Montag, 30. September 2013

Die Entwicklung einer effizienten Projektsprache

Wenn man ein größeres Projekt startet, ist es wichtig für jedes Ding das man erfindet,
einen Namen, eine Klassifikation, eine Einordnung zu finden. Anders ist es nicht möglich
über die Elemente zu kommunizieren.

Ich bin mal in ein Haus mit vielen Zimmern gezogen. Es war unmöglich jemanden zu erklären, wo ein gewisser Gegenstand zu suchen ist, solange die Zimmer keine Namen hatten, "Oben nach Links gehen und Dritte Tür Rechts", sind Notlösungen, meistens furchtbar lang, und offen für Missverständnisse. Gebt dem Zimmer einen Namen, das erleichtert es darüber zu reden. Hotels helfen sich mit Zimmernummern, das wäre schon besser als Nichts.

"Das Baby von Tom und Julia" ist anfangs noch eine üblich Bezeichnung für ein Neugeborenes. Nach einer Entwicklung der Persönlichkeit, und einer "Gewöhnungsphase", eine Gewöhnung an den Namen des Kindes, wird man dann vielleicht eher von "Paul" sprechen. Es zeugt auch von einer Art Respekt und einer anderen Wahrnehmung des Gegenstandes, wenn man ihn mit einem "eigenen" Namen bezeichnen kann, und nicht nur in seiner Relation zu anderen Personen.


Einstufige Klassfikationen vermeiden


Vorsätze wie Meta- oder Ur- sind sehr beliebt, weil sie so leicht verständlich sind. Doch sie sind einstufig und nicht rekursiv anwendbar, es liesse sich zwar steigern durch mehrfaches aneinanderfügen, doch damit sinkt die Verständlichkeit. Eine UrUrGroßmutter ist zwar noch verständlich, aber weiß man auf Anhieb wieviele Generationen da involviert sind ? Es sind 5.

Ähnlich kann man zu einer Datenstruktur, eine MetaDatenstruktur haben, eine Strukturbeschreibung. Doch wie beschreibt man die Beschreibung von der Beschreibung? Mit einer MetaMetaDatenstruktur ?

Vorsätze für "Haupt-" und "Neben- " sind ebenfalls Beispiele für Eindimensionalität. Es gibt ein Hauptmenü, ein Untermenü, und das Untermenü vom Untermenü, heißt wieder Untermenü? Sicherlich kann man Definitionen auf sich selbst anwenden. "Ein Verzeichnis kann Teil eines Verzeichnisses sein". Doch dann gehört es nicht in eine Aufzählung mit konkreten Namen, für konkrete Ebenen. Da ist Haupt- und Untermenü keine Aufzählung von Hierarchieebenen sondern nur eine Bezeichnung der Beziehung von Ebenen zueinander. Dieser Weg ist eine Sackgasse und nicht hierarchieoffen.


Nummerierung, wo nötig


Wenn abzusehen ist, das auf einer gewissen Ebene immer wieder neue Elemente hinzukommen werden, ist es günstiger die Elemente mit einer Aufzählung zu benennen, seien es Ziffern oder Buchstaben, wie AB01.

Die Verwendung von Buchstaben hält die Nummerierungen kurz, denn es gibt 26 Buchstaben, aber nur 10 Ziffern, durch eine zusätzliche Ziffer wird die Anzahl der verfügbaren Nummern verzehnfacht, durch einen Buchstaben ver26facht. Auf Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben sollte man jedoch verzichten, das ist mündlich schlecht transportierbar, stellen Sie sich mal vor es gäbe klein-a-3 und groß-a-3.
Mit 2 Buchstaben und 2 Ziffern haben Sie schon 26*26*10*10=67.600 Bezeichnungen. Das reicht oft als Definition von "beliebig viele" aus. Es vermeidet eine Zunahme von Sprechsilben durch das einfügen von "hundert" und "tausend", die bei Bezeichnungen wie KS971 zwangsläufig auftreten werden. Wenn Sie nicht konsequent eine Sprechweise von KS-neun-sieben-eins einführen, wird bald jemand KS-neuhunderteinundsiebzig sagen, was wegen der Vertauschung von Einer und Zehnerstelle viel schwieriger zu notieren ist.

Man benötigt einen Begriff für die Bezeichnung der Ebene, oder der Gruppe von Elementen, und wenn die Anzahl der Elemente bei Projektstart nicht klar ist, sollte man statt Begriffen für die bekannten Elemente zu suchen, eher Regeln festlegen, wie neue Bezeichnungen für Elemente der Gruppe gefunden werden.
IKEA ist wohl die bekannteste Ausnahme von dieser Regel, die erfinden zu jedem neuen Produkt auch einen neuen Namen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, durch wieviele Köpfe eine Bezeichnung gehen wird, wie oft sie gebraucht, und wie lange sie auf der Welt bleibt. Je häufiger ein Begriff genutzt wird, desto mehr Sorgfalt darf man auf die Begriffsfindung aufwenden.
Wenn Sie wirklich versuchen wollen etwas mit 10.000 Elementen per Namen zu identifizieren, dann ist ein Katalog von Vornamen für jedermann die beste Wahl. Eine Liste von Städtenamen wäre auch geeignet.

Vielleicht kann man sich die Konstruktion solcher internen Bezeichnungen von Großkonzernen abschauen und die Scheu vor völlig "zusammenhanglosen" Begriffen verlieren.


Große Hierarchien, Klassfikationen


Für komplexe Modelle braucht man häufig viele verschiedene Abstraktionsebenen. Wenn Hierarchien zwar groß, aber endlich sind, nicht auf Erweiterung ausgerichtet sind, findet man eine gute Nomenklatur wenn wir uns an existierenden tiefen Hierarchien orientieren, deren Aufbau noch dazu weithin bekannt und verbreitet sind.

Taxonomie der Biologie.
Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art, wer es braucht auch noch Zwischenstufen wie Oberklassen und Unterfamilien, als eindeutige Bezeichnung einer konkreten Ebene

Verwendet man diese Kategorisierung auch noch auf Englisch, Französisch oder Latein, kann man gut mit 3 große Hierarchien in einem Projekt umgehen, ohne in Verwechslungsgefahren zu kommen. Schwierig würde diese Methode natürlich bei internationalen Projekten, die von Natur aus in mehreren Sprachen stattfinden.




Exakte Definitionen, Differenzierung, Synonyme

Ist einordnen und einsortieren das gleiche ?
Unsere Sprache ist sehr reich, aber der Reichtum wird dadurch zerstört, das mehrere Begriffe gleichgesetzt werden. Zwei Sachen synonym zu setzen, heißt auf Differenzierung zu verzichten, Worte sind zwar da, haben aber keinen Nutzen. Im Deutschen ist das besonders schwierig, weil aus literarischem Gesichtspunkt Wortwiederholungen als unschön gelten. Im Englischen ist das vollkommen anders.

Nehmen wir mal ein paar Begriffe aus dem Sport-Journalismus.
Der "1. Fußballklub Kaiserslautern", wird bezeichnet als "1. FC", als "Die Roten Teufel", als "die Lauterer"  oder "die vom Betzenberg", die aus dem Fritz-Walter-Stadion, nicht zu vergessen mögliche aktuelle Bezeichnungen wie "Die Tabellensiebten" oder "Der Zweitligameister von 2010".
All diese Wortschöpfungen wurden nur aus reinem Kampf gegen die Langeweile entwickelt, sozusagen ein Mittel des Sprach-Designs.

Ein Außenstehender hat es extrem schwer so etwas zu verstehen. Er muss wissen, das es bei FC um Fußball geht, und sämtliche der oben genannten 5 oder 6 Bezeichnungen, auch wenn sie alleine stehen, mit nichts weiter als einer Fußballmannschaft assoziieren. So eine Sprache grenzt Nicht-Fans eher aus, als es Ihnen erleichtert in ein Themengebiet einzudringen. Wenn es um leichte Verständlichkeit geht, sollte man gleiche Dinge immer gleich bezeichnen. Einen neuen Begriff zu erlernen ist schwer genug, jedes Ding unter 4 Namen zu kennen ist unzumutbar.

