krankenkasse.

Für die chronisch Kranken, wie Patienten mit Diabetes, schweren Allergien, Epilepsie oder Depressionen, die eine regelmäßige Betreuungen und langfristige Therapie benötigen, den Selbstbehalt jährlich übersteigen (das heißt zahlen) und keine Wahl haben irgendetwas zu sparen, ist der jährliche Versicherungsbeitrag inclusive Selbstbehalt die relevante Größe. Das stellt den jährlich zu zahlenden Betrag dar. 

Mein Jahresbeitrag inclusive Selbstbehalt
Der eigentliche Anreiz weniger zum Arzt zu gehen oder weniger Leistungen zu beanspruchen läuft damit ins Leere - sobald der Selbstbehalt überschritten wird, nimmt man alles mit was es gibt.

Man könnte natürlich sagen "Dann nimm doch einen Tarif ohne Selbstbehalt". Doch um einen Selbstbehalt von 1000€ jährlich abzuwählen, erhöht sich der Tarif um ca. 1200-1500€ jährlich. Man zahlt also noch mehr als zuvor. Doch der Tarif wird steuerlich gefördert, eventuell spart man also ein paar Euro Steuern und stellt sich tatsächlich besser. Am besten man nimmt seinen Steuerberater mit zu seinem Versicherungsberater um das zu beurteilen.

Der Selbstbehalt führt zu so merkwürdigen Verhalten das man sich zum Beispiel in dem Jahr mit einer kleinen Zahn- Operation auch noch eine neue Brille "gönnt" oder sich mal beim Orthopäden durchchecken läßt. In einem Jahr "verkneift" man es sich zum Arzt zu gehen, im anderen Jahr geht man dann "zu allen Ärzten die es gibt". Das ist nicht gut für die Gesundheit aber die Krankenkassen setzen finanzielle Anreize, sich so zu verhalten. Was nutzt eine Vorsorgeuntersuchung im Leistungskatalog, wenn die so preiswert ist, das man sie selbst zahlen müßte, weil sie noch innerhalb des Selbstbehaltes liegt ?
Wer bei einem Restaurantbesuch mal eine Sekunde überlegt "kann ich mir das diesen Monat leisten", der wird auch beim Arztbesuch überlegen, "muss das sein", "läßt sich das verschieben", "frag ich erstmal jemand anderen, der so was ähnliches hatte", denn bei jedem Arztbesuch zahlt man 50€ privat - ohne Aussicht auf Erstattung, wenn diese kleinen Beträge den Selbstbehalt nicht überschreiten.

Die Beitragsrückerstattung, die manche Versicherungen bei Nichtinanspruchnahme von Leistungen anbieten, wirkt genauso wie der Selbstbehalt. Man verzichtet auf eine Auszahlung, sobald man Leistungen in Anspruch nimmt. Sie hat jedoch den Vorteil der steuerlichen Abzugsfähigkeit.
Ein vereinbarter Selbstbehalt ist "Privatvergnügen" und wird steuerlich nicht weiter gefördert, es sei denn es wird zu einer außergewöhnlichen Belastung. Bei Singles sind das 6% vom Einkommen. 300 Euro Selbstbehalt kann nur jemand mit weniger als 5000€ Jahreseinkommen als Belastung geltend machen, praktisch also niemand. Dagegen wird eine nicht in Anspruch genommene Rückerstattung in vollem Umfang als Versicherungsbeitrag anerkannt.

Leistungen

Die Einheitlichkeit von Leistungen bei der PKV war anscheinend in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts üblich und bestimmen heute vielfach noch das Denken und Argumentieren in der öffentlichen Meinung. Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei.

Man kann sich nicht einfach darauf verlassen, dass eine Leistung bezahlt wird.
Bei der Einweisung in ein Krankenhaus stellt sich die Frage ob 1-, 2- oder Mehrbettzimmer, was zahlt die Kasse, was ist man bereit selbst zuzuzahlen. Soll der Chefarzt vorbeikommen oder nicht. Besonders komplexe Zahnbehandlungen, Brücken, Implantate, darf das der Zahnarzt einfach so anfertigen, wenn er einen Privatversicherten vor sich hat ? Zahlt die Kasse jede Leistung ? Wieviel Selbstbehalt gibt es bei zahnärztlichen Leistungen, wieviel bei ambulanten, wieviel bei stationären Leistungen. Ein Versicherungsvertrag besteht aus einer Unmenge von Zahlen und detaillierten Regelungen, die der Arzt überhaupt nicht, und der Versicherte zumindest nicht aus dem Kopf wissen kann.

