Montag, 17. Juni 2013

Der Fliegende Holländer in der Semperoper

Nach 1988 gab es in Dresden am 15.06.2013, zum 200. Geburtstag Richard Wagners, erstmals wieder eine Neuinszenierung des 1843 ebenfalls in Dresden uraufgeführten "Fliegenden Holländers".

Beim Aperitif auf der Semperopern-Terasse gab es nur ein Thema: "Die Flut" und "Man sieht gar nichts mehr", "Bis wo war das Hochwasser ?" "Ach es ist gar nicht über die Ufer getreten". Nur 8 Tage nach dem Scheitel der Flut wirkt Dresden sehr normal und unaufgeregt, selbst die Sächsische Dampfschifffahrt hatte am Samstag morgen wieder ein kleines Rundfahrt-Programm aufgenommen.

Das Premierenpublikum war deutlich festlicher gekleidet als bei anderen Veranstaltungen in der Semperoper.
Man sah mehr Smokings, Fräcke und Abendroben, sogar Kimonos und das Sprachengewirr im Foyer machte den Eindruck der Anwesenheit vieler ausländischer Gäste.
Der Altersdurchschnitt erschien gut 10 Jahre geringer als man das beispielsweise von Verdi- oder Puccini-Opern gewohnt ist. Eine Wagner-Oper gehört anscheinend in Kreisen, unter denen ich eher wenige Dresdner vermute, zu einer Art gesellschaftlichem Ereignis.
Die Zeiten der großen Abendgarderobe bei einem Theaterbesuch hätte ich eigentlich als überwunden betrachtet. Wer schon knapp 100 Euro für eine Theaterkarte investieren muss, soll sich nicht noch verpflichtet fühlen auch noch in Armani oder Dior erscheinen zu müssen. 
Die Programmhefte waren 20min vor der Vorstellung ausverkauft, die Nachfrage nach Premieren-Programmmen scheint deutlich höher als bei anderen Vorstellungen.

Die Qualität des Gesangs möchte ich mangels Vergleich nicht beurteilen, nur der Holländer selbst gehörte zum Ensemble der Semperoper, alle anderen wurden aus den USA und dem deutschsprachigen Raum eingeflogen.
Die Stimmen klangen genauso weich und kraftvoll wie von Wagner beabsichtigt.
Man muss der Intendanz der Semperoper vertrauen, dass erfahrene Sänger ausgewählt wurden, die Ihrer Aufgabe auch gewachsen sind. Falsche Töne waren nicht zu vernehmen und es war auch nicht zu bemerken das nicht alle deutsche Muttersprachler waren.

Übertitel während der Vorstellung waren trotzdem hilfreich, denn die 160 Jahre alte Sprache klingt in unseren Ohren doch manchmal recht ungewohnt, und wer hat schon noch Wörter wie Tand und Eidam in seinem aktiven Repertoire. An einigen wenigen Stellen sind die  Sänger auch einfach der Lautstärke des Orchesters unterlegen. Mangelnde Kraft, Enthusiasmus und Spielfreude kann man weder dem Orchester noch den Darstellern vorwerfen.

Auch der mit ca. 80 Personen sehr gut besetzte Opernchor läßt ebenfalls keine Sparmaßnahmen erkennen und ist sicherlich nicht an vielen Häusern zu erleben.

Das Bühnenbild war eher schlicht gehalten und keine Revolution. Eine Felsenklippe in Norwegen.
Es hätte auch durchaus eine Kopie der Felsenbühne Rathen sein können, nur das man sich statt der senkrechten Felswand eher eine für Video-Projektion geeignete Rückwand vorstellen muss, die die Weite des Meeres erahnen lassen soll.
Handwerklich läßt die Nachbildung von leicht bewachsenen kargen Felsen, ausgetretenen Pfaden und ein paar vom Wind sehr mitgenommenen Bäumen keine Wünsche offen.
Die Gesamtstimmung erinnerte an einige düsterere Hitchcock-Klassiker, wie "Rebecca", "Vertigo" ein wenig auch "Die Vögel" und "Nebel des Grauens". Die Ausleuchtung von Nacht und Morgengrauen war perfekt.

Werksbeschreibung für Neueinsteiger: "Piraten der Karibik" ist sehr ähnlich, ein Geisterschiff trifft auf einen realen Kapitän. Nur ist die ganze Sache weniger auf Humor angelegt sondern toternst und ohne Seeschlachten. 
Es gibt sogar einen Toten, man weiß nicht so genau wer es ist,
die Rolle eines Priesters für eine Beerdigung und eine Hochzeit sollte anscheinend ausgebaut werden, einige wortlose, fast pantomimisch wirkende Szenen wurden ergänzt.
Senta bekommt ein 9-jähriges Alter-Ego, das ohne Text über die Bühne wandelt.