Kommen wir zum Ordnen und Sortieren zurück. Was könnte das sein ?
Eine mögliche Definition wäre, das es beim Sortieren auf eine bestimmte Reihenfolge von Elementen ankommt, während es beim Einordnen eher um eine Gruppierung geht, packe das richtige Teil in die richtige Schachtel, aber es ist dann dort egal welche Teile in der Schachtel direkt daneben liegen.

Diese Definition ist jetzt völlig willkürlich gewählt, aber man sieht das es unterschiedliche Vorgänge gibt die unterschiedliche Bezeichnungen benötigen. Die Alltagssprache ist so unscharf, das viele dieser kleinen Unterschiede verloren gehen.
Es ist sehr wichtig, sich innerhalb eines Projektes oder einer Firma auf gemeinsame Begriffe zu verständigen, nur mit einer exakten Sprache ist exakte Kommunikation möglich.

Dabei wird man sehr schnell feststellen, das es viel leichter ist, einen neuen Begriff zu erfinden, einzuführen und durchzusetzen, als über die Bedeutung etablierter Begriffe zu streiten.


Neue Begriffe


Wortschöpfungen werden manchmal als anstrengend empfunden. Lernen ist anstrengend.
Doch viel schwieriger als Neulernen, ist Umlernen. Einen Begriff zu verwenden der schon belegt ist, für etwas von dem doch "sowieso schon jeder weiß was es bedeutet".
Dieses "du weißt schon was ich meine" ist die Grundlage aller Missverständnisse.
Es drückt aus keine Lust zu haben, sich über die Bedeutung von Begriffen detaillierte Gedanken machen zu wollen.

Akronyme, Abkürzungen, Buchstabenfolgen als neue Begriffe sind auch wirklich nicht die beste Wahl. Die Mindestanforderung ist, das ein Begriff sprechbar ist. AIDS merkt man sich sehr leicht, man nimmt es als eigenes Wort wahr, es spricht sich in einer Silbe. DBAG sind 4 Buchstaben (Deutsche Bahn AG), es ist unaussprechbar, jeder Buchstabe muss einzeln benannt werden, die Kommunikation mit diesem Begriff dauert viel länger. 

Es ist dagegen keine Anforderung, das man aus dem Begriff den Inhalt ableiten können muss. Können Sie aus dem Begriff "Baum" ableiten ob es sich dabei um ein Tier oder ein Gebäude handelt ? Nein. Es ist erlernt.
Ein etwas moderneres Beispiel: Was stellt man sich unter "Amazon CreateSpace" vor? 
Es ist der PrintOnDemand Dienst von Amazon. Das ist nicht am Begriff zu erkennen.
Aber der Begriff ist eingeführt und jeder der darüber redet weiß worum es geht.
Mehr Aufgaben hat ein Begriff nicht.


Zustände und Tätigkeiten müssen erkennbar sein.


"Struktur" und "Strukturieren" ist eine schlechte begriffliche Kombination. Ist das Ergebnis des Strukturierens die Struktur, oder strukturieren wir nach einer vorgegebenen Struktur?
Derlei Wortspiele sind schwierig, insbesondere weil Verben auch Vergangenheit und Zukunft ausdrücken können.

Wir überführen etwas von A nach B, transponieren nach C und assemblieren es danach zu D. Wäre eine deutlich eindeutigere Wortwahl. Sie klingt etwas gestelzt, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, ist damit eine sehr konkrete schnelle kurze Kommunikation möglich. Transponierung läßt jeden wissen, es geht um Ebenen B und C.

Spätestens wenn jemand substantivierte Verben verwendet, die Tätigkeit mit einem Begriff bezeichnet, ist der Zeitpunkt gekommen an dem das Chaos ausbrechen wird, wenn schon vorab Objekte und deren Entstehungsgeschichte aus nur einem Wortstamm abgeleitet wurden.

Phonetische Ähnlichkeiten vermeiden 

Kein Mensch verwechselt Stalagmiten und Stalaktiten wenn er davor steht.
Die "Zapfen die von oben herab hängen", sind an der Decke
Und "Zapfen die am Boden stehen", findet man unten.
Ich habe nur die Bezeichnungen ausgetauscht, und schon wird die Aussage so trivial, das niemand mehr widersprechen kann.

Die häufige Verwechslung dieser beiden Wörter rührt einzig daher, das Sie sich nur in einem Buchstaben unterscheiden. Um so besonderer wird es hervorgehoben, wenn jemand dann doch unterscheiden kann, was was ist. Es wird zu einer besonderen geistigen Leistung, mit Eselsbrücken und dergleichen.

Wenn wir eine neue Begriffswelt etablieren, sollten wir auf Unterscheidungen, die Eselsbrücken brauchen, um sie sich zu merken, von vornherein verzichten.


Gleiche Anfangsbuchstaben vermeiden


Haben Sie schon einmal in einer Software ein umfangreiches Menü, mit mehr als 20 Punkten, betrachtet ? Wenn Sie so etwas häufig verwenden, lesen sie nicht jedesmal alle 20 Punkte durch, um zu Finden was Sie suchen. Man liest schnell, man nimmt nur noch die Anfangsbuchstaben wahr. Das Wort wird nicht mehr vollständig in Buchstaben zerlegt und aufgenommen, wir haben ein Bild des Wortes im Kopf, nicht eine Vorstellung des Inhalts, wirklich ein Bild der Buchstaben. Wir scannen die Liste nur noch flüchtig nach einem bestimmten optischen Muster.

Etwas ähnliches passiert auch beim "Quer-" oder "Diagonallesen". Wenn der Kontext einmal bekannt ist, reicht es aus von jedem Satz nur noch die langen Wörter zu lesen, und von jedem Wort nur noch die ersten Buchstaben. Den Rest kann man sich herleiten, im Kopf auffüllen, und das klappt meist ziemlich gut. Herleiten geht schneller als Lesen.

Schreiben Sie nicht Brautkleider neben Brausepulver, sofern es sich vermeiden läßt. Falls es alternative Begriffe gibt verwenden Sie sie. Ein Hochzeitskleid oder Limonade sticht vielleicht mit eigenständigen Anfangsbuchstaben optisch besser hervor, aber es genügt einen der beiden Begriffe zu ändern.

Sie werden zwar sagen, wenn man etwas alphabetisch sortiert, wird genau das passieren,
aber es geht hier eher um das tägliche Sprechen, um Projektberichte, um Kommunikation, als um Listen von Begriffen. In einer alphabetischen Liste nach etwas zu suchen ist ein anstrengender Vorgang der viel Konzentration und aktive Gehirnleistung benötigt. Das Wiedererkennen von Bildern ist ein unbewusster schneller Vorgang, der fast unbewußt "nebenbei" stattfindet, in etwa so wie das Schalten und Kuppeln beim Autofahren.

Bei 26 Buchstaben und einer Liste von 20 Begriffen, wäre es vielleicht zu viel verlangt, das jeder Anfangsbuchstabe nur einmal auftaucht, aber man sollte es versuchen, und als nächstschwächere Forderung wenigstens eine Eindeutigkeit in den ersten zwei Buchstaben erzielen. Gerade "St" und "Sch" sind problematisch, das sind Worte bei denen der Lesevorgang sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Man erkennt erst am 4. oder 5. Buchstaben um was es denn geht.

Bei der Menügestaltung einer Software macht man sich diese kognitiven Effekte oft zu nutze, in dem man vor jeden Menüpunkt ein eigenes Icon setzt. Ein kleines Bildchen baut im Gehirn ca. 10mal schneller eine Assoziation mit dem Inhalt auf, als ein geschriebenes Wort. Als Notbehelf verwendet das Gehirn aber das Wortbild selbst, so als wäre es ein Icon.

Inhalt und Bewertung Trennen

Deuten Sie mit der Bezeichnung einer Sache, nicht auch gleich die Bewertung einer Sache an.

Messen Sie die Temperatur, nicht die Wärme oder Kälte.
Berechnen Sie Ihr Betriebsergebnis, nicht Gewinn oder Verlust.


Seien Sie schnell und selbstbewußt  


Schreiben Sie ein Glossar, verwenden Sie "Ihre Begriffe" in "Ihrem Kontext" mit "Ihrem Inhalt". Je selbstverständlicher Sie dabei auftreten, desto eher wird es akzeptiert werden.

