Freitag, 31. Oktober 2014

Beim Mauerfall in der NVA

Geschichten aus Sicht von Botschaftsflüchtigen, Bürgerrechtlern, Demonstranten und Grenz-Erstüberquerern am 9. November wurden schon viele geschrieben. Von der Lage der normalen Soldaten in der Armee der DDR wird relativ wenig erzählt.

Ich habe das ganze Jahr 1989 bei meinem Grundwehrdienst in der NVA verbracht.

Westfernsehen war zwar überall verboten, aber in den Kasernen wurde es auch durchgesetzt.
Von den Botschaftsbesetzungen und Montagsdemonstrationen erfuhr man nur von Soldaten die aus dem Urlaub kamen. Kontakt zur Stadtbevölkerung gab es kaum, Ausgänge waren rar, und wurden nicht für politische Diskussionen genutzt.

Urlaub hatte ich etwa 1 Wochenende je Monat, damit war ich schon privilegiert, im 3. Halbjahr seiner 18-monatigen Dienstzeit gehört man schon zu den Älteren und weil ich der einzige war, der mit 18 Schreibmaschine schreiben konnte, hatte ich einen ganz guten Job und einen kurzen Draht zum Feldwebel mit den Urlaubsscheinen.

Telefon gab es quasi nicht - ich kannte niemanden der zu Hause ein Telefon hatte.
Der Oma hat man Briefe geschrieben. Um mal kurz Bescheid zu sagen, wann man Urlaub bekam, konnte ich von einer Telefonzelle aus, meinen Vater auf der Arbeitsstelle anrufen.


Die Gerüchte von Flüchtenden über Ungarn und den Botschaftsflüchtlingen in Prag erreichten uns irgendwie. Genscher's "Rede" in Prag habe ich auf einem Urlaub Anfang Oktober gesehen. Die Tatsache das Menschen die DDR verlassen wollten, und es auch geschafft haben, war keine große Überraschung. Das passierte  ab und zu. Viel ungewöhnlicher waren die Montagsdemonstrationen in Plauen und Leipzig. Kundgebungen, die nicht von der SED organisiert wurden, waren neu. Die Vorsicht, nicht gegenüber jedem, und schon gar nicht in der Öffentlichkeit, laut zu sagen was man denkt, war also gewichen.

Am 17. Oktober rief jemand in mein Zimmer:
"Honecker ist weg - Krenz ist der Neue".
Ernsthafte Änderungen, die auch von der Parteispitze wahrgenommen wurden, waren also im Gange.

4. November, ein Samstag
4 Uhr, Alarmwecken, Befehl Ausgangsuniform, das bedeutet, Hemd, Hose, langer Mantel, Schirmmütze. Ab auf den LKW - Busse gab es bei der NVA generell nicht. Nur LKW mit Holzbänken und Planen. Es war dichter Nebel, kurz über dem Gefrierpunkt. Wir fuhren nach Berlin.
Im Zentralrat der FDJ wurden wir abgeladen. Das Gebäude nennt sich heute "Zollernhof". Von
dort wird täglich das ZDF-Morgenmagazin gesendet. Es liegt direkt "Unter den Linden", ca. 300m vom Brandenburger Tor entfernt.
Man hat uns erklärt, in Berlin würde eine Großdemonstration stattfinden. Im Falle, dass sich
die Menschen auf den Weg machen das Brandenburger Tor zu stürmen, sollten wir als "Menschlicher Schutzwall" unbewaffnet, die Mauer verteidigen.

Die Idee der Erstürmung des Brandenburger Tores gab es nicht nur im Osten, wie man in diesem Video sieht, lagen die Reporter auch im Westen auf der Lauer, ob sich auf der anderen Seite etwas tut.

Petra Pau war damals Mitglied des FDJ-Zentralrats und hat den Tag in einem Interview
für eine Doku zur FDJ (Phoenix: Freundschaft) so beschrieben, dass da Soldaten in der Kantine herumgelungert hätten, und auf Ihren Einsatz gewartet hätten. Wir haben nicht darauf gewartet - Wir haben gehofft das es nicht so weit kommen wird.
Wir waren nicht von den Grenztruppen, ganz normale Infanterie und ganz normaler Wehrdienst.
Man hat uns einen Fernseher gegeben, wir haben jede Minute der Demonstration mit Spannung verfolgt, aufmerksamer als je eine andere Sendung zuvor. Ich vermute es muss sich um eine Live-Übertragung im DDR-Fernsehen gehandelt haben, so offen, so verändert, war die Medienlandschaft bereits.

Der damals 25-jährige Jan Josef Liefers,  der sich damals noch vorstellte mit "Mein Name ist Liefers - ich bin Schauspieler", hier mit einem Kommentar von heute:
 


Die kürzesten und zutreffendsten Worte hatte sicherlich Steffie Spira gefunden,
die vielleicht auch deshalb besonders eindrucksvoll waren, weil sie von einer 81-jährigen kamen.
"Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen!"

