Dienstag, 21. Januar 2014

Annie Get Your Gun
Landesbühnen Sachsen, Radebeul

Mit Western hat man in der Karl-May-Stadt Radebeul viel Erfahrung, aber zu Winnetou gibt es leider keine Musik und reines Sprechtheater mit Westernthemen sind heute nicht mehr attraktiv. Karl May ist leider genauso aus der Mode wie Jules Verne. Was lag näher als ein Western-Musical wie „Annie getYour Gun“ auf die Bühne zu bringen. Am 18.01.2014 war Premiere.


Die Landesbühnen Sachsen spielen zwar meistens unplugged, haben sich für diese Inszenierung zu Gunsten eines satteren Tones aber für fast unsichtbare Micropods (kleine Klebemicrofone) entschieden, die dafür sorgen, das der Gesang auch bei vollem Big-Band-Sound noch gut zu hören, und zu verstehen ist.

Michael König und Susanne Engelhardt, beides ausgebildete Opernsänger mit Musicalerfahrung überzeugen und zeigen zugleich einen deutlichen Unterschied zu Abgängern moderner Musicalschulen, die meist über viel weniger Varianz und Spielraum in der Stimme verfügen. Michael König sieht mit Haaren gleich 10 Jahre jünger aus und wäre sicherlich auch ohne Microfon in der letzten Reihe zu hören, Susanne Engelhardt tut das Microfon eher gut. Ob der Wechsel vom zierlichen deutschen Stimmchen am Anfang zum kraftvollen Englischen Song an Ende, am Wechsel der Sprache liegt oder gewollt die Entwicklung der schüchternen 17-jährigen zur gereiften 25-jährigen darstellen soll, bleibt offen. Die ein wenig überartikulierte und übergestikulierte Darstellung mag man den Dramaturgen verzeihen. Bei jedem lang gehaltenen Ton die Arme auszubreiten, und sich beim Singen des Wortes Herz sich an selbiges zu fassen kennt man eher von Helene Fischer, aber will man dem Theater Theatralik vorwerfen?

Der Dirigent Christian Voß scheint Spass an Swing zu haben. Anderes Musiktheater dirigiert der Chef der Elbphilharmonie eher selten, im November hatte er bereits ein „Swinging Philharmonics“ Programm und bei der Premiere erschien er statt im sonst üblichen Frack legér im schwarzen Hemd. Die Percussionist dürfte bei keinem Stück ohne Jazzbesen ausgekommen sein, wenn doch, nur um kurzfristig den indianischen Trommler zu geben.

Die Landesbühnen haben ein Ballett, und um die Existenz einer Ballett-Compagnie zu rechtfertigen werden in wirklich jede Inszenierung in denen noch nie jemand ein Ballet gesehen hat, Tanzszenen eingebaut. Im Falle von Annie Get Your Gun sehr gelungen. Indianische Kampfszenen gehen, wenn man sich das Irokesen-Outfit und die Knochenumhänge wegdenkt als Ausdruckstanz alá Pina Bausch – in Dresden wohl eher Gret Palucca – durch oder vielleicht auch als die fliegenden Ninjas in fernöstlichen Kampftänzen. Hebefiguren sind zwar indianeruntypisch, kann man aber als Anspielung auf Zirkusartistik so stehen lassen. Indianer in Seidenstrümpfen sind dagegen unpassend. In der einzigen Situation in der etwas nackte Haut wirklich passend wäre, verzichtet man darauf. Gekonnte artistischte Einlagen am Vertikaltuch würde man eher bei André Sarassani vermuten.

Die sehr farbenfrohe Version von Judy Garland wird fast noch übertroffen:

Das Bühnenbild wirkt zwar sparsam, wird aber mit transparenten und semitransparenten Projektionswänden optimal ausgenutzt. Der Hintergrund wird mal zum Zirkuszelt, mal zum blauen Himmel von Minnesota, zum Schiffsdeck, Schiffsunterdeck, Eisebahnwagen von innen, Eisenbahnwagen von außen, Ballsaal oder einem Ausblick auf die Skyline von New York. Es gibt zwar nur 2 Akte, aber so viele Szenen und wechselnde Orte wie in kaum einem anderen Stück.

Bemerkenswert ist der Umgang mit der englische Originalfassung Von vielen Songs gibt es bekannte und gute deutsche Texte. In den letzten 20 Jahren hat sich jedoch überwiegend durchgesetzt Songs im Original zu singen und die Zwischentexte auf Deutsch zu sprechen. Die Landesbühnen Sachsen wagen jedoch ein gelungenes Durcheinander, in dem die Sprache auch innerhalb der Songs ständig gewechselt wird, teils in der Wiederholung, teils von Strophe zu Strophe, teils mitten im Dialog „Alles was Du singst das singe ich schöner – I can sing everything sweeter than you.“. 
Das Stück geht mit Pause ca. 3 Stunden.