Diskussionen bringen keinen tieferen Nutzen, sie kosten nur unnötig Zeit.
Sie könnten auch diskutieren, ob Paul ein guter Name für das Kind von Tom und Julia ist.

Mit Hilfe von Thesaurus und Fremdwörterbüchern lassen sich in kurzer Zeit schnell viele Begriffe finden. Das Ausweichen auf Englisch, Französisch, Latein und Griechisch ist sehr beliebt, um Nuancen zu differenzieren.

Das wirklich Schwierige am Entwickeln einer Fachsprache ist, zu erkennen welche Dinge es in der Projektwelt überhaupt gibt, herauszufinden welche Vorgänge, welche Subjekte bedürfen einer Bezeichnung.

Häufig wird das "Learning by Doing" gemacht - "Kommt Zeit Kommt Rat", Wenn Bedarf entsteht wird Bedarf befriedigt.  Doch man hat viel mehr Freiheitsgrade in der Gestaltung und Abgrenzung wenn man es schafft, alle benötigten Begriffe auf einmal zu definieren.

Begriffe die man einmal in die Welt "entlassen" hat sind fast unmöglich zurückzunehmen, oder nachträglich in Ihrer Bedeutung zu verändern.


Wenn nichts mehr geht


Zum Abschluss noch eine Notlösung, für diejenigen die kurz vor der Verzweiflung stehen, weil Ihnen für neue Dinge keine neuen Begriffe einfallen.
Man nehme einen Passwort-Generator, stelle Ihn auf 8 Zeichen und "leicht zu merken" ein, und man bekommt wunderbare sprechbare Worte generiert, wie wucanosi und sifoceme. Suchen Sie sich einfach was schönes raus und geben Sie dem Wort einen Sinn.

Freitag, 20. September 2013

Die Folgen von 75% Einkommenssteuersatz

Sowohl von den deutschen, als auch den französischen Linken hört man immer wieder die Forderung nach 75% oder 100% Steuersatz, ab einem gewissen Mindesteinkommen.

Als Momentaufnahme mag das sinnvoll erscheinen, jemand hat etwas, das man ihm wegnehmen kann. Es wird jedoch selten beachtet dass ein so besteuerter Mensch sein Verhalten ändert.

Der Vorsatz Gewinne zu machen, ist nicht naturgegeben oder unerschütterlich für einen Unternehmer. Gewinne macht man nur, wenn man sie auch behalten und für selbstbestimmte Zwecke verwenden darf. Das ist die Haupttriebkraft ist, um überhaupt wirtschaftlich tätig zu sein. Um „arbeiten zu gehen“. Je höher der Steuersatz, desto weniger „Lust“ hat man überhaupt etwas zu leisten, überhaupt Einkommen erzielen zu wollen.

Warum sollte sich jemand auf unternehmerisches Risiko einlassen, wenn er nicht mehr verdienen darf als ein besserer Angestellter? Als Angestellter hat man mehr Sicherheit, Sicherheit, dass das Einkommen nicht so stark fällt, auch Sicherheit, dass das Einkommen nicht so sehr steigt. Für einen Unternehmer ist die Welt in beide Richtungen offen, solange er das Risiko des Totalverlustes trägt, muss er auch die Möglichkeit beliebig hoher Gewinne haben.

Spass mit Betriebsausgaben
Wer Gewinne verhindern will, zieht möglichst viel Nutzen, wie z.Bsp. Prestige, aus seinen betrieblichen Ausgaben.
  • ein Maserati, statt nur einer S-Klasse
  • ein Mahagoni-Schreibtisch, statt Akazie
  • eine Besprechung wird auf den Bahamas abgehalten, anstatt im Bürohochhaus in Frankfurt
  • Den Picasso hängt man ins Büro, statt in die Privatwohnung
  • Aus dem Essen mit Freunden, wird eine geschäftliche Einladung eines potentiellen Kunden

Viele dieser Dinge werden heute schon praktiziert, je höher die Steuern steigen, desto höher wird der Anreiz für weitere Unternehmer, so zu denken.

Spenden und Stiftungen sind eine weitere Alternative, mit betriebsfremden Ausgaben die Steuern zu reduzieren. Da gründet man an der Coté d Azur ein Kinderheim für krebskranke Kinder und schon kann man 2-3mal pro Jahr eine Dienstreise an die Coté d Azur machen, wiederum steuerlich gefördert. Man läuft hier sicherlich Gefahr viele gute gemeinnützige Einrichtungen über einen Kamm zu scheren aber die Vielzahl von gemeinnützigen Vereinigungen läßt diesen Verdacht zu.

Warum haben gerade so viele erfolgreiche Ex-Sportler so viele dieser Stiftungen? Reine Selbstlosigkeit ist es wohl nicht, es liegt immer die Idee dahinter: bevor ich es dem Finanzamt gebe, stifte ich es eher für mir bekannte Zwecke und behalte die Kontrolle über mein Geld.

Im Einzelfall ist gegen derartige Initiativen nichts einzuwenden, doch in Ihrer Vielzahl bedeutet es, anstatt der Staat entscheidet was mit dem Steuergeld geschieht, entscheidet der einzelne Steuerzahler darüber was mit dem Geld geschieht, bevor es überhaupt zu Steuergeld geworden ist.  Anstatt das eine zentrale Stelle Gelder an alle Kinderheime gleichverteilt, werden einzelne Spendenempfänger bevorzugt.

Wenn ich entscheide 100 € zu spenden, gibt mir das Finanzamt heute 30 € „zurück“. Bei Personen mit hohem Einkommen sind es sogar 50 €. Mit einem Steuersatz von 75% verzichtet das Finanzamt auf 75 € Einnahmen, wenn es die Spende von 100 € akzeptiert.

Während ich bei 100€ mit 30% Steuern geneigt bin die 100 € zu versteuern 30 € zu zahlen und 70€ zur freien Verfügung zu haben, würde ich bei 75% Steuersatz eher überlegen, „Ich entscheide selbst wofür  die 75€ Steuern verwendet werden, ich lasse es einer Verwendung meiner Wahl zukommen, habe daraus vielleicht einen indirekten Nutzen, bekomme einen Blumenstrauß, eine Urkunde, Ansehen" oder etwas in dieser Art. Hohe Steuersätze sind gut für die Spendenbereitschaft, aber sie senken das Steueraufkommen.

Was wäre bei einem Steuersatz von 100%? Die Überlegung des Unternehmers lautet: Gebe ich 5000€ dem Finanzamt, oder kaufe ich mir für 5000€ etwas für die Firma, auf das man vielleicht bisher verzichtet hat. Natürlich wird sich JEDER für die Ausgaben für die Firma entscheiden. Der Gewinn geht gegen Null, das Steueraufkommen sinkt auf Null.

Der Steuersatz gibt an, mit wieviel Prozent sich das Finanzamt an Ausgaben beteiligt.
Eine 100€ Spende bei 75% Steuersatz,  läßt mich 75€ weniger Steuern zahlen.
Eine 5000€ Investition bei 100% Steuersatz, läßt mich 5000€ weniger Steuern zahlen.
Härter formuliert: Das Finanzamt zahlt mir die Investition.

Diese Idee ist nicht neu: Wie man lesen kann stammen die Grundzüge schon von 1728.

Este at the German language Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Ich wende mich explizit nicht gegen Steuererhöhungen. In einem gewissen Rahmen, vielleicht bis maximal 55%, darf man darüber nachdenken. Aktuell haben wir unter 50%. So etwas wie der Solidaritätszuschlag wurde nur erfunden, um eine Steuererhöhung nicht Steuererhöhung zu nennen. Ein großes und eher schmerzfreies Potential wird jedoch schon darin liegen, die vorhandenen Steuern mit weniger Ausnahmen oder mehr Kontrolle einzutreiben und Steuergelder mit mehr Verstand einzusetzen.

Montag, 16. September 2013

Die Piraten: Eine gekidnappte Partei

Die negativen Auswirkungen eines umfassenden Parteiprogrammes

 Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vor 2 Jahren haben die Piraten 9% gewählt. Damals galten die Piraten als „Neu“, „Modern“, als „Partei der Freaks, Nerds und Geeks“. Aber sie wurden auch abwertend als 1-Themen-Partei bezeichnet, als noch nicht so richtige Partei, ganz ohne Parteiprogramm.