Jeder Telefonanbieter holt sich bei Abschluss eines Vertrages eine Schufa-Auskunft ein. Bei Ärzten gilt das PKV-Kärtchen bislang noch als genug Beweis für ein hohes Einkommen. Gerechtfertigt ist dieses Vertrauen jedoch nicht immer. Schliesslich kommt es immer häufiger vor, dass der Arzt dem Patienten eine 10.000€ Rechnung präsentiert, von der die Kasse vielleicht nur 6.000€ bezahlt, vielleicht auch gar nichts, und schon hat der Patient einen großen Berg an Schulden, auf die er gar nicht gefasst war.

Die Krankenkasse handelt sicherlich vertragsgemäß. Nur der Versicherte hat seine 30 Seiten Versicherungsbedingungen nicht im Kopf und kann beim Arzt nicht entscheiden, welche Art der Behandlung denn versichert ist und welche nicht. Für gesetzliche Krankenkassen können die Ärzte Auskunft geben, was bezahlt wird und was nicht, bei privaten Krankenkassen unterscheidet sich das von Tarif zu Tarif und die Arbeit der Erkundigung nach den individuellen Leistungen bleibt beim Patienten hängen.

Der zusätzliche Verwaltungsaufwand, dem Arzt die Rechnung zu bezahlen, bei der Krankenkasse die Rechnung einzureichen, auf Rückerstattung zu warten, und eventuelle Abzüge der Erstattung mit der Krankenkasse zu diskutieren, sollte nicht vernachlässigt werden. Dagegen haben gesetzlich Versicherte ein "leichtes Leben", die sich nach Verlassen der Praxis praktisch um nichts weiter kümmern müssen.

Auch die privaten Krankenkassen schreiben Ihren Versicherten Briefe, in denen um Sparsamkeit gebeten wird, das man in der Apotheke doch bitte nach Derivaten fragen sollte um die Beiträge stabil zu halten. Ich habe mich daran gehalten, aber wahrscheinlich als Einziger, denn die Beiträge sind trotzdem gestiegen.

Bei der Verwaltung sparen die Krankenkassen jedoch nicht. Internet und E-Mail sind weitgehend unbekannt. Sämtliche Vorgänge werden auf Papier und per Brief abgewickelt.

Arzthonorare

Da in diversen TV-Serien die Zahnärzte immer im Ferrari am Golfplatz vorfahren, möchte ich mal zeigen, was so ein Arzt verdient, wer noch nie eine Rechnung gesehen hat, hat davon keine Vorstellung: Eine "Durchsicht" beim Zahnarzt, 15min, in denen 1 Arzt, 1 Assistentin und 1 Empfangskraft bezahlt werden müssen, dazu Praxismiete und Abschreibungen für die Behandlungseinrichtung finanzieren muss, kostet so etwa 40-60€.  Wenn dem Arzt selbst als Honorar davon 15€ bleiben, ist das viel, das ergibt ca. 60€/Stunde und liegt ein wenig über dem Preis eines Handwerkers, was mir für einen Akademiker angemessen erscheint.

Das Röntgen eines Zahnes kostet 6,50€, ein Ultraschall beim Radiologen 32€, ein EKG beim Hausarzt 26,50€. Das sind alles durchaus überschaubare Summen.

Man sollte diese Zahlen kennen bevor man eine PKV abschließt. Leider ist das selten der Fall.
Normalerweise wechseln gesetzlich Versicherter in die PKV, die nie zuvor eine Arztrechnung gesehen haben, und die Kosten, die auf sie zukommen, gar nicht einschätzen können. Damit können sie nicht beurteilen, wie wahrscheinlich es denn ist, einen Selbstbehalt von 750€ überhaupt jemals zu überschreiten.


Altersvorsorge

Es gibt Modelle heute mehr zu zahlen, um im Alter weniger zu zahlen. Das wird sogar steuerlich gefördert, doch einerseits muss man es sich ersteinmal leisten könnnen, mehr zu zahlen, und andererseits binden einen solche Rücklagen noch stärker an die Krankenkasse, da es keine andere Auszahlungsmöglichkeit gibt, als Beitragsreduktionen.
Selbst für sich Altersrückstellungen zu bilden, z.Bsp. einen Aktienfond zu kaufen, scheint sinnvoller, transparenter und wahrscheinlicher auch ertragreicher. Doch da damit die Zweckgebundenheit der Gesundheitsvorsorge verlorengeht, entfällt auch die steuerliche Förderung.
Es bleibt noch die Möglichkeit eine Basis-Rente abzuschliessen, eine sogenannte Rürup-Rente, bei der man in einen Aktien-Fond einzahlen kann. Damit verlagert man wenigstens die Besteuerung von heute in die Zukunft und kann so die hohen Beiträge zur PKV im Seniorenalter von den Auszahlungen aus dieser Rente wieder absetzen, so dass man wahrscheinlich genauso steuerfrei bleibt, aber höhere Flexibilität hat.