Abweichend von der klassischen Inszenierung wurde das Spinnstübchen zu einer Entbindungsklinik. Der Sinn dieser Metapher hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber irgendjemand wird sich wohl etwas dabei gedacht haben. Mitten beim "Dreh dich Rädchen, summ, summ, summ" werden Kinder geboren, und zwar dutzendweise. Für das gebildete Publikum bleiben sicherlich noch viele weitere Anspielungen zu entdecken.

Das Gemälde, das Senta laut Gesangstext angeblich andauernd anschmachtet, war nicht vorhanden. Auf das obligatorische Schiff als Bühnenbild wurde verzichtet, weil man sich  doch irgendwie vom "Gewöhnlichen" abgrenzen will, allerdings ist diese Idee nicht allzu neu, sondern auch in den Inszenierungen, beispielsweise der Oper Zürich schon fast wieder "normal".

Wer die Staatskapelle von Konzerten auf der Bühne kennt, wird es als etwas dumpf empfunden haben, das Vorspiel aus dem Graben heraus zu hören. Wenn man nur die Reflektion eines Tones hört, ist es doch etwas anders, also wenn er Hindernisfrei vom Instrument zu Gehörgang gelangt. 

Wagner selbst hat das Orchester immer in den Graben verbannen wollen um voll und ganz dem Instrument der Stimme huldigen zu können. Er verstand sich immer auch als Dramaturg,  nicht nur als Komponist, der viel Wert auf die Kombination von dargestelltem Inhalt, Instrumentation und stimmlicher Umsetzung legte.

Für das Technik-Affine Publikum: Die Vorstellung war in 3D und in 50+ Kanal Sound. Live und Unplugged, in einzeln belüfteten gepolsterten Klappsesseln. Zumindest machen Kinos auf diese Art Werbung, die Theater versäumen es meistens mit Ihren Pfunden zu wuchern.

Die Staatskapelle veranstaltete gleichzeitig ihr "Klassik picknickt", die Anzahl der Musiker muss anscheinend groß genug sein, um zwei Veranstaltungen am gleichen Abend bespielen zu können; Beachtlich.

Der "Fliegende Holländer" wurde von 19 Uhr bis 21.15 Uhr ohne Pause durchgespielt.
Tosender Beifall über 10min, eine 2 malige Präsentation aller beteiligten einzeln und im Ensemble bewegten sich eher im normalen Bereich. Standing-Ovations im größeren Rahmen blieben aus.
Inwieweit der Applaus Richard Wagner galt, oder der Aufführung im Besonderen war nicht unterscheidbar. In leichter Abenddämmerung aus einer Oper zu kommen, noch dazu von Wagner, ist eher selten und dem nahen Mitsommer geschuldet.

Die Dresdner Altstadt war wegen der Bunten Republik Neustadt (30.000 Besucher) und der ungerechtfertigten Stornierungswelle nach dem Elbhochwasser  deutlich ruhiger als sonst.

Fazit: Ein oppulentes Werk wird bild-, musik- und stimmgewaltig in Szene gesetzt. 
Wagner wäre sicherlich damit zufrieden gewesen. Eine allzu exzentrische oder hyperverkopfte Modernisierung des Werkes hat man sich zum Glück erspart, ein paar Andeutungen in dieser Richtung wirken sicher für den einen nicht zu störend, für den anderen nicht zu klassisch.
An Wagner traut sich kein Provinztheater heran und die Semperoper bleibt Ihrem bekannt hohen Niveau treu, verzichtet jedoch auf frühere, allzu schockierende  Stilmittel, wie tanzenden Geköpften oder maschinengewehrtragenden Soldaten.

Wer nicht das erste Mal Kontakt mit klassicher Musik hat, für den ist der Holländer ein guter Einstieg in die Welt Wagners. Klassik-Anfänger sollten vielleicht eher das Sommergastspiel der West-Side-Story in der Semperoper besuchen,  um die Ehrfurcht vor dem Haus und der Atmosphäre etwas abzubauen und den Abstand zur gängigen Pop-Kultur in kleinen Schritten überwinden zu lernen und sich im September vielleicht mit "Carmen" weiter an ältere, aber ganz und gar nicht angestaubte, Musik heranzutasten.

Ich bin sicherlich kein Wagner-Experte, nur ein regelmäßiger Theaterbesucher, 
aber da keine anderen frei verfügbaren Opern-Kritiken im Netz auffindbar waren, musste ich ebend selbst eine verfassen.