Stefan Heym, Gregor Gysi, Marianne Birthler, Christa Wolf, Lothar Bisky.
Alles Namen die mir damals noch nicht viel sagten.

aber auch Regierungsvertreter wie der Stasi-Spionagechef Markus Wolf, Manfred Gerlach oder Günter Schabowski haben sich der Diskussion gestellt.
http://www.youtube.com/user/HistoryChannelWolf55/videos

Diese Kundgebung dauerte ca. 4 Stunden.
Was hätten wir gemacht, wenn wir uns vor eine Menschenmenge hätten stellen müssen ? Den Dienst verweigern ? Den Befehl ausführen ? Nach dem "Mauerdurchbruch" einfach mit "rüber" ?

Anfang 1989 hatte ich einen Soldaten erlebt, der sich "daneben benommen" hat.
Zu spät aus dem Urlaub gekommen, gegenüber Vorgesetzten frech geworden, ich kann mich nicht mehr genau an das Vergehen erinnern, er landete jedenfalls im berüchtigten Armee-Gefängnis in Schwedt. Er ging als lauter Halbstarker, er kam nach 3 Monaten als verschwiegener Erwachsener zurück. Es war ihm wohl verboten über das erlebte zu berichten. Vor einer Menge an Gerüchten hat man zum Teil mehr Respekt, als vor dem genauen Wissen, was denn dort passierte.

Vergehen wurden ohne viel Verhandlung oder Rechtfertigung geahndet. Gehorsam und Disziplin waren selbstverständlich, der freie Wille sträubte sich etwas, aber dass man etwas nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, kam eher selten bis nie vor. Da ich nichts falsch machen wollte, habe ich einmal nach einem Exemplar der Dienstvorschriften gefragt. Die Antwort war "die seien geheim". Man sollte sich also an Vorschriften halten, die man nicht kennen durfte.

Die Größte Errungenschaft der Wende ist für mich heute die Rechtsstaatlichkeit, das Recht den Staat auf die Einhaltung von Gesetzen zu verklagen. Die Gewaltenteilung in Legislative, Judikative und Exekutive hat nicht existiert. Aber diese Begriffe oder Ideen haben ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gekannt.

9. November
ich hatte längerfristig Urlaub beantragt und genehmigt bekommen. Die Vorgänge an der Mauer in Berlin haben sich nicht schnell genug auf den Dienstwegen verbreitet. Urlaubs- und  Ausgangssperren wurden erst am Morgen des 10. November verhängt.

Mein Weg führte mich durch Dresden, der Bahnhof hatte kaum noch eine intakte Glasscheibe. Das waren Folgen der Zugdurchfahrten der Botschaftsflüchtlinge aus Prag.

Man saß staunend vor dem Fernseher, vielleicht in etwa so wie man den 11. September 2001 verfolgt hat, man traf auch ein paar Nachbarn, die mit der Nachricht "wir kommen gerade vom Ku'damm" auf einen zukamen.

Als Armeeangehöriger ins "Ausland" zu fahren stand außer Frage. Wir hatten keinen Personalausweis, der wurde gegen den Wehrdienstausweis eingetauscht. Sofort los und "rüber" kam mir also nicht in den Sinn. Desertation oder Fahnenflucht wären schwerwiegende Dinge gewesen.

später im November
Ein Mitsoldat brachte eine frische Ananas aus dem Urlaub mit. So etwas kannte ich bis dahin nur aus Dosen. Wir haben diese Ananas sicherlich zu acht gegessen. Ich bin nicht sicher, ob wir schon wussten, dass wir neben der Schale auch den Kern entfernen mussten. Es war interessant, aber kein Genuss. Die Finger brannten, die Lippen brannten, wahrscheinlich war die Frucht noch etwas unreif, aber nunja, der erste Kaffee und das erste Bier haben schliesslich auch nicht sofort geschmeckt, vielleicht gewöhnt man sich auch an solche Genüsse.

Ende November.
Die Versorgungslage wurde schlechter. Nicht bedrohlich schlechter, aber spürbar. Es gab zu viele Menschen die nicht mehr zur Arbeit erschienen.  Es gab keine Wurst die für 4 Wochen eingeschweißt wurde und nur ganz wenig H-Milch, die 3 Monate  aufbewahrt werden konnte. Die DDR war sehr rückständig, alle ernährten sich von Frischfleisch und Frischmilch. Ein Laden der 2 Tage nicht beliefert wurde, hatte also nichts mehr anzubieten.

Ich wurde nach Magdeburg abkommandiert, und verbrachte die letzten zwei Monate meines Wehrdienstes damit, täglich morgens um 5 Uhr Milch in die vielen kleinen Verkaufsstellen des Umlandes zu fahren, das Leergut wieder einzusammeln und zur Molkerei zurückzubringen.
Damals hatte noch jedes Dörfchen ein Lädchen. Man war bis 12 beschäftigt.