Auf dem Gründungsparteitag 2012 wurden dann alle offenen Fragen geklärt, alles festgezurrt "bitte sagt jetzt was ins Parteiprogramm soll - oder schweigt für immer".

Und nun schweigen die Menschen, das heißt sie geben Ihre Stimme nicht mehr für die Piraten ab. Man sperrt die Wirtschaftsintelligenz aus mit "bedingungslosem Grundeinkommen". Man sperrt die religiösen aus mit "Privatisierung der Religion". Man sperrt Künstler, Autoren, Wissenschaftler und Softwareentwickler mit dem Verzicht auf das Urheberrecht aus. Wer bleibt dann als Wählerschaft noch übrig? Atheistische Geringverdiener die das auch auf ewig bleiben wollen? Diese innere Zerrissenheit hat sich lange in den Konflikten der „Spitzenpolitiker“ untereinander manifestiert.

Sich festzulegen, auf jede Frage eine Antwort zu haben, schließt jeweils Diejenigen aus, die auf diese Frage für Sich bereits eine andere Antwort gefunden haben. Wer bereits herausgefunden hat, das seine Ziele durch andere Parteien nicht vertreten werden, hat bei einer Partei ohne Antworten eher die Hoffnung vertreten zu werden, als in einer meinungs-geschlossenen Gesellschaft.

Es kamen andere Strömungen hinzu, die die ursprünglichen Parteiinhalte dominieren. Ich finde keine Nerds mehr in der Partei, nur noch Schimpftiraden und wirtschaftlich unfundierte Anarcho-Slogans, die das Schlaraffenland herbeiträumen. Man wollte gegen die abwertende Bezeichnung „1-Themen-Partei“ angehen, hat sich dabei aber zu sehr festgelegt und dabei sogar das eine Thema aus den Augen verloren.

Die Piraten waren eine Nerd-Partei, eine Partei der Netz-Affinen, sie wurde als Facebook- und Twitter-Partei tituliert. Damit hatten Sie in Berlin Erfolg. Bis auf der Nutzung dieses parteiinternen Kommunikationsweges, findet sich im Wahlprogramm davon rein gar nichts wieder. Kein eGovernement, keine Online-Wahlen, keine Online-Heimarbeitsplätze als Alternative zu Kinderkrippen, wo sind die netzaffinen Themen geblieben ? Alle gekidnappt zugunsten linker Inhalte.

Es gibt so viele Dinge die man mit einem Smartphone tun kann, bei denen der Staat aber nicht unterstützt, oder gar aktiv verhindert, dass man es auch wirklich tut. Das wäre eine attraktive Kernbotschaft für die Piratenpartei.

Themen wie "bedingungsloses Grundeinkommen" "Nehmt den Reichen gebt den Armen" sind linksorientierte Themen, die die Partei jetzt dominieren.

Wer keine Bosse mag soll sich bitte selbständig machen, und nicht auf Bosse schimpfen. Gründerinitiativen wären ein Thema für die Piraten. Nerds arbeiten gerne selbständig, insbesondere arbeiten sie gerne, und dank Fachkräftemangel bei Netz-Affinen ist Arbeitslosigkeit eigentlich überhaupt kein Thema.

Nur leider gibt es kein Podium für Selbständige sondern nur Foren für Selbstverwirklicher, die einen Zusammenhang zwischen Leistung und Einkommen als unangenehm empfinden. Freigeister, Hedonisten, Nerds sind gerne selbständig, gerne nutzstiftend für jemanden. Ich sehe auch das Urheberrecht nicht als Kernthema, auch wenn es damit zu Napsters Zeiten vielleicht einmal damit begonnen hat.

Dass das Thema „Transparenz“ nicht bis zur Unendlichkeit ausgeschöpft werden kann, dürfte inzwischen auch den Piraten klar geworden sein. Wenn jeder alles jederzeit und öffentlich sagen darf, weiß ein Außenstehender nicht mehr welche Aussage ist denn nun Meinung der Partei, und welche die einer Einzelperson. Das einzige was bei vollständiger Transparenz nicht öffentlich wäre, ist ein unausgesprochener Gedanke und das will doch wohl niemand. Kann die Welt ohne Vertraulichkeiten auskommen? Wie kann man sich denn gleichzeitig für Transparenz und gegen Abhören aussprechen? Beides enthält die Aufforderung an eine Person doch bitte seine Gedanken offenzulegen.

Die "Piraten der ersten Stunde" haben Spielraum gehabt, besetzt und eingeengt. Nachfolgenden bleiben deutlich weniger Freiheitsgrade.

Neugiere, systemoffene dynamische Menschen, lassen sich doch nicht gerne fertige Ziele vorsetzen, die wollen selbst gestalten. Je enger man sich in einem Parteiprogramm festlegt, desto kleiner werden die Gestaltungsspielräume.

Die zentralen Themen waren ehemals die Unterschiede in der Lebenswirklichkeit zwischen Politik und (jüngerer) Bevölkerung, der „Netzbevölkerung“

  • Warum kann ich eine Banküberweisung zu Hause machen, aber für meine Stimmabgabe muss ich irgendwo hinlaufen, ins Wahllokal oder zum Briefkasten.
  • Warum schicken so viele Behörden so viele Briefe, das ist Umweltverschmutzung, Steuergeldverschwendung, erreicht den Empfänger nur wenn er auch zu Hause ist, dauert 2 Tage. es gilt aber trotzdem als zugestellt. Obwohl eine E-Mail auch jemanden der mal ebend 3 Monate in Mallorca wohnt binnen 2 Sekunden und völlig kostenlos erreichen würde.
  • Warum gibt es Aushänge im Rathaus?
  • Warum druckt eine Stadt Flyer und Image-Broschüren mit höherer Priorität als sie Web-Seiten pflegt.

Jetzt enthält das Programm sogar einen Punkt für „Kleine Landwirtschaftliche Betriebe“. Warum setzt sich die Piratenpartei für Kleinbauern, aber nicht für kleine Bäcker, kleine Handwerker oder kleine Buchhandlungen ein? Sind das eine Ökoaktivisten und das andere böse Kapitalisten?

Dass das Finanzamt die Kirchensteuer eintreibt halte ich auch für diskussionswürdig, aber je größer man sich dieses Ziel auf die Fahnen schreibt, desto mehr verschreckt man natürlich Christen. Weil das Eintreiben der Kirchensteuer so gut funktioniert, hat Deutschland die meisten Kirchenaustritte in ganz Europa. Die einzige Möglichkeit sich der Zahlung zu entziehen. Vielleicht ist es doch das bessere Ziel, dass sich die Menschen von der Kirche trennen, und nicht nur der Staat ?!

Etwas gegen Besserverdiener zu haben, ist nichts weiter als die schlichte Aussage, von Besserverdienern nicht gewählt werden zu wollen und kein Besserverdiener werden zu wollen, sondern zu bleiben was man ist. Das ist eine gruselige Lebenseinstellung, die fast schon Resignation ausstrahlt.

Jeder der in Deutschland lebt soll in die Rentenkasse einzahlen. Hat auch jeder der in Deutschland lebt Anspruch auf Auszahlung? Darf man auch woanders leben und eine Auszahlung bekommen?  Sicher ist nur wenn man sich auf irgendeine Weise einen Anspruch auf Rente erworben hat, entweder durch Wohnsitz oder durch Einzahlung eines einzigen Euros, dann hätte man Anspruch auf eine Mindestrente. Das Bewusstsein, mit solchen „freundlichen“ regionalen Regeln Migrationsanreize zu schaffen, ist nur sehr spärlich ausgeprägt.

