Montag, 15. September 2014

Fernsehen ist wie Bananen in der DDR
Familienleben mit Video-Streaming

Vorfreude – Schönste Freude
In der DDR gab es nicht immer alles, man hat sich gefreut wenn man etwas bekommen hat. Heute gibt es immer alles. Ein Grund zur Freude ist weggefallen. Gepflegte Langeweile. Eventuell freut man sich mal, wenn man von einem guten Preis überrascht wird.

Mit dem heutigen Fernsehprogramm verhält es sich ähnlich, es gibt nicht immer alles, aber man freut sich, wenn man mal etwas Schönes bekommt. Man empfindet es nicht als Mangel, solange man nichts Besseres kennt, man arrangiert sich mit der Situation. Doch jetzt ist etwas Besseres hinzugekommen: Video-Streaming Dienste. Werden die etwas Ähnliches auslösen, wie das Dauerangebot an Bananen?

Man freut sich nicht mehr, dass etwas kommt, was man gerne sehen würde, dann das Angebot ist jeden Tag das Gleiche, zwar riesengroß – aber immer das Gleiche.

Sich selbst etwas aussuchen zu müssen ist keine Freude, es ist eine Quälerei. Beim Einkaufen in der DDR musste man nicht lange überlegen „was essen wir denn heute“ oder „wo gibt es denn die Ware zum besten Preis“. Man ging in den Laden und kaufte was es gerade gab. Ein kleines überschaubares Angebot, so wie heute mit unseren ca. 25 Vollprogramm-Fernsehsendern. Andere treffen eine überschaubare Auswahl.


Der „Jetzt oder Nie“ –Effekt.
Bei einem einmaligen Konzert muss man sich entscheiden, gehe ich, oder gehe nicht – kaufe ich ein Ticket oder lasse ich es sein.

Mit einem Angebot „Täglich Di-So- Juli-Dezember“ denkt man sich ständig „kannst Du ja nächste Woche noch gehen“ und ich erwische mich oft dabei solche Angebote dann „ zu verpassen“, weil mich niemand zu einer Entscheidung zwingt., Aus ja/nein wird ein  ja/nein/später.

Die ständige Verfügbarkeit von Filmangeboten ermöglicht die ständige Vertagbarkeit. Wenn ich es mir heute nicht anschaue, muss ich nicht 1 Jahr auf die nächste Ausstrahlung warten, ich könnte es mir auch morgen anschauen, oder übermorgen, … oder Weihnachten, oder Ostern, oder nie.

Der Abonnements-Effekt
Mir ständig 1:10.000 Filmen aussuchen zu können, lässt mich vielleicht anders auswählen, als sich an einem Abend für nur 1 aus 3 Filmen entscheiden zu können. Zufallsentdeckungen werden seltener.

Geht man gezielt zu einem Sinfoniekonzert weil einem Brahms 3. Sinfonie gefällt, verhält man sich anders, als wenn man ein Konzert-Abo kauft und einfach alles konsumiert was angeboten wird. Manchmal entdeckt man etwas Neues, weil es Experten gibt, die für einen etwas auswählen. 

Vielleicht animiert die ständige Verfügbarkeit aller Filme, dass wir uns Angebote die wir als „zweite Wahl“ einstufen, gar nicht mehr anschauen. Wenn man immer bekommt, was man will, gibt es keinen Grund mehr sich überraschen zu lassen. Neuentdeckungen wird nur noch der haben, der etwas entdecken will und bewußt ein "Risiko" eingeht. Das Risiko das einem ein Film nicht gefallen könnte.

Das Gemeinschaftserlebnis
Bei Streaming Diensten schaut jeder was er will und wo er will – Handy, Fernseher, Tablet. Gibt es noch einen Grund, dass sich die Familie abends gemeinsam vor dem Fernseher versammelt? Mit Kopfhörern könnte man sich eventuell sogar im selben Zimmer gleichzeitig verschiedene Dinge anschauen. Man wird nicht mehr verstehen, warum der andere gerade lacht, einen Kommentar oder Bemerkung die einem gerade auf den Lippen liegt, muss man sich verkneifen, denn dem anderen fehlt der Kontext und verstünde gar nicht worüber man redet.

Fernsehen verliert die soziale Rolle etwas gemeinsam zu tun. Kulturell ist das kein Verlust – mit Büchern ist das nicht anders. Aber Paare machen weniger viel gemeinsam.

Das Gespräch am Arbeitsplatz über das Programm vom Vorabend – der Blockbuster – wurde schon durch die hohe Sendervielfalt zu Grabe getragen.


Vielleicht schafft Pay Per View noch die gemeinsame Versammlung auf dem Sofa. Wenn das Anschauen eines Filmes 5 € kostet, heißt es vielleicht eher „guckst Du mit?“, oder „wir kaufen das nur, wenn es mehr als einen interessiert“. Bei einer Video-Flat-Rate hat der eine heute Lust auf einen Film und der andere gar nicht oder 10 Tage später.


Ich habe inzwischen schon 2 Flatrates für Streaming-Dienste weitere 2 Anbieter für Pay-Per-View Angebote und konsumiere ca. 50% meiner Spielfilme aus diesen Angeboten. Neben der Tatsache das einen die groß angekündigte "Free-TV-Premiere" nicht mehr interessiert, weil man alles schon gesehen hat, beobachte ich auch einige Änderungen im Familienleben und dem Fernsehverhalten der Einzelnen Personen.