Wie man sieht, die Überlegungen eine private Krankenversicherung abzuschliessen sind äußerst komplex, man braucht nicht nur einen Versicherungsvertreter oder Berater für die Krankenversicherung, der hilft die vielen verschiedenen Vertragsoptionen zu verstehen, sondern auch noch einen Steuer- und Finanzberater der einen bezüglich der bestmögliche Ausnutzung der steuerlichen Förderungen berät.

Seine finanzielle Situation zu planen ist mit einer privaten Krankenversicherung unmöglich.


Fazit

Eine Versicherung soll den Versicherten von Risiken entlasten.
Aus heutiger Sicht ersetzt die Krankenkasse jedoch nur das Risiko die Ärzte nicht bezahlen zu können, durch das Risiko die Krankenkasse nicht bezahlen zu können.

Durch die Reform von 2010 wurde zwar dafür gesorgt, das durch die Einführung des Basistarifs, jeder einen Vertrag bekommen kann, die Krankenkasse darf niemanden mehr aus gesundheitlichen Gründen ablehnen. Doch sie hat nicht dafür gesorgt, das man sich den Tarif auch leisten kann. Die Einkommensabhängigkeit, man zahlt nie mehr als man auch wirklich Einkommen hat, ist ein deutlicher Vorteil der gesetzlichen Krankenversicherung. Für Selbständige sind jedoch einkommensabhängige Tarife weder in der PKV noch in der GKV vorhanden.

Wer noch nicht genug vom Lesen hat, findet hier vielleicht noch ein paar mehr Argumente.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Auslastung und Buchungsverhalten im Tourismus

Ich habe hier so eine Statistik über die Touristische Entwicklung Radebeul gefunden. Bevor jetzt jemand gleich abschaltet, ich versuche allgemeingültig zu bleiben, Radebeul, ein Vorort von Dresden, dient mir nur als Beispiel.

Solche "offiziellen Statistiken des statistischen Landesamtes" spiegeln immer ein recht verzerrtes Bild wieder.

Erstmal steht darüber "gewerbliche Vermieter". Was das ist weiß man nicht so genau, nehmen wir mal an Vermieter mit mehr als 4 Zimmern. Alle Privatvermieter fallen schon einmal weg. Das ist  in Radebeul ein nicht unerheblicher Anteil von immerhin 250 Betten (lt. Gastgeberverzeichnis). Die Vermieter werden einfach nicht befragt, trotzdem macht man solche Statistiken.

Von den ca. 1700 gewerblichen Betten entfallen ca. 50% auf ein einziges Hotel, das Radisson Blue, mit Zimmern über 100 Euro. Ein sehr schönes Hotel, aber ebend doch mit dem Charme eines Konferenzhotels mit  400 Zimmern, Schöne Aussicht, aber kein Ambiente. Wenn dieses Haus zu 50% Leer steht, und 50% der Bettenkapazität der Stadt bietet, ist alleine wegen diesem Einen Hotel die Auslastung der Betten der Stadt um 25% gesenkt.

Die Zimmer sind sehr teuer, also bleibt niemand lange, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt angeblich 2,3 Tage - in diesen gewerblichen Vermietungsobjekten. Die Gäste die eine Woche bleiben wollen und statt einem Hotel für 699  doch eher eine Ferienwohnung für 199 mieten, fallen einfach aus der Statistik.
Die werden als Gäste der Stadt, als "belegte Betten" nicht gezählt.
Dadurch erscheinen solche merkwürdig kleinen Werte von 2,3 Tagen als Aufenthaltsdauer in Hotels.

Ich bin selbst (Privat-)Vermieter von 4 Betten, und in der Lage ein paar Statistiken über die letzten 3 Jahre zu machen. Die Daten sind sicherlich nicht repräsentativ, weder für Radebeul noch für Deutschland.
Aber vielleicht wird damit deutlich wie man Statistiken liest oder erstellt, und wieviel Vertrauen man in "offizielle Angaben" haben sollte.

Spitzenkapazitäten und Werbung

Ein Unternehmer strebt immer nach mehr Gewinn, nicht nach mehr verkauften Stück. Dazwischen besteht kein linearer Zusammenhang wie beim Verkauf einer Glühbirne. Ein Zimmer das heute nicht „verkauft“ wurde, kann man nicht ersatzweise morgen verkaufen. Eine ungenutzte Chance ist unwiderruflich vorbei. Andererseits braucht man in Zeiten großer Nachfrage möglichst viele Zimmer.

Je größer die Kapazitäten für besondere Anlässe sind, desto geringer wird wahrscheinlich auch die Auslastung sein.  Beim Karl-May-Fest oder beim Herbst-und-Weinfest gibt es bei uns 100% Auslastung für je 3 Tage. Je mehr Kapazitäten man für solche Anlässe zur Verfügung haben will, desto mehr Leerstand ergibt sich für den Rest des Jahres. 