Die Europapolitik ist eher schwammig. Die Piratenpartei ist eine skandinavische Erfindung und eine „europäische Idee“. Aber gleiches Recht für alle Europäer steht nicht im Parteiprogramm, 95% der Inhalte beziehen sich nur auf Deutschland, wie soll man jemals zu den Vereinigten Staaten von Europa kommen, wenn kein Mitgliedsstaat und keine Partei in einem Mitgliedsstaat sich jemals den Verzicht auf eigenen Kompetenzen,  auf eigene Rechte, auf die Fahnen schreibt? Viele durch die Migration ausgelösten Probleme wären nicht vorhanden, wenn es nicht so viele regionale Eigenheiten gäbe, wenn der Spanier in Hamburg gleichberechtigt mit dem Bayern in Hamburg wäre, bezüglich Rentenrecht, bezüglich Sozialansprüchen, bezüglich Arbeitslosengeld.

Urheberrecht: Als Autor und Softwareentwickler weiß ich nicht genau, wie sich die Piraten das vorstellen mit solchen Produkten Einkommen zu erzielen. Sobald das erste Exemplar verkauft ist, darf jeder alles kopieren wie er will, ein zweites Exemplar wird niemand kaufen. Wo ist die Grenze zwischen privat und beruflich? Ein Handbuch für Kleingärtner darf frei kopiert werden, eines für Gartenbaubetriebe nicht? Warum sollte ein Autor sich die Mühe machen so ein Buch für „Privatleser“ überhaupt zu schreiben? Nur wegen Ruhm und Ehre, wie bei einem Blogger ?
Ein „fairer Ausgleich“ wird versprochen, das heißt „Bestseller“ werden verboten? Wer 10.000 Stück verkauft, darf davon nicht profitieren, der Autor bekommt das Gleiche wie jemand der nur 10 Stück verkauft? Wie soll sich denn Qualität und Anspruch entwickeln? Wie will man denn Gut und Schlecht, Erfolg und Misserfolg unterscheiden, wenn nicht über Verkaufszahlen und Zahlungsbereitschaft?
Freier Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen klingt erstmal sehr ehrbar und fair, aber ist denn niemand zu dem Gedanken in der Lage, dass der Forscher mit seiner Forschung überhaupt nicht beginnt, wenn er nicht die Chance hat, Gewinne daraus zu ziehen? Spielt denn jemand Lotto, wenn er im Erfolgsfall den Gewinn mit der Allgemeinheit teilen müßte, weil das doch fair und anständig wäre? Die Gewinne werden sozialisiert, die Risiken bleiben privat, lautet die äußerst naive Forderung der Piraten.

Ich übersetze das Wahlprogramm mal so: Privates geistiges Eigentum wird verboten, aber die Öffentlichkeit wird verpflichtet jegliches geistige Produkt jedem Schöpfer abzukaufen. Das wird ein Schlaraffenland für jede Art Selbstdarsteller.
Wahrscheinlich soll ich kostenlos arbeiten, denn ich habe ein "bedingungsloses Grundeinkommen". Das war auch der Traum im Kommunismus. „Wenn alle fleißig sind, wird für alle genug da sein“. Anscheinend will man die Linkspartei noch Links überholen.

Schlaraffenland, Pieter Bruegel via Wikimedia Commons

Wahlkampf: Warum hängen die Piraten Plakate auf? Gibt es eine Untersuchung das das irgendeine Wählerstimme bringt, oder machen die das nur weil alle anderen es auch tun? Will man denn nun anders sein, oder nicht ? Sind die Zielgruppe nicht die sozial Vernetzten? Findet man die nicht eher im Netz als am Straßenrand? Angeblich stehen die Piraten sogar in Fußgängerzonen, aber die ebay-shopper und kindle-Leser wird man wohl dort kaum finden. Warum schaltet die Partei keine Anzeigen um auf die Partei aufmerksam zu machen, so erreicht man die Fans. Sogar im Netz muss man den Piraten hinterherlaufen, wenn man was von Ihnen wissen will. Es gibt keinen anderen Mechanismus der Internet-Nutzer aktiv anspricht, außer Internet-Werbung.

Vielen Vertretern der Piratenpartei traue ich nicht zu, wirtschaftspolitische Modelle zu verstehen, geschweige denn zu gestalten und durchzusetzen oder sich mit andauerndem enerviertem Gepöbel gegen "Reiche", "Bonzen", "Besserverdiener" irgendwelche Freunde zu machen. Es gibt wenige positive Ausnahmen.

Als die Piraten in das Berliner Parlament eingezogen sind, waren Sie noch neu, jung, modern und "offen für alles". Jetzt ist es mehr und mehr eine „Dagegen!“ statt einer „Dafür!“ Partei geworden. Von kreativen Vorschlägen für Neues blieb nur Kritik an Altem ergänzt mit Ideen vom Schlaraffenland, was bekanntermaßen dazu geführt hat, das alle satt, müde und träge wurden.



Donnerstag, 5. September 2013

Multitasking im Projektgeschäft

Wie kann ein Projektmanager Multitasking erleichtern oder was kann man sich selbst zumuten.

Die Frage ob jemand Multitasking-fähig ist, das heißt in der Lage mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ist nicht pauschal für einen Menschen beantwortbar, sondern hängt von vielen äußeren Faktoren ab.

Zunächst einmal soll es nicht um das „echte“ Multitasking gehen, das man während des Telefonierens noch die Blumen gießen könnte. Es geht um Projektgeschäft, darum mehrere Projekte über einen Zeitraum von mehreren zu Monaten, aber täglich mit 3-4 dieser Projekte zu tun hat, und vielleicht alle 2 Stunden oder auch alle 15min die Task wechselt.

Multitasking entsteht im Projektgeschäft  dadurch, dass man entweder von externen Vorgängen abhängig ist, auf die man warten muss und „zwischenzeitlich“ eine alternative Beschäftigung sucht, um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, oder dadurch, dass es unmöglich ist, nach dem Ende eines Projektes sofort ein Anschlussprojekt zu finden. Es kommt zwangsläufig zu zeitlichen Überlappungen. Multitasking ist nicht der angestrebte Sollzustand,  Multitasking ist die Notlösung für diese beiden übergeordneten Probleme. In beiden Fällen geht es um die Überbrückung oder Vermeidung von Wartezeit, also um die Effektive Auslastung von Ressourcen. Doch Auslastung und Überlastung liegen bei Menschen nahe beieinander. Man versucht sich möglichst nahe an 100% anzunähern, ohne die 100% zu überschreiten, und auch ohne zu wissen wie viel 100% überhaupt sind, wie hoch die Belastbarkeitsgrenze eines Menschen überhaupt liegt.

Der Mensch ist ein Single-Core-Prozessor. Auch in der Informatik hat das Multitasking mit präemptivem, das heißt unterbrechendem, Multitasking begonnen, mit einem schnellen Wechsel von Task zu Task. Erst viel später kam mit den Multi-Core-Prozessoren die Möglichkeit zu echter Parallelität. Der Mensch kann leider nicht darauf warten, dass ein Schöpfer oder die Evolution ihm einmal ein zweites Gehirn schenkt, er wird bei seinem Single-Core bleiben.  Das einzige „echte“ Multitasking das er realisieren kann sind Vorgänge zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, Sprechen beim Autofahren, Blumengießen beim Telefonieren, leichte Routine-Arbeiten.  Ganz abgesehen natürlich von willentlich nicht steuerbaren Vorgängen wie atmen, verdauen und schwitzen. In diesem Sinne sind Menschen ganz großartige Multitasker, doch hier soll es vorrangig um geistige Leistungen gehen, um Multitasking des Verstandes.

Das Rollenmodell hat die Trennung von Arbeitsinhalt und Person möglich gemacht, ein Mensch widmet sich immer seltener 8 Stunden pro Tag der immer gleichen Aufgabe, und empfindet es in Grenzen sogar als positiv, etwas Abwechslung zu haben. Bei manchen Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Schreiben eines Buches, wirkt jedoch Abwechslung als störend, da will man nicht „nebenbei“ noch seine Steuererklärung machen oder über das Buch eines Kollegen diskutieren. Je komplexer die Arbeit, je voller der Kopf mit einem einzelnen Thema gefüllt sein muss um die Arbeit überhaupt realisierbar zu machen, desto störender Wirkungen Ablenkungen, desto störender wirkt abverlangtes Multitasking.