Anfang Dezember konnte ich dann im nächsten Urlaub meinen Personalausweis vom Wehrkreiskommando abholen. Es gab zwar ein paar Unklarheiten, bis hin zur "Unerlaubten Entfernung von der Truppe", weil ich natürlich vom Kraftverkehr Magdeburg nicht die armeetypischen Urlaubsscheine bekam. Aber die Bürokraten waren deutlich entspannter. Mit der Auflage mich bei irgendeinem Vorgesetzen zu melden, erhielt ich meinen Personalausweis, gleich mitsamt eines Visums.

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Es zog mich nie in den Westen, oder nicht mehr als aus touristischen Gründen. Ich fand das so spannend wie vielleicht Frankreich oder England. Es ist schön wenn man hinfahren darf, aber es ist  nächstes Jahr auch noch da - das läuft nicht weg. Ich hatte das Gefühl es gut zu kennen, weil man täglich im Fernsehen "dabei" war. Wegen des Begrüßungsgeldes habe ich mich dann aber doch mal im Dezember in einen Zug Richtung Westen gesetzt. Man konnte das Geld ja nicht "verfallen" lassen. Ich hatte des Gefühl, dass von mir erwartet wurde, dass ich das abhole. Es waren 100 DM die in einer Braunschweiger Postfiliale bekam.


Ich haben keinen Pfennig davon ausgegeben. Soweit ich mich erinnere, konnte man mit einem DDR-Personalausweis kostenlos mit dem Stadtverkehr fahren. Die Zugfahrkarte hatte ich noch im Osten gekauft.

Der erste Eindruck vom Westen ? Mehr Lichter, viele Glasfassaden, große Kaufhäuser. Durch irgendeinen dieser Paläste bin ich  gelaufen. Es sah alles tatsächlich so aus, wie man es aus dem Fernsehen kannte - keine große Überraschung. Vom Preisniveau hatte man natürlich keine Ahnung, das nicht alles überall gleich viel kostete war mir klar. Die erste Lektion die man lernte war "Kaufe nicht das Erstbeste - Vergleiche erst Preise". Also kaufte ich gar nichts.

Der Grundwehrdienst war zwar auf 18-Monate angelegt, auf Grund der Umstände, oder auch schon als Anpassung an den Westen, wurde ich bereits nach 15-Monaten, Ende Januar, entlassen. Für meinen Abschied musste ich noch einmal in die Kaserne. Dort hatten sich sehr schnell einige Änderungen ergeben. Aus dem Genossen Major, wurde der Herr Major. Viele, die sich für 5 oder mehr Jahre zum Dienst verpflichtet hatten, waren verschwunden, oder zumindest organisierten Sie Ihre Kündigung. Das Land war spürbar im Aufbrauch.

Was wurde aus dem Begrüßungsgeld ?
Ab Januar, im neuen Kalenderjahr, gab es dann nocheinmal 100 DM, zusammen mit ein paar angesparte "Devisenreserven" und Spenden von Oma und Vater, wurde daraus im Februar mein erster PC. Es war ein Commodore von Hertie. Nicht der unter Gleichaltrigen im Westen wahrscheinlich verbreitetere C64 sondern ein richtiger IBM kompatibler PC.

Einen Studienplatz hatte ich schon und ich hatte keine Ambitionen daran irgendwas zu ändern.Die "roten Wochen" der ideologischen Vorbereitung gab es nicht mehr und an den naturwissenschaftlichen Qualifikationen der DDR-Universitäten hatte ich nicht den geringsten Zweifel.

Am 1.7.1990 kam die D-Mark, das gesamte Vermögen war auf Konten einzuzahlen, 4000 Mark wurden 1:1 getauscht, der Rest 2:1.
Am 1.9. habe ich begonnen zu studieren und
am 3.10. gab es ein Feuerwerk zur Wiedervereinigung.

Es gab es noch eine Art Identitätsstiftung. Ich wurde zum Brandenburger gemacht. Die Länderstruktur, die angeblich auch bis 1952 existierte, war mir vollkommen fremd. Brandenburg war für mich etwas, dass ich in die Zeit des alten Fritz eingeordnet hätte, auf jeder älteren Karte die ich kannte, stand in der Gegend wo ich wohnte immer nur "Preussen". Von Sachsen und Thüringen als Regionen hatte ich schon gehört, so wie man vom Schwarzwald und vom Harz gehört hat. Aber nun erhielten einige Regionen plötzlich den Rang eines Bundeslandes und man sang eine Landeshymne, die es angeblich schon immer gegeben hat, die ich aber in der DDR noch nie gehört hatte.

Zusätzlich wurde noch verboten, an diversen Tagen wie Himmelfahrt, Reformationstag und Buß- und Bettag zu arbeiten. Keiner hat sich die Mühe gemacht zu erklären, wozu das gut ist. Aber wer stellt bei Zusatzurlaub schon viele Fragen. Man kann sich an Alles gewöhnen.