Das ist auch beim Stadtverkehr ähnlich. Man braucht genügend große Reserven für die Transportleistung von 6 bis 9 Uhr. Für den Rest des Tages kann man aber nicht extra kleinere Busse kaufen, also fahren die großen Busse nur halbvoll herum.

Das Himmelfahrtswochenende mit dem festen Feiertag am Donnerstag ist das beliebteste Ausflugswochende des Jahres. Alle Betten füllen sich ganz von alleine. Es ist eine ziemlich dumme Entscheidung auf dieses Wochenende ein Volksfest zu legen.  Mehr als eine komplett ausgebuchte Stadt geht nicht.  Die Betten sind sowieso schon voll, es kann gar kein zusätzlicher Gast mehr aufgenommen werden, es gibt keinerlei positiven Effekt auf den Umsatz durch Beherbergung, für die Stadt keine zusätzlichen Umsatzsteuer- und keine Gewerbesteuereinnahmen. Die Wirkung verpufft vollständig.
Auch beim Herbst- und Weinfest erreichen wir 100% Auslastung in der Stadt. Man könnte wenigstens die Lehre daraus ziehen sofort sämtliche Werbemaßnahmen einzustellen. Das Fest ist etabliert, es wird geliebt und besucht. Trotzdem werden Unmengen für Plakate, Poster, Flyer, Banner über der Strasse und ähnlichem Zeug ausgegeben. Einfach so aus Prinzip. Neue Gäste können aber nur kommen, wenn von denen vom letzten Jahr ein paar zu Hause bleiben würden.

Ähnlich sieht es bei saisonalem Marketing aus. Touristische Werbung wirbt immer mit Sommerbildern - wo es sowieso leicht ist zu vermieten. Hat irgendein touristisches Marketing (außerhalb von Skiregionen) schoneinmal den November oder den Februar beworben, wenn Marketing wirklich nötig wäre ? Die machen es sich immer einfach und werben mit Sommerbildern für den Sommer, also für Zeiten in denen die Urlauber so wieso ganz von alleine kommen.

Auslastung

Was ist Auslastung ? Für ein Hotel scheint die Frage klar, wenn es 20 Zimmer hat und davon sind 10 vermietet, hat es 50% Auslastung an diesem Tag. Was ist jedoch bei einem Vermieter der nur 1 Zimmer hat ? Der hat immer 0% oder 100% Auslastung, dazwischen gibt es gar nichts. Auslastung kann man immer nur aufs Jahr gesehen messen, und da ist es klar das es so etwas wie Nebensaison gibt. Wenn Januar, Februar, März und November alles leer steht, sind schon mal 4 von 12 Monaten "weg",  also 33% Leerstand. 
Nehmen wir an, in den restlichen 8 Monaten wäre 20% Leerstand, dann bleiben 6,4 "volle" Monate übrig.
6,4 von 12 Monaten entspricht einer Belegung von 53% im Jahresdurchschnitt. Das ist schon ein extrem guter Wert, wer ist schon 8 Monate im Jahr zu 80% ausgebucht ?

In Radebeul kann man das gerade so schaffen, weil wir sowohl städtische als auch ländliche Eigenschaften haben, also Kultur- und Museumsbesucher genauso kommen, wie Rad- und Fußwanderer und auch die Weihnachtszeit wegen der vielen Weihnachtsmärkte noch relativ attraktiv ist.

Man muss also sagen das Auslastungen um 50% traumhaft sind, nicht irgendwie Mittelmaß sondern Spitze. In ländlichen Regionen schafft man wahrscheinlich nur 30%.
Von daher sind die in der o.g. Statistik angegebenen 33% gar nicht so schlecht.

Man könnte glauben eine hohe Auslastung  ist für jeden Vermieter wünschenswert. Das ist aber grundsätzlich falsch. Vermieter sind Unternehmer und Unternehmer wünschen sich Gewinne und nicht möglichst viel Arbeit. Viele Gäste bedeuten viel Arbeit. Buchungsvorgänge, Checkin, Checkout, Wäschewechsel.
Man muss niemanden mit "nur 33%" Auslastung bedauern. Ein gewisser Leerstand wird immer einkalkuliert.
Wenn man eine normale Mietwohnung für 300 Euro/Monat anbieten würde, sie aber zu einer Ferienwohnung umwidmet bei der man 66% Leerstand pro Jahr erwartet, dann muss sie während der Vermietung 900Euro/Monat bringen. Der Jahresumsatz ist in beiden Fällen gleich, 12*300 Euro = 3*900 Euro = 2700.
Der eine hat 100% Auslastung, der andere hat 33% Auslastung, beim Umsatz ist kein Unterschied.