Wann und ob jemand zu Multitasking in der Lage ist nehmen die meisten Menschen von sich selbst nicht wahr. Auch nicht, dass es gleichzeitig als Belastung und als Entspannung gesehen werden kann. Wir kommen nach dem eintönigen Job nach Hause und fahren die Tochter noch auf den Tennisplatz. Von der Zeitbelastung her konkurrierende Jobs, doch wir wechseln Orte, wir wechseln Personen, wir wechseln sogar die Begründung, warum wir den Job machen, von Finanzfreuden zu Familienfreuden. Jeder ist in diesem Sinne Multitasking-fähig.

Selbst das Foto vermittelt schon eine falsche Botschaft. 6 Jobs mit 6 Händen und 6 Geräten auszuführen, wäre deutlich leichter, als 6 Jobs mit 2 Händen auf nur einem Gerät.


Multitasking fällt umso leichter, je mehr Umweltfaktoren sich beim Taskwechsel gleichzeitig ändern.

Ein Bäcker der nach den Kürbiskernbrötchen sofort den Brezelteig ansetzen soll, hat es beim zweiten Teig wesentlich schwerer sich zu erinnern „ist da jetzt schon Salz am Teig“ oder nicht, weil er an diesem Tag schon einen Teig gesalzen hat und es jetzt nur noch darum geht, ob er es heute schon einmal oder zweimal getan hat, ein reiner Zählvorgang, das visuelle Gedächtnis an die Situation – bin ich heute schon mal zum Salznapf gelaufen - habe ich den Kollegen der da gewöhnlich in der Nähe arbeitet heute schon begrüßt – all diese Assoziationen sind wertlos, wenn das „ob überhaupt“, umgewandelt wird in ein „wie oft“. Multitasking wird leichter, je verschiedener die Tasks sind. Es wäre für den Bäcker viel weniger anstrengend zwischendurch eine Lieferung an einen Kunden auszufahren, er würde das als angenehme Abwechslung, als geistige Entlastung und weniger als Belastung empfinden.

Man muss aber nicht zwingend den Arbeitsinhalt ändern, der Effekt tritt auch dann auf, wenn die Arbeitsinhalte scheinbar identisch bleiben, und man nur die äußeren Umstände ändert.

Ein Architekt, der gleichzeitig an 10 Häusern baut, fährt von Baustelle zu Baustelle, wechselt Personen, Orte, Zeiten. Er nimmt unbewusst die Natur wahr, das Wetter, die Verkehrssituation, er verknüpft viele Erinnerungen mit einem konkreten Projekt. Wenn er einen Anruf bekommt wird es ihm nicht wirklich bewusst, ob er weiß wer dran ist, weil er den Namen am Display liest, den Namen im Gespräch gesagt bekommt, oder ob er einfach die Stimme nach 3 Worten erkannt hat. Er hat sofort eine Zuordnung, bei dieser Person geht es um dieses Projekt, die Klärung des groben Gesprächsgegenstandes ist gänzlich überflüssig.  Diese Assoziation führt auch dazu, dass es für den Architekten unnötig ist, sich das Gesicht des Bauherrn zu merken. An einer konkreten Baustelle rennt nur einer herum, der sich benimmt wie der Bauherr und es reicht vollkommen aus, den Menschen und seinen Namen mit dem Ort zu verknüpfen, und nicht unbedingt mit seinem Gesicht. Es passiert relativ häufig, dass wir Personen in fremder Umgebung nicht mehr zuordnen können, nicht mehr wissen woher wir sie kennen. Wenn der Architekt einen Kunden im Kaufhaus trifft, weiß er vielleicht noch „den hast Du doch irgendwo schon einmal gesehen“. Wir interpretieren das oft als Vergesslichkeit, doch in Wahrheit war die Information noch nie abgespeichert, sie war bisher nicht erforderlich.

Als Krankheitsbild nennt man dieses Verhalten Autismus, man ist nicht mehr in der Lage einen ganzen Pool an Merkmalen zu nutzen, um Dinge auseinanderzuhalten. Deswegen können Autisten oft größere Genies sein, als „normale Menschen“. Sie brauchen Ordnung, Sie kollabieren bei einem Taskwechsel sofort, bekommen dafür aber den Luxus sich auf einen einzigen Job vollständig konzentrieren zu können. Kein Wunder, das SAP jetzt diese Art Menschen vermehrt einstellen will, andererseits schade, das anderen Menschen einfach nicht erlaubt wird, etwas mehr Autist zu sein und Multitasking strikt zu verweigern.

Wir bilden uns zwar ein, wir erkennen Personen am Gesicht, doch in den meisten Fällen werden Stimme, Gang, Figur, Ort, Gesprächsthema als unbewusste Wiedererkennungsfaktoren mit einbezogen. Wir erkennen niemanden an einem Einzelmerkmal, sondern an der Kombination von Merkmalen. Da ruft mich einer wegen Thema X an? Na das kann ja nur der Y sein. Wenn das Muster einmal nicht aufgeht, kommt es nach 3min Telefonat zu Sätzen wie „entschuldigen Sie bitte, wer sagen Sie sind Sie?“  Langwierige Vorstellungen, Klärungen worum es geht, werden aus Effizienzgründen erst einmal weggelassen, man will sich nicht gegenseitig langweilen. Ein paar wenige Merkmale reichen für einen Taskwechsel aus – und wir müssen nicht aktiv entscheiden welche Merkmale, es geschieht völlig unbewusst.

Nehmen wir als Gegenbeispiel einmal Ärzte oder Anwälte. Beide eher ortsgebunden, den ganzen Tag im gleichen Raum, wahnsinnige Multitasker, alle 10min ein neuer Fall. Mit dem Abspeichern von Namen und Gesichtern sind sie zumindest bei den ersten 1-2 Treffen vollkommen überfordert. Die Arbeit wird so organisiert, dass das Abspeichern überflüssig wird. Alles wird penibel aufgeschrieben, es wird nicht mal versucht sich irgendwas zu dem Fall zu merken, es passiert manchmal unabsichtlich nebenbei.  Wenn die Akte nicht vorhanden ist, kann man zu dem Fall nichts sagen. Diese Art Multitasking ist wie Fließband-Arbeit in Time-Slots.  Man benutzt einfach sein Gedächtnis nicht für das Tagesgeschäft, sondern nur für das Wissen aus dem Studium  und kann unbeschwert um 18 Uhr nach Hause gehen. Es ist alles aufgeschrieben, man kann es ohne Sorgen vergessen. Ein sehr mechanistischer, aber wirkungsvoller Ansatz für Massive-Parallel-Projekting, wenn man das vielleicht so nennen wollte. Für Projekte in denen es um Kreativität und nicht nur um Frage-Antwort-Spiele geht, ist dieser Grad der Parallelisierung nicht erreichbar und auch nicht anzustreben.

Fazit

Es ist deutlich leichter die gleiche Sache 20mal parallel zu erledigen, wenn man Sie mit 20 verschiedenen Personen erledigt, oder an 10 verschiedenen Orten, wenn sich möglichst viele Umweltfaktoren gleichzeitig ändern und sich somit einem konkreten Projekt assoziieren lassen. An Faktorkombinationen erinnert man sich leichter, als an Einzelfaktoren, und Erinnerung ist notwendige Voraussetzung für die temporäre Unterbrechung eines Projektes und die Wideraufnahme eines unterbrochenen Projektes. Nur in sehr gleichförmigen, routinierten Projekten lässt sich das Gedächtnis durch gute Dokumentation entlasten und unterstützen.

Diese kognitiven Grenzen des menschlichen Gehirns muss man bei der Verteilung von Aufgaben beachten. Im Projektmanagement nennt man zwar alles „Ressource“, egal ob es sich um ein Zimmer, einen Menschen, oder einen Computer handelt. Doch jede dieser Ressourcen kann verschieden gut mit verschieden schnellen Wechseln von zugeordneten Projekten umgehen. Projektmanagementsoftware die das berücksichtigt ist mir bislang nicht bekannt.



Mittwoch, 4. September 2013

Brauchen wir die FDP noch ?

Ich finde Apfelschorle ganz OK, aber braucht man Apfelschorle mit Bio-Äpfeln, Diät-Apfelschorle, Apfelschorle ohne Zuckerzusatz, Apfelschorle mit Zuckerersatzstoffen,  Apfelschorle aus Konzentrat und Apfelschorle aus Direktsaft? Wenn der Marktanteil eines Produktes so klein wird, das sich die Logistik dafür nicht mehr lohnt, nimmt man es gewöhnlich vom Markt, zumal die Unterschiede zwischen den Produkten nicht wirklich spürbar sind, und man nur der Aufschrift vertrauen muss.