Musical-Kultur ist Pop-Kultur
Irving Berlin dürfte nur Insidern bekannt sein, er gehört aber mit Cole Porter, Jerome Kern und natürlich George Gershwin zu den führenden Komponisten der Swing-Ära,  den 40er Jahren, die in Deutschland wegen den Nazis „ausgefallen“ und nie wieder richtig aufgeholt wurden.
Von Berlin stammen so bekannte Hits wie „Puttin on the Ritz“ oder „White Christmas“ für das er einen Oscar gewann. Später erhielt er einen Grammy für sein Lebenswerk. Die Theater setzen aber traditionell auf Understatement und prahlen nicht mit Bannern wie „von Oscar-Preisträger und Grammy-Award-Winner Irving Berlin“, wie man das in der Filmindustrie machen würde.
Das Repetoire aus Annie Get Your Gun fristet in Deutschland ein Nieschendasein, in den USA gehört es zur Alltagskultur und ist keineswegs angestaubt.Neil Patrick Harris und Hugh Jackmann haben mit „Everything You can do I can do better „ die Tony-Awards 2011 eröffnet, 

ab 1:15min

auch in diversen Folgen der Simpsons hieß es mindestens „There’s no buisness like show buisness“ und es lag wohl auch nur an der US-Sopranisting Reneé Flemming, das es ein Song aus Annie Get Your Gun bis in das ZDF-Silvesterkonzert 2013 geschafft hat. Irving Berlin gehört zur US-Kultur.

Auch Spider-Man blieb nicht verschont, hier ein Ausschnitt mit Kirsten Dunst

„Annie Get You Gun“ war ursprünglich gar kein Musical, wahrscheinlich weil das Genre noch gar nicht erfunden wurde. Es war eine Broadway-Revue, eine die Nummern verbindende Handlung war gern gesehen aber nicht zwingend notwendig. Das merkt man vor allem dem zweiten Teil der Annie noch an.

Die ständig wechselnden deutschen Titel des Musicals trugen ebenfalls nicht zu seiner Bekanntheit bei,
Die Verfilmung kam unter dem Titel "Duell in der Manage" in den 50ern in die Kinos,
und die Aufführungen am Theater liefern teilweise unter dem Titel "Annie schiess Los"
http://www.amazon.co.uk/SCHIESS-ORIGINALAUFF%C3%9CHRUNG-THEATER-WESTENS-SCHMIDT/dp/B00BG49MYE
Die deutsche Erstaufführung war eine Produktion mit Heidi Brühl und dem 11jährigen Ilja Richter.

Die Story
Worum geht’s überhaupt ? Um Show ! Um Business. Um einen Zirkus, genauer gesagt die Wild-West-Show von Buffalo Bill, den man manchmal sogar den Erfinder des Show-Business nennt. Annie Oakley ist eine Kunstschützin und wird als erster Superstar der Pop-Kultur bezeichnet. Die ganze Geschichte beruht mehr oder weniger frei auf realen Personen und wahren Begebenheiten.
Annie wird irgendwo auf der Tournee im Wilden westen aufgegabelt und engagiert. Der Zirkus kämpft gegen Konkurrenten, um die attraktivsten Künstler, Sitting Bull investiert sein Geld aus einer Ölquelle geht Pleite und versucht eine Fusion mit dem Konkurrenten.
Eine Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen, hält sich aber dezent zurück, fängt mit dem wunderbar melancholischen „Man sagt, verliebt sein, das wäre wunderbar“ an, und endet mit einem Rosenkrieg in „Alles was Du kannst, das kann ich viel besser.“
Die Indianerschau von Buffallo Bill hat am 1.6.1890, mitsamt der echten Anne Oakley in Dresden gastiert. Hier noch das Originalplakat der Show.
Originalposter der Dresdener Vorstellung 1890

Ein paar Originalaufnahmen von Bill und Annie, die teilweise auch in der Vorstellung verwendet werden.
Es wird auch spekuliert ob Karl-May die Show besucht hat. Winnetou stammt von ca. 1878, das Thema Wilder Westen, die Neugier auf fremde Welten, Abenteuer- und Reiselust waren in der Zeit vor der Erfindung des Kinos noch groß.