An Nord- und Ostsee sind solche kurzen Saisongeschäfte üblich, und dementsprechend auch solche Preise. Neulich habe ich ein Angebot gesehen "1 Woche im Juli 800 Euro, 1 Woche im Februar 200 Euro".
Natürlich versucht man trotz dieser Kalkulation auch in der umsatzschwachen Zeit noch etwas herauszuholen, gerade die Chance auf diese Zusatzgewinne macht Ferienwohnungen für den Vermieter so attraktiv. Doch es besteht kein Grund zu einer pauschalen Aussage wie "30% Auslastung sei zu wenig",
auch dann nicht wenn der Konkurrent im gleichen Ort 50% schafft. Das ist nicht relevant.
Der eine vermietet 200 Tage á 30 Euro, der andere 100 Tage á 60 Euro. Beide machen den gleichen Umsatz, wenn der mit den 60 Euro-Zimmern das Winterhalbjahr ganz zumacht, Heizkosten und Personal spart, hat er wahrscheinlich bei gleichem Umsatz, und halb so hoher Auslastung trotzdem die höheren Gewinne.

Eine Hohe Auslastung sagt gar nichts. Der billigste Anbieter im Ort wird immer am vollsten sein und kann trotzdem kurz vor der Insolvenz stehen.

100% Auslastung hieße für eine Stadt "Es ist voll - Lasst niemanden mehr rein, macht die Stadttore zu".
Das ist ein Zustand der nicht angestrebt wird, nur leider suggeriert Werbung oft "je Mehr je besser".
(Bei Vollbeschäftigung von 100% hätte man einen ähnlichen Effekt, kein Unternehmen findet jemanden den es noch einstellen könnte, Wirtschaftswachstum ist nicht möglich, Stagnation die Folge)

Wenn ein Hotel zu 100% ausgelastet wäre, dann würde in einer freien Marktwirtschaft folgendes passieren:
Der Hotelier stockt sein Hotel auf, oder baut an, oder ein anderer Unternehmer baut auch noch ein Hotel im Ort um an der hohen Nachfrage zu partizipieren. Die Gäste verteilen sich auf die Hotels und es besteht wieder die Möglichkeit zu Wachstum. Der Tourismusverein kann noch ein neues Volksfest planen.
Die Auslastung wurde gezielt gesenkt und es ist volkswirtschaftlich sinnvoll, so zu handeln.

Es gibt da noch einige komische Effekte bzgl. der Auslastung:

Wenn man ein 4-Mann Zimmer an 2 Leute vermietet, dann hat man einerseits nur 50% Auslastung, aber gar keine Möglichkeit die anderen 2 leeren Betten  in der gleichen Wohnung noch zu vermieten.
Es geht nicht. Da hilft auch keine Werbung. Man ist nicht voll - hat aber trotzdem nichts mehr zu vermieten. Ein Doppelzimmer an eine Einzelperson zu vermieten, wäre das gleiche.

Oder es gibt, gerade bei Ferienwohnungen, das Verhalten, das ein Gast von Freitag bis Sonntag bucht.
Ein zweiter Gast, der gerne von Sonntag bis Sonntag bucht, kann jetzt gar nicht mehr kommen, weil Freitag bis Sonntag schon belegt ist. Die Buchung sorgt dafür, das man Sonntag bis Freitag Leerstand hat.
Ein Vermieter wünscht sich also gar nicht möglichst viele Buchungen, wie das Marketing-Leute oft behaupten. Er wünscht sich gerne weniger, aber dafür längere Buchungen. Ein Gast der eine Woche bleibt, macht viel weniger Aufwand, als 3 Gäste á 2 Tage. Deswegen gibt es auch meist Rabatte für eine Woche.

Mit den 6 Gästen á 2 Tagen macht man wegen dieser Rabatte aber eventuell mehr Umsatz, man hat auch mehr Kosten und 1 Tag weniger Auslastung. Ob das alles am Ende auch mehr Gewinn ergibt hängt von der Preisgestaltung ab. Es kann durchaus sein, das man mit den 2*3 Tagen mehr verdient als mit 1*7 Tage. Hohe Auslastung ist kein Kriterium für wirtschaftlichen Erfolg.

Wer mehr zu dem Thema lesen will, darf gerne mein Buch kaufen.

Auslastung je Monat
Die typischen Zeiten für Städtereisen sind Mai und September. Vor- und Nachsaison mit Ostern und "goldenem Herbst" fallen noch ein bischen auf, die Weihnachtsmärkte sind gut am Unterschied zwischen Dezember und Januar zu erkennen, und im Sommer über, während der Schulferien liegt naturgemäßt weit vorne. Im Juni ist immer etwas weniger los, Pfingsten fällt manchmal in den Mai und Fronleichnam ist kein bundeseinheitlicher Feiertag. Die Spitze im September kann man vielleicht mit den vielen Weinfesten erklären.