Es wäre schön, wenn Parteien das auch so sehen würden, aber es gibt leider niemanden der da „Produkte vom Markt“ nimmt, das Produkt muss selbst entscheiden ob es gehen will.

Inhaltlich habe ich keine allzu großen Probleme mit der FDP, Ihr Anteil an dummen Ideen ist nicht höher als bei jeder anderen Partei. Doch wie sieht es mit der Wiedererkennbarkeit, der Eigenständigkeit, dem Eigenen, dem Unverwechselbaren aus? Wenn Sie sowieso das gleiche will, wie Ihr Koalitionspartner, was spricht dann für eine eigenständige Partei?

Das relativ junge Personal der FDP hat zwar kurzfristig etwas Hoffnung aufkeimen lassen, eine polititsche Innovationswelle auf uns zurollen zu sehen. Doch leider kam nicht viel mehr als inhaltlose Worthülsen wie "Deutschland braucht die Liberalen". "Das, was wir angekündigt haben, haben wir umgesetzt.", "Wir unternehmen Anstrengungen". Im diplomatischen Chorps wäre sicherlich ein guter Platz für die Parteispitze, jeder Konfrontation wird aus dem Weg gegangen, Revolutionäre sind leider nicht darunter.

Alles was die Regierungskoalition als Erfolg verzeichnet, schreibt sich die FDP auf Ihre Fahnen. Wobei ein Scheitern von Politik äußerst selten vorkommt, wenn man Das Kabinett macht einen Vorschlag, Bundestag und Bundesrat winken es durch. Fertig. Das ist so, wenn man zur „Mehrheit“ gehört.

Der Kontrast zu Erfolg ist nicht Misserfolg, sondern Nichtstun.

Ein Busfahrer der unfallfrei am Ende seiner Buslinie ankommt hat keinen Grund "Erfolge" zu feiern. Liberalismus, insbesondere Wirtschaftsliberalismus ist die Grundlage der freien Marktwirtschaft und des Freihandels. Insofern kann man unsere Gesellschaft von sich aus schon als liberal bezeichnen. Als Politikstil ist Liberalismus möglichst wenig in die Wirtschaftskreisläufe einzugreifen. Den Dingen Ihren Lauf lassen, Preise sich finden lassen.

Die "klassische" Klientel der FDP ist alles andere als liberal, Deregulierung der Märkte, Subventionsabbau, Bürokratieabbau, oder besser Reduktion von Gesetzen, Bruch mit Vorschriften, die Ihren Sinn vollständig verloren haben, und sich mehr oder weniger nur "eingebürgert" haben sind nicht die sogenannten "liberalen Werte" für die die FDP angeblich steht:
  • Ärzte: feste Gebührenordnung, Werbeverbot
  • Anwälte: feste Gebührenordnung, Werbeverbot
  • Buchhändler : feste Preise
  • Steuerberater: kein Interesse an Steuervereinfachung
  • reiche Landwirte: Leben von Subventionen

Heißt "liberal" nicht freier Wettbewerb? Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis?

Statt die Buchpreise zu senken, verschickt amazon jedes Buch versandkostenfrei. Die Gewinnspannen scheinen groß genug um das auch bei einem 9,90€ Buch abzudecken. Wenn jemand gleich 3 Bücher auf einmal kauft, gibt es keinen Rabatt, die Paketkosten steigen auch nicht. Amazon wird dazu gezwungen mehr Gewinne zu machen. Von der Politik.

Warum ist gerade die Stammclientel nicht an freier Marktwirtschaft interessiert sondern am Erhalt des Status-Quo? Oder gehört der oft kolportierte "besserverdiende" FDP-Wähler gar nicht in den aufgezählten Gruppen zu finden. Vielleicht ist dieses Image nur  Zustand von vor 30-40 Jahren und wird heute nur noch von der Presse am Leben erhalten.

De FDP schreibt sich die freie oder soziale Marktwirtschaft auf die Fahnen, so wenig Markteingriffe wie möglich, wenig Beschränkungen, wenig Subventionen. Den oft zitierten "Turbo-Kapitalismus" der USA will natürlich niemand haben. Aber ab und zu einen Zwischenruf in diese Richtung wäre doch wünschenswert.

Steuergeldverschwendung
Muss jeder Bürger zur Bundestagswahl per Post eine Wahlbenachrichtung bekommen oder würde es nicht auch reichen, soweit bekannt,  jedem eine e-mail zu senden, und wer nicht binnen 14 Tagen den Empfang per Click auf einen Link quittiert, kann immer noch eine Wahlbenachrichtigung auf Papier bekommen. Die Anzahl der Postsendungen würde sich mindestens halbieren. Wenn man sein Geld Online überweisen kann, wird man doch auch irgendwie seine Stimme Online ausüben können.

Muss man für eine Bundespräsidentenwahl  1200 Leuten nach Berlin laden, für jeden ein Flug oder Bahnticket, plus Taxi und Hotel finanzieren? Wenn jeder Wahlmann 900 € an Kosten verursacht sind wir schon bei 1 Million€ nur an Reisekosten für die Wahlmänner, nicht zu vergessen das Catering während der 3-6 Stunden Wahl, Papiere, Saaldiener, Sicherheitsleute, was auch immer da als notwendig betrachtet wird.

Unternimmt irgendeine politische Kraft Anstrengungen so eine Steuergeldverschwendung zu vermeiden; ganz abgesehen davon, dass der Sieger von vornherein feststand und die Wahl damit nur ein "abnicken" war; Wenn die Bundestagwahl per Briefwahl – ohne jede Authentifizierung des Absenders - funktioniert, warum sollte es dann bei der Bundespräsidentenwahl anders sein?

Solche Vorschläge hört man leider nur aus Richtung der Piraten. Deren Grundhaltung ist von vornherein "Lasst die Leute mal machen", "Lasst uns unsere Freiheit", "Beschneidet niemandem Möglichkeiten", vollkommen liberale Grundsätze. Vielleicht sind die Piraten die neuen Liberalen; die freiheitsliebenden Steuergeldsparer. Ein Parteiprogramm mit "bedingungslosem Grundeinkommen" und "kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln" rückt Sie allerdings in die Ecke der Sozialromantiker und spricht nicht für allzu viel Wirtschaftskompetenz. Doch alle anderen Parteien haben nichts Besseres zu tun, als mit Verboten und Regularien zu gängeln.

Wenn sich die FDP überhaupt für irgendetwas einsetzt, dann wird immer gleich alles so weichgespült, dass es auch "durchsetzbar" ist. Dabei kommt dann heraus, dass alle Parteien sich als "Partei der Mitte" sehen. Wer will denn Mitte, wer will denn durchschnittlich sein? Niemand bezieht mehr eindeutige Positionen, in jeder Idee wird bereits der Kompromiss eingebaut. Die Vorschläge aus verschiedenen Richtungen sind sehr ähnlich, Sie unterscheiden sich fast nur noch in ihren Begründungen. Aus Angst vor unabsehbaren Wirkungen traut man sich sowie nie an mehr als kleinste Trippelschritte heran und jede kleine Änderung wird als große Reform ausgerufen und als Erfolg gefeiert. Wohlgemerkt, Erfolg ist nicht definiert als "Das neue Gesetz hat nach 10 Jahren eine positive Wirkung gezeigt"; sondern der Erfolg wird definiert als "Wir haben es geschafft ein Gesetz zu verabschieden". Die Prüfung des Erfolges wird zumeist der Presse, einem Journalisten, Blogger oder der "Öffentlichkeit" überlassen.