Die Zukunft des Musicals

Die Operette  wird wohl mit der aktuellen Seniorengeneration aussterben, das Musical ist noch zu retten und wie die kommerziellen Produktionen von Stage-Entertainment in Hamburg und Stuttgart zeigen, auch gerne besucht.  Man muss aber etwas dafür tun, auch über 60 Jahre alte Stücke zu erhalten oder wiederzuentdecken . Die Prüfung bei Eventim ergibt, das aktuell oder in naher Zukunft kein anderes deutsches Theater „Annie Get You Gun“ aufführt. Anscheinend hat man Angst vor zu geringer Akzeptanz beim Publikum. Umso mutiger ist es von den Landesbühnen Sachsen, so ein Stück ins Programm zu nehmen, würde aber auch bei Eventim.de, Reservix.de oder Konzertkasse.de nicht gefunden werden, weil es nicht mit großen Anbietern zusammenarbeit. 

Die Begeisterung für Theater auf die Generation der unter 40 jährigen, vielleicht auch fast der unter 60jährigen zu übertragen gehört sicherlich zum Bildungsauftrag von kommunalen Theatern. Leider hat man dabei noch nicht erkannt, dass man diese Begeisterung nicht erst auf der Bühne wecken muss, dort gilt es „nur“ die Erwartungen zu erfüllen. Der Zuschauer muss vor dem Kartenkauf so begeistert werden, dass er eine Karte kauft und das erreicht man nicht mit einem einzeiligen Eintrag im Spielplan und der Angabe der Handlung auf der Web-Site. Den Rest der Werbung überläßt man leider der Presse.

Bezeichnet man die Songs als beschwingte Schlager erreicht man eine ganz andere, viel kleinere Zielgruppe, als wenn man die Songs als „Swinging Hits“ bezeichnen würde. Buchstäblich der gleiche Inhalt, aber in Deutschland mit sehr verschiedener Bedeutung belegt.

Provinztheater – aber kein provinzielles Theater. Es ist wie immer schade daß es von so aufwändig ausgearbeiteten Vorstellungen nur 5 Vorstellungen in dieser Spielzeit gibt. Mund zu Mund Propaganda wird so leider ausgebremst. Falls ich hier jemandem Lust auf das Stück mache, muss er sich erstmal 2 Monate gedulden, und wenn er dann gerade nicht kann, wieder 2 Monate.
Wenn Stage-Entertainment 150 Vorstellungen von Tarzan in Hamburg absolviert hat, ziehen sie für weitere 150 Vorstellungen nach Stuttgart. Landesbühnen bauen auf, bauen ab, spielen in verschiedenen Orten und können damit unmöglich Gewinn machen. Sie haben sich an diese Situation schon so gewöhnt, daß sie es nichteinmal mehr versuchen. Erfolg wird an Besucherzahlen gemessen, nicht am Umsatz.

Der Wohl passendste Spieltag ist der Freitag nach Himmelfahrt. Dann ist in Radebeul Karl-May-Fest und halb Radebeul sieht dann, mit vielen Western-Fans gefüllt,  gewöhnlich so aus, wie das was man im Theater auf der Bühne darzustellen versucht.

Immerhin hat der Intendant Manuel Schöbel, der gleichzeitig auch die Regie geführt hat und dem Annie anscheinend am Herzen liegt, bei Erfolg der ersten 5 Vorstellungen in Aussicht gestellt, Annie Get Your Gun 2015 eventuell auf die Felsenbühne Rathen zu bringen. Wohin würde ein Wildwest-Stück besser passen, als in die freie Natur. Die Zirkusartistik muß man wahrscheinlich mit einer Pferdeshow ersetzen, aber etwas wie Swing und Schlager zieht sicherlich mehr Publikum an, als „Schauspiele“ wie „Old Surehand“. Western ist Out, Swing ist In. In diesem Sommer können wir uns in Rathen erstmal auf „Fame“ freuen. Die Freude der Landesbühnen hält sich aber 5 Monate vor der Premiere soweit in Grenzen, das Sie sich auf Ihrer WebSite auf die Angabe der Spieltage begrenzt. Wenn man keinen Texter hat der das Werk ein wenig anpreist, wäre doch wenigstens ein Link zu Wikipedia ein kleiner Anfang.

Appetithäppchen

Aus rechtlichen Gründen gibt es keine Videos von den Landesbühnen, wer sich trotzdem ein Bild von der Musik machen will, kann sich ein paar Ausschnitte aus anderen Quellen anschauen:

Can't get a man with a gun - Männer stehen nicht auf schiessende Frauen


Judy Garland in Doin' what comes Natur'lly - Weil es ganz von selber geht

Betty Hutton "Got the sun in the morning",

Keine gute, aber eine einmalige Aufnahme mit den Muppets



und selbst ein Heeresmusikcorps kann das ganz gut:




Und wer noch nicht genug hat, es gibt auch eine Gesamtaufnahme
Akt 1
Akt 2