Vorausbuchungsfrist

Vorausbuchungsfrist in Monaten
Was die offizielle Statistik nicht hergibt, aber diverse Tourismus-Marketingler immer wieder behaupten, ist das die Buchungsfristen immer kürzer werden. Ich kann das bestätigen. Buchungen im September für den Sommer des nächsten Jahres sind die absolute Ausnahme. Das kam mal vor als Kirchentag in Dresden war, und zu Recht mit großem Ansturm gerechnet wurde. Weihnachten für den Mai zu buchen kommt schon eher vor, aber wie die nächste Grafik zeigt, 50% aller Gäste buchen weniger als 3,5 Monate im Voraus.
Die mittlere Vorausbuchungsfrist ist bei uns 55 Tage.

Kumulierte Vorausbuchungsfrist in Monaten, Lesart: 40% der Gäste buchen höchstens 3 Monate im Voraus

Aufenthaltsdauer

Ferienwohnungen haben oft einen Mindestaufenthalt, weil sich die günstigen Preise vor allem dadurch ergeben das nicht jeden Tag geputzt wird, sondern erst nach Auszug. So kommt es, dass alle die nur 1 Tag bleiben wollen ins Hotel gehen. 100% aller Eintagesreisenden gehen ins Hotel, 90% aller 1-Woche Reisenden gehen in Ferienwohnungen, und schon ergibt sich für Hotels eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 2,3 Tagen. Ein vollkommen verzerrtes Bild in der offiziellen Statistik. Bei uns beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer 4,8 Tage.

Aufenthaltsdauer in Tagen
3 und 4 Tage dominieren deutlich, typisch für einen Städteurlaub, 1 Woche ist auch üblich, aber länger als eine Woche sind eher nur Ausnahmen. (Wir haben einen Mindestaufenthalt von 2 Nächten)


Mittlere Aufenthaltsdauer, abhängig vom Reisemonat
Die Aufenthaltsdauer variiert kaum über das Jahr. Obwohl im Mai und September die meisten Gäste kommen, wie man oben gesehen hat, bleiben die Gäste im Juli, in den Sommerferien, deutlich länger.
Im Winterhalbjahr dominieren eher die 2-4 Tagesaufenthalte. Für den Januar hatte ich zu wenig Daten für eine Auswertung, es ist nicht 0, nur zu wenige Zahlen für einen signifikanten Mittelwert.

Woher kommen die Gäste in der Region Dresden ?

Noch eine Statistik, die das Landesamt nicht erfasst: Die Angaben sind nicht repräsentativ, aber immerhin von 3 Jahren.

Anteile der Gäste nach Bundesländern

Es ist natürlich klar, das aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland die meisten Gäste kommen, ich habe darum die Zahlen noch durch die Bevölkerung der Bundesländer geteilt, und siehe da, in Anteilen der Bevölkerung haben uns sämtliche Neue Bundesländer und Berlin am liebsten. Es wird nicht mehr so weit gefahren. Gerade für Mecklenburger ist wohl Dresden schon weit genug weg. Von den Bremern und Saarländern hat dagegen noch niemand her gefunden. Emdener und Freiburg/Breisgau waren schon da, aber es gilt eindeutig: je weiter weg, desto weniger Gäste.

Anteile der Gäste in Abhängigkeit der Bevölkerung der Bundesländer

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Dresdner Stollen

An einen Stollen trauen sich wenige ran. Es gibt auch keine Backmischung dafür. Allzu viel schief gehen kann aber nicht. Wer das probieren möchte, sollte vielleicht schon mal einen Hefeteig gemacht haben. Am schwierigsten könnte das Einkaufen werden, denn es gibt eher wenige Läden die alle Zutaten anbieten. Man muss schon etwas herumlaufen dafür. Fangen wir mal mit der Einkaufsliste an:

300g Rosinen 1,50 €
100g Korinthen 1,00 €
100g Orangeat 1,00 €
100g Zitronat 1,00 €
100g gehackte Mandeln 1,00 €
15g gehackte bittere Mandeln 0,40 €
1/2 Flasche brauner Rum 4,00 €
4cl Amaretto 0,50 €
200g Zucker 0,20 €
1/2 TL geriebener Kardamom 0,50 €
1/2 TL geriebene Macisblüte 0,50 €
1 Vanilleschote 2,50 €
1kg Mehl (Typ 550) 1,00 €
2 Würfel  Hefe 0,30 €
1/4 Liter Milch 0,30 €
2 EL Zucker 0,10 €
400g Butter (2 Stück, siehe unten) 2,60 €
1 Zitronenschale 0,50 €
100g Butter 0,00 €
100g Puderzucker 0,30 €
19,20 €
Wie man sieht, Geld spart man durch's selbst machen nicht. In kleinen Mengen sind die Zutaten relativ teuer.
Am schwierigsten zu beschaffen sind Kardamom und Macisblüte, die gibt es nicht in jedem Supermarkt, und Orangeat und Zitronat sind zumindest in Dresden im November schon mal ausverkauft. Gewürzläden oder Wochenmärkte haben meist mehr Angebote als Supermärkte.