Freie Fahrt für Fernbusse hat man 2013 durchgesetzt, dabei war auch kein typischer FDP-Mittelständler negativ betroffen, sondern nur die Deutsche Bahn. Reicht für eine Kneipe mit 5 Tischen vielleicht 1 WC aus? Ein abschließbarer Raum wie in jeder Wohnung ? Nein, es muss für Männer und Frauen getrennt sein. Darf der Buchhändler mir Rabatt geben wenn ich 10 Bücher kaufe? Nein, aber ein Geschenk. Wen soll man wählen  wenn man für mehr „Freiheiten“ und Deregulierung ist? Haben die Liberalen Deregulierungserfolge vorzuweisen oder wenigstens konkrete Ziele sie umzusetzen? Sicherlich steht Bürokratieabbau im Parteiprogramm, doch je allgemeiner man die Formulierungen hält, desto einfacher wird es später sein, irgendwas zu finden, das man als Erfolg, als „erfülltes Versprechen“ vorweisen kann. Je konkreter man in den Zielen wird, desto höher steigt die Gefahr zu scheitern.

Kommunalebene, Bundesebene, Europaebene - nirgends Anstrengungen für Subventionsabbau. Schlanker Staat, effiziente Informationsprozesse, all die Dinge die der BWL-Student schon im Grundstudium lernt stehen auf keiner Agenda. Schlanker Staat heißt sicherlich die Anzahl der Politiker-Jobs zu reduzieren, Behörden abzuschaffen, Entscheidungswege zu verkürzen, und es ist wohl das Übel an "alten" Parteien, das sich darin bereits so viele treue Parteimitglieder ein Pöstchen verdient haben, das man immer auch den eigenen Leuten weh tun muss.

Ministerien abschaffen? Grundsätzlich vernünftig ! Aber das Entwicklungshilfeministerium?  Ein FDP-Ministerium? Nein das geht nun wirklich nicht.

Die Freiheit keine Krankenversicherung haben zu müssen geht vielen zu weit. Über die Freiheit von Hire & Fire läßt sich schon eher reden,  das wird hierzulande über den Umweg der Zeitarbeit inszeniert. Aber niemand traut sich, es als solches zu bezeichnen. Zeitarbeit gilt als "Job-Maschine" weil doch so viele Jobs dort geschaffen werden. In Wahrheit ist das jedoch nur eine Auslagerung des Kündigungsschutzes in eine andere Firma. Man kann den Arbeiter den man loswerden will nicht entlassen; man gibt ihn jetzt "zurück". Freie Marktwirtschaft - Ganz ohne FDP und mit Segen der Gewerkschaften.

Wir brauchen sicherlich Liberale, aber an der FDP ist nicht viel Liberales zu Erkennen.



Die FDP verteidigt sogar das Ehegattensplitting als ‚liberal‘. Das hörte sich bei Patrick Döring in etwa so an „Jedes Paar hat die Freiheit zu entscheiden, wer das Geld nach Haus bringt“. Man könnte es auch liberal nennen, zu sagen „Ein Paar hat die freie Wahl ob es mit oder ohne Trauschein zusammenleben will“. Ehegattensplitting subventionieren nur den Trauschein. Aber diese Form der Liberalität traut sich die FDP nicht, wahrscheinlich wieder aus Angst vor der eigenen Klientel oder dem Koalitionspartner.

Ähnlich kuriose Bemühungen unternimmt man bei der kalten Progression, dem Effekt der Steuersatzerhöhung bei Lohnerhöhungen. Anscheinend möchte man jemanden der schon immer 2600 € verdiente anders besteuern, als jemanden der bisher 2500 € verdiente und jetzt eine Lohnerhöhung um 100€ bekommen hat. In sämtlichen Parteiprogrammen und Medien wird das Problem zwar benannt, beschrieben, analysiert und als ungerecht tituliert, doch anscheinend ist dem Leser ein Lösungsvorschlag nicht zuzumuten, Ist eine Lösung überhaupt möglich ? Das ist wohl reiner Populismus und hat mit Freiheit und Gleichheit nicht viel zu tun. Etwas zu kritisieren, als Aufforderung über Lösungen nachzudenken mag gerechtfertigt sein. Eine Kritik zum Programm zu erheben „Wir sind auch der Meinung, dass es schlecht ist“ ist etwas dürftig.

Ich würde mir eine Know-How-Partei wünschen, die sich traut unpopuläre Lösungen anzusprechen und durchzuführen, und nicht vor Nicht-Durchsetzbarem zurückschreckt. Die Intelligenz, die sich in der Schweiz mit der Volksabstimmung zu „Wollt Ihr mehr Urlaub“ – „Nein, wollen wir nicht“ gezeigt hat, traue ich auch den Deutschen zu, wir haben schließlich fast eine Abiturquote von 50%.

Die Chance zur internetaffinen Netzwerkintelligenzpartei zu werden, war zwar nach dem Rücktritt von Guido Westerwelle kurz da, aber man hat aus der Krise leider keine Chance gemacht.  Stattdessen haben wir den unsichtbarsten und unauffälligsten Außenminister, den Deutschland je gehabt hat.


Gegen Steuererhöhungen  sein kann jeder. Um Steuern für sinnvolle Zwecke zu erheben und intelligent, gezielt und mit geringem Verwaltungsaufwand zu verteilen, gehören Mut und Ideen.

Montag, 2. September 2013

Risikomanagement statt Gewinnmaximierung

Die kleine Revolution, die Risikomanagement in den letzten 20 Jahren ausgelöst hat, geht an der Öffentlichkeit und sogar an vielen Fachleuten, weitgehend vorbei. Der alte Grundsatz der Profitmaximierung in Unternehmen gilt nicht mehr.

Es ist heute nur noch eine Maximierung unter Nebenbedingungen, bzw. ein Optimierungsproblem. Bei der Gewinnmaximierung geht es immer um Gewinnplanung und Gewinnprognose und Prognosen sind immer unsicher, unsicherer als der Wetterbericht, denn die Datenbasis ist dünner und die Einflussfaktoren und Wechselwirkungen weniger genau bekannt.
Man kann zwar leicht die „höchste Temperatur seit Beginn der Wetteraufzeichnung“ angeben, doch die "höchste Temperatur in den kommenden 10 Jahren" zu bestimmen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wirtschaftsforschung und Risikomanagement übernehmen die Rolle, die die Klimaforscher für das Wetter übernehmen. Es läuft auf Antworten der Art „Mit 10% Wahrscheinlichkeit wird es mindestens 28 Grad warm“ oder „Mit 50% Wahrscheinlichkeit wird es mindestens 27 Grad warm“ hinaus.
Mit dem Unternehmensgewinn verhält es sich ähnlich. So eine Zahl mit Wahrscheinlichkeiten lässt sich nicht maximieren. Die neue Herausforderungen lautet: „Wie finde ich den höchsten Gewinn bei kleinstmöglichem Risiko“, oder auch mit höchstmöglicher Genauigkeit und Treffsicherheit.



Die Ziele sind konfliktär, je kleiner das eine, desto größer das andere. Gibt es für dieses Problem ein Optimum oder ist das eine freie Entscheidung des Unternehmers? Wie viel Geld möchte ich investieren, wenn das Risiko des Totalverlustes bei 3% liegt? Gibt es Möglichkeiten sich gegen Risiken abzusichern, sich zu versichern, ist es überhaupt sinnvoll sich zu versichern?

Versicherungen sind ein Wesentliches Mittel geworden um Risiken zu vermeiden oder die Folgen erträglicher zu machen. Sie dienen jedoch auch manchmal dazu Risiken zu verschleiern und zu verstecken.
Wenn sich jemand in der Einschätzung des Risikos irrt, kann eine Versicherung oder jede andere Form der Absicherung nicht mehr funktionieren und wir landen unter Umständen in so etwas, wie der, auf dem falsch beurteilten Sub-Prime-Immobilien-Markt basierenden, Finanzkrise von 2008.
Ohne das Know-How Risiken einzuschätzen, sie zu bewerten, kann man keine geeigneten Gegenmaßnahmen vornehmen, die Prognosemodelle werden ungenauer und Gewinnprognosen, in die man kein Vertrauen haben kann, sind nicht maximierbar.

Ich habe für diesen Themenbereich eine öffentliche Community gegründet, falls jemand eigene Fragen, Themen und Meinungen in diesem Bereich hat, explizit auch Nicht-Wirtschaftswissenschaftler, wie Ingenieure, Mathematiker, Informatiker, Philosophen, Ethiker hoffe ich auf interdisziplinären Austausch.