Zur Übersicht, erstmal die Arbeitsschritte die auf einen zukommen.
90min Arbeitszeit reichen aus, allerdings sollte man 6 Stunden lang das Haus nicht verlassen müssen, wenn man einen Stollen backen will. Dazu kommen noch ein paar Handgriffe am Tag zuvor, und ein paar am Tag danach.

Arbeitsschritte Wartezeit Arbeitszeit
Rosinen einweichen, Zucker mischen 15min
Ziehen lassen 24h
Vorteig aus Mehl, Milch, Hefe, Zucker 15min
Gehen lassen 30min
Mit Fett und Restzucker verkneten 15min
Gehen lassen 60min
Rosinenmischung einarbeiten 15min
Gehen lassen 60min
Stollen formen 15min
Backen 90min
Mit Butter bestreichen 10min
Abkühlen 24h
Verpacken 10min

Fangen wir an:
Rosinen mit Orangeat, Zitronat und Mandeln in Rum und Amaretto einweichen

Mindestens einen Tag vor dem Backen müssen die Rosinen und Korinthen in Rum eingeweicht werden. Der Amaretto ist optional, aber ergänzt das Bittermandelaroma gut. Apropos Aroma, man kann natürlich mit Vanille- und Bittermandelaroma arbeiten, das ist etwas preiswerter, man dosiert aber leicht zu viel und dann ist es zu intensiv. Wenn man sich schon die Mühe macht und selbst bäckt, sollte man solche chemischen Zutaten eher weglassen.
Zitronat und Orangeat werden sich nur wenig mit Rum vollsaugen, es ist aber oft verklebt oder vertrocknet und das Bad im Rum hilft auf einfachem Weg, die Klumpen aufzulösen. Mandeln sind hier eher nur Füllstoff.
Die Mischung sollte man in einer 2 Liter Vorratsdose ansetzen. Einerseits braucht man unbedingt einen Deckel, sonst riecht bald die ganze Küche nach Rum. Andererseits spart man sich das Umrühren, man schüttelt einfach die Dose ab und an, damit alle Rosinen gut benetzt sind.
Rosinen und Sultaninen sind zwar angeblich nicht ganz das gleiche. Allerdings gibt es keine Rosinen mehr zu kaufen, ich verwende die Begriffe einfach mal synonym.

Vanillemark ausschaben, mit Gewürzen im Zucker vermengen, Butter bei Zimmertemperatur lagern
Auch Vanille und Gewürze lassen sich am besten in 200g Zucker vermischen. Das kann man auch schon mehrere Tage vor dem Backen machen, die Aromen haben dann Zeit in den Zucker überzugehen. Wer fertigen Vanillezucker nehmen möchte, ca-3-4 Päckchen, nimmt ca. 20g Zucker weniger.

Hefe in handwarmer Milch verrühren
Jetzt geht's los, sobald man etwas mit Hefe macht, kann man die Vorgänge nicht mehr wie man will verschieben, sondern man muss sich nach der Hefe richten.
Die Milch sollte handwarm sein, alles über 37 Grad empfindet der Mensch als warm, also 45 Grad reichen. Entweder man hält das Gefäß mit der Milch von außen mit warmen Leitungswasser umspülen, oder man stellt es 20sek. in die Mikrowelle. Wichtig ist : Mehr als 60 Grad sind für die Hefe tödlich. Dann gerinnt das Eiweiß. Die Hefe in die Milch bröckeln, 2 EL Zucker als Nährstoff hinzu und verquirlen. Wer möchte kann es auch noch sieben, aber meistens löst sich die Hefe gut auf.
Vorteig gehen lassen
Diese Mischung gießt man unter Rühren in eine Schüssel mit 1 kg Mehl. Man rührt nur so viel Mehl in die Milchmischung bis sich ein zäher Teig ergibt. Es bleibt auf jeden Fall die Hälfte des Mehl am Rand und am Boden übrig. Das ist so vorgesehen, das nennt man einen Vorteig, in dem sich die Hefe gut vermehren kann.
Nach 30min an einem sonnigen Ort hat sich das Teigstück mindestens verdoppelt.
Weiche Butter, Zucker mit Gewürzen und Zitronenabrieb
Danach kommen die 400g Butter, die Zucker-Gewürzmischung, und der Zitronenabrieb in den Teig.

Teig kneten
Rührgerät oder Handkneten ?
Die Menge und Schwere des Teiges spricht eindeutig für das Kneten per Hand. Wer keine Profi-Maschinen hat die mit 2,5kg Teig klarkommen wird keine Freude mit Maschinen haben. Handwärme tut Hefeteig immer gut und man merkt die Geschmeidigkeit des Teiges an den Fingerspitzen. Solange man noch Zuckerkörnchen spürt, ist der Teig nicht fertig. Solange das Mehl noch nicht untergearbeitet ist, kann man den Teig in der Schüssel kneten, danach macht sich die saubere Küchenarbeitsplatte deutlich besser. Ein Backbrett ist wohl heute nicht mehr allgemein üblich. Der Teig klebt nicht - wenn doch ist zu viel Feuchtigkeit oder Fett im Teig die man mit etwas mehr Mehl binden kann.
Zweites Gehen
Ein sonniger Herbsttag ist Ideal für Hefeteig. Der Teig sollte nochmal ca. 40-60min zugedeckt an einem warmen Ort gehen, bis sich das Volumen verdoppelt hat. Wenn es kühler ist, dauert es länger, das ist nicht so schlimm, man darf den Teig aber nicht länger als nötig stehen lassen, sonst hat die Hefe danach keine Kraft mehr für die 3. Gährungsphase.
Rosinenmasse und Teig untereinanderkneten
Das schwerste Stück Arbeit ist das Einarbeiten der Rosinen/Orangeat/Zitronat/Mandel-Mischung.
Die Mischung gut abtropfen lassen. Wer auf Nummer sicher gehen will die Masse noch auf einem Küchentruch abtrocknen, oder mit etwas Mehl bestäuben. Die Rosinen dürfen nicht triefend nass vom Rum sein, sonst verbinden Sie sich nur schlecht mit dem Teig.
Drittes Gehen
Nocheinmal 40-60 min gehen lassen. Dabei ist optisch nicht mehr viel Änderung zu beobachten. Der Teig ist jetzt zu schwer, als das ihn die Hefe noch anheben könnte. Es bilden sich aber weiterhin innerlich Luftbläschen und man kann spüren das der Teig fluffiger wird, wenn man hineingreift.
Teig rechteckig ausrollen und von 2 Seiten einschlagen
Man kann aus der Menge Teig auch 2 kleine Stollen machen, allerdings hat man dann sehr viel Kruste und wenig inneren Teig. Auch beim Kaufen bevorzuge ich immer 2 Kilo-Stollen, gegenüber 1-Kilo-Stollen, man will ja möglichst viel durchgezogene Füllung und nicht nur gebutterte und gezuckerte Aussenflächen.

Gerade für Anfänger empfiehlt sich eine Form. Der Teig läuft sonst leicht auf die Gesamtfläche des Bläches auseinander. Ein halbgroßes Backblech - oder eine ähnlich große emaillierte Auflaufform sind ideal. Die Grundfläche sollte etwas A3 oder 2 * A4 sein, für 2 kleinere Stollen.
ca. 70-90 min bei 200 Grad backen
Wenn der Stollen bereits nach 30min beginnt goldbraun zu werden, kann man die Oberfläche mit einem Bogen Alu-Folie abdecken. Der Stollen bäckt dann nur noch, aber wird weniger von oben gegrillt.
Die Folie jedoch spätestens nach weiteren 30min wieder entfernen.
Jeder Backofen hat leicht andere Eigenschaften, die mittlere Schiene ist nicht immer in der Mitte, und gerade bei Gebäck das nach oben aufgeht, schiebt man das Blech oder Rost eher zu tief als zu hoch ein.
Dick mit Butter bestreichen und mit Puderzucker bestäuben
Nach dem Backen sofort die restlichen 100g Butter einfach in Stücken auf den Stollen legen, die Hitze reicht aus, die Butter sofort zu schmelzen. Anfangs kann man die Stücke mit den Fingern verreiben, wenn sie geschmolzen sind nimmt man für die Feinarbeit noch einen Pinsel. Vor dem Bestäuben mit Puderzucker kann man ruhig 10min warten. Die Butter soll vorrangig in den Teig einziehen und die Poren schliessen und nicht nur den Puderzucker auflösen. Man braucht doppelt soviel Puderzucker, wenn die Butter noch zu heiß ist.

Danach den Stollen gründlich durchkühlen lassen (ca. 1 Tag). Er läßt sich dann leicht aus der Form nehmen, und auf ein Holz- oder Schneidbrett heben, nur zur Sicherheit, dass er nicht durchbricht. Der Stollen wird in Folie eingepackt und 4 Wochen in einen ungeheizten Keller gelegt. Ein anderer nicht zu warmer Ort, möglichst mit etwas Luftfeuchtigkeit, tut es jedoch auch.
In den ersten 4 Wochen ist der Stollen steinhart, manchmal dauert es auch 6 Wochen. Wenn man am 1. Advent einen Stollen anschneiden will sollte man ihn spätestens an Allerheiligen/Reformationstag backen.

Man schneidet einen Stollen immer in der Mitte an. Hebt eine Scheibe heraus und schiebt die beiden Hälften zusammen und schützt somit die Schnittflächen vor dem Austrocknen.

Viel Spass